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Der Schatten des wilden Katers

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Alle Jahre wieder veranstaltet die liebe Kollegin Rega Kerner zusammen mit der ebenso lieben Kollegin Andrea Ego die Autoren-Oster- und Weihnachtskalender bei denen sich hinter jedem Türchen zum Anlass bzw. der Jahreszeit passende Geschichten von anderen Autoren verbergen. Zweimal war ich schon dabei und auch diesmal, zu Ostern, werde ich einen kleinen Beitrag leisten. Ausgewählt habe ich "Der Schatten des wilden Katers", eine Geschichte, die wie ich finde, durchaus zu Ostern passt. Warum, das dürft ihr gerne herausfinden.

Die Menschen glauben, Katzen hätten sieben Leben. Doch sie irren sich, es können sehr viel mehr sein! Doch selbst, wenn es nur sieben Leben wären oder sechs oder auch nur zwei, über die Bedeutung dieser Tatsache sind sich die meisten nicht einmal ansatzweise im Klaren.

So, und nachdem ihr euch diese Geschichte angehört habt, solltet ihr unbedingt zurück zu den anderen Geschichten des Autorenadventskalenders (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gehen. Und wenn ihr den Schatten des wilden Katers lieber nachlesen wollt, geht das natürlich auch.

https://www.autoren-adventskalender.de/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Lustlos gleitet der Schatten des wilden Katers durch das Gehölz seines Reviers. Er selbst weilt längst nicht mehr unter den Lebenden. Doch das hatte die Ratten lange Zeit nicht davon abgehalten, seinem umherstreifenden Schemen respektvoll aus dem Weg zu gehen, man konnte ja nie wissen. Auch andere Katzen, Beutetiere und selbst der Fuchs hatten das verwahrloste Grundstück gemieden, wenn der Schatten seine Runden drehte. Aber das war längst Vergangenheit, ebenso wie der Besuch von Hunden oder Menschen, die hatten schon seit Jahrzehnten keinen Fuß mehr in Katers Revier gesetzt. Dabei könnte der Schatten beim besten Willen keiner Fliege etwas zuleide tun, keinem Wesen seine Krallen oder spitzen Zähne in den Körper schlagen, dafür fehlt ihm schlichtweg die materielle Substanz.

Wehmütig lässt sich der Schemen auf dem Stamm eines umgestürzten Baumes nieder, des Baumes, der dem Kater damals, vor endlos langer Zeit, als Fluchtpunkt vor dem wütenden Kläffer gedient hatte. Dieser Baum ist es auch, aus dessen mächtiger Krone er früher das Wohnhaus beobachtet und Pläne zur Vertreibung seiner unerwünschten Gäste geschmiedet hatte. Zu jener Zeit war er wild, stark und selbstbewusst und zum Leidwesen des dreisten Hundes und seiner Menschen im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte. Lautlos in sich hineinschnurrend ruft sich der Schemen das Bild von damals in Erinnerung. Seine nächtliche Attacke hatte ihnen den Rest gegeben. Mit blutigen Verbänden um Kopf und Hände waren sie mit ihren schnell zusammengerafften Sachen in ihr Auto gestiegen und unter des wilden Katers triumphierenden Blicken auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Dabei hatte er sie lange genug gewarnt, tote Ratten mit großer Sorgfalt in der Speisekammer, im Bett oder auf dem Esstisch platziert und Nacht für Nacht den Hund verprügelt, bis der sich kaum noch aus dem Hause traute. Aber sie hatten nicht begreifen wollen. Er hatte sie nicht eingeladen, diese Katzenhasser, die kaum angekommen ihren Hund auf ihn gehetzt hatten, in seinem eigenen Revier, dort wo er geboren und aufgewachsen war. Stattdessen hatten sie versucht, ihn zu vertreiben, ja sogar zu vergiften, vergeblich natürlich!

In Erinnerungen schwelgend betritt der Schatten des wilden Katers das Gebäude, das längst zu einer Ruine zusammengefallen ist.

