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Das Phantom-Freibad – Von der Vision zur Pfütze 

Ausgabe vom Sonntag, 19. April 2026 – Heute für meine geschätzte Leserschaft und alle, die noch einen klaren Blick bewahren. ♥️

Der Duft von Chlor und Größenwahn

Es gibt Gerüche, die vergisst man nicht. Der Duft von frisch gemähtem Gras, der Geruch von Omas Sonntagsbraten oder der strenge Duft von Bohnerwachs im Rathausflur. Und dann gibt es den Geruch von Altentreptower Visionen. Der riecht nach abgestandenem Regenwasser, feuchtem Beton und einer Prise Verzweiflung.

Ich stand an diesem Sonntagmorgen am Rand dessen, was die Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel in ihrem letzten Hochglanzprospekt als „maritimes Herzstück der Tollense-Region“ bezeichnet hatte. Der Baron Tollensius saß neben mir und starrte mit einem Gesichtsausdruck in das tiefschwarze Loch vor uns, der deutlich sagte: „Wenn du erwartest, dass ich da reinspringe, dann erwarte bitte auch meine Kündigung.“

Wir befanden uns auf der Baustelle des „Erlebnisbads Treptower Welle“. Ein Projekt, das so alt ist, dass die ersten Kinder, für die es gebaut werden sollte, inzwischen bereits über ihre eigene Altersvorsorge nachdenken.

„Siehst du das, Baron Tollensiue?“, fragte ich und deutete auf einen einsamen, rostigen Bagger, der aussah, als hätte er sich vor Scham in den Boden eingegraben. „Das ist Fortschritt. Man sieht ihn nicht, man hört ihn nicht, aber er kostet monatlich fünfstellige Bereitstellungsgebühren.“

Der Baron gab ein Geräusch von sich, das wie ein trockenes Husten klang. Er hatte recht. In Altentreptow wird Fortschritt nicht in Metern gemessen, sondern in der Anzahl der Gutachten, die belegen, warum es heute leider wieder nicht geht.

Magnus Breitbein und das textile Grauen

Plötzlich vibrierte der Boden. Nein, es war kein Erdbeben und auch nicht der Bagger, der zu neuem Leben erwachte. Es war Magnus Breitbein.

Magnus nähert sich einer Baustelle immer so, als gehöre ihm nicht nur das Grundstück, sondern auch die Schwerkraft darauf. Er trug heute – und ich warne zartbesaitete Gemüter vor diesem Bild – eine hellblaue Badehose mit kleinen gelben Entchen, die über seinen beachtlichen Körperumfang dermaßen gedehnt waren, dass die Enten aussahen wie pralle Kürbisse kurz vor der Explosion. Darüber trug er ein offenes Hawaiihemd, das im Wind flatterte wie die Flagge eines Staates, der gerade kapituliert hat.

„Moin, Erna!“, dröhnte er und klatschte sich auf seinen Bauch, was ein Geräusch erzeugte wie ein nasser Sack Zement, der auf Fliesen fällt. „Na, heute Eröffnung? Ich hab die Badehose schon mal angewärmt. Man muss ja Präsenz zeigen.“

„Magnus“, sagte ich und versuchte, den Blick auf ein unschuldiges Unkraut am Wegrand zu richten, „die einzige Eröffnung, die hier heute stattfindet, ist die eines neuen Schlaglochs durch dein Eigengewicht. Wo willst du denn schwimmen? In der Pfütze da vorne?“

Ich deutete auf eine Ansammlung von Regenwasser in einer Plastikplane, in der gerade eine Mücke versuchte, nicht an Depressionen zu sterben.

Magnus zog die Stirn in Falten. „Unterschätze die Planung nicht! Die Kleinstadtkanzlerin Pucemuckel hat gesagt, wir setzen auf ‚naturnahe Bewässerung‘. Das ist ökologisch. Nachhaltig. Und vor allem: billig. Wenn es genug regnet, haben wir hier bis Dienstag olympische Ausmaße.“

In diesem Moment versuchte Magnus, sich lässig auf einen bereitgestellten Klappstuhl zu setzen. Es war ein Fehler. Der Stuhl, ein preiswertes Modell aus der Resterampe des Stadtmarketings, gab unter dem „breitbeinigen“ Ansturm sofort auf. Es machte Kracks, und Magnus verschwand in einer Wolke aus Plastiksplittern und Staub. Er lag da wie ein gestrandeter Wal im Hawaiihemd, die Beine in der Luft, während die gelben Entchen auf seiner Hose ihn hämisch anzugrinsen schienen.

