Über Nadelstiche, die sich anfühlen wie Keulenschläge, und das Bibliotheksverbot für Victor Klemperer, über Feigheit und Mut an einem Wintertag 1938 in Dresden

Kann eine Schreibmaschinenschrift wie gehetzt aussehen?
Wer in den Tagebüchern von Victor Klemperer den Eintrag vom 3. Dezember 1938 betrachtet, dem drängt sich dieser Gedanke geradezu auf. Randvoll ist das Blatt beschrieben, dichtgedrängt folgt Zeile auf Zeile. Hier fehlt ein Buchstabe, dort ein Leerzeichen. Als hätte der Schreiber alles in größter Hast notiert. Als dürfe er nichts vergessen.
Victor Klemperer wollte der Chronist von Hitlers Schreckensherrschaft sein und „Zeugnis ablegen bis zum letzten“. Der Eintrag vom 3. Dezember 1938 ist charakteristisch in seiner gedanklichen Schärfe und Genauigkeit – bei aller Skizzenhaftigkeit der Schilderung. In fieberhafter Erregung muß Klemperer das Erlebte festgehalten haben. Fast glaubt man, das Knallen der Typenhebel zu hören.
Daß er überhaupt noch eine Schreibmaschine besaß, war nicht selbstverständlich. Die Entrechtung und Ausplünderung der Juden war längst im Gange; es war die Vorstufe zu ihrer Vernichtung.
Klemperer, dem sein „Deutschtum alles und das Judentum gar nichts“ bedeutete, sah sich durch Hitler zum Juden gemacht. Der jüngste Sohn eines Rabbiners hatte sich 1912 taufen lassen. Drei Jahre später meldete er sich als Kriegsfreiwilliger an die Front und riskierte sein Leben für das, was er aus tiefster Überzeugung als sein Vaterland ansah.
Der Dank des Vaterlands: 1935 wird er als Romanistik-Professor an der Dresdner Hochschule entlassen. Im selben Jahr notiert er: „Die Judenhetze ist so maßlos geworden (...) wir rechnen damit, hier nächstens totgeschlagen zu werden.“
Von Bekannten und Kollegen gemieden „wie eine Pestleiche“, lebt Klemperer mit seiner Frau Eva oberhalb des Plauenschen Grundes in Dölzschen. Er schreibt an einer Geschichte der französischen Literatur der Aufklärung. Daß sie jemals veröffentlicht wird, bezweifelt er.
Es folgen Jahre der Demütigung und eines Terrors, der immer bedrohlichere Ausmaße annimmt. Das „Judenhaus“, die Überfälle durch die Gestapo, die Angst vor der Deportation – angesichts dessen erscheint die Beschlagnahme seiner Schreibmaschine am 28. Oktober 1941 nur mehr wie eine lästige Bosheit. Doch Klemperer hat in diesen Jahren gelernt: „der kleine Nadelstich ist manchmal quälender als der Keulenschlag“.
Ein anderer Nadelstich, ungleich schmerzhafter, liegt da schon eine Weile zurück.
Der 2. Dezember 1938 ist ein gewöhnlicher Wintertag. Der Himmel über Dresden ist bedeckt; nur hin und wieder bricht die Sonne durch das Wolkengrau. Am Nachmittag macht sich Victor Klemperer auf den Weg in die Sächsische Landesbibliothek, die sich damals im Japanischen Palais befindet. Ein prächtiges Gebäude am Neustädter Elbufer, unter dessen kupfergrünem Dach sich die goldverzierten Renaissancebände drängen.
Seit 1920, dem Jahr seiner Berufung nach Dresden, trifft man Klemperer dort regelmäßig an. Hier findet er alles, was er für seine Studien zur französischen Literatur braucht: Voltaire, Montesquieu, Diderot. Im Japanischen Palais, erinnert er sich später, „saß ich wie die Made im Speck. Keine deutsche, kaum die Pariser Nationalbibliothek selber hätte mich besser versorgen können.“
Freilich, eine Insel der Seligen ist auch die Sächsische Landesbibliothek nicht. Es gibt Parteigenossen, Deutschen Gruß und Denunzianten. Im Treppenhaus steht eine Hitler-Büste, und die von der Reichsschrifttumskammer verbotenen Bücher drängen sich im Sperrmagazin hinter Maschendraht.
