WAS IST NEU?
Mieten steigen
In der Wochenzeitung DIE ZEIT wird ein junges Paar interviewt, dass sich ein Haus gekauft hat. Die Überschrift ist ein Zitat der Eigenheimbesitzer: „Ich dachte, für 1,5 Millionen bekommt man mehr.“
Wer kennt das Problem nicht? Wie einfach haben es da Geringverdiener. So eine systemrelavante Altenpflegerin oder ein Supermarktkassierer. Die brauchen sich gar nicht auf eine Wohnung in einer Stadt bewerben, kriegen die eh nicht. So viel weniger Stress!
Die Politik hat scheinbar aufgegeben: In zehn Jahren haben sich in Berlin beispielsweise die Mietpreise für neue Angebote verdoppelt, von 8 Euro pro Quadratmeter auf über 16 Euro. Trotz Mietpreisbremse.
"Zieh doch wieder zurück nach Freiburg, Sebastian“, sagt meine Mutter am Telefon.
„Nein, da ist es sogar noch teuerer.“
„Ihr könnt bei uns in die Einliegerwohnung ziehen.“
„Mama, das ist einfach euer Keller…“
„Aber günstig“, ruft mein Vater von hinten. „Nur 950 € im Monat.“
„Wenigstens Warmmiete?“, frage ich.
„Nö, gibt nur kalt.“
Die höchsten Mieten zahlt man übrigens immer noch in München, knapp 23 € pro qm. Freiburg liegt auf Platz 6. Trotz günstigen Kellerwohnungen…
Immobilien kaufen ist dagegen billiger geworden. Wenn man also 1,5 Millionen rumliegen hat, weil man so viel gearbeitet… äh geerbt hat, dann kann man sich ja stattdessen ein kleines Häuschen kaufen.
Die Mietpolitik der Bundesregierung scheint frei nach Marie Antoinette dem Motto zu folgen: Wenn es keine bezahlbaren Wohnungen gibt, sollen sie doch in ein Schloss ziehen.
DAS TELEFONAT
Die Kita meines Sohnes ruft an.
„Herr Lehmann, ich mache mir Sorgen“, sagt die Erzieherin. „Ihr Sohn liegt seit zwei Stunden auf dem Fußboden und schmollt, weil ein anderes Kind ihm sein Spielzeugauto weggenommen hat.“
„Aha, war das wieder der fiese Finn?“
„Wie kommen Sie denn darauf?“, fragt die Erzieherin.
„Ich hab schon mehrmals gesehen, wie der fiese Finn, sich Autos in die Taschen seiner Hose und in den Mund gesteckt hat, um sie zu klauen.“
„Finn ist eineinhalb. Der weiß noch gar nicht, was Privatbesitz ist.“
„Ich dachte, sein Vater ist Bezirksvorsitzender der FDP? Da lernt man doch schon ab Geburt die neoliberale Agenda.“
„Und sie sind doch angeblich so links, Herr Lehmann? Trotzdem beschriften Sie jede einzelne Uno-Spielkarte ihres Sohnes mit ‚Dies ist Eigentum der Familie Lehmann‘.“
„Und was ist mit dem fadenscheinigen Fabian? Bei dem habe ich gestern bei einer kurzen Leibesvisitation zwei Spielzeugbagger und 15 Murmeln gefunden, alle aus dem Besitz meines Sohnes.“
„Dafür hat ihr Sohn vorgestern den Plüschhund Schnuffi von Lara unter seinem Pullover aus der Kita geschmuggelt.“
„Schnuffi sieht halt Bello von meinem Sohn ziemlich ähnlich.“
„Nein, Bello ist eine Plüscheichhörnchen. Keine Ahnung, warum er es Bello getauft hat“, sagt die Erzieherin. „Was machen wir jetzt mit ihrem Sohn, er schmollt weiter, obwohl der listige Lukas ihm längst das Auto zurückgegeben hat.“
„Aha, Sie haben also auch Spitznamen für die Kinder!", rufe ich.