Die neuen Bewohner, die einige Monate später das Haus bezogen hatten, waren zwar auch nicht unbedingt erwünscht gewesen, aber wenigstens von freundlicher Natur. Und nachdem er den jungen, verspielten, aber gelehrigen Hund in seine Schranken verwiesen hatte, erwies sich die Anwesenheit der durch und durch ökologischen Familie mit gewissen esoterischen Anwandlungen und der offensiv zur Schau gestellten Tierliebe als zunächst recht unterhaltsam. Und so hatte er ihnen den Status der Duldung verliehen, um ihnen Zeit zu geben, sich an seine Regeln für das Zusammenleben anzupassen. Schließlich ist Kater ja kein Untier und das Revier groß genug, um sich ohne wesentliche Einschränkungen aus dem Weg zu gehen.

Zugegeben, es hatte noch weitere Gründe gegeben, etwa die Behauptung seiner Kumpels aus den Nachbarrevieren, dass das Zusammenleben mit Menschen durchaus seine Vorteile haben kann.

Der Schatten des wilden Katers gleitet durch die Überreste menschlichen Wirkens, die nunmehr einem Labyrinth aus geometrischen Strukturen, dunklen Trümmerhöhlen und chaotischem Wurzelwerk ähneln. Kleine Lichtoasen, dort, wo die Fäule den Dachstuhl unter der Last der verwitterten Ziegel hat zusammenbrechen lassen, laden zum Verweilen ein. Die überall herumliegenden Splitter der einstmals so großen Glasfenster, die Hildegard damals wegen des positiven Energiestromes hatte einbauen lassen, können den Pfoten des Schattens nichts anhaben, auch nicht die scharfen, rostigen Eisenbewehrungen, mit denen die nach Feng-Shui Kriterien eingezogenen Raumteiler dereinst befestigt waren. Dass all dies Versuche Hildes waren, eine positive Beziehung zu ihm aufzubauen, konnte der wilde Kater nicht ahnen, es hätte ihn auch nicht gekümmert. Denn Hildes unerbittliche Tierliebe war es am Ende gewesen, die ihn dazu veranlasst hatte, zu ihr auf Distanz zu gehen und irgendwann auch das Wohnhaus der ungeladenen Gäste zu meiden.

Der Schatten lässt den Blick seiner leeren, matten Augen durch das Gewirr aus Licht und Schatten streifen. Nur noch der rottende Metallreifen, der da zwischen den Relikten der verwesenden Holzmöbel liegt, erinnert an die albernen Versuche Hildes, eine Bindung zu ihm aufzubauen. Damals war der Reifen mit Naturfasern umwunden, mit Federn und Kügelchen behangen und sollte ihn wohl dazu animieren, Jagen zu spielen. Das jedenfalls war die Vermutung des Katers. Eine Beleidigung allemal, denn wie sollte so ein totes Ding das Abenteuer, die Aufregung, ja die Lust an einer echten Jagd auch nur ansatzweise ersetzen können. Der Schatten schnurrt voller wilder Freude, als er sich daran erinnert, wie er dieses Ding vor den Augen der entsetzten Hilde nach allen Regeln der Kunst zerlegt und ihrer beruhigend ausgestreckten Hand mit seinen scharfen Krallen seine Signatur eingefräst hatte. Dem rostigen Metallnapf, früher silbrig glänzend, kalt und scheppernd, in dem ihm damals Hilde die labberige Pampe zum Fraß vorgesetzt hatte, widmet er auch heute noch keinen Blick. Nein, die von seinen Kumpels behaupteten Vorteile des Zusammenlebens mit oder besser der Abhängigkeit vom Menschen haben sich dem wilden Kater nie erschlossen.

Die fette Ratte, die da wie auf einem Präsentierteller unaufgeregt vor sich hinpfeift, holt den Schatten des wilden Katers aus seinen Erinnerungen in die Gegenwart zurück. Aufgeregt schnellt der Schattenschwanz hin und her, hebt sich das konturlose Hinterteil und bringt wackelnd die Pfoten in Sprungposition. Ein Hauch von Schimmer stiehlt sich in die leblosen Augen und die Schatten der Tasthaare legen sich wie Teil eines Spinnennetzes über das unbedarfte Opfer. Mit gewaltigem Sprung schnellt der Schemen auf die Ratte zu, schlägt seine Krallen in den zuckenden Körper und die spitzen Fangzähne dringen tief in den Nacken des Nagers ein, bis das Knacken der Knochen in das taube Gehör des Schattenkaters dringt.

