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Warum ich dankbar bin, abhängig gewesen zu sein

Früher, mit 32, als ich noch getrunken habe, konnte ich mir, wie viele Abhängige, nicht im Traum vorstellen, dass ich mal froh sein könnte, nicht mehr zu trinken. Aber nicht in einer Million Jahren hätte ich geglaubt, dass ich mal froh sein würde, abhängig gewesen zu sein. 

Jahre mit Sucht verbracht zu haben, ruft schnell Reue auf den Plan: Was wäre gewesen, wenn ich nicht all diese Zeit verschwendet hätte? Wäre ich wohlhabender, erfolgreicher, schöner, verheirateter und insgesamt weiter in meiner persönlichen Entwicklung?

Wenn ich (selten) so Gedanken habe, denke ich daran, was die Abhängigkeitserfahrung mir gebracht hat. Eine Sucht zu überwinden, also der Prozess, den man durchmachen muss, um nüchtern zu werden, ist ein Krisenmanagement-Bootcamp. Es gibt kein Problem, auf das man nicht besser vorbereitet ist, wenn man das mal gemacht hat. Beim Nüchternwerden lernt man ungefähr alles, was man bei ungefähr allen Lebensproblemen braucht. 

Meine Liste von 10 Sachen, die ich beim Nüchternwerden gelernt habe:

Gefühlsmanagement

Unerwünschte Gefühle sind der Grund für jede Sucht. Trauer, Angst, Schüchternheit, Langeweile: Gegen alles half früher mal ein Drink.

Die erste und wichtigste Schlüsselqualifikation für eine erfolgreiche Nüchternheit ist Emotionsmanagent. Man muss das lernen, sonst schafft man es nicht, sober zu bleiben. Also lernt man es, und es wird stärker, man kann es trainieren wie einen Muskel. 

Impulskontrolle

Das Resultat dieser erhöhten Gefühlstoleranz ist eine verbesserte Impulskontrolle. Die kann man wirklich für alles im Leben gebrauchen. Um die melodramatische Nachricht an den Ex nicht abzuschicken, um in einem Streit nichts zu sagen, was man hinterher bereut, um keine Klamotten zu kaufen, die einem nicht stehen. 

In diesem Raum »Raum zwischen Reiz und Reaktion«, wie Viktor Frankl ihn genannt hat, liegt unsere Macht zur Wahl — also genau das, was der Alkohol uns irgendwann genommen hat. Aber auch noch was anderes, was auf mein 25-jähriges Ich vielleicht noch motivierender gewirkt hätte: Sexyness. Es gibt nichts, was hotter ist als Souveränität. Nichts was cooler ist, als sich selbst im Griff zu haben, den Laden zu schmeißen wie ein Boss. 

Empathie

Wenn du süchtig bist und dir das eingestehen musst, begreifst du, dass du kein einzigartiges Schneeflöckchen bist, sondern eine von Millionen, Milliarden anderen, die auf genau die gleiche Weise auf genau die gleiche Substanz reagiert haben. Du bist nichts Besonderes. Die große Gleichmacherin Abhängigkeit schrumpft uns alle auf kleine, berechenbare Päckchen bemitleidenswerter Suchti-Verhaltensmuster zusammen. Sie macht keinen Unterschied zwischen Champagner an der Cote d’Azur und Billigbier am Bahnhofskiosk. Wenn man das mal akzeptiert und die Chance darin erkannt hat, fühlt man sich verbunden mit Suchtis aller Schichten und aller Couleur. Man kapiert, dass man nicht anders, nicht besser ist. Und gehört plötzlich dazu. 

Vertrauen

Wenn ich ein Problem habe, dann muss ich nicht verzweifeln (zumindest nicht lange). Ich weiß, was zu tun ist: Alle Informationen einsaugen, mir selbst die Gehirnwäsche geben, mit Leuten reden, denen es genauso geht, nicht aufhören, hinzugucken. Ich muss nur weitermachen. Ich muss nicht schnell sein, auch nicht gradlinig. Es reicht, wenn die Richtung stimmt. Der Prozess ist nicht linear, und er kann dauern, aber ich kann ihm trauen. Irgendwann wird sich was drehen, irgendwann wir es sich ändern. Ich kann mich entspannen. Ich weiß, was ich tun kann, und was von selbst geschehen muss. Ich muss mich nicht mehr fertigmachen.

Dankbarkeit

Es gibt viele Leute, die haben sehr viel, und sind trotzdem nie zufrieden. Wirklich, die unglücklichsten Leute, die ich kennengelernt habe, sind die mit dicken Bankkonten, sicheren Jobs und stabilen Paarbeziehungen. Ich dagegen kann nichts von all dem haben, und bin selbst an meinem miesesten Regentag unbeschreiblich happy über mein weißes Bett und meinen klaren Kopf. 

Nützlichkeit

Früher war ich ein Chaos auf zwei Beinen und ich habe anderen Leuten ziemlich viel emotionale Arbeit gemacht. Jetzt bin ich stark genug, anderen zu helfen. Gebraucht werden und nützlich sein, das ist das beste, was man sich vorstellen kann. 

Transformationskompetenz

Die meisten Süchte sind auch eine Frage von Identität. Und wenn man dann aufhört, zu konsumieren, muss man sich von Grund auf neu denken. Nichts von dem, was man immer als gegeben hingenommen hat, ist wirklich selbstverständlich, nichts, was man glaubt, kann man unhinterfragt durchwinken. In dem Buch »Aufbrechen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)« von Jeannette Gusko handelt von Transformationskompetenz; der Fähigkeit von Menschen, sich in einem komplett neuen System zurechtzufinden. In dem Buch geht es vor allem um Menschen mit Fluchtgeschichte oder den Leuten, die den Zusammenbruch der DDR erlebt haben, aber Transformationskompetenz erwirbt man auch durch das Nüchternwerden.

Furchtlosigkeit

Ich habe nüchtern einen Typen geküsst, in den ich verknallt war. Ich habe vor gar nichts mehr Angst.

Coolness

Okay, das ist vielleicht ein nicht besonders politisch korrekter Grund, früher mal abhängig gewesen zu sein, aber ich finde wirklich, es gibt eine sexy edge, wenn man seine eigenen Dämonen besiegt hat, wenn man wirkliche Kriege mit sich selbst ausgefochten hat, wenn man die Dunkelheit gesehen und über sie triumphiert hat. Die Leute mit ein paar Narben, das sind einfach die heißeren Leute. 

Humor

Wenn man ständig verstrickt in selbstgekochtes Melodram ist, verliert man zwangsläufig den Sinn für Humor. Klar, wenn man sich selbst nicht immer so sauernst nehmen würde, dann müsste man ja anfangen, das große Ganze zu fokussieren oder mal ein paar andere Leute, die auch Probleme haben. Wenn man dagegen aufhört zu konsumieren und so saumäßig narzisstisch zu sein, kann man sich auch über sich selbst lustig machen. Und mon dieu, wie ist das heilsam. 

Love

Mia + Mika

Sujet Bi-Weekly

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