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Warum selbst kochen? 

(Auszug aus meinem Buch “Die kleine Hoffmann - einfach intuitiv kochen lernen” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) / ZS Verlag, 2021)

Dass wir essen müssen, um zu überleben, wissen wir alle.

Und dass es ein Privileg ist, genug Essen zur Verfügung zu haben, um täglich satt zu werden, denn noch heute leidet jeder neunte Mensch auf der Welt an Hunger. Die Gründe für die weltweite ungerechte Verteilung von Lebensmitteln sind komplex, doch sollten wir uns in westlichen Ländern klar darüber sein, dass unser verschwenderischer Konsum nur gewährleistet werden kann, weil die Natur, Tiere und oft genug Menschen dafür ausgebeutet werden. Das hört niemand gerne und zudem sind wir als Einzelpersonen nicht in der Lage, die oft durch postkoloniale Kapitalismusformen geprägten Handelsstrukturen zu überkommen. Dennoch müssen wir uns meines Erachtens einer gewissen Grundverantwortung stellen. Und zwar indem wir uns bewusst sind, dass unsere Kaufentscheidungen politisch sind, und indem wir dem, was uns zur Verfügung steht, wertschätzend begegnen. Dazu gehören die Themen Lebensmittelverschwendung, fairer Handel und ökologische, regenerative Landwirtschaft.

Worauf ich hinaus will: 

Aus frischen, gesunden Zutaten Speisen zubereiten zu können ist ein Privileg und keine Strafe.

Gerne wird es in unserer beschleunigten, optimierten Welt aber so dargestellt, als wäre es umgekehrt, und das macht mich richtig wütend. Wenn man sich genauer anschaut, woher diese Erzählweise kommt, stellt man nur allzu oft fest, dass sich dahinter die Werbebotschaften von Lebensmittelfirmen verstecken, die uns Fertig- und Halbfertigprodukte andrehen wollen.

Als ich meine Follower*innen vor Beginn der Arbeit an diesem Buch fragte, ob sie gerne mehr kochen würden und wenn ja, was sie davon abhält, war die eindeutige Antwort auf die erste Frage „Ja“ und die häufigste Antwort auf die zweite „Ich habe keine Zeit“.

Nun kann man fragen, was zuerst war: Unsere moderne Leistungsgesellschaft oder die Produzent*innen von Fertiggerichten? Natürlich hat sich beides gleichzeitig entwickelt und befruchtet und viele Menschen befinden sich in einem Hamsterrad aus Arbeit, Fertigessen und Feierabendkonsum. Mit Feierabendkonsum meine ich einerseits den Erwerb von Konsumgütern, die wir häufig dafür nutzen, um emotionale Lücken zu füllen, sei es Kleidung oder andere Lifestyle Accessoires, Unterhaltungselektronik oder passive Berieselung mit Streaming-Programmen, Computerspielen oder sozialen Netzwerken.

Ich sage extra „wir“, denn ich bin natürlich ebenfalls nicht frei von diesen oft unerkannten Zwängen und wir alle sind von diesen Wirtschaftszweigen so sehr sozialisiert und indoktriniert, dass wir uns dem kaum entziehen können. Auch ich nutze Streaming-Dienste und habe bekannter Weise Social-Media-Profile und finde beides nicht per se schlecht.

Doch um das „Ich habe keine Zeit“-Argument zu dekonstruieren, muss ich genau an dieser Stelle ansetzen. Es gibt Komponenten dieses Problems, die ich nicht lösen kann: Wenn es nach mir ginge, sollten alle Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen erhalten und viel weniger arbeiten müssen, denn erwiesenermaßen bedeuten viele Arbeitsstunden nicht gleichzeitig hohe Produktivität. Davon abgesehen finde ich es sowieso schrecklich, Menschen nach ihrer Produktivität zu beurteilen und endloses Wachstum als einziges Wirtschaftsziel zu sehen. 

Für solche Veränderungen kann ich mich als Aktivistin einsetzen, aber ich kann mit diesem Buch die Welt nicht ändern. Ich kann jedoch versuchen, dir Denkanstöße zu geben, und dabei helfen, die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen.

Ich kenne deine Arbeitssituation nicht und weiß nicht, wie viele Stunden du täglich dafür aufbringst. Außerdem weiß ich nicht, ob es dir möglich wäre, im Rahmen deiner Qualifikationen einen angenehmeren Job zu finden oder weniger zu arbeiten und trotzdem genug zum Leben zu haben. Darauf habe ich natürlich keinen Einfluss. Doch ich kann dich fragen, was du in deiner übrigen Zeit nach Feierabend machst, wenn du das Gefühl hast, keine Zeit zum Selbst-Kochen zu haben. 