Dennoch steht die Bibliothek bei den Nazis in schlechtem Ansehen; zu leidenschaftslos ist ihre Parteinahme für den neuen Staat. Es gibt Beschwerden über die geringe Präsenz nationalsozialistischer Schriften. Die Bibliothekare, so der Vorwurf, würden sie bewußt in den Katalogen „verstecken“. Ein Parteigenosse kritisiert, daß im Lesesaal die Werke zur griechisch-römischen Mythologie breiten Raum einnähmen, es aber nur drei Bücher zur germanischen Mythologie gebe.
Daß es nur ein Schritt ist von der Kultur zur Barbarei, hat Klemperer am 9. Oktober 1936 am eigenen Leib erfahren. Am „wohl bösesten Geburtstag meines Lebens“ teilte man ihm „schonend“ mit, daß er als Nichtarier den Lesesaal nicht mehr benutzen dürfe. „Man wolle mir alles nach Hause oder in den Katalogsaal geben“, notierte er damals wie erstarrt, „aber für den Lesesaal sei ein offizielles Verbot erlassen.“
Wenige Tage darauf erfuhr er, daß auch seine Bücher aus dem Lesesaal entfernt worden waren.

Von der Hochstimmung, mit der er einst das Japanische Palais betrat, ist an diesem Wintertag zwei Jahre später kaum mehr etwas übrig. Er öffnet das schwere Tor aus Eichenholz und durchquert zögernd, mit langsamem Schritt die Vorhalle. Vorbei an den chinesischen Hermen mit ihrem spöttischen Lachen, geht er über den Hof und steigt die Treppenstufen zum Bibliothekseingang hinauf.
Im Katalogsaal im ersten Stock drückt ihm, wie es im Tagebuch heißt, „die Rothin sehr blaß die Hand“. Gemeint ist Johanna Roth, die Leiterin der Erwerbungsabteilung. Ob er denn nicht fort könne, fragt sie ihn leise. Hier gehe es zu Ende. Die Pogrome vom 9. November sind erst drei Wochen her; der Schock über die niedergebrannte Synagoge sitzt offenbar nicht nur bei den Dresdner Juden tief. Klemperer schreibt: „Sie sprach mit mir wie zu einem Sterbenden, sie nahm Abschied von mir wie für immer.“
So sehr ihn das kurze Gespräch auch aufgewühlt hat – es bleibt ihm keine Zeit, seine Gedanken zu ordnen. Denn gleich darauf kommt es zu jener Begegnung, die er anderentags mit ohnmächtigem Staunen in seinem Tagebuch schildert.
An den Namen des Ausleihbeamten, der ihn unvermittelt in das hintere Zimmer bittet, erinnert er sich nur vage („Striege oder Striegel“). Vor zwei Jahren hat dieser ihm bereits das Verbot des Lesesaals bekanntgegeben. Jetzt teilt er ihm mit, daß er die Landesbibliothek überhaupt nicht mehr betreten darf.
Doch es ist mehr als eine Mitteilung – es ist eine Demonstration. „Der Mann“, schreibt Klemperer, „war in fassungsloser Erregung, ich mußte ihn beruhigen. Er streichelte mir immerfort die Hand, er konnte die Tränen nicht unterdrücken, er stammelte ...“
Wohlgemerkt: Nicht Klemperer, der allen Grund hätte, die Fassung zu verlieren, sondern der Ausleihbeamte bricht in Tränen aus – so bestürzt ist er über das neue Verbot. Und ausgerechnet Klemperer muß ihn beruhigen.
Was das „hintere Zimmer“ ist, läßt sich nur vermuten. Doch wenn man sich die Räumlichkeiten im Palais vor Augen führt, liegt es nahe, daß der andere ihn von der Ausleihe im Erdgeschoß in das Büro des Ausleihe-Vorstands lotst. Erst hier, unter vier Augen (die Augen der kämpfenden Amazonen auf dem Wandfries über ihren Köpfen nicht mitgezählt), kann er es wagen, sich auf eine Weise zu offenbaren, die Klemperer den Schweiß auf die Stirn getrieben haben muß.
