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Newsletter ZWEIUNDZWANZIG

WAS IST NEU?

Stechmücken

Ich liege nachts in meinem Bett und neben meinem Ohr summt es. Erstaunlich laut. Ich springe auf und mache das Licht an. Das Summen verstummt. Ich blicke mich im Schlafzimmer um. Nichts. Keine Mücke, nirgends. Natürlich wohne ich als aus Süddeutschland nach Berlin gezogener in einer riesigen Altbauwohnung mit Deckenhöhe 4,5 Meter. Hätte ich damals in der Schule bei Mathe aufgepasst, könnte ich jetzt das Volumen meines Schlafzimmers berechnen. Sagen wir einfach, die winzige Stechmücke steht in meinem Schlafzimmer im Verhältnis Saarland zur Welt. Oder vielleicht eher Saarland / Sonnensystem. Meine unerfolgreiche Mückenjagt wiederholt sich etwa sieben Mal. Als ich morgens aufwache, juckt es am Zeh, an der Stirn, am Arm und zweimal am Oberschenkel. Die nächste Nacht das gleiche Spiel. Ich stelle mir die Mücke mit dem Gesicht von Alice Weidel vor. Ein kleiner Rüssel als Nase. Nachts habe ich seltsame Gedanken. Dann schäme ich mich. Warum denke ich die Mücke weiblich? Total sexistisch. Die blutsaugene Stechmücke ist allerdings wirklich weiblich. Die brauchen unser Blut zur Produktion der Eier. Die Männchen essen lieber Zucker. Ich stelle mir die Mücke mit dem Gesicht von Donald Trump vor. Passt irgendwie nicht. Auch Hitler, Stalin, Pol Pot funktionieren nicht als Mückengesicht. Schnurrbärte scheinen Mücken nicht zu stehen. Wie Pol Pot aussah weiß ich auch gar nicht. Inzwischen ist er vier Uhr morgens und ich bin immer noch nicht eingeschlafen, das Summen und meine bedenklich wahnsinnigen Gedankenspiele halten mich wach. Vielleicht ist es auch übertrieben, eine harmlose kleine Mücke, deren Stiche zwei, drei Tage jucken, mit Massenmördern zu bebildern. Aber Friedrich Merz als Gesicht der Mücke fühlt sich nicht richtig an. Lars Klingbeil? Nee! Carsten Linnemann? Ja, das geht. Eine Mücke namens Carsten schwirrt nervös um mich rum wie um einen so genannten Totalverweigerer. Und wenn ich nicht arbeiten gehe, sticht Carsten zu und saugt ein wenig Blut und kürzt meine Bezüge. Um dann ein paar sozialdarwinstische Eier zu produzieren. Die Metapher trägt auch nicht ewig, merke ich. Vielleicht nur so weit: Tags versaut mir die Regierung und die AFD die Laune, nachts die Stechmücken. Zum Glück ist Sommer und ich kann ins Freibad gehen. Da bin ich entspannt. Im Wasser kühle ich meine 17 Stiche und mein Handy liegt einsam im Schließfach neben dem Eingang. Für ein paar Stunden Ruhe.

DAS TELEFONAT

Die Kita meines Sohnes ruft an.

"Herr Lehmann", sagt die Erzieherin. "Kennen Sie eigentlich dieses schöne Kinderbuch: Das Neinhorn."

"Nein", sage ich.

"Muhhha, Sie sind einfach lustig. Sie sagen jetzt nur NEIN, weil das Einhorn in dem Buch auch immer Nein sagt und deswegen von allen Neinhorn genannt wird."

"Nein", sage ich.

"Haha", sagt die Erzieherin. "Es geht natürlich um ihren Sohn. Seit wir in der Kita das Buch mit den Kindern gelesen haben, sagt er immer nur noch Nein."

"Oh nein..."

"Jetzt ist es langsam nicht mehr lustig, Herr Lehmann."

"Nein?"

"Vielleicht können Sie da erzieherisch positiv auf ihn einwirken."

"Nein!"

"AHHHH. Ihr Familie, ey. Ich bin seit 20 Jahren Erzieherin, aber das ist mir noch nie untergekommen. Ich hatte mal einen Vater, der sich beschwert hat, dass die Kinder hier hin und wieder Weizenbrötchen essen. Das fand er sehr ungesund. Er meinte, da könnten wir den Kindern ja gleich einen Atombrenntstab als Lutscher geben. Und wir hatten mal Hardcore-Nudisten, die ihre Zwillinge immer nackt in die Kita geschickt haben. Auch im Winter. Aber Sie. Das toppt alles. Sie sind doch auch so was Ähnliches wie ein Schriftsteller. Können Sie bitte mal ein Buch schreiben über einen positiv gestimmten Ja-guar?"

"Nein", sage ich.

"Hab ich's doch gewusst", sagt die Erzieherin und legt auf.

