
Wie hält man seine eigene Wohnung sauber und ordentlich, wenn das eigene Naturell alles tut, um dieses Vorhaben zu sabotieren? — Judith
SodaKlub Live
07. Juli — Berlin | Talk Filmgespräch The Outrun im Freiluftkino am Franz-Mehring-Platz
9. August — München | OAMN-Sommerkongress (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
27 September — Leipzig | Recovery Walk (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Mia Gatow Live
11.08 — Bad Eibling | Lesung Buchladen momo & frieda (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), 19:00
21.08. — Zwickau | Lesung Alois Fußballkneipe, 19:00
25.09. — Alsdorf | Lesung Stadtbücherei, 19:30
13.11. — Lübeck | Talk Aktionstag Suchtberatung, Hansemuseum
Wie hält man seine Wohnung sauber?
„Meine Wohnung sieht so scheiße aus, das kann man eigentlich niemandem erzählen“, sage ich heute Morgen in einer Sprachnachricht an Mia und Nathalie. Das ist natürlich etwas ironisch, denn ich erzähle es ja gerade: Meine Wohnung ist sehr, sehr unaufgeräumt. Wenn ich sage: „unaufgeräumt“, dann meine ich damit nicht den Magazinstapel, den eine gut sortierte Freundin beim Besuch verschämt zur Seite schiebt, mit den Worten: „Entschuldige bitte das Chaos.“ Und du denkst dir: Schätzchen, wenn du noch nie nachts auf eine dreckige Müslischüssel getreten bist, weißt du nicht, was Chaos ist.
Seit ich eigene Dinge besitze, mit denen ich irgendwie umgehen muss, lebe ich mit Chaos. Ich habe dieses besondere Talent, innerhalb von sehr kurzer Zeit mit sehr wenigen Dingen ein Hotelzimmer aussehen zu lassen, als hätte eine fünfköpfige Familie dort ihren Sommerurlaub verbracht. Auf meinem Desktop überlagern sich die Dateien, weil die erste Ebene voll mit Screenshots (für später) ist. Einmal habe ich ein Dreivierteljahr ohne Küche gelebt, weil ich in einem Anflug von Aktionismus die Küchenzeile abmontiert hatte. Und wenn ich jetzt anfange, darüber nachzudenken, könnte ich unzählige Baustellen nennen, denen man sich widmen könnte: Altpapier und Pfand (ziemlich voll), Scherben der Müslischüssel (immer noch nicht ordentlich aufgefegt), Matratze vom Besuch neulich (unverräumt), Wäsche (muss ich dringend waschen, bevor ich nach Berlin fahre), Biomüll (kennt man). Und da rede ich noch nicht mal über all die Kartons, Papiere und Leinwände, die sich über drei Räume verteilen. Kurz: Es ist unordentlich.
Und jetzt kommt das Aber: Aber es ist okay.
Ja, ich rolle mit den Augen, wenn ich über irgendwas Bescheuertes stolpere, das wirklich nicht auf dem Boden liegen sollte. Nein, ich würde kein Fernsehteam einladen. Ja, es nervt mich auch und ich hab mir vorgenommen, am Wochenende noch aufzuräumen. Aber weder schäme ich mich dafür, noch verzweifle ich daran. Denn das Chaos ist das Ergebnis davon, dass ich gerade besseres zu tun habe. Das war nicht immer so. Zwischen meiner früheren Verzweiflung über den Zustand meiner Wohnung und meiner heutigen belustigten Genervtheit liegen Welten. Der Grund – neben mehr Gelassenheit gegenüber meinen eigenen Spleens – ist folgender: Das Chaos ist nicht mehr bodenlos.
Ich unterscheide zwischen bodenlosem Chaos und temporärem Chaos.
Ich unterscheide zwischen bodenlosem Chaos und temporärem Chaos. Und wenn du – wie ich – eng mit den verschiedenen Formen des Chaos vertraut bist, dann verstehst du wahrscheinlich intuitiv den Unterschied. Bodenloses Chaos vermittelt dir das Gefühl völliger Kontrolllosigkeit. Es bringt einen tiefsitzenden Panikpunkt irgendwo unterhalb des Solarplexus zum Schwingen. Es vermittelt dir das Gefühl, dass irgendwo zwischen all den Dingen ein Grauen wartet, dem du dich nicht gewachsen fühlst. Der Versuch, bodenloses Chaos aufzuräumen, fühlt sich an wie die Forderung, eine heiße Herdplatte anzufassen. Du weißt: Es ist theoretisch möglich, aber irgendwas in dir lässt dich nicht. Wenn du es dann doch versuchst, kann es passieren, dass du minutenlang mit einem Eierbecher in der Hand herumstehst und keine Ahnung hast, was zur Hölle du jetzt damit machen sollst. Es gibt keine Routinen. Nichts hat seinen Platz, alles ist irgendwo, die Dinge sind zu viele, alles ist irgendwie mit allem verknüpft, sodass du nicht weißt, wo du anfangen sollst. Das Zeug droht, dich zu verschlingen.