„Es kocht in mir“, bricht es aus dem Beamten heraus. „Wenn doch morgen etwas passierte ... Es ist doch der Tag der Solidarität ... Sie sammeln ... Man könnte an sie heran ... Aber nicht einfach töten – foltern, foltern, foltern ... Sie sollen erst merken, was sie angerichtet haben ...“
Ist es Klemperers skeptische Miene, die ihm Einhalt gebietet? Oder wird ihm selbst bewußt, wozu er sich in seiner Wut hat hinreißen lassen? Als Alfred Striegel, so der Name des Ausleihbeamten, die Fassung wiedergewinnt, erkundigt er sich nach der Situation des Professors: was mit seinen Manuskripten sei, ob er sie nicht bei irgendeinem Konsulat in Verwahrung geben könne. „Ob ich nicht heraus könnte ...“
Auch er sieht offenbar nur diesen Ausweg. Und nimmt damit Klemperers düsteres Resümee vorweg: „Die Entwicklung der letzten Tage hat uns wenigstens die innere Unsicherheit genommen; es gibt nicht mehr zu wählen: Wir müssen fort.“

Es ist das letzte Mal, daß man Victor Klemperer im Japanischen Palais sieht. Wie benommen passiert er die Ausleihe, in der er unzählige Male mit seinen Büchern gestanden hat. Dann fällt hinter ihm die Tür ins Schloß. Er überquert den Hof mit den steinernen Chinesen und tritt auf die Straße hinaus.
Steigt er gleich am Wilhelm-Platz in die Straßenbahn (noch dürfen Juden Straßenbahn fahren), oder geht er erst noch ein paar Schritte, um den Kopf zu lüften und sich zu sammeln? Wirft er von der Augustusbrücke einen Blick zurück auf das geschwungene kupfergrüne Dach?
Im Tagebuch steht nichts darüber. Aber wie er nach Hause fährt, kann man auf einem alten Stadtplan verfolgen. Mit der Linie 15 geht es zum Postplatz; dort steigt er um in die 22 in Richtung Freital. An der Planettastraße (kurz zuvor nach dem Dollfuß-Mörder benannt) steigt er aus und geht zu Fuß durch den Bienertpark nach Dölzschen hinauf.
Es ist kalt, und mit erschrockenem Blick mustert er das kahle Geäst der Bäume. Wie Hände, denkt er, die sich hilfesuchend dem Himmel entgegenstrecken.

Was während der Fahrt in ihm vorgeht, mit welchen Gedanken er die anderen Fahrgäste betrachtet? Allein der Zuspruch der beiden Bibliothekare wird ihm Mut gemacht haben. „Aber diese Teilnehmenden und Verzweifelten“, weiß er, „sind Vereinzelte, und auch sie haben Angst.“
Die Angst ist nicht ganz unbegründet, wie ein Blick in das berüchtigte „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ zeigt. Bot ein Beamter nicht die Gewähr, „jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat“ einzutreten, konnte er entlassen werden. Schon 1936 heißt es in Klemperers Tagebuch: „Der Beamte darf nicht ‚mit Juden und übelbeleumundeten Elementen‘ verkehren.“
Auch als Angestellte hatte Johanna Roth einen Eid auf den Führer ablegen müssen. Das aber hielt sie und Alfred Striegel nicht von einer menschlichen Geste ab, zu der Millionen Deutsche, die das Leid ihrer jüdischen Nachbarn mit Wegsehen und Schweigen quittierten, nicht fähig oder willens waren.
Was Johanna Roth (1885-1945) dazu bewog, läßt sich aus einem Satz schließen, den die Pfarrerstochter an jenem Tag zu Klemperer sagt: Auch „mit uns“ gehe es zu Ende – wegen ihres Namens sei auch die Zionskirche bedroht worden. Offenbar stand Roth der Bekennenden Kirche nahe, denn in der Südvorstadt wirkten damals zwei Pfarrer, die sich weigerten, mit Hitler zu paktieren.
Alfred Striegel (1890-1945), von Klemperer als „Stahlhelmer“ bezeichnet, hatte eine militärische Laufbahn hinter sich, als er 1931 in die Dienste der Landesbibliothek trat. Nach wie vor hielt er Verbindung zu alten Offizierskreisen und wußte schon früh von Nazigreueln und Konzentrationslagern. Wem er vertraute, dem erzählte er freimütig, was man ihm zugetragen hatte.
