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KOPFKINO

FILM-KRITIK (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

„Sein scheinbar monotones Leben ohne Abenteuer, seine introvertierte Sicht auf die Welt voller schwarzen und schmerzhaften Humors, die Konsequenz, mit der er Literatur und Leben verband, und der Mut in seinem beinahe prophetischen Blick auf die Welt, all das nährte meine unendliche Faszination. Mit seiner dreifachen Identität, Selbstironie und akuten Sensibilität wurde Kafka zu einem bewunderten Bruder, zerbrechlich trotz all seiner Stärke, der beschützt werden muss.“ - Regisseurin Agnieszka Holland

Franz Kafka ist ein Mysterium, ein Enigma - trotz aller biografischer Informationen, Analysen von Person und reichlich verbreitetem (schmalen) Werk, Annäherungen in Film und Serie. Das wird sich mit der heute im Kino startenden Filmbiografie Franz K. der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland (Charlatan, Green Border) kaum ändern. Dafür ist die tschechisch-deutsch-polnische Koproduktion letztlich zu sperrig und in ihrer surrealen Ausgestaltung so kafkaesk, dass sie sich rundheraus jeder konkreten Deutung entzieht.

Geboren, um zu spielen: Idann Weiss als Franz Kafka // @ Marlene Film Production, X Verleih AG
Geboren, um zu spielen: Idann Weiss als Franz Kafka // @ Marlene Film Production, X Verleih AG

Im Kern ist der Film dabei zunächst wenig überraschend, vor allem für all jene, die die phantastische, auf den Biografien von Reiner Stach basierende Mini-Serie Kafka von David Schalko (Regie und Drehbuch) und Daniel Kehlmann (Drehbuch) gesehen haben. In dieser verkörpert der Schweizer Schauspieler Joel Basman den hypochondrischen, in seinem Alltagsleid vom Vater beeinflussten Franz Kafka. Nun erleben wir den aus dem niedersächsischen Seesen stammenden Idan Weiss in seiner ersten Spielfilmhauptrolle. Und der 1997 geborene, im Theater erfahrene Schauspieler scheint wie für diese geboren.

Zwar sind der wie immer sehr einnehmende Peter Kurth als polternder Carnivore Hermann Kafka, Sebastian Schwarz als sensibler Semi-Mentor Max Brod und Carol Schuler (Zürich-Tatorte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) als Franz’ erste und enttäuschte Verlobte Felice Bauer nicht unter ferner spielten abzulegen, doch ist es eben Idan Weiss’ eindrückliche Performance, die den Zuschauer*innen vor allem im Gedächtnis bleiben dürfte. Nebst der einen oder anderen unappetitlichen Szene, wenn etwa der Apparat aus Der Strafkolonie inszeniert wird (Josef Trojan, der bereits in Hollands Charlatan spielte, mimt den jüdisch-polnischen Schauspieler und engen Freund Kafkas, Jizchak Löwy) sowie manch Nacktheit.

Peter Kurth als Hermann Kafka, Sandra Korzeniak als Julia Kafka // @ Marlene Film Production, X Verleih AG
Peter Kurth als Hermann Kafka, Sandra Korzeniak als Julia Kafka // @ Marlene Film Production, X Verleih AG

Dies sind nicht die einzigen Einsprengsel, die Angieszka Holland und Drehbuchautor Marek Epstein sich ausgedacht haben. Immer wieder werden Momente gezeigt, die lediglich im Kopf Kafkas stattfinden (was dann sehr an die Serie denken lässt), der Film springt in der Zeit hin und her (was ohne Vorkenntnisse nicht immer leicht zu begleiten ist) und erkundet leicht ironisch und wie auf einer Metaebene den Kult um Kafka. Etwa in einem fiktionalisierten Museum, der realen Büste oder einem ausgedachten Kafka-Burgerladen in Prag.

Das ist insofern doppelt lustig, da es ohne diesen Hype in Tschechien und zahlreichen anderen Ländern sicherlich kein Bedürfnis nach noch einem Franz-Format geben würde. Zwar erzählen Holland und Epstein wie eingangs erwähnt nichts Neues, dafür auf eine Weise, die zumindest kreativ und nicht selten anregend ist. Andererseits ebenso häufig anstrengend. Franz K. ist nicht langweilig, nicht belanglos, doch zehrt der Film ähnlich an uns, wie die Kamera Tomasz Naumiuks an manch einer Figur vorbei: fokussiert und gewaltvoll.

Idan Weiss als Franz Kafka, Carol Schuler als Felice Bauer // @ Marlene Film Production, X Verleih AG
Idan Weiss als Franz Kafka, Carol Schuler als Felice Bauer // @ Marlene Film Production, X Verleih AG

Doch eine Einschränkung zu „nicht langweilig“: Wer bisher kaum oder keine Berührung mit Franz Kafka, vor allem nicht mit dessen Biografie und manch Bezug dieser zum Werk hatte, sollte diesen nicht nur künstlerisch anspruchsvollen Film meiden. Als ein Einstieg respektive erstes Kennenlernen ist er definitiv nicht geeignet.

Er verlangt den Zuschauer*innen einiges ab, belohnt sie allerdings auch mit feinem Humor, einer intensiven Inszenierung, starkem Schauspiel, feiner Ausstattung (Szenenbild: Henrich Boráros, Kostüme: Michaela Horáčková Hořejší), ein wenig Fourth-Wall-Breaking und manch Insider, wenn, zugegeben, das doch erleichterte Ausatmen zu Beginn des Abspanns vernehmbar ist und bleibt. Eine Erfahrung ist Franz K. allemal. Was wohl nahezu jeder Begegnung mit dem Mann nahekommen dürfte.

https://www.youtube.com/watch?v=f_uLgdGKL6M (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Ob sie vergleichbar anstregend wie lohnenswert ist, wie so eine Wanderung entlang des Salzpfads (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), eine einmalige Sache bleiben oder doch wiederholt werden wird, entscheidet sich entlang des individuellen Vermögens schön zu leiden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Der Autor dieser Zielen meint: Sollte es einmal eine Doppelvorführung von Bekenntnisse des Hochstaplers Thomas Mann und Franz K. geben, wird er sie sich anschauen. Allein schon um sich zu vergewissen, dass Sebastian Schneider und Idan Weiss nicht ein- und dieselbe Person sind. Das wäre doch zu kafkaesk.

AS

PS: Franz K. wurde von Polen als Beitrag für die Oscarverleihung 2026 als bester Internationaler Film eingereicht.

PPS: Den Geschlechtsakt als Strafe für das Glück zu deuten, ist schon sehr Kafka. Der arme Banause!

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FRANZ K. startet am 23. Oktober 2025 im Kino; Laufzeit ca. 127 Minuten; FSK: 16

Sujet Film & Serie

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