Und dann würde ich noch fragen: 

Warum nimmst du dir für diese Beschäftigung Zeit, nicht aber fürs Kochen?

Kann es sein, dass Kochen für dich einfach einen niedrigeren Stellenwert hat als andere Tätigkeiten? 

Und wenn ja, warum glaubst du, ist das so? 

War das schon immer so oder was hat dazu geführt, dass es sich so anfühlt?

Hast du das selbst so entschieden oder ist dieses Gefühl von außen beeinflusst?

Wäre es nicht schön, das zu ändern?

Denn inwieweit ist es erlerntes Verhalten zu glauben, dass Zeit mit Serien-Glotzen und Auf-Instagram-Abhängen wichtiger wäre, als sich selbst eine leckere Mahlzeit zuzubereiten? Wahrscheinlich ein ganzes Stück, oder? Vor allem in einer Welt, in der jeder Supermarkt vollgestopft ist mit Gerichten, die man nur noch in den Ofen schmeißen, in die Mikrowelle stellen oder mit heißem Wasser übergießen muss. Oder in der ein Fahrradbote einem bei Wind und Wetter den Burger vom Lieblingsrestaurant bis zur Haustür bringt. Keine Angst, das wird jetzt kein Gastronomie-Bashing, zumal ich selbst in dieser Industrie arbeite und Take-away in Zeiten einer Pandemie oft das einzige Überlebensmodell für diese Industrie ist. Auch ich nehme solche Angebote ab und zu in Anspruch, aber eben eher als Ausnahme und nicht als täglichen Standard.

Bevor ich dich mit weiteren Argumenten für mehr Koch-Zeit euphorisiere, möchte ich noch auf eine weitere Aussage eingehen, die ich in dem Zusammenhang auch oft gehört habe: „Es ist mir zu anstrengend, selbst zu kochen.“ 

Hier muss ich dringend einhaken, denn wenn du dich jetzt ertappt fühlst, befindest du dich genau in dem Teufelskreis, aus dem ich dich mit diesem Buch befreien möchte:

Wer regelmäßig kocht und so einen intuitiven, entspannten Umgang mit Lebensmitteln entwickelt, wird diesen nicht mehr als ermüdend und anstrengend empfinden. Im Gegenteil, du wirst mühelos in 10 bis 15 Minuten ein leckeres Abendessen aus dem kochen, was da ist, und es wird dir am Ende super damit gehen. 

Nur wer Zeit in seine Kochroutine investiert, kann am Ende Zeit sparen.

Je geübter du wirst, desto schneller wirst du kochen.

Das ist die gute Nachricht. Aber diesen Flow kannst du nur entwickeln, wenn du dem Kochen einen höheren Stellenwert im Alltag einräumst. Das musst du selbst wollen, beim Rest bin ich dir dann gerne behilflich.

Ein weiteres Argument gegen das Selbst-Kochen, das häufig genannt wurde, war: „Es lohnt sich doch nicht, für mich alleine zu kochen!“

Warum glaubst du das? Liegt es daran, weil du dir unsicher bist, wenn du kleine Portionen zubereitest, oder weil du dir selbst nicht genügend Wertschätzung entgegenbringst?

Wenn du dir bei der Antwort unsicher bist, auch hier die gute Nachricht: Beides kann man üben! Und auch das weiß ich aus eigener Erfahrung. Vor zehn Jahren, als ich beschloss, beruflich zu kochen, hatte ich gerade eine schmerzhafte Trennung hinter mir. Ich exerzierte alle allgemein hin bekannten Bewältigungsmechanismen: Ausgehen mit Freundinnen, Rausch und Exzess, sexuelle Eskapaden mit schönen Söhnen anderer Mütter etc. Aber das erste Mal, seit ich Trennungen erlebte (und ich blicke auf eine ziemlich umfangreiche Liebeskummer-Agenda zurück), versuchte ich mich auch in Selbstliebe Ich machte Yoga, ging ins Fitnessstudio und fing an, für mich ganz alleine wunderbare Mahlzeiten zuzubereiten. Auf dem Balkon meiner kleinen Einzimmerwohnung deckte ich mir einen prächtigen Frühstückstisch mit knusprigen Brötchen, frischen Früchten, selbst gemachtem Aufstrich und einer großen Tasse Kaffee mit viel (Hafer-)Milchschaum. Ich lauschte den Spatzen, blinzelte in die Morgensonne und genoss es, einfach nur mit mir selbst gut zu speisen. Ich kochte mir aufwendige Pasta-Gerichte und bereitete mir Desserts zu, ich verwöhnte mich nach Strich und Faden, weil ich das erste Mal verstanden hatte, wie wichtig es ist, sich selbst genug Aufmerksamkeit und Fürsorge zu schenken, und dass Essen ein wichtiger Teil davon ist.