Die Freude über den Fang, die Erregung des Schattens ist nur kurz, denn auch das Erlebnis, diese Gefühle sind nur eine Reminiszenz an die guten Tage des wilden Katers, die die Ratte, die sich durch den flüchtigen Schatten kaum für den Bruchteil einer Sekunde irritieren lässt, ebenso wie viele vorherige Generationen nie erlebt hat.

Die dicken, blauschwarzen Wolken, die sich über dem Grundstück auftürmen, drücken das Licht aus den Winkeln des Hauses, lassen die Konturen im Innern verschwimmen und den Schatten des wilden Katers mit dem Raum verschmelzen. Das Donnergrollen, das vom nahenden Gewitter kündet, treibt die Bewohner des Reviers in ihre Baue, Höhlen, Unterschlupfe. Nur den Schatten zieht es nach draußen, auf den Platz, von dem aus der wilde Kater die plötzliche Abreise seiner menschlichen Gäste beobachtet hatte. Auch damals war ein Unwetter aufgezogen, dessen Sturmböen dem wilden Kater das Fell zerzaust und die Menschen zur Eile angetrieben hatten. Als schließlich der Regen einsetzte, waren die Menschen in ihre Autos gesprungen, in das alte, stinkende Gefährt der Familie und das riesige Transportmonster, das die Einrichtung des Hauses verschlungen hatte. Auch der wilde Kater war in Deckung gegangen, um von dort aus den verschwindenden Fahrzeugen hinterherzublicken.

Dem Schatten machen Regen und Sturm natürlich nichts aus und so bleibt er an seiner Reviergrenze sitzen und starrt gedankenverloren in die Ferne. Die Abreise war für den wilden Kater völlig überraschend gekommen. Von seiner Seite aus hätten sie ruhig noch bleiben können, nicht für immer natürlich, aber doch noch ein Weilchen. Jedenfalls hatte er diesmal nichts unternommen, die Menschen zu vertreiben und irgendwie war er davon ausgegangen, dass sie eines Tages wiederkehren würden. Nicht, dass er sie vermisst hätte, aber dennoch hatte ihre unerklärliche Abreise ein merkwürdiges Gefühl hinterlassen.

Nein, vermisst hatte er sie und auch den Hund nicht, mit dem ihn so etwas wie eine vertrauliche, aber distanzierte Koexistenz verbunden hatte. Die verbissene Hildegard schon gar nicht, ebensowenig wie Kevin-Sascha-Johannes, ihren Mann, der ohnehin kaum anwesend war und auch den kleinen Jan-Niklas nicht, dem er zugegebenermaßen recht gerne beim Bau seines Baumhauses zugeschaut hatte. Nein, im Gegenteil, nun hatte er sich wieder frei und ungestört in seinem Revier bewegen können, in seinem ganzen Revier, einschließlich aller Gebäude und Schuppen. Er konnte sich wieder nach Herzenslust mit den Nachbarn prügeln, ohne dass eine entsetzte Hilde versuchte, Frieden zu stiften, er konnte nach Herzenslust überall jagen, ohne dass die Beute von aufgeregten Zweibeinern verscheucht wurde und so vieles mehr. Er war wieder eindeutiger Herr in seinem Reich, in dem ihm nie drohte, langweilig zu werden.

Menschen hatten sein Revier nach dem Verschwinden der Familie bis zum heutigen Tag nicht wieder betreten und den paar Kläffern, die sich gelegentlich auf das Grundstück verirrten, hatte er gehörig und mit Begeisterung die Nasen zerkratzt.

Doch irgendwann waren die besten Zeiten des wilden Katers vorbei. Immer öfter konnte er den Ambitionen seines Schattens nicht mehr folgen. Am Ende legte er sich an seinem Lieblingsplatz zur Ruhe, hing seinen Erinnerungen nach und entließ seinen treuen Schatten schließlich aus seinen Diensten. Als das Leben ganz aus dem abgemagerten Körper gewichen war, löste sich der Schatten von seinem Ich, ging fortan seiner eigenen Wege und hielt die Erinnerungen des wilden Katers am Leben.