"Auch für die Eltern, Herr Lehmännchen."
"Also, wenn er aus einem Schmollanfall gar nicht mehr rauskommt, biete ich ihm immer 50 € Schadenersatz an", sage ich dann.
„Und woher bekomme ich die 50€?“, fragt die Erzieherin.
„Mein Sohn müsste noch ein paar Scheine in seinem Rucksack haben. Hat er gestern der Mutter von lieben Lara geklaut“, sage ich und lege auf.
PODCAST-EMPFEHLUNG
Fashion Neurosis with Bella Freud (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Hier auch mal ein schöner Podcast. Hatten wir noch nicht als Empfehlung. Einer der auch Sinn ergibt, wenn man ihn als Video anschaut. Denn die Gäste liegen auf einer Couch, schauen von unten in die Kamera. Im wunderschönen Wohnzimmer von Bella Freud. Sie ist berühmte Modedesignerin, Tochter des Malers Lucien Freud und die Urenkelin von Sigmund Freund - deswegen natürlich das Sofa. Und wie bei einer Psychoanalyse erzählen die Gäste anders, weil sie liegen und die Fragenstellende nicht sehen: langsamer, nachdenklicher und assoziativer. Zuerst redet Freud viel über Fashion und Mode, aber dann weiten sich die Gespräche aus. Es geht um Intimes, es wird gelacht, es wird geweint. Besonders zu empfehlen ist das Interview mit dem amerikanischen Schriftsteller und Dichter Ocean Vuong (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Vuong ist wahrscheinlich einer der gebildesten Menschen auf der Welt. Er weiß so unglaublich viel und er kann so bescheiden und persönlich und bewegend darüber sprechen - und es mit seinem eigenen Leben verbinden. So dass es auch für die Zuhörer*innen plötzlich um alles geht. Seine Romane und Gedichtbände sind übrigens genauso: Berührend, intelligent und eigentlich unmöglich. Man kann sich nicht vorstellen, dass sie funktionieren, so viel (Schlimmes) ist darin verarbeitet - aber auf magische Weise (und mit viel Arbeit und Talent) werden sie zu bewegenden Geschichten.
Auch schön ist Freuds Gespräch mit dem Musiker Nick Cave (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Wieder ist es lustig und furchtbar traurig, Cave hat zwei seiner Kinder verloren. Er erzählt davon, wie er jeden Morgen in einen eiskalten See springt, um seine Dämonen zu vertreiben. Wie er seine Drogensucht bestens organisierte wie ein Buchhalter. Und wie er in seinen Vierzigern erst lernen musste, zu daten. Weil als Rockstar war das bis dahin nicht wirklich nötig gewesen…
SONGS FOR THE LEFTOVERS - Lieder, die ich gerade höre
Beth Gibbons: Oceans (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Gibbons ist vor allem bekannt als Sängerin der 90er-Jahre Trip-Hop-Band Portishead. Letztes Jahr veröffentlichte sie ihr zweites Soloalbum. Und es klingt so gar nicht wie ihre alte Band. Außer natürlich: alles wieder melancholisch und traurig. Dieses Mal sogar fast todessüchtig. Keine Beats, keine Elektronik. Alles analog, viel Rhythmus, Geklacker, Geigen. Und über allem schwebt Gibbons fragile, zärtliche, aber auch sirenhafte Stimme. Sie kündet von Unheil, aber auch von Zauber. Vor allem einen Song höre ich immer wieder: Oceans. “But I'll dive into the ocean / On the floor, I'll gather my pride / And I'll feel the length of emotion / Underneath, not afraid anymore / I can hide from ever the answers”. Da muss man auch wieder an Nick Cave denken, an seine Versinken im eiskalten See als Therapie.
Vielleicht kein Zufall, dass der Streamdienst mir “passend zu deiner Stimmung” die Playlist “Niedergeschlagen” und “Herzschmerz” empfiehlt. Der Winter kommt.
VIELEN DANK FÜRS LESEN.
Dein Sebastian.