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WAS IST NEU?

Die Irren

Immerhin sind unsere irren Zeiten überraschend. Gerade was Politiker*innen angeht. Die neueste Überraschung: Donald Trump versteht sich jetzt plötzlich blendend mit dem neu gewählten New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani. Wie konnte das passieren? Bis vor Kurzem fand Trump noch, dass der ein irrer Kommunist sei. Bei einem Treffen im Weißen Haus schien Trump nun Gefallen an dem von den Republikanern wirklich verhassten jungen muslimischen Politiker zu finden. Mamdani darf ihn sogar als Faschist bezeichnen. Findet Trump schon okay. Hä?

Und eine besonders extremistische Republikanerin mit dem wunderschönen Namen Marjorie Taylor Greene, die bis vor Kurzem noch mit Verschwörungsmythen und Rassismus auffiel und treuste Trump-Anhängerin war, entschuldigt sich öffentlich für ihre toxische Politik und tritt sogar zurück. Davor hatte Trump sie als Verräterin beschimpft, weil sie weiterhin für die (jetzt auch erfolgte) Freigabe der Epstein-Files eintrat. Daraufhin erhielt sie wohl Morddrohungen und sehr viel Hass von Trump-Fans, was sie anscheinend so erschreckte, dass sie ihr gesamtes politisches Handeln in Frage stellte. Nach dem Motto: Achso, dieser Hass, den ich sähe, hat auch konkrete Folgen. Vielleicht überdenke ich das nochmal.

Politiker*innen sind auch Menschen. Sie können sich irren. Sie können einsehen, dass die Rolle, die sie bis jetzt spielten, eine gefährliche und unmenschliche war. Sie können sich ändern. Das sollten wir beim ganzen grassierenden Politikerhass nie vergessen. Auch unsere schlimmsten Feinde sind Menschen. Man denke an George W. Bush. Der mit dreisten Lügen seinen Krieg im Irak begründete und die Freiheiten in den USA einschränkte. Inzwischen redet er nachdenklich über seinen Krieg, scheint gar zu bereuen und ist mit Michelle Obama befreundet. Als er Trumps erste Inaugurations-Rede hörte, sagte er angeblich: „That was some weird shit.“

In Deutschland gibt es keine so dramatischen Kehrtwenden wie bei Greene. Trotzdem finde ich den Fall Volker Wissing, Verkehrsminister in der Ampel, ziemlich interessant. Während der Regierungszeit galt er noch als Feind von Progressiven und Linken, weil er unter anderem gegen das Tempolimit auf Autobahnen war. Aber als Christian Lindler die Regierung sabotierte, trat er lieber aus der FDP aus und beendete seine politische Karriere, als gegen seine Prinzipien zu verstoßen. Das überraschte mich wirklich. Und seitdem redet Wissing öffentlich von Kooperation und Kompromiss. Ich finde viele seiner politischen Überzeugungen nicht richtig. Trotzdem glaube ich, dass Volker Wissing ein guter Politiker ist, einer, dem man die Regierung des Landes anvertrauen kann.

Ich glaube nicht, dass Mamdani geschafft hat, Trump wirklich nachhaltig auf einen besseren Pfad zu führen. Wahrscheinlich ist Greene schon eine ziemlich verrückte Rassistin. Aber immerhin hat Mamdani geschafft, dass Trump vorerst nicht mehr New York schaden will. Und Greene hat ihren radikalen Unterstützern gezeigt: Man kann sich verändern. Man kann wieder humane Ansichten vertreten. Wir sind alle Menschen, die irren können.

DAS TELEFONAT

Mein Vater ruft aus meiner Heimatstadt Freiburg an.

"Sebastian", sagt er. "Wir haben ja unsere komplette Altersvorsorge in Aktien angelegt."

"Das wird Friedrich Merz freuen", sage ich.

"Haben wir schon vor Jahren gemacht. Jetzt hab ich da mal wieder reingeschaut, in dieses… äh… DePott?"

"Depot?", frage ich.

"Jedenfalls ist das ganze Geld weg."

"Das ist ja furchtbar. Papa. Mein Erbe! Wann hast du denn das das letzte Mal überprüft?"

"Erst vor Kurzem", sagt er. "Ist noch keine zehn Jahre her. Aber ich habe nur in zukunftssichere Aktien investiert. Deutsche Autoindustrie. Und was mit einem See oder Weiher?"

"Davon habe ich noch nie gehört."

"Und mit Karte."

"Wirecard? Papa, das war Betrug. Ein Unternehmen geführt von einem russischen Spion."

"Ach, irgendwas mit Russland hatte ich auch im Portfolio“, sagt mein Vater. "Nordstreeeem?"

"Lass mich mal mit Sebastian reden", ruft meine Mutter von hinten. Er gibt ihr das Telefon.

"Mach dir keine Sorgen", sagt sie. "Ich habe die Depots natürlich rechtzeitig aufgelöst und ganz konservativ... äh... angelegt."

"Gold? Oder Immobilien?", frage ich.

"Nee, Garten", sagt meine Mutter. "Ich hab alles abgehoben und im Garten vergraben. Und dann eine Schatzkarte angefertigt. Aber irgendwie ist die verschwunden."

"Du hast Tausende Euro im Garten vergraben und weißt nicht mehr wo?"

"Du kommst doch bald nach Freiburg zu Besuch, Sebastian. Ich hab extra einen neuen Sparten gekauft. Viel Spaß bei der Schatzsuche!", sagt meine Mutter und legt auf.

BUCHEMPFEHLUNG

Patti Smith: Bread of Angels

Ich weiß auch nicht: Alles von Patti Smith finde ich gut. Keine Ahnung. Jetzt nicht jedes Lied. Aber schon viele. Mein liebstes ist „Frederick“ über ihren verstorbenen Ehemann, den Musiker Fred „Sonic“ Smith. Die hießen wirklich beide Smith. Als ich Pattis Smiths neues Buch kaufte, kaufte ich gleichzeitig auch das neue Buch von Zadie Smith. Alle heißen Smith. So wie hier Lehmann. Egal. In Smiths neuem Buch geht es jedenfalls um ihre bedrückende Kindheit und um ihre Ehe mit Smith. Sie hängte nämlich auf dem Höhepunkt ihrer Karriere das Musikmachen an den Nagel und zog erstmal zwei neue Smith-Kinder auf. Dann starb ihr Mann und sie kehrte auf die Bühne zurück. Mit neuer Musik (natürlich gut) und vor allem als Schriftstellerin. Noch berühmter wurde sie mit dem Buch „Just Kids“, die Geschichte ihrer Freundschaft mit dem verstorbenen Künstler Robert Mapplethorpe. Patti Smith ist zwar ein krasser Rockstar (ich durfte sie mal live erleben), aber trotzdem liegt in Allem, was sie singt und schreibt, eine große Melancholie. Auch in ihrem neuen Buch erzählt sie von einem Leben, das gezeichnet ist vom Tod. So viele der wichtigen Menschen in ihrem Leben sind früh verstorben. In einem Interview mit dem New Yorker (kann man auch als Podcast hören) sagte sie jetzt, dass sie manchmal sogar ihren unerschütterlichen Glauben verliert. Dass sie, jetzt mit knapp 79, beginnt zu zweifeln. Aber sie sagt auch: Es muss weitergehen. Und es wird weitergehen. Das ist doch immerhin schonmal was.

VIELEN DANK FÜRS LESEN.

Dein Sebastian.

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