Mia spricht ihr Hörbuch
Ich bin wegen meines unerwarteten Mai-Liebesrausches in letzter Zeit nicht durch Produktivität aufgefallen. Ich war morgens schwimmen im See, habe viel auf dem Teppich gelegen und geknutscht, ich habe um 15 Uhr Feierabend gemacht. Diese lazy Zeiten sind jetzt langsam vorbei, denn ich gehe seit Donnerstag jeden Tag ins Studio, um mein Hörbuch aufzunehmen.
Das Studio gehört einem Typen, der mit seiner Frau zusammen mitten in Berlin, angrenzend an einen Friedhof, ein Haus gekauft hat, mit Garten! Es ist, als würde man auf dem Land leben und gleichzeitig in der Stadt. Es war baufällig, als sie es gekauft haben, erzählt er, aber sehr bezahlbar (für das Geld bekommt man in dieser Gegend heute nicht mal mehr ein winziges Studio-Apartment), was sehr zum Thema Neid passt, über das wir in der aktuellen Podcast-Folge mit Svenja Gräfen reden: Ich war voll des Neides, gönnte ihm und seiner Frau das Haus trotzdem sehr und mir selbst die Erfahrung, dort mein Buch einzusprechen.
Die Hörbuch Aufnahme verbringe ich in einem kleinen Raum zusammen mit viel Minztee (aus Olivers Garten!), Salbei-Bonbons und einem Kärtchen, auf dem steht: BREATHE IN, BREATHE OUT und das ist good advice. Atmen erscheint mir nach einer Weile laut lesen wie eine Kunstform, die ich nur sehr dilettantisch beherrsche, obwohl ich immer geglaubt habe, dass ich gut darin wäre.
Ich höre meine eigene Stimme sehr, sehr deutlich in meinen Kopfhörern. Deutlicher, als ich sie sonst je höre. Es ist, als ob ich meine Stimme unter ein Mikroskop gelegt habe: Ich höre jeden Kratzer, jede Unschärfe, jedes Zittern, jede Unebenheit. Deswegen muss ich auch oft Sätze wiederholen. Ein perfekt gesprochener Satz erfordert Körperspannung und Konzentration. Es ist eine Performance. Es ist anstrengend.
Oliver legt sehr viel Leidenschaft an den Tag, was die Vertonung meines Textes angeht. Er sagt mir, was ich mehr oder anders betonen soll, was ich breiter sprechen soll. Wann ich zu schnell werde. Wenn ich das Gefühl habe, die Stimme kommt zu sehr aus der Kehle, soll ich mich auf meinen Hintern konzentrieren. Ich weiß nicht, wie das gehen soll, zu lesen und gleichzeitig an meinen Hintern zu denken, aber ich versuche es.
Ich habe noch nie irgendeinen Text so oft gelesen wie mein eigenes Memoir, nichtmal Philippe Djians Matador, und das sieht inzwischen so aus:

Aber ihn laut zu lesen, ist schon nochmal was anderes. Svenja, die das alles auch grade gemacht hat, hatte mich schon drauf vorbereitet: Schachtelsätze!
Mein liebster aus der ersten Session war dieser hier, der von meiner Teeniezeit erzählt — ich bin ungefähr siebzehn und
»Ich finde es reaktionär, mir die Haare zu kämmen, lese Henry Miller, lege Tarot Karten, höre Janis Joplin und schreibe mir mit meinem Freund Philipp (kleinervampir@gmx.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)), der in Bonn wohnt und den ich in einem Grufti-Chatroom kennengelernt habe, lange, pathetische E-Mails, die klingen, als wären wir frühzeitig vom Leben enttäuschte Kinder eines Stahlgroßhändlers im Kiel des 19. Jahrhunderts.«
Die einzige Sache, die mir vorher ein bisschen Sorgen gemacht hat, ist die Sache mit der Offenheit.
Ich gehöre nicht zu den Autor:innen, die sich ihre eigenen Texte laut vorlesen, während sie sie schreiben, was bedeutet, dass ich den Text zwar schon tausendmal gelesen habe, aber nie laut gesprochen. Und nun ist zwar nur eine einzige Person dabei, aber die ist quasi ein Fremder, fremd genug jedenfalls, um mich daran zu erinnern, dass es nicht das Alltäglichste auf der Welt ist, meine Sex- und Lügen- und Drogengeschichten und all meine dummen Jugendsünden und besonders meine ganzen nackten Gefühle einem, oder tausenden anderen Menschen vorzulesen. Stimmt ja: Nicht alle Leute machen das (auch wenn es meiner Meinung nach die Welt besser machen würde).
Wenn mir deswegen schwindlig wird, denke ich einfach sofort an all die Autor:innen, zu denen ich aus genau diesem Grund aufblicke und die mir genau damit regelmäßig das Leben retten: Daniel Schreiber, Melissa Febos, Sarah Hepola, Holly und Laura. Benjamin von Stuckrad-Barres Panikherz rührt mich immer noch zu Tränen — diese komplette Ehrlichkeit mit sich selbst, diese Furchtlosigkeit bewundere ich über alle Maßen*. DAS ist die Messlatte. Nicht mutmaßliche Meinungen von Jürgen aus dem Internet.
(btw: So genial wie BvSB das in Panikherz gemacht hat, so krachend misslingt es ihm in Noch wach? in dem der Protagonist auffällig wenig zu tun zu haben scheint mit all dem Schmutz, der da jahrelang und in allernächster Nähe um ihn herum passiert. Wenn man sich den Unterschied zwischen einer schonungslos ehrlichen Auseinandersetzung eines Autors mit sich selbst und einer vielleicht ein kleines bisschen lückenhaften anschauen will, kann man diese beiden Bücher studieren. Lohnt sich auch sonst.)
Nach viereinhalb Stunden und 84 Seiten bin ich fertig mit Session eins.
Und ich bin happy, als ich danach auf dem Fahrrad mit kratzendem Hals nach Hause fahre. Denn wow, dieses Baby ist wirklich total meins: Text, Cover, Gestaltung, Audio Book, alles habe ich selbst gemacht. Ich bin schon ziemlich krass.
Das beste an diesem Prozess ist aber: Ich merke, ich finde den Text immer noch gut. Es ist ein solider, wirkungsvoller Text, der macht, was er soll. Auch die Teile, die ich vor vier oder fünf Jahren geschrieben habe, kommen mir nicht überholt oder naiv vor. Der Text hält. Das ist das beste daran.