(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Es ist Donnerstag. Du liest die ”Post aus Dachau”, den wöchentlichen Kultur-Newsletter von Stadtführung mit Matthias (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) in Dachau & München.
Als Gästeführer weiß ich was in der Stadt los ist.
Und was sich lohnt.
Diese Woche zeigt, wer Dachau regiert, entscheidet auch, wie Kultur künftig stattfindet. Antworten & Schweigen. Und was das für unsere Kultur & Stadtgesellschaft bedeutet.
Servus,
Dachau wählt. Und mit der Wahl entscheidet sich auch, welche Kulturstadt wir in den nächsten Jahren sein wollen: die, die Räume öffnet, Verwaltung als Ermöglicherin denkt, freie Szene und Kulturwirtschaft zusammenbringt – oder die, die bestehende Strukturen verwaltet und auf das große Später hofft.
Öffnen wir Kultur – oder verwalten wir sie? Die vergangenen Jahre haben die Bruchlinien klar gezogen. Die Szene benennt das Nadelöhr seit Jahren.
„Ganz klar: Proberäume. Nicht die glamourösen Säle, sondern funktionale Räume mit Lagermöglichkeiten – Orte, in denen man Dinge auch mal stehen lassen kann.“ -
Kai Kühnel (TollhausDachau e.V.)
Schon vor einem Jahr titelte die Dachauer Lokalpresse “Dachaus Kultur braucht mehr Platz” (Dachauer Nachrichten) und “Es wird langsam eng für Dachaus Kulturszene” (Süddeutsche Zeitung).
Und auch ich hatte die “Raumkrise in Dachau (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” (#54 Kulturrassismus (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) in der «Post aus Dachau» thematisiert.
Der Schmerz der ehrenamtlichen Kulturschaffenden wurde bei einem ersten Vernetzungstreffen im April 2025 deutlich:
Das 25‑Personen‑Limit in der Kleinen Altstadtgalerie, die aufwändige Sanierung der Kulturschranne über zwei Jahre, die Schließung des Café Gramsci. Und auch wenn die geplante Wiedereröffnung positiv stimmt, ist sie doch nur auf Zeit. Und auch Großformate, wie Festivals finden kaum Heimat, oder scheitern an überbordenden Auflagen. Symptome einer Stadt, deren kulturelle Infrastruktur an der Kapazitätsgrenze arbeitet.
Sabine Seeholzer (jetzt e.V.):
„Es gibt genügend Ehrenamtliche, die sich engagieren und Kultur für den kleinen Geldbeutel anbieten wollen – aber die Flächen fehlen.“
Und gleichzeitig wurde eine Institution, wie die “Neue Galerie” und ein geplantes Museumsforum auf dem MD-Gelände aufgegeben - politische Entscheidungen, mangels finanzieller Mittel.
Betont aber nicht gerade die Politik immer wieder, das u.a. Kultur als Hebel für eine Stärkung der Demokratie, und damit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, gesehen wird - und hier nicht um jeden Preis gespart werden dürfe? Wenn finanzielle Mittel auf den ersten Blick stabil bleiben, ist das erfreulich. Doch zur Wahrheit gehört auch: Inflation geht auch am Kulturbetrieb nicht spurlos vorbei.
Dabei mangelt es nicht am Willen, im Gegenteil: Die freie Szene vernetzt sich, teilt Technik und (Wo-)Manpower, organisiert halbjährliche Treffen, formuliert konkrete Bitten an die Stadt – von der Zwischennutzung leerer Räume bis zur Mitgestaltung der Schranne‑Planung, inklusive Backstage‑ und Lagermöglichkeiten. Eine temporäre Lagerlösung in der Burgfriedenstraße war ein erster Erfolg, aber auch hier nur auf Abruf: Wenn der Abriss kommt, sind auch diese Quadratmeter wieder weg.
