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Der allerletzte Sargnagel in der MeToo-Bewegung

Wir sind die Sad Millennials

wobei, so sad sind wir gar nicht immer, und gerade heute ist ein guter Grund, um ausgesprochen fröhlich zu sein: Wir führen unseren Podcast The Sad Millennials (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) als Newsletter weiter! In Zukunft könnt ihr euch vereinzelt auf neue Podcast-Folgen freuen, aber vor allem werden wir uns ab sofort in schriftlicher Form bei euch melden.

Wir, das sind Isabella und Daniel, zwei freiberufliche Journalist*innen aus Frankfurt. Wir veröffentlichen unsere Beiträge zwar regelmäßig in unterschiedlichen Medien, aber ganz ehrlich, so einfach ist das als Freelancer nicht immer. Es kommt nicht selten vor, dass wir auf unsere Pitches erst (zu) spät oder sogar gar keine Antwort bekommen und Themen dann veraltet sind oder aber intern von den Redaktionen bearbeitet werden. Deswegen wollen wir diesen Newsletter nutzen, um über Dinge zu schreiben, die uns interessant und dringend erscheinen – so wie heute. Mitunter wird dieser Newsletter auch davon erzählen, was es bedeutet, im Jahr 2026 als Freelancer zu arbeiten.

Unsere Themenvielfalt ist dabei recht breit gefasst, vor allem mit Fokus auf Gesellschaft & Ökonomie und Popkultur & Literatur. Und nein, das wird nicht immer nur millennialspezifisch sein – aber immer von uns Millennials verfasst.

Wir freuen uns natürlich sehr, wenn ihr diesen Newsletter abonniert, uns weiterempfehlt und/oder uns Feedback schickt!

Viel Spaß mit unserer ersten Ausgabe,

Isabella Caldart (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (@isipeazy (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) und Daniel Stähr (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) aka Robbie (@robes_pierre90 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))

File:Rose McGowan (12740).jpg by Rhododendrites is licensed under CC BY-SA 4.0.

Rose McGowan und Marilyn Manson sind also befreundet

Schauspielerin Rose McGowan gehörte während der MeToo-Bewegung zu den lautesten, relevantesten und unerbittlichsten Stimmen. Jetzt offenbart sie, dass sie mit Marilyn Manson befreundet ist. Oh, the hipocrisy.

CN: Sexualisierte Gewalt

Über den Backlash beziehungsweise das Ende der MeToo-Bewegung wurde viel geschrieben. Da wäre der im Frühjahr 2022 medial ausgeschlachtete Prozess von Johnny Depp gegen Amber Heard, bei der sich ein Großteil der Öffentlichkeit trotz aller Beweise gegen Heard stellte und sie aufs Schlimmste verhöhnte und verspottete (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). „Let's drown her before we burn her!!! I will fuck her burnt corpse afterwards to make sure she's dead”, lautet eine von Depps SMS über Heard, nur als Reminder. Inzwischen gibt es immer mehr Leute, die sich für ihr Verhalten damals schämen, reichlich spät. Ebenfalls 2022 wurde in den USA die Abtreibungsreglung Roe v. Wade abgeschafft, 2024 mit Donald Trump ein Vergewaltiger wiedergewählt.

Man könnte dutzende andere Beispiele nennen. P. Diddy kam in Anbetracht der Vorwürfe (und der Beweise, etwa das Video aus dem Hotelflur (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) im Herbst 2025 mit seiner Verurteilung zu 50 Monaten Haft mit einem Klaps auf den Handrücken davon, oder das Erstarken der Incel-Bewegung, „Your body, my choice“, die Diffamierungskampagne gegen Blake Lively sowie das Comeback von Louis C.K. Für mich ist aber jetzt das endgültige, unrühmliche Ende zumindest dieses Kapitels der MeToo-Bewegung erreicht: Ausgerechnet Rose McGowan, ausgerechnet Rose McGowan, ist mit Marilyn Manson befreundet.