Das Gewitter ist längst abgeebbt und über den verwilderten Bäumen zwischen den verfallenen Schuppen lässt die Nachmittagssonne einen strahlenden Regenbogen vor graublauem Himmel entstehen. Der Schatten schlendert auf die Reste des Baumhauses zu, das Jan-Niklas in mühevoller Kleinarbeit in die dicke Stammgabel der immer noch gewaltigen Buche gebaut hatte. So manche Bretter sind längt unter dem Druck des wachsenden Baumes geborsten, Pilze bevölkern das Holz und lassen sich die fauligen Fasern schmecken. Allerlei Insekten haben sich in dem modrigen Balken häuslich eingerichtet und zwischen wucherndem Efeu und wuseligem Schlinggewächs hat sogar eine Maus für ihren Nachwuchs Schutz und Sicherheit gefunden. Dies ist der Platz, zu dem sich der Schatten heute besonders hingezogen fühlt, der alte Lieblingsplatz des wilden Katers.

Weder das schrille Quietschen der Angeln des Gartentors noch die schmatzenden Stiefelschritte, die sich durch den aufgeweichten Boden auf das Baumhaus zubewegen, vermögen den Schatten des wilden Katers zu erreichen. Der liegt in den Resten der kleinen Katzenhütte, die Jan-Niklas für den wilden Kater gebastelt hatte und träumt von alten Zeiten. Misstrauisch, aber voller Neugier hatte er damals die Aktivitäten des Jungen beobachtet, wie der Balken für Balken und Brett für Brett in die Baumgabel geschleppt und dort festgenagelt hatte. Bald schon war eine kleine Plattform entstanden, die der

wilde Kater des Nachts, als alle Menschen schliefen, untersucht und für gut befunden hatte. Irgendwann war der Kater sogar auf den Baum gekommen, wenn Janni da war und hatte das Geschehen aus nächster Nähe beobachtet. Janni freute sich zwar über seine Gesellschaft, konzentrierte sich aber voll und ganz auf seine Arbeit. Ein kurzes 'Hallo Alter, gefällt dir mein Baumhaus' war so ziemlich alles an Kommunikation, was zwischen den beiden stattfand.

Später begann Janni, dem Kater, der aufmerksam zuhörte, zu erklären, was er da machte und was er vorhatte, wenn das Baumhaus fertig war, und irgendwann hatte der Kater die Scheu vor dem Jungen verloren oder besser gesagt, er hatte ihn als unaufdringlich und harmlos erkannt. Der Schatten seufzt, das mit der kleinen Hütte, die Jan-Niklas für den wilden Kater in seinem Baumhaus gebaut hatte, war schon ein feiner Zug von dem Jungen, der den Kater einfach nahm, wie er war, und sich nicht erdreistete, ihn zu streicheln oder zu irgendwelchen unwürdigen Dingen zu nötigen, die seine Kumpels aus der Nachbarschaft von ihren Menschen über sich ergehen lassen mussten.

Der Mann mittleren Alters hat inzwischen das Baumhaus erreicht und hockt nun auf der maroden Plattform. Vorsichtig, beinahe zärtlich zieht er den Efeu und das Schlinggewächs beiseite, das die Katzenhütte verbirgt. Sanft streichen seine Finger über die vom Moos befreiten, in das kleine Schild eingeschnitzten Buchstaben. „Käpt‘n Hook, mein alter Freund Käpt‘n Hook, hätte ich mich doch bloß von dir verabschieden können.“

Als der Name, den Jannik seinem Freund, dem wilden Kater, wegen dessen Knick im Schwanz damals verliehen hatte, in das Bewusstsein des Schattens vordringt und die Sonnenstrahlen das schwarze Fell erwärmen, kehrt der Schemen, der für so lange in des wilden Katers Revier ausgeharrt hatte, zu seinem Ich zurück. Große bernsteinfarbene Augen öffnen sich und schauen Jan-Niklas, der überrascht ein wenig zurückweicht, strahlend an. Fröhlich maunzend reckt und streckt sich der wilde Kater, stellt sich auf und rammt seinem alten Menschenkumpel den Schädel gegen die Stirn. Es hat so unendlich lange gedauert, aber nun kann der wilde Kater endlich sein zweites oder wievieltes Leben auch immer antreten.

https://wolfgangschwerdt.com/2019/08/07/wolfgang-schwerdts-katzenwelten/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Sujet Phantastische Storys

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