Doch nicht nur ehrenamtlichen Kulturmacher*innen drückt der Schuh. Auch eigenständige Kulturakteure, ohne politische Abhängigkeit von Fördermitteln, haben Wünsche an die Regierenden. Denn: Was nützt das beste Kulturangebot, wenn das Publikum fehlt?
„Wenn 10 % der Besucher*innen der Gedenkstätte in die Stadt kämen, wäre das ein enormer Kulturimpuls. Dafür müssen alle an einem Strang ziehen.“ - Richard Wurm (Kunstwerke Dachau)
Wie angekündigt, habe ich bei den diesjährigen Dachauer OB-Kandidat*innen nachgefragt, wie sie die aktuelle Kultur-Situation in Dachau einschätzen und was sie für die nächsten Jahre planen - exklusiv in der «Post aus Dachau».
Schön, dass Du auch diese Woche wieder mit dabei bist – und bleibst.
Teile diesen Newsletter gerne auch mit anderen Menschen,
die ihre Stadt genauso lieben wie Du und ich.
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Wer bestimmt über Kultur in Dachau – und was ändert sich jetzt wirklich?
Von den sieben Kandidat*innen, haben vier geantwortet. Meine Zusammenfassung kannst Du hier in der Reihenfolge lesen, wie sich die Kandidaten zurück gemeldet haben.
Alle Fragen und die vollständigen Antworten findest Du, wenn Du direkt unter den einzelnen Kandidaten auf den jeweiligen Button “Alle Fragen & Antworten” klickst.
Erster war Markus Erhorn (Freie Wähler). Er will Leerstand erfassen, ein transparentes Zwischennutzungsmodell aufsetzen und Kulturflächen von Anfang an mit planen, nicht als Restgröße. In der Förderung setzt er auf mehrjährige Vereinbarungen mit klaren Zielen und Evaluation. In der Verwaltung fordert er eine feste Ansprechperson, Bearbeitungsfristen und vereinfachte Verfahren – besonders für kleine Projekte.
Seine Leitplanke lautet: „Substanz vor Event.“ Und er sagt den Satz, den Ehrenamtliche hören wollen: „Ehrenamt braucht Unterstützung – keine Überforderung.“ -
Markus Erhorn (Freie Wähler)
Gefolgt von Michael Eisenmann (Bündnis für Dachau + Volt). Dachau fehlt ein funktionaler Raum für ~200 Personen – nicht die nächste Mini‑Bühne, sondern ein tragfähiges Format für Theater, Clubs, Chöre. Sein Weg: MD‑Teilflächen sofort in die Zwischennutzung bringen, statt auf ein großes Projekt in ferner Zukunft zu warten; Gebäude funktional prüfen (Brandschutz, Technik, Organisation), Dachau‑Süd mit einem Kulturcafé als Anker stärken, private Rauminitiativen aktiv begleiten. In der Verwaltung verweist Eisenmann auf bereits durchgesetzte Entlastungen für wiederkehrende Veranstaltungen („Bewährung statt Dauerprüfung“), will eine zentrale Ansprechperson, einen Technik‑Pool und die personelle Stärkung des Kulturamts. Kulturförderung verankert er rechtlich: Kultur sei – wie die Feuerwehr – Pflichtaufgabe der Kommune, Planbarkeit entstehe über mehrjährige Verträge und langfristige Mietbindungen.
„Kulturentwicklung darf nicht auf ein einzelnes Großprojekt warten. Wer heute Räume ermöglicht, füllt auch die Zentren von morgen.“ - Michael Eisenmann (Bündnis für Dachau/Volt)
Amtsinhaber Florian Hartmann (SPD) setzt auf Kontinuität. Nach seiner Auffassung ist die Stadt schon heute Ermöglicherin: stabile Zuschüsse, kostenlose städtische Räume, die Schranne im Hochdruckmodus der Sanierung, Ateliers und Stipendien – alles zählt er detailliert auf. Die nächsten zwölf Monate: Schranne zu Ende sanieren, bestehende Räume besser teilen, private Initiativen unterstützen. Neue Instrumente? Kaum; und wer sie heute verspreche, „erzähle Unsinn“, der Haushalt sei beschlossen. Kritik an Bürokratie sieht er nicht als Strukturthema, sondern als Einzelfall: Wer Hürden habe, möge sich melden. Kulturförderung sei nicht beschnitten worden, daher stelle sich die Frage nach Absicherung nicht. Visionär denkt Hartmann groß – mit der „Ideenfabrik“ auf dem MD‑Areal, allerdings abhängig von in Aussicht gestellten staatlichen Mitteln. Zwischennutzung für Künstler*innen, wie das alte Hallenbad - vor dessen Abriss - eine weitere Idee. Sein Kurs: bewahren, stabilisieren, institutionell ausbauen.
