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Lebensspuren #4: Spätsommer im Leben

Die letzten beiden Wochen habe ich die meisten Tage vom „Homeoffice“ aus gearbeitet. Melanie war viel geschäftlich unterwegs, oft über Nacht. Neben der Arbeit hieß das: Pflegealltag organisieren, Betreuungszeiten am Nachmittag mit Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten abdecken. Manchmal gilt es auch unter der Woche weitere Helfer:innen zu gewinnen, wenn Emis Haushälterin Pause macht. Es war Urlaubszeit, Unvorhergesehenes passierte – und die ganze Großfamilie war auf der Beerdigung eines viel zu früh verstorbenen Familienmitglieds. An diesem Tag übernehme ich zusätzlich die zweistündige Betreuung der Großtante während der Pause.

Nach der Trauerfeier laufe ich nach Hause. Die Sonne scheint, ein kühler Wind weht, der Spätsommer ist da. Ich denke an die Arbeit, die noch wartet, und an mein schlechtes Gewissen, endlich mal wieder Sport zu machen. Und ehe ich mich versehe, sitze ich mit Tante Emi in ihrer Stube. Zwei gemeinsame Stunden liegen vor uns. Wir plaudern, doch meine Gedanken schweifen immer wieder ab. Draußen lockt die Sonne, der Wunsch nach Bewegung.

Schon lange will ich mit Emi mal wieder über die Felder spazieren – oder besser fahren. Rollstuhl statt Laufschuhe. Vielleicht, denke ich, ist das ja auch Sport. Doch Emi ist wenig begeistert, ihren warmen Sessel zu verlassen. Es braucht Geduld, gute Worte und heute besonders viel Zuspruch. Schließlich schaffen wir es: Toilettengang, anziehen, Treppe runter, Platz nehmen und Decke zurechtrücken. Nach 45 Minuten sitzen wir im Rollstuhl. Zeit ist relativ, denke ich – und übe mich in Langsamkeit.

Irgendwo auf dem Weg zwischen dem Unbekannten und der Neugierde.

Dann geht es los. Ich starte meine Pulsuhr im Modus „Gehen“, um mir selbst zu beweisen, dass es Sport ist. Anfangs begleitet uns Gemurre: zu kalt, zu windig, zu hell. In Wahrheit ist es die Angst vor dem Unbekannten. Doch mit den richtigen Worten siegt die Neugier. Nach dem ersten Kilometer bergauf plappert Tantchen vergnügt, während ich selbst nach Luft ringe. Meine Pulsuhr zeigt: optimaler Bereich. Und mein Frust über Unerledigtes weicht der Genugtuung, Sport, Pausendienst und ein schönes Erlebnis für Emi verbinden zu können.

Spätsommer im hier und jetzt und im Leben.

Wir pflücken verstohlen Äpfel und Birnen, verstecken sie unter Emis Decke und lachen. An Bildstöcken und einem Kreuz halten wir an, Emi liest die alten Inschriften vor, erinnert sich für einen Moment an alte Zeiten. Und ich merke gar nicht, wie die Stunden vergehen, bis die Pflegerin nachfragt, ob alles in Ordnung ist.

Alte Erinnerungen werden wach.

Wir machen uns auf den Rückweg. Die Sonne verschwindet hinter einer Wolke. Emi freut sich, dass es nicht mehr blendet. Mir fehlen die wärmenden Strahlen. Doch wir kehren beide zufrieden zurück. Drei Stunden sind vergangen – voller Bewegung, Aufmerksamkeit und Nähe.

Ich habe Sport gemacht, Emi hat Neues erlebt, und wir waren gemeinsam unterwegs. Der Spätsommer hat uns alles geschenkt: Wärme und Wind, Leichtigkeit und Mühe, Vergänglichkeit und Glück. Und wie die Sonne am Abend bleibt auch von diesem Tag etwas zurück – still, kostbar, begrenzt.

Sujet Sprache & Erinnern