Das „Für dich alleine“-Kochen mag am Anfang nicht leicht sein, wenn du es nicht gewohnt bist, aber es ist nie zu spät damit anzufangen.

Zu guter Letzt bekam ich noch diese Rückmeldung: „Bei uns hat jede/r in der Familie einen anderen Geschmack und ich kann nicht vier verschiedene Mahlzeiten zubereiten.“ 

Das Einzige, was ich dazu sagen kann, stammt aus meinem eigenen Erfahrungsschatz. Ich habe keine Kinder, war aber selbst mal eine sehr heikle kleine Sophia. Manchmal wurde darauf Rücksicht genommen oder ich bekam zu bestimmten Anlässen meine Lieblingsgerichte, doch meistens entschied mein intuitiv kochender Vater, was auf den Tisch kam, und so verspeiste ich es teils begeisterter, teils widerwilliger. Diese Erfahrung hat mich nicht traumatisiert oder in anderer Weise beeinträchtigt, und ich würde ich es auch so halten wie mein Vater, müsste ich eine Familie ernähren.

Motivation und Inspiration

Je mehr ich mich in meinem Leben der Zubereitung von Essen gewidmet habe, desto größer ist meine Liebe zu dieser Tätigkeit geworden. Weil es ein Prozess ist, bei dem man sich ein Leben lang weiterentwickeln kann und nie das Gefühl hat, alles zu wissen oder zu können. Diese Demut der ständigen Entwicklung und Entdeckung birgt für mich mehr Motivation als die Idee, ein bestimmtes Ziel zu erreichen bzw. irgendwo anzukommen und dort zu verharren.

Die Quellen der Inspiration sind schier unendlich. Nicht nur was das kulturelle und historische Spektrum von Kulinarik weltweit anbelangt, sondern auch die neuen innovativen Perspektiven gerade im Bereich pflanzlicher Küche.

Vor einigen Jahren habe ich an einem Workshop zu Tofuherstellung teilgenommen und da erst verstanden, dass dieses Produkt, das bei uns leider oft das Image eines langweilig schmeckenden Fleischersatzes hat, in seiner Herstellung Milchprodukten ähnelt und Jahrtausende asiatischer Esskultur mit sich bringt. Obwohl ich schon vorher gerne Tofu aß, erkannte ich, wie groß meine unbewusste Ignoranz diesem Sojaquark gegenüber war, schlichtweg durch Unwissen. Wer einmal frischen unpasteurisierten Tofu mit Frühlingszwiebeln, Shoyu, Algenflocken und frischem Ingwer probiert hat, versteht, dass das mit eingeschweißten Fertigprodukten vom Discounter so wenig zu tun hat wie lange gereifter Gruyère mit Scheiblettenkäse.

Bleiben wir kurz beim (veganen) Käse: Viele Menschen haben vielleicht mal veganen Scheibenkäse probiert, der häufig auf Basis von Kartoffelstärke, Kokosöl oder Mandeln hergestellt wird. Ist okay, kann man machen, aber natürlich kann er geschmacklich nicht mit monatelang sorgfältig gereiftem Käse aus tierischer Milch mithalten. Aber hast du schon mal gereiften pflanzlichen Käse probiert, der mittlerweile von vielen kleinen Manufakturen weltweit angeboten wird? Camembert, geräuchtere Varianten und sogar Blauschimmelkäse, der auf der Basis von Nüssen und Kernen hergestellt wird. Der kommt der Sache schon wesentlich näher. Und wenn ich mir dann die Entwicklung ansehe, die alleine in den letzten zehn Jahren in diesem Sektor stattgefunden hat, und diese abgleiche mit den jahrtausendealten Traditionen der klassischen Käseherstellung, muss ich sagen: Ich bin euphorisch, wie viele tolle Produkte innerhalb kürzester Zeit den Markt erobert haben, und sehe hier noch schier endloses Potenzial. 

Mit diesen Beispielen möchte ich nur noch einmal unterstreichen, weshalb sich der Schwerpunkt pflanzliche Küche für mich noch nie wie eine Einschränkung, sondern immer wie ein spannende kreative Herausforderung angefühlt hat.

Zudem ist die Zubereitung von Speisen die wohl unmittelbarste kreative Tätigkeit, mit der man innerhalb kürzester Zeit ein Ergebnis erzielen und teilen kann:

Man serviert, und das Ganze wird verspeist.

Man kann sich und andere Menschen damit glücklich und satt machen. Was kann man sich Schöneres denken?