Diese Freimütigkeit hätte ihn beinahe Kopf und Kragen gekostet. Im September 1939 denunzierten ihn zwei Frauen, weil er sich in einem Gasthof kritisch über Hitler und die deutsche Kriegsschuld geäußert hatte. Die Verurteilung zu acht Monaten Gefängnis wegen „Beleidigung des Führers und Verletzung des Treueeides auf den Führer“ wurde erst drei Jahre später aufgehoben; es gab Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeuginnen.
Warum man es an jenem Wintertag 1938 einem einfachen Ausleihbeamten überließ, Klemperer das Verbot auszurichten?
Mein Großvater Helmut Deckert, damals ein Frischling im mittleren Dienst, hat nie vergessen, wie dieser das letzte Mal das Palais betrat und „die Bibliotheksräte aus dem Fenster schauten und einer vom anderen erwartete, daß er nach unten gehen und Klemperer sagen würde, daß ihm, dem geschätztesten Leser, die Bibliothek in Zukunft verschlossen bleibt“. So hat er es später dem Herausgeber der Tagebücher, Walter Nowojski, erzählt.
Was wäre das für eine Geste gewesen, hätte Hermann Neubert, der designierte Direktor, den Aussätzigen in seinem Büro empfangen! Ihm die Hand geschüttelt und mit blasser Miene um Worte gerungen. Und dann schweigend mit ihm aus dem Fenster geblickt: auf die vorbeiströmende Elbe und die berühmten Türme und Kuppeln. Und auf die Lücke im Stadtbild, wo vor drei Wochen noch die Synagoge gestanden hatte.

In seinen Aufzeichnungen spricht Victor Klemperer von der „absoluten Mattsetzung“. An anderer Stelle heißt es, die Lebensarbeit sei ihm „aus der Hand geschlagen“. Nicht nur, daß er nicht mehr lehren darf; er kann nicht einmal mehr forschen. Die Arbeit am zweiten Band seiner französischen Literaturgeschichte bricht ab. Er wird sie nie wieder aufnehmen.
Beim Schach ist mit dem „Matt“ das Spiel zu Ende. Doch Klemperer weigert sich aufzugeben – auch dann noch, als seine verzweifelten Versuche, aus Deutschland fortzukommen („jeder Ort in jedem Erdteil“ wäre ihm recht, „wenn ich dort nur mit meiner Frau existieren könnte“), scheitern.
„Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen?“ hatte er zwei Jahre zuvor in einem Brief an seine Schwester Grete gefragt. An dieser Hoffnung, so gering sie auch sein mag, hält er fest – und ringt noch einem Leben in größtmöglicher Isolation, das immer mehr zum Überleben wird, einen Sinn ab. Zurückgeworfen auf sich selbst, beginnt er im Februar 1939, seine Autobiographie zu schreiben.
Wie es weitergeht, kann man im Tagebuch nachlesen: einem Dokument des Grauens, das einen den Kopf schütteln läßt, wann immer die Rede ist von der unschuldigen Kunststadt. Der Terror gegen die Juden, man kann es nicht oft genug sagen, geschah „mitten im kultivierten Dresden“.
Das Tagebuch, das Klemperer zur Balancierstange wird, „ohne die ich hundertmal abgestürzt wäre“, verzeichnet jeden Keulenschlag und jeden Nadelstich. Es bezeugt die Tapferkeit und den Mut seiner Frau Eva, die den Nazis als „arisch“ galt, aber zu ihm stand und auch die schlimmsten Demütigungen ertrug – und ihm damit das Leben rettete.
Und es erzählt vom 13. Februar 1945, an dem Victor Klemperer von seiner bevorstehenden Ermordung erfuhr: wenige Stunden, bevor Briten und Amerikaner die Stadt in Schutt und Asche legten. Was 25 000 Menschen den Tod brachte, bedeutete für die letzten Dresdner Juden die Rettung. Im Chaos, das auf die Bomben folgte, konnten sie den Häschern der Gestapo entkommen.

Bei Kriegsende war auch das Japanische Palais eine Ruine. Auf Leiterwagen karrten die Bibliothekare die geretteten Bücherstapel durch die Trümmerwüste. Für einige Zeit kam man in Striesen im ehemaligen Freimaurerinstitut in der Eisenacher Straße unter.
