von Mia
Als ich im Sommer meinen (männlichen) Freunden von meiner kleinen Romanze mit einem süßen Typen erzählte, mit dem ich fantastischen Sex, aber keinerlei romantisches Drama hatte, waren sie entschieden einer Meinung.
Mein Freund Ed wurde spezifisch: »Man kann exakt fünf Mal mit jemandem tollen Sex haben, bevor es kompliziert oder langweilig wird«, sagte er. Und sogar mein Freund Mat (der üblicherweise maximal Sex-progessiv ist) war überzeugt: »Das hält nicht.«
Ich war ebenfalls immer schon sicher gewesen, dass ich romantische Gefühle entwickeln müsste, wenn ich tollen Sex mit jemandem hatte. Oder dass ich nur wirklich tollen Sex haben könnte, wenn ich romantische Gefühle hatte. Und deswegen war ich seit dem Sommer ständig darauf vorbereitet, dass es jeden Moment kippen und kompliziert oder langweilig werden oder dass Lavi mich ghosten würde. »Zumindest kann ich den tollen Sex ja noch mitnehmen, bevor es endet«, dachte ich mir.
Lavi ghostete mich nicht, der Sex wurde noch besser. Hier und da beobachtete ich tatsächlich Symptome für Romantik an mir: Zum Beispiel wurde ich ein bisschen eifersüchtig, als er durchblicken ließ, dass er noch andere Liebhaberinnen hatte. Ich war nie der eifersüchtige Typ gewesen. Deswegen deutete ich meine eifersüchtigen Anwandlungen als Zeichen, dass ich romantische Gefühle entwickelte, die Sache also den Bach runter gehen würde.
Statt das Cool Girl raushängen zu lassen, wie ich es früher getan hätte, redete ich mit Lavi über seine anderen Liebhaberinnen, was ihn zunächst restlos irritierte, aber nachdem er verstanden hatte, dass er nicht in Schwierigkeiten geraten würde, wenn er ehrlich war, entspannte er sich merklich und blühte sogar richtig auf.
»You’d like her«, sagte er über eine seiner Liebhaberinnen, von der er behauptete, dass sie wie Scarlett Johansson aussähe. Er war sofort begeistert von der Idee, uns einander vorzustellen.
Ein paar Tage später hatte ich ein Date mit Scarlett. Sie hatte darauf bestanden, dass wir uns ohne ihn treffen, weil sie nicht von Macho-Energie abgelenkt werden wollte, wie sie sagte. Wir saßen draußen in der Sommerbrise, aßen Pizza, rauchten Zigaretten, redeten über unsere Ex-Beziehungen und über die Liebe und die Traurigkeit und es war das beste Date seit langem. Mein Gott, was wäre mein Leben toll, wenn ich einfach Frauen daten könnte, alles wäre so viel gechillter, ich bräuchte keine emotionalen Vorsichtsmaßnahmen, müsste nicht auf der Hut sein, nichts erklären, dachte ich.
Wenig später fingen Lavi, Scarlett und ich an, was miteinander zu haben.
Schwer zu sagen, was es genau ist. Wir reden miteinander und sind befreundet, haben aber auch Sex. Ich gehe mit Scarlett in der Mittagspause Kaffee trinken. Wir gehen miteinander aus (naja, er und sie gehen aus, ich sage meistens nein, weil ich selten Lust habe, auszugehen), wir schlafen miteinander ein, zu dritt zusammengerollt wie Tiere in einem kuscheligen Laubhaufen, wir machen einander Frühstück. Er hat neulich ihre Tochter kennengelernt. Und mir danach mit leuchtenden Augen davon erzählt. Als ich im Spätsommer verreiste, haben sie mir ein Selfie geschickt mit dem Text We miss you! 💙
Es ist intereressant zu beobachten, dass die beiden eine eigene Dynamik miteinander haben, die anders ist, als die, die ich mit ihm oder ihr habe. Wir diskutieren regelmäßig über Rollenverhalten und Gender Klischees und es sind nicht nur Scarlett und ich, die die feministischen Sachen sagen.
Sobald man auch nur einen Schritt rausmacht aus dem standardisierten Korsett der eheähnlichen, romantischen Beziehung mit ihren als Naturgesetze propagierten Regeln, gibt es plötzlich kein Koordinatensystem mehr für die eigenen Gefühle. Man muss alles selbst erfinden, auch die eigene Reaktion auf das, was passiert – denn es gibt keine Regeln mehr, welches Gefühl angemessen ist. Es ist verwirrend, und gleichzeitig sehr befreiend. Als wäre man auf einer Insel gestrandet, auf der man seinen eigenen Staat mit eigenen Regeln und Ritualen und Traditionen errichten kann.
