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WAS NÜTZT DIE LIEBE…

FILM-KRITIK (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Nach der ihre vielen Versprechen einlösenden Promising Young Woman und dem flamboyanten gut punch Saltburn kommt mit der relativ freien Literaturadaption (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) “Wuthering Heights” - Sturmhöhe nun der nächste eigenwillige Wurf der britischen Regisseurin, Autorin und Produzentin Emerald Fennell. Dass der Titel bewusst in Anführungszeichen gesetzt ist, ist, in Kombi mit Fennells Einlassungen, sie habe nicht das Buch Emily Brontës verfilmt, sondern eine Interpretation beziehungsweise ihre Version umgesetzt, schon einmal eine Ansage. (Sie meint übrigens, alle Literaturadaptionen sollten in Anführungszeichen veröffentlicht werden. Solider Gedanke.)

Regenkuss und kaum sexueller Überdruss: Jacob Elordi als "gemachter" Heathcliff und Margot Robbie als Catherine Earnshaw // © 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved
Regenkuss und kein sexueller Überdruss: Jacob Elordi als "gemachter" Heathcliff und Margot Robbie als Catherine Earnshaw // © 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

Am Film scheiden sich die Geister. Nun ist es nicht an uns/am Autor dieser Zeilen, die noch junge Rezeptionsgeschichte des nicht nur optisch berauschenden Films mit dem großen, weißen Australier Jacob Elordi als Heathcliff (Adolescence’s Owen Cooper als Kind) - statt einer Person of Colour - und Co-Producerin Margot Robbie als Catherine “Cathy” Earnshaw (Charlotte Mellington als junge Cath), die einige als fehlbesetzt, weil “zu alt”, empfinden, aufzuarbeiten.

Ebenso wenig Worte sollen über die Geschichte einer Liebe als Besitzempfinden, einer - neudeutsch - toxischen Zuneigung, einer energ(et)ischen Co-Abhängigkeit von zwei entsetzlichen Menschen in der Umgebung größtenteils nicht weniger furchtbarer Zeitgenossen verloren werden. Wobei es im Film im Gegensatz zur 1847 unter dem Pseudonym Ellis Bell veröffentlichten, im viktorianischen Kolonisations-Großbritannien größtenteils verpönten Romanvorlage (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) durchaus menschliche Lichtpunkte gibt.

Luftig bis düster: In Wuthering Heights ist Mr. Earnshaw (Martin Clunes, M.) "Mann des Hauses", Heathcliff (Jacob Elordi, li.) und Nelly Dean (Hong Chau) sind Nutzgut // © 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved
Luftig bis düster: In Wuthering Heights ist Mr. Earnshaw (Martin Clunes, M.) "Mann des Hauses", Heathcliff (Jacob Elordi, li.) und Nelly Dean (Hong Chau) sind nutzbares Gut // © 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

Etwa den vom pakistanisch-schottischen Shazad Latif gespielten Edgar Linton, der Cathy ehelichen und vermeintlich aus dem ehemals reichen, nun verarmten Sauf-Loch ihres Vaters Mr. Earnshaw (Martin Clunes) befreien wird. Oder die ambivalente Gesellschafterin Nelly Dean (Hong Chau), die mit einer Mischung aus (Für-)Sorge und Eigensinn agiert. Dafür dreht sie die Figur der Isabella Linton, hervorragend gespielt von Alison Oliver, einmal komplett um und ändert so eindrücklich eine das Buch prägende Dynamik. Love It or Loathe It, but it works.