Diese Freundschaft als letzten Sargnagel von MeToo zu bezeichnen, ist natürlich provokant formuliert. Eine einzelne Person trägt nicht die Verantwortung für eine ganze Bewegung und auf den Schultern einer einzelnen Person sollte weder ihre gesamte Hoffnung noch ihr Ende lasten. Zugleich ist für Bewegungen, die tiefgreifende Veränderungen erwirken und die Massen mobilisieren wollen, aber wichtig, dass sie konkrete Vorreiter*innen hat. Einer der Gründe, aus denen die Occupy-Bewegung nicht langfristig Wurzeln schlagen konnte, ist auch, dass sie keine eindeutig mit ihr assoziierten Anführer*innen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hatte. Trotzdem: Rose McGowan trägt keine Schuld an dem gesellschaftlichen Backlash, den wir in den vergangenen Jahren in zahlreichen Ländern erlebt haben. Ihre Loyalität zu Manson ist aber ein Schlag ins Gesicht.

Das Image von „Schockrocker“ Manson

Ende der 1990er, Anfang der 2000er waren die Schauspielerin (Charmed) und der Musiker rund dreieinhalb Jahre zusammen, zeitweise sogar verlobt. Manson galt damals als „Schockrocker“. Ihm wurde eine Teilschuld am Columbine-Shooting im April 1999 vorgeworfen; es hieß, seine Musik habe die beiden Mörder motiviert (nebst anderen Bands wie Slipknot oder Computerspielen, die ebenfalls zur Radikalisierung der Täter beigetragen haben sollen). In der Doku Bowling for Columbine (2002) von Michael Moore sah man erstmals eine andere, eine neue Seite von ihm. Vom Regisseur gefragt, was er den Schüler*innen in Columbine sagen würde, erklärte er ruhig, er würde ihnen gar nichts sagen, sondern zuhören, denn das habe bisher keiner getan.

Zeitweise war ein Großteil der Welt davon überzeugt, dass dieses „Schockrocker“-Image nichts anderes wäre als eine Kunstfigur, die Marilyn Manson in der Öffentlichkeit verkörpert. Später kam er mit der Schauspielerin Evan Rachel Wood zusammen, mit der er im Musikvideo zum Song „Heart-Shaped Glasses“ (2007) Sex hatte – Wood war damals 19, Manson 38 Jahre alt. Anfang 2022 sagte Wood, sie sei bei dem Videodreh von Manson vergewaltigt worden. Kurz zuvor, im November 2021, hatte der US-amerikanische Rolling Stone einen Deep-Dive in die vielfältigen Vorwürfe gegen Manson vorgenommen. Die Recherche „The Monster Hiding At Plain Sight (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ ist wirklich grauenhaft zu lesen, vielleicht eine der schlimmsten, die im Zuge der MeToo-Bewegung veröffentlicht wurden. Alle Triggerwarnungen, wirklich alle.

Eine wichtige Stimme der MeToo-Bewegung

Rose McGowan wiederum gehörte zu den wichtigsten und lautesten Stimmen während MeToo. Sie war im Oktober 2017 eine der ersten Schauspielerinnen, die öffentlich sagten, dass Harvey Weinstein sie vergewaltigt habe. Zusammen mit anderen prominenten Frauen und den fast gleichzeitig veröffentlichten Recherchen vom New Yorker und der New York Times war sie es, die diese Bewegung ins Rollen brachte. Im Vergleich zu ihren Mitstreiterinnen war McGowan bedeutend radikaler und warf anderen Frauen Heuchelei vor. Im Dezember 2017 tweetete sie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) über „Schauspielerinnen wie Meryl Streep”: „YOUR SILENCE is THE problem” und „I despise you hypocrisy”. Und ausgerechnet McGowan macht sich jetzt selbst der Heuchelei schuldig.