Eines Tages, es ist der 20. August 1945, steht Victor Klemperer in der Tür. Hermann Neubert, nur noch für kurze Zeit Direktor, empfängt ihn freundlich – Klemperer schreibt: „zutunlich“, was laut Duden soviel heißt wie zutraulich, anschmiegsam. Er bietet an, ihm Bücher nach Hause mitzugeben („solange noch kein Lesesaal geöffnet sei“). Bei Klemperers nächstem Besuch überreicht er ihm einen Band aus seiner Privatbibliothek.
Es ist, als hätte es jenen wolkengrauen Wintertag nie gegeben.
Auch Klemperer verliert im Tagebuch kein Wort darüber. Vermutlich haben beide Seiten das Thema vermieden – sonst wäre wohl zur Sprache gekommen, daß Johanna Roth und Alfred Striegel nicht mehr am Leben waren.
Roth erlag am 24. Februar 1945 den schweren Brandwunden, die sie sich auf der Flucht aus dem brennenden Dresden zugezogen hatte. Striegel starb am 14. April 1945 in Magdeburg durch einen versehentlich auf ihn abgegebenen Schuß. Daß ausgerechnet jene beiden Bibliothekare tot waren, die ihm in einer der bittersten Stunden seines Lebens die Hand gereicht hatten, wäre Klemperer sicher eine Notiz wert gewesen.
Vielleicht war es ihr Mitgefühl, das es ihm erleichtert hat, wieder an die Zeit anzuknüpfen, als er im Japanischen Palais „wie die Made im Speck“ saß. Bis zu seinem Tod am 11. Februar 1960 ging er im neuen Domizil der Bibliothek in der Marienallee ein und aus.
Victor Klemperers Nachlaß wird heute in der Handschriftenabteilung der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek am Zelleschen Weg verwahrt: nur ein paar Straßen entfernt von dem ersten „Judenhaus“ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), in dem er und Eva Klemperer von Mai 1940 bis September 1942 wohnen mußten. In dem sie geschlagen wurden, angespuckt, verhöhnt und ausgeplündert. In dem sie Todesängste ausstanden.
Alles ist noch da: seine Frontkämpferbescheinigung aus dem Ersten Weltkrieg, seine Entlassungsurkunde von 1935, seine Kennkarte mit dem großen J und dem aufgezwungenen Vornamen Israel. Und seine Manuskripte und Tagebücher aus der „Höllenzeit“. Darunter jenes Blatt vom 3. Dezember 1938 mit der wie gehetzt aussehenden Schreibmaschinenschrift.

Eine Bitte in eigener Sache:
Seit sechs Jahren gehe ich an Schulen, um aus Victor Klemperers Tagebuch zu lesen und über Holocaust und Antisemitismus zu sprechen.
Die Resonanz ist überwältigend. Eine Lehrerin schrieb: „Ich habe Renatus Deckert an meine Schule eingeladen und noch nie so viele positive Rückmeldungen von Schüler:innen und Kolleg:innen bekommen.“ Und das ist nur eine von zahlreichen Stimmen.
Monat für Monat schreibe ich etliche Schulen an. In den meisten Fällen erhalte ich keine Antwort. Doch bei Interesse fahre ich nach Cuxhaven, Kassel, Riesa, Stendal, Wittenberge ... Ich mache das auf eigene Initiative, ohne Anstellung und festes Einkommen. Nur selten erfahre ich eine institutionelle Unterstützung.
All das kostet enorm viel Zeit und Kraft – die mir an anderer Stelle fehlen. Deshalb freue ich mich, wenn Sie meine freiberufliche Arbeit gegen das Vergessen durch eine Mitgliedschaft bei „Wolken und Kastanien“ unterstützen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Vielen herzlichen Dank!
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https://www.paypal.com/paypalme/renatusdeckert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Schon 1881 Leserinnen und Leser haben „Wolken und Kastanien“ abonniert. Wenn auch Sie meine Geschichten erhalten möchten, tragen Sie sich gern hier ein:
Fotonachweis:
Das Porträt von Victor Klemperer (um 1930) stammt von Ursula Richter (1886-1946). Die Rechte liegen bei der SLUB Dresden / Deutsche Fotothek.
Dem Aufbau Verlag, Berlin, danke ich für die freundliche Genehmigung, die beiden Ausschnitte aus Victor Klemperers Tagebuch zu fotografieren.