Natürlich ist Chaos insgesamt ein Spektrum. Und auch temporäres Chaos kann belastend sein: weil du Sachen nicht findest, weil du keine sauberen Socken hast, weil es nervt, vor dem Kochen erst noch einen Topf abwaschen zu müssen, weil du in diesem Zustand nicht gerade Besuch empfangen willst oder weil du dich selbst auch ein bisschen ungeordnet fühlst. Der Unterschied ist: Wenn du temporäres Chaos hast, weißt du, was zu tun ist. Du machst es vielleicht nicht, aber du weißt, welche Dinge wo hingehören. Du hast ein ungefähres Gefühl dafür, was der Grundzustand deiner Wohnung ist, wie weit du gerade davon weg bist und was es dich kostet, ihn wiederherzustellen.
Aber es ist ein anderes Game als das bodenlose Chaos.
Wenn du bodenloses Chaos hast, bedeutet das, dass dir eine zugrunde liegende Struktur fehlt – der Boden sozusagen. Wahrscheinlich hast du nie entschieden, wo Dinge im Idealfall wären, wenn du sie denn aufräumen würdest. Oder du hast eine theoretische Struktur, die aber völlig an der Realität vorbeigeht. Was nützt dir ein ausgeklügeltes Ablagesystem, das du nie verwendest? Was nützt ein designierter Platz für Altpapier, der nur dann funktioniert, wenn du ihn alle zwei Tage leerst? Was nützt ein Ideal, wenn du immer daran scheiterst? Die Arbeit am bodenlosen Chaos ist nichts für schwache Nerven. Sie braucht Mut, sich dem Grauen zu stellen (es ist meistens gar nicht so grauenvoll). Es braucht Ehrlichkeit mit sich selbst und den eigenen Angewohnheiten, es braucht die Bereitschaft, es sich so leicht wie möglich zu machen, Dinge auszuprobieren, auszusortieren – und ganz oft braucht es auch Hilfe von außen. Jemand, mit dem man gemeinsam überlegen kann, wie man sein Geschirr verwaltet, oder der einem hilft, einen Kleiderhaken genau dort anzubringen, wo man immer seinen Rucksack fallen lässt. Das macht man nicht an einem Wochenende. Bei mir hat es drei Jahre gedauert. Mir haben unter anderem geholfen: nüchtern werden, Leute bezahlen, die meine Küche wieder montieren, eine ADHS-Diagnose inklusive Medikation, haufenweise YouTube-Clips über das Aufräumen, radikales Aussortieren, eine Spülmaschine, meine Freunde und Freundinnen – und sehr viel Nachsicht.
Unordnung is inevitable, suffering is optional.
Ordnung ist keine objektive Kategorie. Wir wissen das alle, aber gerade Menschen, die auf dem Spektrum eher Richtung Chaos tendieren, vergessen es leicht. Ordnung ist kein fixer Zustand, sondern ein ständiges Austarieren zwischen Ansprüchen, Wohlfühlen, Zeit, Energie und Prioritäten. Vor allem bedeutet „ordentlich“ nicht automatisch besser, moralischer oder erwachsener. Es bedeutet einfach nur: ordentlicher. Es war für mich ein Meilenstein des Erwachsenwerdens, meine eigenen Ordnungsstandards für meine Wohnung zu finden, mit denen ich gut leben kann; mein eigenes „Normalnull“, um das ich im Alltag herumpendele. Nachdem mein Chaos nicht mehr bodenlos war, durfte ich feststellen: Es ist meine eigene Entscheidung, wie ich in meiner eigenen Wohnung lebe. Hier gelten meine Standards – und wenn ich aufräume, dann nicht, um einem gedachten „So-sollte-das-sein“ hinterherzueiern, sondern um mich selbst wohlzufühlen.
Ja und jetzt?
Das sind jetzt natürlich alles keine Life-Hacks, Tipps und Tricks. Eher eine Ermutigung dazu, den Raum der Akzeptanz so weit auszudehnen, dass er dich und dein eigenes Naturell mit einschließt. Aber wenn du Lust hast, hör in eine dieser Podcastfolgen rein:
Mit Kathryn Rohweder habe ich vor einer Weile mal über ADHS und Chaos gesprochen (Spotify (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)). Und Mia und ich haben die Folge #216 dem Aufräumen gewidmet (Spotify (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)).
Sehr empfehlen kann ich zudem die aktuelle Folge aus dem Podcast "Psychologie to Go von der Psychologin Franca Cerutti (Spotify (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)).
Man kann die wunderbar anhören, während man endlich mal wieder den Tisch leer räumt. Ja. Ganz leer :)
Frohes Schaffen!
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