Über Ernst Barlach als verzweifelt Liebenden und einen unbekannten Brief aus dem Sommer 1892, über einen weißen Hut, Mondlicht und runkelrübenähnliche Schatten

Sich ein Herz fassen, sein Herz in beide Hände nehmen, seinem Herzen Luft machen ... Es gibt etliche Wendungen dieser Art, und jede einzelne scheint auf diesen Briefschreiber zuzutreffen. Offenbar hat er nichts zu verlieren – schon gar keine Zeit.
„Sehr geehrtes Fräulein! Sie haben mich heute Abend wieder abgewiesen u. zwar mit dem Anschein des Widerwillens und der Entrüstung. Wenn ich Ihnen nun sage, daß ich Sie liebe, so wissen Sie, wie mir zu Mute sein muß; oder vielleicht auch nicht, vielleicht wissen Sie gar nicht, was Liebe ist.“
Nach diesem Brief dürfte die Adressatin zumindest eine Ahnung haben. Nicht nur, daß ihr der Liebende seinen „närrischen“ Zustand auf neun Seiten vor Augen führt. Er zieht auch alle Register, um sie von der Ernsthaftigkeit seiner Absichten zu überzeugen:
„Ich sprach Ihnen von Liebe; es steht Ihnen frei, was ich schreibe für Lüge, mich selbst für einen Schelm zu halten; vielleicht hängt diese Meinung zusammen mit dem Vorurteil, das im Allgemeinen gegen Künstler verbreitet ist. Dann sei, wie es will – ich liebe Sie!“
Stolz schwingt in diesen Worten mit – und ein geradezu lutherischer Trotz. Hier stehe ich, ich kann nicht anders. So könnte es auch der Briefschreiber sagen. Daß er schlechte Karten hat, weiß er selbst. Und so macht er aus der Not eine Tugend und hält dem Ruch des Unsoliden seine eigene Aufrichtigkeit entgegen.
Immerhin, als Mann vom Fach darf er darauf hoffen, daß man ihm glaubt, wenn er erklärt: „Kein prächtiges Kunstwerk kann das Herz mehr rühren als der lebende Ausdruck Ihres Gesichts; da ist tote Form, die den augenblicklichen Ausdruck ewig festhält, hier ist Herzlichkeit und Innigkeit in wechselndem Spiel; selbst die wonnigen kurz angebundenen Worte, die Sie mir gegeben, haben mir süß im Ohr geklungen und mit bebendem Herzen habe ich erwogen, was ein freundliches Wort mir sein würde.“
Ja, das ist nicht frei von Phrasen, und doch ist es einer der berührendsten Liebesbriefe der deutschen Literatur. Seit Goethes Werther hat keiner mehr so geschwärmt und geschmachtet.

Den Briefschreiber kann man getrost der Literatur zuschlagen – auch wenn Ernst Barlachs bildhauerisches Werk heute seine Dramen überstrahlt. Wer einmal im Güstrower Dom den „Schwebenden“ gesehen hat, wird diesen Anblick nie vergessen. Und sein „Flüchtling“ steht wie kein anderes Kunstwerk für die Weltenbrände unserer Zeit.
Aber das kam erst später. An jenem 30. Juli 1892, an dem sich der Zweiundzwanzigjährige an das „sehr geehrte Fräulein“ wendet, sucht er noch nach seinem künstlerischen Ausdruck. So sehr es ihn immer wieder drängt zu zeichnen und zu skizzieren, so selbstverständlich versucht er sich an Novellen und Gedichten.
Seit einem Jahr lebt er „in dem von den modernen Künstlern so gründlich verachteten, ja gehaßten Dresden“, und zwar „ganz vergnügt“, wie er an seinen Freund Friedrich Düsel schreibt. Die Stadt inspiriert ihn; die Zeichenmappe füllt sich, die Schublade quillt über vor Manuskripten. Nur die Kunstakademie, die er als Meisterschüler von Robert Diez besucht, engt ihn „nach jeder Richtung hin ein“.
Langeweile hat er nicht. Sogar der Weg an der Elbe entlang nach Dresden und Loschwitz (wo gerade jene Brücke errichtet wird, die wir heute als Blaues Wunder kennen) sei interessant und romantisch: „besonders beim hellen Mondschein, wenn die langen, tief gesunkenen Kähne mit gespenstischer Geräuschlosigkeit vorbei treiben, und man nur das leise Gurgeln in den Wassern vernimmt“.
Barlach nutzt die Gelegenheit, „über die Wandelbarkeit alles Irdischen nachzudenken, da man seinen eigenen Schatten in runkelrübenähnlicher Verkürzung stets vor sich hat, hell u. klar vom Mondlicht auf das weiße Sandsteinpflaster gemalt“.
Ob es in einer solchen Mondnacht war, als er sich ein Herz faßte und seinen Brief schrieb?
Genau genommen sind es sogar zwei Briefe. Dem ersten Schreiben beigefügt ist eine Nachschrift vom 3. August, in der Barlach gesteht: „Ich habe die Gelegenheit, Ihnen den Brief zu geben, weder gesucht noch gefunden“.
Wundern würde es einen nicht, wäre ihm das Geschriebene bei Tageslicht zu forsch erschienen. Vor allem die Aufforderung: „Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, so trifft ein Brief mich – innerhalb dieser nächsten 2 Wochen –: Zirkusstraße, Ateliergebäude II links – Barlach.“
Es hat fast den Anschein, als wolle der Briefschreiber nur noch ein wenig von der Erfüllung seiner Wünsche träumen. Allzu große Hoffnungen hegt er offenbar keine mehr.
In dem Stoßseufzer, mit dem die Nachschrift endet, klingt schon eine leise Verzweiflung an: „Warum sind Sie so, wie Sie sind – ich muß Sie dafür lieben, es ist meine Natur, ich kann doch nicht unnatürlich sein, selbst nicht Ihretwegen!“