Das sind Aspekte, die mir sehr viel geben, nicht weil es mein Ego nach permanenter Bestätigung dürstet (was sicher auf manche Köch*innen zutrifft, das wäre für mich die falsche Motivation), sondern weil es mich glücklich macht, andere glücklich zu machen. Klingt kitschig, ist aber so.

Und nicht zuletzt mag ich das Kochen, weil es eine handwerkliche Tätigkeit ist und für mich den perfekten Ausgleich zu geistigen Tätigkeiten bietet.

Während ich gerade am Schreibtisch sitze und dieses Buch schreibe, gibt es für mich nach einigen konzentrierten Stunden nichts Schöneres als die Aussicht, noch schnell ein Sauerteigbrot für den nächsten Tag anzusetzen oder ein paar Weihnachtsplätzchen zu backen. Denn da habe ich meine Routine und kann mich mental entspannen, während ich den Teig knete, und am Ende wartet ein köstliches Ergebnis, mit dem ich mich und mein soziales Umfeld verwöhnen kann.

Auch wenn ich gewisse Handgriffe über die Jahre perfektioniert habe und diese Sicherheit mir viel Freude bereitet, liebe ich es, mich stetig neu herauszufordern. Wie etwa Techniken auszuprobieren, die ich noch nicht kenne, Aufgaben mit der linken Hand auszuführen, die ich sonst mit der rechten bewerkstellige, kleine Veränderungen vorzunehmen, die meine Geschicklichkeit schulen.

Gerade in einem Alltag, in dem wir es zunehmend gewöhnt sind, dass Computer und andere Geräte uns bestimmte Tätigkeiten abnehmen, finde ich es beruhigend zu wissen, dass ich nicht zwingend auf diese angewiesen bin, da ich es bevorzuge, meinen menschlichen Fähigkeiten zu vertrauen, meiner Intuition. Weil mich das persönlich bereichert.

In der Küche bedeutet das konkret, keine Waage, keinen Messbecher und kein Rezept zu benötigen, weil ich genau weiß, wie viel Flüssigkeit in den Mixer muss, sodass der Aufstrich am Ende die richtige Konsistenz hat. Weil ich ein Gespür dafür habe, wie lange die Nudeln kochen müssen, ohne einen Wecker zu stellen. Weil ich mit bloßem Auge erkenne, ob der Kuchen durchgebacken ist, und mich mit der Stäbchenprobe lediglich vergewissere, dass ich recht hatte.

Ich bin überzeugt, dass das Schulen solcher Fähigkeiten mich auch in anderen Lebensbereichen bereichert, weil es mein Selbstbewusstsein stärkt und mir hilft, auch andere Alltagssituationen intuitiver anzugehen und zu bewältigen.

Ein fester Bestandteil kreativen Kochens ist zudem auch die nicht vermeidbare Fehlerquote: trial and error. Zu lernen, mit Fehlern konstruktiv umzugehen und deswegen nicht gleich aufzugeben, ist in der Küche unerlässlich und überträgt sich auf unser Handeln allgemein.

Weitere Vorteile finden sich natürlich auch im Bezug auf Wohlbefinden und Budget.

„Du bist was du isst“ steckt voller Wahrheit, und indem wir selbst das Ruder darüber übernehmen, womit wir uns nähren, gibt uns dies in einer auch kulinarisch zunehmend komplexer werdenden Welt etwas Kontrolle zurück, was den Vorteil hat, dass wir besser lernen, auf unseren Körper und seine Signale achten zu lernen. Was tut mir gut, was nicht, was vielleicht nur ab und zu mal? Sich selbst zuzuhören, auch wenn es sich nur um einen zufriedenen Rülpser handelt, ist gelebte Selbstfürsorge. 

Wenn wir achtsamer mit Lebensmitteln umgehen und diese sorgfältig auswählen und zubereiten, sparen wir in der Regel auch Geld, da wir einen größeren Überblick über das behalten, was an Vorräten vorhanden ist, und das Vorhandene fast vollständig verwerten können.

Ein weiterer wunderbarer Grund zu kochen ist für mich die stets anhaltende Freude am Umgang mit Lebensmitteln. Sinnesfreuden, wie der Anblick und das Geschmack gerade geernteter Erdbeeren, das Aroma perfekt gereifter Tomaten, der Geruch frischer Kräuter, die Saftigkeit einer Gurke, die trotz ihres hohen Wassergehalts einzigartig nach Gurke schmeckt. Für mich bedeuten diese Empfindungen pure Euphorie, die mein Leben täglich bereichert, das kulinarische Puzzleteil der Lebensphilosophie, sich an den kleinen Dingen zu erfreuen und diese bewusst wahrzunehmen. Welch Privileg, mit dem arbeiten und kreativ sein zu dürfen, was dieser einzigartige Planet hervorbringt! 

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