Am Nachmittag hole ich meinen Sohn von der Kita ab.

"Na, hattest du einen schönen Tag?", frage ich.

"Nein", sagt er.

"Willst du drei Kugeln Eis mit Sahne und Streuseln?"

Ich sehe wie sich ein großer Konflikt in seinem Kopf abspielt.

"Das ist unfair, Papa", sagt er schließlich.

"Nein", sage ich.

"Wollen Sie ihren Sohn morgen auch wieder bringen?", fragt mich die Erzieherin plötzlich.

"Äh", sage ich. "Eigentlich schon...."

"Wusste ich es doch", sagt die Erzieherin und schließt die Kitatür vor meiner Nase.

SONGS FOR THE LEFTOVERS -

Lieder, die ich gerade höre.

The Rolling Stones - In the Stars (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Ich habe die Rolling Stones schon immer gehasst. Naja. Gehasst ist vielleicht zu viel gesagt. Sie nerven vor allem. Also, besonders Mick Jagger. Der hat seine Karriere nur auf sein undiagnostiziertes ADS aufgebaut. Klar, gibt es tolle Lieder von ihnen. Die meisten sind so um die 60 Jahre alt. Es stimmt auch nicht, dass ich sie schon immer gehasst habe. Als Tennie fand ich sie super. So mit 15 war ich mal auf einem Konzert in einem Schweizer Stadion - und neben mir sang ein Mann mit langen Haaren und Glatze (ja, das geht) sehr laut bei jedem Lied mit. Er trug eine Lederjacke mit Nieten. Bei “Angie” zückte er sein Feuerzeug und schwenkte es vor mir herum. Beinahe hätten meine Haare Feuer gefangen. Vielleicht übertreibe ich. Aber selbst mit 15 wusste ich ab da: Die Beatles sind einfach besser. Sie besitzen außerdem den Vorteil, dass alte Rocker bei Konzerten ihre Songs nicht zerstören können (eigentlich finde ich ihn inzwischen ganz süß).

Es gibt ein sehr lustiges Interview mit Noel Gallagher von Oasis (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), bei der er von einer Begegnung mit Keith Richards berichtet. Keith fragte Noel, welcher Sänger der schlimmere ist, der von Noel oder der von ihm. Also Mick Jagger. Und Mick Jagger ist wirklich furchtbar nervig. Es gibt so schöne Songs von den Stones, die Keith Richards singt. Aber meistens “gockelt” (Jens Balzer in der ZEIT) sich Mick in den Vordergrund. Und es braucht nur drei Sekunden eines Songs und ich sehe ihn in meinem Kopf schon in seinen orthopädischen Schuhen über die Bühne hibbeln und seinen Hintern schütteln als hänge das Wohlbefinden von 80000 Fans nur davon ab. Mick Jagger ist inzwischen 82 Jahre alt, klingt allerdings immer noch fast so “gockelig” wie mit 29. Keith Richards ist sogar schon 110 Jahre alt. Wie zum Devil schaffen sie es immer noch so Hits zu schreiben wie “In the Stars” von ihrem neuen Album “Foreign Tongues”? Oder auch das schöne von Keith gesungene “Some of us”? Was ist gerade los mit den alten Haudegen? Paul McCartney hat auch gerade ein neues Soloalbum herausgebracht, seine Stimme klingt inzwischen allerdings wie die 84, die er ist. Trotzdem scheinen überall wunderschöne Melodien auf. Gestern war ich auf dem The-Cure-Konzert in der Berliner Wuhlheide. Robert Smith, mit seinen 67 auch kein Jungspund mehr, singt so wunderschön über das Übel der Welt und das Übel der Liebe wie es ein 19jähriger. Im Video zu “In the Stars” wurden die Stones mittels KI 50 Jahre verjüngt. Jedenfalls ihre Gesichter. Und ich muss sagen: geht. Glaubt man. Könnte auch ne junge Band sein. Im Podcast mit Conan O’Brien erzählt Mick übrigens, dass Keith vor allem seine Mundharmonika-Künste lobt. Ein vergiftetes Lob, denn wenn er er die Mundharmonika spielt, singt er wenigstens nicht. Im Podcast bekommt man übrigens auch mit, dass Mick Jagger ziemlich lustig sein kann. Und immerhin stehen die Stones seit 60 Jahren meistens auf der richtigen Seite der Geschichte und sind nicht die Dieter Nuhrs des Rock’n’Rolls geworden.

WAS STEHT AN?

Zweimal Sommershows: 17.7. in Gengenbach und 13.8. in Baienfurt. Und im September geht’s dann wieder los mit “Kleinere Katastrophen”. Alle Ticketlinks auf: www.sebastianlehmann.net (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

VIELEN DANK FÜRS LESEN.

Bis in zwei Wochen! Dein Sebastian.

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