Shazad Latif als Edgar Linton und Mündel Isabella (Alison Oliver) beim Alice-im-Wunderland-Tee und einer Buchbesprechung // © 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved
Shazad Latif als Edgar Linton und Mündel Isabella (Alison Oliver) beim Alice-im-Wunderland-Tee und einer Buchbesprechung zu... nun, kommt noch // © 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

Spannend an der Interpretation Emerald Fennells sind Änderungen, die sie schon sehr früh vornimmt. Damit ist nicht das - hier und da kritisierte - Eindampfen des umfangreichen Stoffes gemeint (wie es im Übrigen bisher in jeder Verfilmung, TV- und Mini-Serien-Adaption der Fall war). Nein. Es geht vielmehr darum, dass in “Wuthering Heights” - Sturmhöhe nicht Mr. Earnshaw den von ihm aufgesammelten Jungen einen Namen gibt, sondern Töchterchen Cathy ihren “Hund” nun “Heathcliff” tauft.

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/656be43c-e075-49ad-a0e5-39187a603b94 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Ihr Spielzeug, ihr Werk zum Abrichten und Trainieren. Ihr jederzeit für sie und ihre Zwecke wie Gefühlswallungen zur Verfügung stehendes Apportierwerkzeug. In diesem Zusammenhang der charakterlichen Formbildung ergibt es erst recht Sinn, wenn Catherine sagt, sie liebe Heathcliff so sehr, weil “er mehr ich ist, als ich es selbst bin”. Dessen unbenommen scheinen die Gefühle echt. Bei allem Wahn, den sie in beiden auslösen respektive verstärken, den semi inzestuösen Tendenzen und ihren Charakterschwächen, die sie nicht nur aufeinander projizieren, sondern anderen düster, giftig und bissig wie Nosferatu einspritzen. Die unbestreitbare Chemie zwischen Robbie und Elordi, die von Beginn an durch Ziehen-Und-Stoßen geprägt ist, hilft arg, diese menschlichen Monster zu formen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Schön anzusehendes Grauen: Heathcliff (Jacob Elordi) und Catherine (Margot Robbie) // © 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

Form ist ohnehin ein tolles Stichwort. Die stimmt in “Wuthering Heights” in jeder Hinsicht. Die Sets sind atemberaubend (Production Design: Suzie Davies, Konklave) und physisch so real und präsent wie die Darsteller*innen. In einer Set Tour beschreibt Margot Robbie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), wie beeindruckend und selten es ist, an einem Set zu drehen, in dem das Außen wie Innen auf einer Soundstage liegen - und es fasziniert.

Das Leben als Kostümparty: Catherine (Margot Robbie) und Edgar Linton (Shazad Latif) // © 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved
Das Leben als Kostümparty: Catherine (Margot Robbie) und Edgar Linton (Shazad Latif) // © 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

Der Sound von Charli xcx und Anthony Willis ist nicht nur in the moment famos, sondern wirkt nach und der Soundtrack ist ein Muss. Die Bilder von DoP Linus Sandgren in 35mm VistaVision sowie der Schnitt von Victoria Boydell sind mit aller Farb-, Ausstattungs- (Set Decorator: Charlotte Dirickx) und Kostümpracht (Designerin: Jacqueline Durran) fürs Kino gemacht und wirken mit einer Mischung aus Kitsch und Klasse schlicht übertrieben geil. Geil sind auch viele der Figuren, wenn Emerald Fennells Film auch nicht der sexualisierte Camp-Schocker ist, für den manche ihn nach ersten Bildern und Teaser ausmachten.

https://www.youtube.com/watch?v=hjCMTPfIcDk (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Ja, zu Beginn mischen sich irgendwie Sex und Tod - was sinnbildlich für die Geschichte stehen mag und durchaus passt. Ja, es gibt ein wenig BDSM (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) - der Moment lebt allerdings davon, dass wir ihn weniger sehen, als vielmehr übertragen erleben und er eine Art harten Riss im Verhältnis von Catherine und Heathcliff bedeutet. Ja, es werden Finger in Öffnungen und Eier gesteckt und geleckt. Ja, Zungen sind so präsent wie bedrohlich-verlangende Blicke und feste Griffe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Dabei geht es allerdings immer auch um Macht und Hierarchie, Dominanz und Unterwerfung.