„Das...“, schnaufte er aus dem Boden heraus, „...war eine Belastungsprobe für das Sitzmobiliar im Außenbereich. Protokollieren Sie das, Frau Baronin!“

Alwin Anstand und die Etikette des Ertrinkens

Während Magnus noch versuchte, sich aus den Trümmern des Stuhls zu rollen, erschien Alwin Anstand auf der Bildfläche. Alwin trug einen kompletten Anzug, inklusive Krawatte und Einstecktuch, obwohl die Temperatur bereits die 25-Grad-Marke knackte. In seiner Hand hielt er ein silbernes Tablett mit zwei Gläsern lauwarmem Leitungswasser.

„Wir wollen doch die Form wahren“, flötete er und stieg mit der Vorsicht eines Minensuchers über die Schlammhügel. „Eine Baustellenbegehung ohne angemessene Bewirtung wäre ein Affront gegen die guten Sitten unserer Stadt.“

Er sah Magnus am Boden liegen. Er sah die Entchen. Er sah das Elend. Aber Alwin wäre nicht Alwin, wenn er das nicht einfach weglächeln würde.

„Ah, Herr Breitbein! Ich sehe, Sie nehmen bereits eine bodennahe Inspektion der Untergrundbeschaffenheit vor. Vorbildlich! Die Haltung ist zwar... unkonventionell, aber die Intention ist spürbar.“

„Helfen Sie mir hoch, Anstand!“, brüllte Magnus.

Alwin reichte ihm eine Hand, was dazu führte, dass Magnus ihn wie einen Anker nach unten zog. Alwin stolperte, das silberne Tablett flog in hohem Bogen durch die Luft, und das Leitungswasser ergoss sich punktgenau über Magnus’ Hawaiihemd.

„Taufe!“, rief eine Stimme von der Seite.

Es war Nusseltrud. Sie steckte in ihrem neongelben Taucheranzug, der in der grellen Sonne so blendete, dass ich kurzzeitig glaubte, eine zweite Sonne wäre über Altentreptow aufgegangen. Sie trug eine Taucherbrille auf der Stirn und hielt einen Kescher fest umklammert.

„Ich hab’s gewusst!“, krächzte sie. „Hier wird schwarzgeschwommen! Ohne Genehmigung! Ohne Rettungsschwimmer! Ohne mich!“

Sie stürmte auf die Regenpfütze zu, rutschte auf einer Schleimspur aus – die vermutlich von einer Schnecke stammte, die schneller unterwegs war, als die Bauleitung – und landete mit einem platten Geräusch bäuchlings im Schlamm. Der Kescher flog in die Luft und blieb oben an einem rostigen Bewehrungsstahl hängen.

Die Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel und das Wunder von der Pfütze

Genau in diesem Moment der totalen körperlichen Auflösung fuhr der Dienstwagen der Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel vor. Sie stieg aus, als käme sie gerade von einer Oscar-Verleihung. Ihr Lächeln war so festbetoniert, dass man darauf vermutlich das Freibad hätte bauen können, ohne dass es jemals Risse bekäme.

„Guten Morgen, meine lieben Mitbürger!“, rief sie und ignorierte Magnus, der gerade versuchte, sich an Alwins Hosenbein hochzuziehen, und Nusseltrud, die im Schlamm nach ihrer Glückskastanie angelte. „Ist es nicht wunderbar? Wir stehen hier vor dem Durchbruch! Die ‚Treptower Welle‘ nimmt Formen an!“

Ich trat einen Schritt vor. „Frau Kanzlerin, das Einzige, was hier Formen annimmt, ist der Schlammteufel in Nusseltruds Gesicht. Wo ist das Wasser? Wo sind die Fliesen? Wo ist das Geld?“

Die Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel sah mich an, als wäre ich ein besonders lästiges Insekt, das man gleich mit einer Broschüre erschlagen würde.