Sämtliche Kulturakteur*innen sind gemäß unserer Kulturförderrichtlinien antrags- und förderberechtigt, sofern sie nicht kommerziell agieren und ein Defizit nachweisen. Gerade junge Kulturschaffende werden bei uns besonders stark gefördert. - Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD)
Martin Modlinger (Bündnis 90/Die Grünen) antwortet anders: erst Diagnose, dann Werkzeugkasten. Er trennt Veranstaltungs‑, Proben‑ und Lagerräume – und schlägt für jede Kategorie eigene Instrumente vor: städtische Leerstandserfassung plus private Leerstände gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung, Betreibermodelle für Schlüssel/Haftung/Technik, Kooperationen mit Kirchengemeinden und gemeinsam angemietete Lagerflächen samt Technikpool. Kulturmittel seien nominell gedeckelt und damit real jedes Jahr weniger wert – Inflationsausgleich sei Pflicht. Bei der Verwaltung will Modlinger von einer Absicherungs‑ zu einer Ermöglichungskultur: Auflagen prüfen, Digitalisierung voran, aus anderen Kommunen lernen. Und er verankert Kultur demokratiepolitisch: offen, unbequem, anstößig – und zu schützen.
„Kultur muss anstößig bleiben können, unbequem – und offen. Genau das macht sie demokratisch.“ -
Martin Modlinger (Bündnis 90/Die Grünen)
Die Nichtantworten – und was sie erzählen
Drei Kandidat*innen haben nicht geantwortet:
Christian Hartmann (CSU), Jürgen Schleich (ÜB), und
Romy Kauschinger (Die Linke).
Auch das erzählt etwas: über Prioritäten, Aufmerksamkeit, Bereitschaft zum Gespräch. Und für welchen Teil der Stadtgesellschaft man Politik macht.
Aus jüngsten Podien ergibt sich zudem ein Bild: Als CSU-Kandidat Christian Hartmann von den Dachauer Nachrichten nach seinen eigenen Ideen der vergangenen sechs Jahre gefragt wurde, blieb es bei der Formel, er sei „in allen Themen immer voll motiviert“ dabei gewesen – konkrete Beispiele nannte er nicht. Auch bei einem Wirtschaftspodium wirkte manches außerhalb der eigenen Erfahrungswelt (Digitalisierung im Schulwesen, Bürokratieabbau, KI in Verwaltungsstrukturen) – Nachfragen blieben unbeantwortet. Im Wahlkampf wirbt er als „der mit den besseren Rezepten“ – konkret wurde er selten. Und auch meine Anfrage an ihn blieb unbeantwortet.