Wie sie ist, die Angebetete, dazu findet sich kein Wort. Ein „Gesicht von einem so reinen, herzenswarmen Ausdruck, wie es einem Glücksprinz alle Jubeljahre einmal begegnet, wie ich es in meinem ganzen Leben nicht angetroffen“ – damit kann man kein Porträt in Auftrag geben. Auch wo Barlach ihr begegnete, wird nicht erwähnt.
Wer sie war, das immerhin ist bekannt. Die heutigen Besitzer des Briefes, ein Dresdner Ehepaar, das in der Nähe des Blauen Wunders wohnt, waren mit der Tochter der Adressatin befreundet. Das „sehr geehrte Fräulein“ war demnach die Striesener Gärtnerstochter Margaretha Wilhelmine Zabel (1872-1956).
Laut Dresdner Adreßbuch befand sich die Blumen- und Pflanzenhandlung Zabel in der Geisingstraße 26. Barlach wohnte zur selben Zeit gut einen Kilometer entfernt bei seiner Mutter in der Reißigerstraße 34. Es liegt also nahe, daß man sich in Striesen begegnete.
Überliefert ist nicht nur die Identität der Adressatin, sondern auch ihre Perspektive: Mehrere Male, so erzählte sie später ihrer Tochter, sei ihr auf der Straße ein Herr in einem weiten Mantel mit einem schwarzen Hut begegnet. Etwas unheimlich sei er ihr gewesen, dieser Mensch. Er habe versucht, sie anzusprechen, aber sie habe es nicht zugelassen. Eines Tages steckte er ihr einen Brief zu.
Was daran Dichtung ist und was Wahrheit, ist schwer zu entscheiden. Der Mantel paßt nicht recht zur Jahreszeit; und der etwas kolportagehafte Eindruck des Unheimlichen könnte dem Briefschreiber erst im nachhinein zugewachsen sein, als er sich als einer der großen Künstler seiner Zeit entpuppte.
Sicher ist nur eins: Folgen hatte die Liebeserklärung keine. Wenige Jahre später heiratete die junge Frau den Bureau-Assistenten Friedrich Paul Steinert (1868-1913). Dem Adreßbuch zufolge war er bei den Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen angestellt: in Plauen, das 1903 nach Dresden eingemeindet wurde. Mit ihm hatte sie zwei Kinder, die unverheiratet blieben und 1980 bzw. 1996 starben.
Daß Margaretha Wilhelmine Zabel den Brief aufhob, läßt immerhin darauf schließen, daß er Eindruck gemacht hat. Gut möglich, daß sie sich von den Avancen des jungen Mannes geschmeichelt fühlte.
Aber hat sie ihre Entscheidung später bereut? „Nein, nein!“ sagt das Dresdner Ehepaar wie aus einem Mund und schüttelt im Gleichtakt die ergrauten Köpfe.

Und Barlach? Wie lang hat er dem „sehr geehrten Fräulein“ nachgetrauert? Oder war er in jener Mondnacht bereits auf eine Enttäuschung gefaßt?
In seinem Brief scheint das glücklose Ende schon eingerechnet: „Wissen Sie, was es heißt, nur von denen freundlich angesehen u. entgegenkommend behandelt zu werden, die man herzlich verachtet, während die, nach deren Wohlwollen u. deren Gunst man strebt, nur Kälte u. Verachtung für mich haben; es ist das mein bitterer Fluch u. die Erfahrung mit Ihnen erfüllt ihn.“
Ob diese Erfahrung auch eine Spur in Barlachs künstlerischem Werk hinterlassen hat, wäre eine interessante Frage. Unwahrscheinlich ist es nicht. Die Besitzer des Briefes, die dessen Adressatin noch gekannt haben, hätten da sogar eine Vermutung: Die Skulptur „Die Krautpflückerin“, mit der Barlach 1895 sein Studium an der Akademie abschloß, weise einige Ähnlichkeit mit der Striesener Gärtnerstochter auf.
In seiner Autobiographie „Ein selbsterzähltes Leben“ schreibt Barlach, er habe die niedergebeugte weibliche Gestalt in Friedrichroda gesehen. Aber was heißt das schon? Über den „Schwebenden“ im Güstrower Dom sagte er einmal, daß ihm das Gesicht von Käthe Kollwitz „hineingekommen“ sei, „ohne daß ich es mir vorgenommen hatte“. Warum sollte ihm bei der „Krautpflückerin“ nicht etwas ähnliches passiert sein?
Doch eine Fotografie von Margaretha Wilhelmine Zabel gibt es nicht, und so bleibt das eine schöne Spekulation.

