Hallo,
das ist der Media-Rewilding-Newsletter mit meinen Learnings dazu, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird.
Nachdem wir letzte Woche gemeinsam das Journalismusfest Innsbruck besucht haben, blicken wir heute noch einmal nach Österreich. Lass uns auf ein interessantes Live-Format blicken und uns überlegen, was es für Journalismus auf der Bühne bedeutet.
Der Anlass: In Innsbruck habe ich mir die Lecture Performance DOSSIER live angesehen.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Worum es geht
Dossier ist eine 2012 in Wien gegründete unabhängige und gemeinnützige Redaktion für investigativen und Datenjournalismus. Vorbild ist die US-amerikanische Organisation Pro Publica. Seit 2019 erscheint zusätzlich zum Online-Angebot das gedruckte monothematische Dossier-Magazin.
Die Redaktion experimentiert bereits seit 2021 damit, ihre journalistische Arbeit auch mit Theaterinszenierungen auszuspielen.
Neuestes Bühnenformat ist die vom Media Forward Fund geförderte Lecture Performance DOSSIER live in Kooperation mit dem Schauspielhaus Wien. Die Redaktion beschreibt das so: „Wie ein Ted-Talk – nur spannender: Auf der Bühne treffen Recherche und Schauspiel aufeinander.“
Das Format überführt das jeweilige Thema des Magazins in ein Bühnenprogramm mit Dossier-Journalist:innen und Schauspieler:innen.
Was ich gelernt habe
Monothematische Inhalte tragen eine ganze Veranstaltung. Die 75 Minuten im Brux - Freies Theater Innsbruck waren kurzweilig, nicht überfordernd und boten einen niederschwelligen Zugang zum Thema des Abends: Propaganda. Auch auf der Bühne lebt ein Magazin, ein Dossier oder eine größere Recherche von der Dramaturgie der unterschiedlichen Perspektiven und Erzählformen, die man dem Publikum in diesem Rahmen anbietet.
Wenn sich Journalismus mit Theater verbindet, ist das naturgemäß eine Herausforderung: Was ist hier Fakt, was Fiktion? Bei Dossier Live machen die Akteur:innen auf der Bühne von Anfang an transparent, wer sie sind: Journalist:in oder Schauspieler:in. Das schafft eine Art Vereinbarung mit dem Publikum, das alles danach besser einordnen kann.
Weniger ist mehr, wenn man ein agil einsetzbares Format aufbauen will. Das Format nutzt ein minimalistisches Bühnenbild, in manchen Theatern hätten sie sogar einfach im Aufbau eines Stückes vom Vorabend aufgeführt, sagt Dossier-Gründer Florian Skrabal. Alle haben ihre Texte auf Moderationskarten dabei, die sie sichtbar nutzen. Es muss nicht opulent sein. Reduzierung ist kein Bug, sondern ein Feature.
Auch die Vorbereitung ist effizient angelegt: Heftinhalte werden im Sparring mit KI zu Bühnenideen entwickelt und dann im Team mit Theaterexperten verfeinert. Im Gegensatz zu den größeren Theaterproduktionen von Dossier, die bis zu ein Jahr Vorlauf benötigen, liegt der Zeitaufwand laut Skrabal bei der Lecture Performance so lediglich bei vier bis sechs Wochen. Das schafft (wirtschaftliche) Spielräume. Dennoch ist auch dieser Vorlauf in Verbindung mit dem Aufwand der tatsächlichen Aufführung eine Herausforderung, die auch in Bezug auf die damit zu erreichenden Ziele klar kalkuliert werden muss.
Wieviel Interaktion will ein Publikum? Dossier Live ist eine Frontalveranstaltung, bei der man sich zurücklehnt und die eigenen Gedanken mitlaufen lässt. Am Ende überführte die Show aber zusätzlich das Thema des Abends auch in eine Reflexion zur Rolle des eigenen Mediums (Dossier) in der Gesellschaft. Und Florian Skrabal öffnete im Anschluss den Raum für Fragen und Statements aus den Reihen der rund 100 Besucher:innen. Hier beginnt die tiefere Beziehung. Und vielleicht auch irgendwann eine, die sich in Mitgliedschaften oder anderen wirtschaftlichen Zielen niederschlägt.
Ein paar Einblicke
Damit du eine Ahnung dafür bekommen kannst, wie sich ein Abend mit dem Lecture-Performance-Format anfühlt, habe ich noch ein Bilder mitgebracht.









Wie denkt man Journalismus als Ort? Viele Gedanken, die mich dazu umtreiben, konnte ich beim Hören der aktuellen Ausgabe des Podcasts Best Case Szenario weiterverfolgen. Ellen Heinrich vom Bonn Institute spricht darin über die Herausforderungen in der digitalen Gesellschaft und warum Journalismus-Orte deswegen ein notwendiges (Zukunfts-)Szenario für die mediale Gesellschaft sind.
https://best-case-szenario.podigee.io/7-6-journalismus-als-ort (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Kommende Woche beschäftigen wir uns gemeinsam im Rahmen einer konkreten Fragestellung mit dem Reporter Slam, der hier schon manches Mal Thema war. Es wird dabei weniger um das Format an sich gehen, sondern um seinen variablen Einsatz für verschiedene Anlässe.
Bis dann,
💚 Alexander
Im Media-Rewilding-Report findest du ein paar Einblicke und Gedanken zu meiner bisherigen Spurensuche. Er umfasst nicht alle Punkte, die ich gesehen und gelernt habe, aber er zeichnet eine erste Landkarte einer Welt, in der bereits einige Projekte daran arbeiten, den Journalismus in der Gesellschaft zu renaturieren. Lade dir das PDF als Mitglied der Media-Rewilding-Community gerne herunter. Und gib es bei Bedarf auch an andere Menschen weiter, die sich dafür interessieren könnten.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Mein Name ist Alexander von Streit. Ich bin Journalist und beschäftige mich seit über 20 Jahren mit dem Spannungsfeld, das die Digitalisierung in der Gesellschaft erzeugt. Mein 2025 gestartetes Projekt MEDIA REWILDING dreht sich um die Frage, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird. Konkret versuche ich herauszufinden, wie wir journalistische Recherche aus dem überfüllten digitalen Raum in analoge oder hybride Formate überführen können. Also wie wir systematisch Orte oder Veranstaltungen schaffen oder nutzen, an denen Menschen Recherchen erleben, mitgestalten, diskutieren und dadurch direkten Zugang zu hochwertigem Journalismus erhalten können. Und was das mit Vertrauen und Markenbeziehung zu tun hat. Und natürlich wie sich das alles finanzieren lässt.
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