Jürgen Schleich (ÜB) wiederum hätte eine besondere Gelegenheit gehabt. In meiner Analyse (#85 (T)Räume (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) beschrieb ich das kulturpolitische Profil der ÜB so: „Reibungsverluste raus, Formate rein.“ Die ÜB denkt Kultur als Belebung der Altstadt, als offene Bühne für Vereins‑ und Eventformate – pragmatisch, sachpolitisch, niederschwellig. Die Lücke: Ohne kuratierte Linien droht daraus schnell Event‑Zapping zu werden – viele Einzelereignisse, aber wenig Profil. Kleine Kurationsbudgets könnten hier Kontext, Richtung und Wiedererkennbarkeit schaffen. Hier hätte Schleichs Rückmeldung ein wertvoller Beitrag sein können: Wie ließe sich die Altstadt profilieren, nicht nur freischalten? Wie verhindert man, dass Frequenz zur Logik wird, statt Qualität? Schade: Gerade die ÜB, die seit 1990 mit ihrem ÜB‑Kulturpreis (ehem. Maus‑Kron‑Kulturpreis) jährlich das ehrenamtliche Engagement von Kulturschaffenden würdigt, hat diese Chance nicht genutzt. Ein Schweigen, das umso bedauerlicher ist, weil die ÜB die kulturelle Ehrenamtstradition dieser Stadt sonst mit Nachdruck betont.
Romy Kauschinger (Die Linke) setzt ihr Programm für Kultur sozial: Zugang unabhängig vom Geldbeutel, Jugendkultur als Pflichtaufgabe, klare Kante gegen Rechts. In meiner Analyse (#85 (T)Räume (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) war die Stärke: Zielgruppenpräzision & Haltung. Vor allem, die bei Wahlen oftmals unterrepräsentierten “jungen, progressiven Menschen” bekämen mit ihr eine Stimme. Die Lücke: Welche Orte, welche Budgets, welche Trägerschaften? Ohne Ort‑/Mittel‑Plan bleibt es richtig, aber luftig. Ihre Chance wären konkrete Vorschläge gewesen – auch sie ließ diese ungenutzt.
Ob keine Antworten vorhanden waren – oder Kultur schlicht nicht wichtig genug ist, um zu antworten – das wissen nur die Kandidat*innen selbst.
Politik & Szene –
wo es passt, wo es knirscht
Übereinstimmung gibt es beim Prinzip Zwischennutzung und bei der Einsicht, dass dezentrale Vielfalt nötig ist. Auch Planungssicherheit über mehrjährige Zuschüsse/Verträge erscheint inzwischen mehrheitsfähig.
Knirschen tut es dort, wo die Szene Alltagsinfrastruktur braucht: Proberäume, Lager, Technikpools und eine Verwaltungskultur, die erleichtert statt absichert. Genau hier gehen Freie Wähler, Bündnis für Dachau/Volt und Grüne mit konkreten Verfahren voran, während die SPD die Lage als grundsätzlich gelöst sieht.
Und ein Thema rückt neu ins Zentrum: Publikumspolitik. Privat betriebene Orte wie KA7 und Kunstwerke Dachau arbeiten ohne Zuschüsse, aber wünschen sich Vernetzung, Sichtbarkeit – und eine Strategie, wie Menschen in die Kulturorte finden.
„Was es braucht, ist Vernetzung – und eine gemeinsame Strategie, um Menschen in die Kulturstätten zu holen.“ -
Josef Lochner (KA7/Galerie Lochner)
Fazit: Welche Kulturstadt wollen wir sein?
Entscheidend wird, wer Räume zuerst denkt, Verfahren entlastet, Planungssicherheit schafft.
Und Sichtbarkeit als Kulturpolitik begreift.
Eine zentrale Kulturplattform, ein gemeinsamer Kalender, Kultur × Wirtschaft kuratiert zusammenbringen? Schritt für Schritt jene Publikumsstrategie entwickeln, die Kultur in Dachau sichtbar macht.
Auch ein wöchentlicher Kulturnewsletter, wie die «Post aus Dachau» kann dazu einen wesentlichen Beitrag leisten. Gerade in Zeiten, in denen lokale, unabhängige Berichterstattung - auch über Kultur - zunehmend an Substanz verliert (SZ Dachau, Amper-Bote). Weil Kultur Orte, Ideen und Menschen braucht. Und eine Stimme. Dachau hätte das alles.
Diese Wahl ist kein Kulturreferendum – aber sie entscheidet mit, wie Dachaus Kulturlandschaft künftig aussieht:
offen, pragmatisch, vernetzt – oder verwaltend, abwartend, großprojektorientiert.
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