Die Geschichte könnte damit zu Ende sein, wären nicht vor einigen Jahren alle 2215 bekannten Briefe Ernst Barlachs in einer vierbändigen Ausgabe bei Suhrkamp erschienen. Der Liebesbrief aus dem Dresdner Sommer 1892 fehlt darin. Da Barlach ihn jedoch gegenüber Friedrich Düsel erwähnt, ist er als „unbekannt“ und „nicht ermittelt“ im Anhang aufgeführt.
Am 13. Januar 1893 berichtet er dem Freund von einem Ladenmädchen, dem er im vorigen Sommer 7 Uhr morgens auf dem Weg zur Akademie („die ich nun mit staunenswerter Pünktlichkeit besuchte“) regelmäßig begegnet sei:
„Schlank war sie u. von rosiger Frische; ich in möglichst wirkungsvollem Aufzuge“ (deshalb also der Mantel!), „dabei von indianischer Beharrlichkeit u. List im Aufspüren u. Wachehalten. (...) Sie hatte einen weißen Hut, den ich unter hundert andern weißen Hüten im Menschengewühle entdeckte u. die Augen unter dem Hutrand verstrickten mich von Tag zu Tag mehr, erbarmungslos, rettungslos.“
Das erste und einzige „in seiner fürchterlichen, erschreckenden Glückseligkeit gierig gekostete Aug’ in Aug’“ während eines Gewitters in einem überfüllten Pferdebahnwagen läßt seine Erwartungen ins Unermeßliche steigen:
„Kann mans einem Menschen übelnehmen, daß er hofft, wenn ihm volle bis ins Innerste dringende, selten abgewandte Blicke gewährt werden; wenn die Lippen sich langsam öffnen u. schließen, eine unwillkürliche, beredte, stumme Sprache redend?“
Als er die junge Frau angesprochen habe, sei sie „sehr zurückhaltend, sehr indigniert“ gewesen, „aber wenn ich den rechten Ton traf, darauf eingehend, streitlustig“. Seine Bitten, „morgends den (näheren) Weg durch den ‚großen Garten‘ zu machen, fanden kaum Gehör, entschiedene Zurückweisung; das Alles gefiel mir mehr, als daß es mich entmutigte.“
Schließlich schrieb er „in einer heißen Nacht einen langen, langen Brief“. Sie könne ihn aber nicht jetzt gleich lesen, habe sie in schroffem Ton gesagt, „zugleich streckte sie die Hand aus, ihn zu nehmen“. Eine Antwort erhielt er nicht, und „als ich mir die Antwort holte – teilte sie mir mit, daß sie verlobt war oder sich verloben wolle!“
Im Herbst begegnete Barlach ihr wieder; es kam zu einer letzten Unterredung: „Sie war freundlich u. sprach teilnehmend, aber das half mir nichts, obgleich ich Bedeutendes im Theatralischen leistete.“
Kennt man die Zeilen, mit denen er der Gärtnerstochter so ungeschützt und rückhaltlos seine Liebe gesteht, fällt es schwer, ihm den launigen Ton abzunehmen. In welchem der beiden Schreiben mehr Theatralik steckt? Wer weiß, „was Liebe ist“, kann es sich denken.
Das Selbstporträt des Künstlers als junger Mann, der sich rettungslos in der Liebe verstrickt, hat wenig zu tun mit dem überlieferten Bild des Außenseiters, Mystikers und Asketen. Aber vielleicht sagt ja auch das etwas aus: über Ernst Barlach und die Wege, die er ging – im Leben wie in der Kunst.
Und eins ist klar: Wenn wir das nächste Mal in Dresden sind und bei Mondschein unserem runkelrübenähnlichen Schatten nachlaufen, werden wir an den so beharrlich wie hoffnungslos Liebenden denken, der sich Seite um Seite vom Herzen schreibt, „was drin sitzt; es kommt mir doch sonst zwischen alles, was ich wahrnehme, der Gedanke an Sie“.

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