Von Opfern grausamer Verbrechen wird oft erwartet, sie müssten sich moralisch einwandfrei verhalten. Einer der (vielen!) Gründe, aus denen Amber Heard dermaßen durch den Dreck gezogen wurde, ist, dass sie kein „perfektes Opfer (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ war. Selbst Gisèle Pelicot, die durch die Hölle gegangen ist und geradezu unmenschliche Stärke gezeigt hat, verhält sich nicht „perfekt“. Ihre Tochter Caroline Darian hat den Kontakt zu ihrer Mutter abgebrochen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), weil Pelicot nicht glaubt, dass auch sie Opfer ihres Vaters ist: „Your father is incapable of such a thing“, soll Pelicot zu Darian gesagt haben.

Missbrauchsopfer haben genauso wie alle Personen auf der Welt das Recht, Fehler zu begehen. Gleich, wie verwerflich sie sich verhalten, nichts darf das Leid, das sie erfahren haben, relativieren. Auch McGowan ist das Gegenteil eines „perfekten Opfere“. Sie eckt oft massiv an, kritisierte außer Meryl Street unter anderem Charmed-Co-Star Alyssa Milano, Oprah Winfrey, Natalie Portman, Hillary Clinton … und hatte oft sehr gute Gründe für ihre Kritik. In den vergangenen Jahren hat sie aber auch immer wieder fragwürdige Positionen vertreten. So ließ sie sich vom rechtsextremen Sender Fox News interviewen und unterstützte bei der Gouverneurswahl in Kalifornien 2021 den Republikaner Larry Elder, der unter anderem Covid-Falschinformationen verbreitet hatte und dem selbst mehrfach sexueller Missbrauch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) vorgeworfen wurde.

Screenshot von McGowans Kommentar beim Instagram-Account @needtotalk

„Time can heal“

Bezüglich Marilyn Manson hatte McGown, wenige Wochen nach den Vergewaltigungsvorwürfen durch Wood, im Februar 2021 auf Instagram (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) geschrieben: „I am profoundly sorry to those who have suffered the abuse & mental torture of Marilyn Manson” und „I stand with Evan Rachel Wood and all of those who have or will come forward”. Von dieser Solidarität ist nicht mehr viel übrig, der Post inzwischen gelöscht. Im Juli 2024 wurde in einem Subreddit gepostet (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dass McGowan und Manson nicht nur wenige Wochen zuvor in Hollywood bei einem Dinner zusammen gesehen worden waren, sondern dass sie ihm wieder auf Instagram folge.

Anfang dieses Jahres nun trat Rose McGowan im Podcast „We Need To Talk“ von Paul C. Brunson auf, laut Selbstbeschreibung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) „The #1 dating & relationships advice show“. In einem auf Instagram geposteten Snippet (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) heißt es „Marilyn Manson loved me when being different wasn’t loveable at all“. Unter diesem Clip wird sie von einer Person gefragt: „Are u and Manson still friends ❤️“, und McGowan bestätigt diese Freundschaft. „I will always stand with what is true”, heißt es weiter, und: „I asked to read the legal files. I have a lot of experience with conspiracies as one whose [sic] been targeted.” Sie habe verletzt, dass Manson auf die Frage, ob sie, McGowan, ihm jemals von „HW“ (Harvey Weinstein) erzählt habe, gelogen habe. „Time can heal ❤️“ endet ihre Antwort. Kein Wort zu den vielen Frauen, die Manson mutmaßlich gedemütigt, gefoltert und vergewaltigt haben soll. Ihre Selbstwahrnehmung als Opfer von Verschwörungen und Empathie mit vermeintlich anderen Opfern von Verschwörungen scheint mehr zu wiegen als die glaubwürdigen Vorwürfe gegen ihren Freund.