Überraschung: ich habe offenbar gar nicht sowas wie eine sexuelle Orientierung, sondern eher eine romantische Orientierung. Sex mit einer Frau ist ziemlich super und nichts daran fehlt: Der Unterschied zwischen Sex mit einer Frau und Sex mit einem einem Mann ist für mich gefühlsmäßig nicht größer als der Unterschied zwischen zwei unterschiedlichen Männern.
Der entscheidende Faktor muss also die Romantik sein, mutmaßte ich. Quelle aller Freude und allen Übels. Romantische Gefühle hatte ich für eine Frau schließlich noch nie. Als Argument trägt das aber auch nicht so besonders weit, denn: Romantische Gefühle hatte ich bisher auch erst für sehr wenige Männer.
Als ich neulich mit Lavi im Bett lag und wir langsam einschlummerten, sagte er befriedigt: »We met her at the perfect time in her life«.
Wenn ich einen Tipp abgeben müsste, wie das alles mal endet, würde ich sagen: Wahrscheinlich verliebt sich eine:r von uns und verabschiedet sich in irgendeine Monogamie.
Das fatalistische »Das hält nicht« meiner Freunde ist also sicher richtig, aber es ist auch ein bisschen nutzlos als Aussage, denn tatsächlich »halten« ja die wenigsten Beziehungen: ist die Zeitachse nur lang genug, enden die meisten.
Oder sie werden zu etwas anderem. Der Sex hört auf und das gemeinsame Kind wird zum Zentrum der Beziehung. Oder aus Freunden werden Lover. Oder aus Lovern werden wieder Freund:innen. Man verliebt sich in jemand anderen, ohne mit dem Lieben aufzuhören oder man verlässt das gemeinsame Projekt Kleinfamilie, sobald die Kinder selbstständiger werden.
Das alles passiert andauernd und überall und vielleicht wäre unser Leben besser und wir alle liebevoller zueinander und müssten weniger leiden, wenn wir diese Transformationen, die sich wandelnden Aggregatzustände der Liebe, nicht mehr so sehr als Katastrophen oder als gescheiterte Versuche behandeln würden, sondern als das, was das Leben ausmacht, es reicher macht. Vielleicht müssten wir dann nicht die Leute, denen wir nah sind, nicht brutal aus unserem Leben entfernen, sobald sie nicht mehr in die richtige Kategorie passen.
Wirtschaftliche Zwänge und sozialer Druck sind immer seltener der Grund, in einer Paarbeziehung zu bleiben und das ist verdammt gut so. Wenn wir die Möglichkeit, uns von unpassenden Beziehungen zu trennen, aber nur dazu nutzen, immer wieder mit einer neuen Person das gleiche Skript mit den gleichen Regeln durchzuspielen, wird das Repertoire, das uns zur Verfügung steht, ziemlich klein. Entweder du bist mein Ein und Alles, oder du bist nichts. Enttäuschungen sind dann vorprogrammiert. Und es gibt viel weniger Möglichkeiten, auf unvorhergesehene Wandlungsprozesse zu reagieren.
Ich sage nicht, dass alle Leute in offenen Beziehungen sein oder ein eklektisches Liebesleben haben müssen. Ich sage nicht, dass ich mit der Monogamie oder der Romantik fertig bin oder dass man Liebesleid grundsätzlich vermeiden kann. Aber: Es gibt mehr Möglichkeiten. Von denen wir, glaube ich, nicht mal annähernd genug Gebrauch machen. Es gibt Möglichkeiten, eigene Traditionen zu machen.
Und vielleicht liegt darin ja auch eine ganz eigene Form von Romantik: Priorisiert man den Menschen – und nicht seine Rolle und seine Funktion innerhalb einer vorgefertigten Beziehungsordnung – dann hat man wirklich die Chance, ein dauerhaftes, gemeinsames Leben zu führen. Wenn ich innerhalb eines einzigen Lebens mehr als eine Sache für dich sein kann, dann gibt es plötzlich auch wieder die reale Möglichkeit, gemeinsam alt zu werden.
Wer weiß.
Alle Namen wurden geändert. Wie immer. 💙