„Erna, Erna... immer so negativ. Wir setzen hier auf das Konzept des ‚Imaginären Badens‘. Das ist der neueste Schrei in der modernen Stadtplanung. Wir schaffen Räume für die Fantasie. Der Bürger soll sich das Wasser vorstellen. Das schont die Gelenke, verhindert das Ertrinken und spart Unmengen an Chlor.“

„Und die fünf Millionen Euro?“, fragte ich trocken.

„Die sind in die Visualisierung geflossen!“, antwortete sie strahlend. „Haben Sie die VR-Brillen im Rathaus nicht gesehen? Da können Sie virtuell vom Zehn-Meter-Turm springen, während Sie im Flur auf Ihre Meldebescheinigung warten. Das ist Digitalisierung, Erna! Das ist die Zukunft!“

In diesem Moment gab der Boden unter ihrem Absatz nach. Das elegante Kostüm schwankte, das Lächeln wackelte für eine Millisekunde, aber sie fing sich an einem Absperrband ab, das sofort riss.

Dora 3000 – Der zynische Kaffeesatz des Tages

Da wir direkt neben dem provisorischen Bauwagen standen, in dem die Verwaltung ein „Infocenter“ eingerichtet hatte, hörte man plötzlich ein vertrautes, bösartiges Zischen. Im Fenster des Bauwagens stand sie: Dora 3000. Man hatte die Kaffeemaschine extra für die Baustellenbesichtigung hierher verfrachtet.

Ihr Display leuchtete giftgrün auf.

„Getränkewunsch registriert“, krächzte die Maschine durch das offene Fenster. „Wählen Sie zwischen:

  1. ‚Trübe Tasse Hoffnung‘

  2. ‚Schlamm-Latte Macchiato‘

  3. ‚Verdunsteter Voranschlag‘.
    Hinweis: Da die Wasserleitung hier genauso existent ist wie die Kompetenz der Bauleitung, serviere ich heute ausschließlich Staub mit Kaffeearoma. Wohl bekomm’s, ihr Landratten.“

Alwin Anstand, der sich gerade den Schlamm vom Sakko strich, trat an das Fenster. „Dora, bitte... ein einfacher Kaffee. Schwarz. Wie meine Aussichten auf Beförderung.“

Dora gab ein Geräusch von sich, das klang wie eine sterbende Kreissäge. „Schwarz ist aus, Anstand. Genau wie die Haushaltsmittel. Ich kann Ihnen ein Bild von einer Kaffeebohne zeigen. Das ist ‚imaginäres Trinken‘. Passt doch hervorragend zum Freibad-Konzept der Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel . Trinken Sie die Vision, Herr Anstand! Vielleicht schmeckt sie ja nach Karriere.“

Ein Strahl aus braunem Dampf schoss aus der Maschine und vernebelte Alwins Brille komplett.

„Systemfehler“, blinkte Dora hämisch. „Bitte wenden Sie sich an jemanden, der nicht so verzweifelt aussieht.“

Jonte und die flüssige Katastrophe

„Das reicht jetzt!“, brüllte Magnus Breitbein, der endlich wieder auf den Beinen stand (auch wenn sein Hawaiihemd nun eher die Farbe von altem Kaffeesatz hatte). „Wir brauchen hier Wasser! Sofort! Ich will schwimmen! Jonte!“

Wie auf Bestellung bog der große rote Wagen der Feuerwehr um die Ecke. Jonte saß am Steuer, den Helm tief im Gesicht, den Blick starr geradeaus. Er hatte den Auftrag bekommen, das „Becken“ (also das Loch mit der Plastikplane) symbolisch zu füllen, damit die Kanzlerin ein Foto für den Nordmumpitz machen konnte.

„Wasser Marsch?“, fragte Jonte über das Megafon. Er klang, als würde er lieber eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung über sich ergehen lassen.

„Wasser Marsch!“, rief die Kanzlerin und positionierte sich mit einer goldenen Schere vor der Pfütze.

Jonte öffnete das Ventil.

Man muss wissen: Wenn Jonte etwas tut, dann tut er es gründlich. Er kennt keinen „symbolischen Strahl“. Er kennt nur „Alles oder Nichts“.

Ein Strahl, dick wie ein Baumstamm und mit dem Druck einer startenden Rakete, schoss aus dem Kanonenrohr des Wagens. Er traf nicht das Loch. Er traf den Schlammhaufen direkt daneben, auf dem Nusseltrud gerade versuchte, ihren Kescher zu befreien.

