Passer au contenu principal

Beischrift, die

Eine Collage mit einem Vogelkäfig, einem Bildnis eines jungen Mannes und einem Umriss einer Körpers, durch den Männer die Betrachter*innen anschauen.
Collage 5/2026, Ausschnitt © Kristina Klecko

Bei einem Besuch im Kölner Wallraf-Richartz-Museum vor einigen Monaten las ich erstmals von Beischriften. Dabei handelt es sich um:

(…) Texte, die sich neben Bildern oder Bildelementen befinden und sich inhaltlich auf diese beziehen. (Quelle: Bildglossar für die Kunst des Mittelalters, Universität Zürich)

Ich wollte die Idee in diesen Newsletter integrieren. Meine “Bilder” sind die Kurzessays, die Beischriften dazu – Notizen und Fotos, Nebenschauplätze des Schreibens. Was habe ich gesehen oder gelesen? Was hat mich inspiriert oder irritiert? Was verdient es, festgehalten zu werden?

Vor zwei Jahren habe ich mit dem Schreiben dieses Newsletters angefangen, da aber der erste Text lediglich an 19 Personen ging, nutze ich diesen zweiten Jahrestag, um auf drei meiner liebsten Texte – und ihre Begleitumstände – zu schauen.

💌 Frauen, die auf Männer starren

Mein absoluter Lieblingstext, was die Entstehung angeht, ist Frauen, die auf Männer starren. Ich erinnere mich noch immer an den Abend im englischen Liverpool, daran, wie ich müde und irgendwie unzufrieden auf dem Hotelbett saß, unter mir laute Musik und dumpfe Bässe einer Bar im Erdgeschoss des Hotels.

Unzufrieden war ich, weil ich wieder einmal durch eine Stadt gelaufen war, in der an jeder Ecke das “männliche Schaffen” gefeiert wurde. Unzufrieden war ich auch, weil mir das Fehlen der anderen Geschichten ungefragt auffiel und mich daran hinderte, den Urlaub einfach zu genießen. Ich zappte durchs Programm, sah den Film Tomb Raider und in der Werbepause floss der erste Teil des Textes ins Notizbuch. Der zweite Teil, der mit den Malweibern, lag da bereits seit einiger Zeit auf meiner Festplatte und wartete auf den Einsatz.

Verschiedene Fotos zeigen Urlaubsmotive.
Urlaub in England 2024

Wenige Tage später fotografierte ich in einer Bar in Brighton den Sticker an der Wand, mit dem ich den Beitrag bebildern würde. Wieder in Köln fügte ich die Textteile zusammen, ergänzte und polierte. Den Titel hatte ich länger im Kopf … Alles fühlte sich perfekt an.

💌 Kleine Bilder überall

Auch dieser Beitrag nahm seinen Anfang im Urlaub. Zunächst wollte es ein Roman werden, wie die meisten meiner Ideen vor der Entstehung dieses Newsletters. Es schien mir lange Zeit die einzige Möglichkeit zu sein, Interessantes zu verarbeiten. Es war wie ein Reflex. Ich schrieb keine Songs, keine Kurzgeschichten, also musste alles ein Roman werden, denn die Geschichten mussten doch in die Welt!

Nach dem Abendbrot dachte ich darüber nach, dass es immer möglichst viele Zeugenberichte geben sollte, weil nur wenige Texte in die Zukunft vordringen. (…) Die eigenen Versuche sind der Einsatz, um die Chance aller zu verbessern.“

Daria Serenko, Mädchen und Institutionen. Geschichten aus dem Totalitarismus, übers. v. Christiane Körner.

Erst später habe ich verstanden, dass die meisten dieser Geschichten meine Aufmerksamkeit nicht lang genug halten konnten, um mich über 150, 200 oder mehr Seiten zu tragen. Aber für Kurzessays war es genau richtig … oder für Kurzgeschichten … oder Novellen … ach, vielleicht doch auch für einen Roman …

Über das Verarbeiten von Gedanken zu Texten schreibe ich detaillierter in der Mitgliederrubrik Romansuche (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

💌 Es ist bloß Heimat

“Jahrelang habe ich es vermieden, über Heimat abstrakt und über Russland konkret nachzudenken. Wenn man das Land, das man als Heimat bezeichnen muss, verlässt, schwingt in der Erinnerung, unabhängig davon, warum man gehen musste, eine Moll-Note mit. Als wäre jede Erzählung mit Unterdrückung, Vertreibung oder wenigstens Verlust verbunden. Es stimmt. Verlust ist immer dabei.” So beginnt der Essay, den ich hier später als Es ist bloß Heimat veröffentlich habe, in seiner ursprünglichen Fassung, als Teil einer Sammlung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), an der ich zwischen Oktober 2023 und Mai 2024 gearbeitet habe.

Länger als nötig, viel zu lange, habe ich um alles, was Heimat war, einen Bogen gemacht. Nur wirklich enge Freund*innen kannten die Geschichte. Im Nachhinein verstehe ich selbst nicht, wie ich es geschafft habe, so lange so still darüber zu sein. Mit der Arbeit am Essayband schlug das Pendel kurzzeitig in die entgegengesetzte Richtung. Plötzlich gab es für mich nur ein Thema. Vielleicht habe ich meine Mitmenschen in dieser Zeit erschöpft, vielleicht tue ich es heute noch.

“Wie viel Zeit habe ich schon damit zugebracht, mit meiner Herkunft zu hadern? Ich weiß heute noch nicht, wie ich darüber sprechen soll, ohne langatmig und umständlich zu werden. Es muss einen besseren, einen souveräneren Weg geben, anderen zu erklären, wer ich bin.”

Dilek Güngör, Ich bin Özlem

Aber erst seitdem ich darüber spreche und schreibe, weiß ich, dass ich mit diesen Geschichten nicht allein bin.

Vielen Dank, dass du mitliest, denn:

“Damit Worte Bedeutung erhalten, müssen sie gelesen werden.”

Kae Tempest, Verbundensein, übers. v. Conny Lösch

Bis in zwei Wochen!

Kristina

PS: Wie es sich für einen Geburtstag gehört, gibt es auch eine Geburtstagsplaylist (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) mit allen Songs, die bisher Teil der Beischriften waren. 🎶

Kurse

Startdatum geändert! Am 17. März startet an der VHS Bonn der Kurs Online-Schreibwerkstatt: Schreiben Sie einen Kurzessay. Vier Termine, je 60 Minuten, für schmale 25,39 €! Es gibt noch Plätze.

Beischrift

Beischriften sind Gedanken, Zitate, Fotos und Notizen – Nebenschauplätze der Kurzessays, flüchtig und daher exklusiv für Abonnent*innen.💜 Melde dich kostenlos an, um die Kurzessays künftig mit der Beischrift zu erhalten.

und tschüss

Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Sujet Lesen & Schreiben

0 commentaire

Vous voulez être le·la premier·ère à écrire un commentaire ?
Devenez membre de Was mache ich denn da? (Kurzessays) et lancez la conversation.
Adhérer