Dieser StreetLetter erreicht Euch aus einem Café in Istanbul mit dem schönen Namen Fotohaus Coffee (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Es gibt guten Kaffee, überall Bilder an der Wand, Vitrinen mit alten Kameras und anderen Devotionalien, Wlan, Steckdosen, Platz zum Arbeiten und eine rote flauschige Katze. Und es läuft Radiohead.

Vor allem ist es gleich ums Eck vom Hotel, wo ich zwei Stunden nicht ins Zimmer kann, weil meine Mitreisende einen arbeitsbedingte Besprechung hat, in der Begriffe wie “Alignment” und “Strategie” vorkommen – im Urlaub! In Istanbul! Und weil es heute ekelhaft kalt und windig ist, gehe ich heute Nachmittag nicht raus, sondern schreibe Euch einen StreetLetter vom Bosporus.

Diese Stadt wird ja vollkommen zu Recht als fotografisches Paradies gepriesen. Sie ist groß und wimmelig, immer noch angenehm unaufgeräumt, obwohl die Regierung sich seit Jahren bemüht, eine gewisse Dubaihaftigkeit einkehren zu lassen. Zudem ist den Bewohnern wirklich komplett egal, ob da jemand mit einer Kamera herumspringt oder nicht. Man wird einfach ignoriert.
Für mich ist es der vierte Besuch, ich kenne jetzt schon ein paar Ecken und habe keinen besonders hohen Druck, nochmal die Hagia Sophia besuchen zu müssen. Ich kann die Stadt auch mal Stadt sein lassen und mich in ein Café setzen. Zudem weiß meine Mitreisende, daß ich nervös werde, wenn ich nicht ab und zu mal ein paar Stunden zum Rumlaufen und Knipsen bekomme und zieht sich zum Schreiben zurück. Das sind ja schon Idealbedingungen.
Im Grunde kann man Ewigkeiten allein auf der Galata-Brücke verbringen. Oder vor der Neuen Moschee, wo die Tauben gefüttert werden. Oder irgendwo rund um den Basar. Oder im Gülhane-Park. Alles liegt perfekt da, man kann alles zu Fuß machen. Es ist kein Wunder, daß es hier eine große fotografische Tradition gibt. Wer dieser Tradition nahekommen möchte, kann ins Café Ara (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gehen, es gibt dort auch sehr gutes Essen. Es lag direkt neben dem Studio von Ara Güler, dem Magnum-Fotografen, der hier jeden Mittag am gleichen Tisch aufschlug. Es ist wahr, ich habe ihn hier bei meinem letzten Besuch gesehen. Nun hängen seine Bilder überall im Café an den Wänden.

Gleichzeitig steigt natürlich der Druck, den man sich macht: Wenn ich hier jetzt nicht bald mal ein gutes Bild hinbekomme, dann schaff ich’s ja wohl nirgends, oder? Warum, Frau Diener, fotografierst Du so einen Scheiß zusammen? Jetzt guck doch mal! Jetzt konzentrier dich doch mal! Das hier ist Istanbul, hier wurden schon tausend phantastische Bilder gemacht, hier ist es so leicht wie nirgends. Instagram ist voll mit Fotos, die beweisen, daß es in Istanbul praktisch wie von allein läuft. Alle können das hier, alle!

Je nun, manchmal will es eben nicht, und dann wieder passiert’s auf dem Weg zur Bushaltestelle. Streetphotography is a bitch und lässt sich von feinen Städtereisen und spannenden Zielen leider auch nicht wirklich beeindrucken. Egal, wofür man sein Geld ausgibt, besser werden die Bilder halt weder durch bessere Kameras noch durch weitere Reisen. Nur anders.
Da bleibt nur eins: Nochn Kaffee, nochn Baklava, sich freuen, daß man überhaupt hier in dieser Stadt ist und viel zu lange nicht hier war. Sich freuen, daß man nicht in einem Zoom-Call sitzt, in dem von “Alignment” gefaselt wird, sondern im Café Fotohaus. Auf die Wettervorhersage schauen und hoffen, daß es morgen nochmal einen schönen Tag gibt.
Und: Sich keinen Druck machen. Mit Druck funktioniert es ja leider nirgends, weder in Istanbul noch in Frankfurt. Das ist leichter als gesagt, ich schaffs ja auch nur halb, aber ich nehme es mir vor.
In other news:
Stefan und ich laden zu einem gemeinsamen Workshop nach Frankfurt ein. Wir werden Euch mit unserem geballten Wissen versorgen, es geht um Bildgestaltung und um das Finden des persönlichen Stils, um Kriterien für gute Bilder und darum, wie subjektiv das überhaupt ist. Und natürlich gehen wir auch zusammen auf die Straße und haben Spaß! Wir würden uns freuen, wenn auch Du dabei wärst. Details und Anmeldung auf Stefans Website. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
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Leica hat jetzt auch einen Podcast. Er heißt “How I see” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und es geht gleich gut los, nämlich mit Matt Stuart.
Terminkalender
vom 30. April bis 14. Juni: Fred Stein, “Stadt. Leben.Porträt”, in der Leica Galerie Wetzlar (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
bis 3. Mai: James Nachtwey, Fotografiska Berlin (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
bis 10. Mai: Daido Moriyama, Retrospective. Foto Arsenal Wien. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
von 5. Juni bis 4. Juli: “Unendliche Perspektiven”. Ausstellung des Ruhr Collective im Foto Forum Ruhr (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
5. bis 14. Juni: Deutschlandweit 49/58, Britta Kohl-Boas, Oliver Jockers und Bastian Hertel, Galerie Grindelallee 129, Hamburg.
bis 14. Juni: “Das Weite suchen. Fotografie der späten DDR und frühen 1990er”, Brandenburg Museum, Potsdam (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
bis 28. Juni: Sibylle Bergemann, Fotografien 1966 bis 2010. Kunsthalle Göppingen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
bis 5. Juli: Margaret Courtney-Clarke: “Geographies of Draught”. Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
11. Juli: Meet & Street in Freiburg (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)!
bis 4. Oktober: “Neue Frau, Neues Sehen: Die Bauhaus-Fotografinnen”, Helmut-Newton-Stiftung Berlin
am 18. und 19. September: Women with cameras connect: Das “Women with cameras”-Kollektiv Wuppertal lädt ein. Save the date, Details folgen.
Die guten Bilder
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