Ich habe großen Respekt vor Künstlern, die mit ihren Zeichnungen, Illustrationen und Malereien die Fantasie anregen und damit manchmal erst die Tore öffnen, durch die Storywriter, Programmierer und viele andere gehen, um eine ganze Welt daraus zu formen. Manchmal schaut man ein Bild an und sieht schon ein Abenteuer vor sich - oder wünscht sich eines auf die Leinwand.
In diesem Fall geht es (nach der Podcast-Reihe zur germanischen Mythologie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) in den hohen Norden, genauer gesagt in die altisländische Völsunga Saga, in der Sigurd gegen Fáfnir kämpft, der hierzulande als Siegfried bekannte Held der Nibelungen. Mir gefällt vor allem das Figurendesign des Lindwurms, der weniger einem klassischen Drachen als vielmehr einer urzeitlichen Bestie gleicht, die auch ein untoter Boss aus Bloodborne sein könnte.

Zwar ist diese Darstellung nicht ganz quellentreu, denn Reginn rät dem Helden eigentlich, dass er sich in einer Grube verstecken soll, um mit seinem Schwert Gram von unten zuzustechen, sobald Fafnir hinüber gleitet. Aber wer weiß, vielleicht hat Justin Sweet ja nur die Erkundung abbilden wollen. Sie stammt aus der limitierten Leder-Ausgabe The Eddas von Easton Press, die er komplett illustriert hat. Ich mag seinen episch-malerischen Stil, der ein wenig an den von Frank Frazetta erinnert.
Auch Sweet ist bekannt für seine heroische Fantasy und die Bebilderung ganzer Sammelbände. Dazu gehört auch seine Arbeit für das nur auf Englisch erschienene Kull: Exile of Atlantis, in dem 2006 alle Geschichten und Fragmente von Robert E. Howards Helden versammelt wurden. Auch diesen Vorgänger von Conan hat er abgebildet:
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Sweet hat an der California State University studiert und ist seit über 30 Jahren aktiv. 2015 hat er zusammen mit dem Künstler Vance Kovacs, mit dem er ab 1994 für fünf Jahre als Konzeptkünstler bei den Black Isle Studios zusammen arbeitete, ein Artbook namens The Art of Eclipse: The Well and the Black Sea (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) veröffentlicht, in dem sie in ihre eigene "poetische Fantasywelt" entführen. Ach so: Kovacs war auch schon in einer Schönen Aussicht mit seinem Höllenritt aus Magic: The Gathering (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) dabei.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Und die beiden haben viel zur visuellen Anziehungskraft von Icewind Dale I & II beigetragen, das ab 2000 bei Interplay erschienen. Black Isle setzte auf die erfolgreiche Spielmechanik von Baldur's Gate, das zwei Jahre zuvor nicht weniger als ein neues isometrisches Erlebnis ermöglichte, das auch Pen&Paper-Rollenspieler ansprach. Vor allem die Charakterportraits von Sweet, die ja auf größeren Hintergrundmalereien beruhten, aus denen man das Gesicht als Ausschnitt wählte, blieben viele Jahre unerreicht.

Sweet hat nicht nur für Videospiele, sondern für so einige Filme gezeichnet, darunter Lion King, Jungle Book, Narnia, Snow White and the Huntsman oder Star Wars: The Last Jedi. Und die Szene mit Sigurd und Fafnir erinnert ein wenig an eine Konzeptzeichnung, die er für den kommenden Film zu God of War angefertigt hat.

Weitere Illustrationen von Justin Sweet findet ihr auf seiner offiziellen Webseite (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder auf Artstation (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).