Ich empfand das als authentisch, anziehend und angemessen für die Geschichte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die sich im Kern wahrlich auf die zwei kaputten Kaputtmacher fokussiert. Was allerdings ein wenig zu kurz kommt, so meinte auch eine kritische Kritiker-Kollegin nach Sichtung, welch enorme Verantwortung der narzisstischen - und ich zitiere - “Fo***” zufällt. Sie fährt im Grunde durchgehend ihren eigenen Film und nutzt alle in ihrer Umgebung als Schuldige.

*rrrr*: Heathcliff (Jacob Elordi) - grausamer Mann ohne Gewissen? // © 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved
*rrrr*: Heathcliff (Jacob Elordi) - grausamer Mann ohne Gewissen? // © 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

Sie ist wie die Stalkerin, die noch ihr eigenes Haus anzünden und den eigenen Hund umbringen würde, nur um den Verdacht auf andere zu lenken und sich selbst als Opfer zu inszenieren (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Bezeichnend ist eine Stelle, an der sie Nelly fragt, ob sie es denn genieße, sie ständig weinen zu sehen. “Nicht so sehr, wie Sie es genießen, immer zu weinen”, antwortet ihre verbrannte Vertraute.

Ton in Ton: Catherine (Margot Robbie) und ihre Wand in Thrushcross Grange // © 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved
Ton in Ton: Catherine (Margot Robbie) und ihre Wand in Thrushcross Grange // © 2026 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved

Zu guter Letzt sei noch die augenzwinkernde Liebe fürs Detail erwähnt. Ob etwas tacky, wie Elordi auf einem schnellen Pferd (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder Regen-Und-Kuss-Muss (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), oder hintergründig mit Bergen von Flaschen oder mit Stoff bezogenen Wänden, die die Haut Catherines nachbilden sowie ironisch, wenn es um die Absurdität von Romeo & Julia oder den kleinsten Hund der Welt geht. “Wuthering Heights” ist kunstvoll und künstlich im besten Sinne, eine orgiastische, düster-farbenfrohe Vision und jedenfalls für mich mit 28 Years Later: The Bone Temple (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) eines der Film-Highlights des noch jungen - und bisher arg deprimierenden - Jahres 2026

AS

PS: In der Penguin Verlagsgruppe liegen neue Editionen und Übersetzungen sowie englischsprachige Ausgaben des Romans in diversen Ausgaben sowie eine Hörbuch-Version vor (hier eine Übersicht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)). Wir werden uns der Vorlage eingehend widmen - ihr könnt abstimmen, ob wir mit der englischen Edition oder der deutschen Übersetzung von Alfred Wolfenstein, neu überarbeitet von Jochen Veit, beginnen. Ob via Instagram (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Threads (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder BSky.

https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/253cd360-7264-470c-bb9b-f90f5694aa08 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

PPS: Apropos Co-Abhängigkeit: Mitte März erscheint im Penguin Verlag Rina Schmellers Roman Co (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Unsere Rezension wird es kurz nach Erscheinen und der Berliner Buchpremiere geben.

PPPS: Ja, eigentlich wollten wir die Film-Review zum Start am 12. Februar veröffentlichen, dann passend zum Freitag, dem 13., dann zum Valentinstag. Nun, Krankheit und Bettlägerigkeit (wie im Film, nur weniger blutig) haben dies verhindert. Nach bald einem Monat Pause sind wir wieder da.

IN EIGENER SACHE: Da unser reguläres Online-Magazin noch immer nicht wieder am Start ist, veröffentlichen wir vorerst hier. Mehr dazu lest ihr in unserem Instagram-Post (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder auf Facebook (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Außerdem freuen wir uns immer, wenn ihr uns einen Kaffee spendieren wollt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), durch unseren Merch stöbert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder uns direkt via PayPal (Mail: info_at_thelittlequeerreview.de) unterstützen mögt.

“Wuthering Heights” - Sturmhöhe ist seit dem 12. Februar 2026 im Kino zu sehen; Laufzeit ca. 136 Minuten; FSK: 16

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Sujet Film & Serie

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