McGown ist nicht die Einzige, die die zahlreichen und krassen Anschuldigungen gegen Manson ignoriert (die Anklagen gegen ihn wurden fallengelassen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)). Berichten und Fotos zufolge waren auf seiner Geburtstagsparty vor wenigen Tagen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) unter anderem Billy Corgan (Smashing Pumpkins), Courtney Love, Vincent Gallo, Danny Elfman und Mansons Ex-Frau Dita von Teese zu Gast. Es ist eine misogyne Trope, von Frauen ein „besseres“ Verhalten zu erwarten als von Männern. Dass aber ausgerechnet Rose McGowan, eins der Gesichter der MeToo-Bewegung, die vielen Frauen, die Manson Gewalt vorwerfen, komplett übergeht, ist trotzdem eine große Enttäuschung. I despise your hipocrisy.

Das Ende von MeToo als Möglichkeit für Erneuerung

Die MeToo-Bewegung, wie wir sie heute kennen – der Begriff wurde ursprünglich im Jahr 2006 von Tarana Burke geprägt, aber erst im Oktober 2017 popularisiert –, ist untrennbar mit Hollywood und der US-amerikanischen Entertainmentbranche assoziiert. Auch wenn es in anderen Bereichen und in anderen Ländern zaghafte Versuche gab, mithilfe dieser Bewegung eine Veränderung zu bewirken (etwa DeutschrapMeToo), haben diese in den wenigsten Fällen gefruchtet.

Mit McGowans Bekenntnis zu Marilyn Manson ist MeToo endgültig vorbei. Das heißt aber nicht, dass der Kampf gegen Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt vorbei ist. Aus ebendiesem Grund ist es so problematisch, dass Vorwürfe wegen Übergriffigkeit bis hin zu Vergewaltigung in der Presse so lange als „MeToo-Vorwürfe“ bezeichnet wurden, was sie in ihrer Wucht semantisch abschwächt. MeToo ist tot, aber das bietet zugleich eine Möglichkeit für Erneuerung. Die MeToo-Bewegung war nur ein Kapitel im jahrzehnte-, jahrhundertelangen Kampf für Frauen- und LGBTQ-Rechte und dafür, Überlebenden von sexualisierter Gewalt zu glauben. Es ist an der Zeit, sexualisierte Gewalt wieder als sexualisierte Gewalt zu bezeichnen, statt sie durch die Assoziation mit einem Hashtag zu verharmlosen.

Isabella Caldart 

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Im Podcast Diabolical Lies sprechen Katie Gatti Tassin und Caro Claire Burke ausführlich über gesellschaftliche Themen, immer mit politischer, ökonomischer und popkultureller Linse und viel Humor, zum Beispiel über Ethical Consumption (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder MAGA-Girlbosse (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). – Isabella

Interessanter Vergleich im Guardian (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zwischen den zwei sehr unterschiedlichen Ansätzen von Madrid und Barcelona, wie mit der housing crisis in den beiden Großstädten umgegangen wird. –Isabella

Peter Navarro ist Trumps Chefberater, wenn es um seine absurde Zollpolitik geht. Er ist sogar so ein armseliges Würstchen, dass seine eigene Mutter eines seiner Bücher auf Amazon nur mit 4 von 5 Sternen bewertet hat. Das alles und mehr kann man in diesem ebenso amüsanten wie vernichtenden Portrait von Ian Parker im New Yorker nachgelesen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). – Daniel

Du kriegst nicht genug? Mehr von uns!

Daniel hat eine Glosse über den Begriff „Verschiebebahnhof (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ für Surplus geschrieben und erläutert ebenfalls in Surplus, warum Ökonom*innen Migration mit falscher Begründung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) verteidigen. Sein Buch „Die neuen Propheten. Wie Ökonomen unsere Zukunft verspielen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ erscheint am 11. März bei S. Fischer.

Isabella hat zum Jahresende in der Sendung Studio 9 von Deutschlandfunk Kultur über den Kurzgeschichtenband „Grelles Licht für darke Leute (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ von Mariana Enriquez gesprochen. In der neuen Ausgabe vom Missy Magazine (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (ET: 20. Januar) findet ihr zwei kurze Besprechungen von ihr, erneut zu Enriquez sowie zu der Doku „Wir, die Wolfs“.

 

 

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