Es gab eine Explosion aus Matsch, Dreck und brauner Brühe. Eine Fontäne aus Altentreptower Erde schoss gen Himmel und regnete auf die Festgesellschaft herab.

  • Die Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel wurde von einer Schlammlawine getroffen, die ihr Teflon-Lächeln unter einer Schicht aus Lehm begrub.

  • Alwin Anstand sah plötzlich aus wie eine Statue aus dem Terrakotta-Museum, nur weniger glücklich.

  • Magnus Breitbein wurde vom Druck des Wassers glatt von den Füßen gehoben und rutschte wie eine menschliche Bowlingkugel über die nasse Plane direkt in das Loch hinein.

Platsch.

Dort lag er nun. In zehn Zentimetern Wasser und zwanzig Zentimetern Schlamm. Die gelben Entchen auf seiner Hose sahen nun aus, als hätten sie einen Ölunfall im Golf von Mexiko überlebt.

„Ich... ich schwimme!“, rief Magnus und paddelte mit den Armen im Dreck. „Seht her! Das Wasser ist... sehr mineralhaltig!“

Nusseltrud tauchte neben ihm auf, den Kescher über dem Kopf wie eine Trophäe. „Ich hab sie!“, schrie sie. „Meine Glückskastanie! Sie war im Schlamm versteckt! Das Wasser hat sie freigespült!“

Die Moral von der Geschicht'

Ich sah mir das Spektakel an. Baron Tollensius schüttelte sich angewidert den Dreck aus dem Fell und sah mich vielsagend an. Wir gingen langsam zurück in Richtung meinwärts.

Hinter uns versuchte die Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel, sich mit einem seidenen Taschentuch das Gesicht zu reinigen, während sie Falko Federling vom Nordmumpitz diktierte: „Schreiben Sie: ‚Bürgernahe Schlamm-Kur im neuen Erlebnisbad begeistert Massen. Die Kleinstadtkanzlerin geht als Erste baden – ein Zeichen für Mut und Frische!‘“

Falko schrieb gar nichts. Er machte nur ein Foto von Magnus, wie er versuchte, aus der Plane zu krabbeln, während sein Hawaiihemd langsam anfing, sich aufzulösen.

Was lernen wir daraus?

In Altentreptow braucht man kein Wasser, um baden zu gehen. Es reicht ein bisschen Hochmut, ein großer Eimer Inkompetenz und eine Feuerwehr, die es gut meint. Das „Phantom-Freibad“ bleibt uns erhalten – als Mahnmal dafür, dass Visionen am Ende meistens nur nasse Füße und schmutzige Wäsche hinterlassen.

Und während wir den Marktplatz überquerten, hörte ich aus der Ferne noch einmal das hämische Lachen der Dora 3000: „Spülgang beendet. Bitte entnehmen Sie die Reste Ihres Verstandes am Ausgang.“

Ihre Meinung ist gefragt

Warten Sie in Ihrer Gemeinde auch schon seit Generationen auf ein Projekt, das in den Broschüren glänzt, aber in der Realität eher an eine archäologische Ausgrabungsstätte erinnert? Haben Sie auch einen „Magnus“ in der Nachbarschaft, der jede Pfütze zum Ozean erklärt? Schreiben Sie mir. Ich sammle diese flüssigen Fehlentscheidungen.

Ausblick

Am Mittwoch wird gesammelt, gezählt und verteidigt:„Nusseltruds Kastanienmonopol“ – wenn Besitz plötzlich Gefühlssache wird. Die Tollense fließt wie immer – nur Nusseltrud sieht das anders. Und wer eine Kastanie aufhebt, hat schneller einen Antrag am Hals, als ihm lieb ist.

Unterstützen Sie den echten Gegenwind

Geschichten wie diese brauchen einen langen Atem und viel Seife, um den Schlamm wieder loszuwerden. Wenn Sie wollen, dass Erna weiterhin den Finger in die Wunden legt, dann werden Sie Mitglied im Club der Besserwissenden. Damit die Feder scharf bleibt und der Blick klar.

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Mit Amtswitz und Aufpassblick

Ihre Erna Schippel

Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.

© Erna Schippel 2026 – Alle Texte/Personen sind frei erfunden und urheberrechtlich geschützt.

Sujet Satire aus Altentreptow

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