“Du denkst, dein Schmerz und dein Liebeskummer sind beispiellos in der Geschichte der Welt, aber dann fängst du an zu lesen.” James Baldwin
Vor einiger Zeit habe ich einen Text über die Umsiedlung von Russlanddeutschen innerhalb der Sowjetunion im Jahr 1941 geschrieben. Der Text hieß Die Erinnerung, die nicht spricht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Triest, Italien, Oktober 2022 © Kristina Klecko
Natürlich glaubte ich nicht, diese Geschichte sei beispiellos – Enteignung und Vertreibung gab es schon immer und vermutlich werden Menschen immer den Drang verspüren, Menschen aufgrund willkürlich definierter Unterscheidungsmerkmale auszuschließen. Was ich beim Schreiben nicht wusste: Fast zur gleichen Zeit ging in den USA eine andere Volksgruppe aufgrund ähnlicher Verdächtigungen durch das gleiche Schicksal.
Den Roman Wovon wir träumten von Julie Otsuka, übersetzt von Katja Scholtz, habe ich vor allem des hübschen Buchcovers und des schmalen Umfangs wegen gekauft. Der Beschreibungstext auf der Rückseite gab die Geschichte wie folgt wieder:
„Eine Gruppe junger Japanerinnen überquert den Ozean, um in Amerika zu heiraten. Doch bisher kennen sie ihre künftigen Ehemänner nur von den strahlenden Fotos der Hochzeitsvermittler…“
Der Roman hat keine Hauptfigur. Es wird kollektiv erzählt, auch wenn einzelne Schicksale sich aus der Erzählung lösen, wie Strähnen aus einem dichtgebundenen Zopf. Es sind klassische Migrationsgeschichten nach klassischem Drehbuch: Die Japanerinnen, die neu im Land des Tellerwäscher-Millionär-Mythos ankommen, wollen gar nicht die Million, ein liebevoller Ehemann und eine anständige Arbeit würden ihnen reichen. Doch viele der vermittelten Ehen bleiben unglücklich, die Einheimischen begegnen den japanischen Familien mit Misstrauen und die Kinder, die in den USA geborenen werden, entfremden sich von ihren Eltern:
„Sie vergaßen die Namen der Blumen auf Japanisch. Sie vergaßen die Namen der Farben. (…) Sie gaben sich selbst neue Namen, die wir nicht für sie ausgesucht hatten und kaum aussprechen konnten.“ Julie Otsuka, Wovon wir träumten
Dann brach der Zweite Weltkrieg aus und japanische Streitkräfte griffen Pearl Harbor an. Wenige Monate später unterzeichnete der amtierende US-Präsident Roosevelt die „Executive Order 9066“.
„Sie erklärte die Westküste der USA zum Sperrgebiet und erlaubte die Internierung all jener Menschen, die als Sicherheitsbedrohung betrachtet werden konnten. Zwar wurden keine Gruppen explizit erwähnt, doch angewandt wurde die Direktive quasi nur auf japanischstämmige Menschen.“ Saskia Etschmaier, Dunkles Kapitel wird neu geöffnet (Quelle (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))
Über 120.000 Menschen wurden enteignet und in Lagern zusammengetrieben. Bis in die 2020er Jahre kämpften Menschen für Anerkennung und Wiedergutmachung durch angemessene Erinnerungsarbeit.
Ich wusste nichts davon. Wusstest du es? Vielleicht möchtest du die Geschichte jemandem erzählen, für den sie wichtig sein könnte? Oder eine andere? Es gibt so viele.
Hauptsache, du sprichst.
Danke, dass du mitliest und bis in zwei Wochen.
Kristina
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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.