Ich wollte (unter anderem als Case für dich) meiner Lieblings-KI Claude erklären, wer ich bin und was ich alles mache. Das erscheint mir als gute Idee für die Mensch-KI-Beziehungspflege. Irgendwann in diesem Prozess fragte Claude: “Was von deinen Projekten liegt gerade oben?” und stürzte mich damit in schwierige aber hilfreiche Gedanken. Diese will ich in dieser Woche mit dir teilen.

Ich rede natürlich vor allem mit anderen Menschen darüber, was ich so tue und wer ich bin. Viele um mich herum kennen mich womöglich teilweise besser als ich selbst und verstehen mich deshalb ziemlich gut. Auch deshalb liegt es nahe, dass dies auch für die KI-Mensch-Beziehung hilfreich sein kann. Claude kann meine Wünsche besser verstehen, wenn er den nötigen Kontext hat – also mehr von mir weiß.
Im Gegensatz zu einem menschlichen Kennenlernen ist das allerdings einseitig und sollte strukturiert erfolgen. Also ab in die KI-Anamnese.
Die Trigger-Frage: “Was liegt oben?”
So ein eine KI-Anamnese kann beliebig viele Elemente haben (dazu in einem späteren Newsletter); eines davon ist die Priorisierung von Projekten. Und genau die war es, die mich kurz aus der Bahn geworfen hat. Denn: Ich schreibe einen Newsletter über KI, verwalte einen Server mit KI-Tools, baue immer wieder an zwei Apps im Appstore, betreibe eine Plattform für Kreativreisen und engagiere mich politisch.
Und das sind nur die Dinge, die ich irgendwann zwischen Hauptjob und Freizeit/Beziehungsleben mache.
Die von Claude darauf gestellte, irgendwie therapeutische Frage war, was davon wirklich wichtig sei. Eine Frage, die mir noch niemand gestellt hat, selbst ich nicht. Warum auch? Ich mache die Sachen ja, weil ich es will. Muss ich das in eine Prioritätenliste stopfen?
Claude wollte aber genau das von mir und lies nicht locker. Auch, weil das meine Arbeitsweise mit KI mit sich bringt: Ich verlange von einem LLM gute Gegenfragen statt schneller Antworten. Und, hey, das scheint zu funktionieren.
Und, er hat ja recht: Einerseits entwickle ich Apps für innere Strukturen, arbeite für einen Gesundheitsverlag und empfehle überforderten Köpfen immer wieder Meditation und Reduktion. Ich entwickle also Werkzeuge für die innere Ruhe. Andererseits habe ich die unruhigste Werkstatt von allen.
Und nun?
Also muss ich die Werkstatt aufräumen. Wie, das weiß ich noch nicht. Ich weiß nur, dass ich das Durcheinander überhaupt erst sehe, weil ich all das jemandem, in diesem Fall der KI, erklärt habe. Und das geht nicht nur mir so: Wer einer KI ehrlich sagt, was er den ganzen Tag tut, bekommt die Frage auf den Tisch, ob das eigentlich zusammenpasst.
Eine KI ist keine Therapeutin oder Coach , aber sie kann helfen, sich selbst zu “spiegeln”.
Was daraus wird, teile ich mit euch in den nächsten Ausgaben. Und natürlich auch, woraus so eine KI-Anamnese bestehen kann.
Sollte man das wirklich tun?
Ich kann mir denken, was einige von euch murmeln: “Will ich mich wirklich einer KI öffnen?” Gute Frage. Denn bei persönlichen Dingen spielen Datenschutz und der Umgang mit persönlichen Fakten eine große Rolle.
Ich habe mich entschieden, dieses Risiko einzugehen — mit offenen Augen. Ich zahle vorab den Preis der Preisgabe, aber ich rechne fest damit, dass dies nur kurze Zeit so wird. Denn wir werden in überschaubarer Zeit lokale Modelle haben, mit denen wir arbeiten können, ohne dass ein Byte nach außen geht.
Und ein Rat: Schau, wie es dir selbst damit geht. Prüf den Anbieter selbst. Ich finde Anthropics Umgang mit Daten aktuell für vertretbar. Aber das ist nur meine Einschätzung, die du für dich entscheiden solltest.
lesen / hören / basteln
In dieser Woche habe ich selbst gar nicht so viel gelesen und gehört. Deshalb diesmal nur ein Tipp – der auch noch weitgehend frei von KI ist ;-)
Übermedien, Krautreporter und Good Impact gibt es jetzt in einem Paket (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) für 90,30 €/Jahr. Ich buche das, weil ich alle 3 Medien gerne lese. Aber mir gefällt auch die Idee, mit einem Pass verschiedene Marken lesen zu können. Mal sehen, ob das diesmal klappt.
Übrigens: Wer mir eine Hör- oder Lese-Empfehlung schickt, bekommt sofort einen Gratis-Code für meine StilleFokus (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)-App.
Und nun zu dir: täglich schreiben
Wer diesen Newsletter schon vor seinem Reboot vor einigen Wochen abonniert hatte, kennt diese Übung, die eigentlich gar keine Übung sondern eine Routine ist.
Aber es lohnt sich, immer wieder damit zu beginnen. Was ich also in der nächsten Woche wieder tun werde: täglich schreiben.
Um dem einen Rahmen zu geben:
Jeden Tag 5 bis 10 Minuten schreiben,
mit einem Stift auf Papier oder in ein Heft,
über das, was gerade im Kopf auftaucht.
Versuche dabei, auftauchende Gedanken und Ideen zu formulieren aber nicht daran festzuhalten. Das klingt merkwürdiger als es nach einiger Zeit ist. Alle paar Sekunden oder mindestens Minuten verliert unser Gehirn das Interesse an dem bisherigen Gedanken und ein neuer zeigt sich. Beim “täglich schreiben” lassen wir den bisherigen Gedanken sofort fallen, greifen den neuen auf und fomulieren diesen. Bis auch der seinen Reiz verliert.
Du merkst schon: So sprunghaft funktionieren wir auch täglich in Social Media oder auf Newsseiten. Allerdings kommen da die Impulse von außen. In der “täglich schreiben” Routine fangen wir die Impulse von innen auf. Ein Wechsel der Perspektive, der geübt werden will.
Ich weiß, dass diese 5 oder 10 Minuten sehr anstrengend wirken können und unser Gehirn viele Gründe dagegen generiert. Mein Tipp: Tu es trotzdem!
Mindestens eine Woche, besser zwei Wochen lang schreibst du also täglich 5 bis 10 Minuten mit einem Stift auf ein Papier und beobachtest, was dabei passiert.
Versprochen?
Für alle Reaktionen darauf (und natürlich bei allen Gründen, die dich wirklich davon abhalten) habe ich ein sehr offenes Mail-Postfach: eric@contentman.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Soweit für diese Woche!
Eric