TV-KRITIK (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (& Spoiler im PS)
„Maria Furtwängler, die mit ihrer Produktionsfirma und dem NDR das Drehbuch entwickelt hat, kam auf mich zu und fragte mich, ob ich den Film machen will. Für sie waren das Thema Biodiversität in der Landwirtschaft und die kritische Betrachtung von Pflanzenschutzmitteln zentral. Das fand ich spannend. Was bedeuten Pestizide für die Natur? Was für den Menschen? Sie hat großen Wert darauf gelegt, beide Seiten verstehbar zu machen, die der konventionellen Landwirtschaft mit ihren Zwängen und die Perspektive der Biobauern. Für sie ist der Tatort nicht einfach nur ein Krimi, sie verknüpft ihre Popularität immer auch mit einem gesellschaftlichen Auftrag. Das imponiert mir, also habe ich ja gesagt.“ - Regisseur Johannes Naber
So, und genau hier liegt das Problem: Was Johannes Naber sagt, klingt so, als wäre der Lindholm-Tatort: Letzte Ernte nicht nur relevant, sondern auf etwas anderes als die Ermittelnde und somit letztlich Maria Furtwängler ausgerichtet. Dem ist nicht so. Der arg langatmige Krimi läuft auf das von Naber und Furtwängler im Pressedossier ausführlich gefeierte grohohohoße Finale hinaus, das in einem Monolog kulminiert, der uns an Agatha Christies Herucle Poirot, den Nil und Orient-Express erinnern soll. Als sei es eine Verbeugung, eine Hommage. Und dabei ist dieser gesamte Film doch bestenfalls ein überzüchteter Ableger ohne Geschmack. Selbst naheliegende, faulig vom Stamm gefallene Calauer und Apfelwitze lässt dieser Tatort ungeerntet.

In der Tat wäre die Nummer um den Mord (der aussehen soll wie ein Unfall oder gar Selbsttötung) am Aushilfs-Apfelernte-Bauern Victor (Grzegorz Stosz) eine Möglichkeit gewesen, um „spürbar zu machen, unter welchem enormen Druck alle stehen. Wie sehr das System Landwirte zwingt, alles zu tun, um die Erträge ständig zu steigern. Wachse oder weiche – so lautet der Leitspruch“, so Furtwängler. Doch geschieht das nicht. Es gibt ein paar Schlagworte - Pestizide, Parkinson, Geld, Biohof und -diversität, etc. - doch mehr als sie bedeutungsschwanger zu erwähnen, ist da nicht.
Zurück zum vermeintlichen Unfall und mal die Handlung kopiert:
„Doch Charlotte Lindholm will das nicht recht glauben. Warum fehlt der Kopf? Da ein paralleler Großeinsatz des LKA alle verfügbaren Einsatzkräfte in Anspruch nimmt, muss Charlotte Lindholm weitestgehend Dinge allein regeln. Sie folgt ihrem Instinkt und mietet sich kurzentschlossen in das freie Pensionszimmer des Bio-Hofes ein, auf dem das Opfer zuletzt gearbeitet hat. Nach und nach taucht sie ein in das komplexe Psychogramm der Bauernfamilie und deckt toxische Beziehungen untereinander auf. War es doch kein tödlicher Unfall, sondern Mord? Was hatte die Bio-Bäuerin Marlies mit dem Opfer zu tun? Spielt der im Dorf heiß diskutierte Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft eine Rolle? Charlotte erfährt auch, dass Marlies‘ Sohn Sven und dessen Frau Frauke den Hof nicht übernehmen wollen. Doch ist das überhaupt wichtig?“

Es gibt kein komplexes Psychogramm. Jede Eigenschaft entspricht einem Charakterabziehbild, das mensch mit Wucht ins Gesicht geklebt wird. Daran ändert auch eine starke Lina Wendel nichts. Sicherlich findet das Drehbuch von Benedikt Röskau, Stefan Dähnert und Johannes Naber hier und da mal einen garstigen Moment, der so wirkt, als hätten die Figuren Persönlichkeit haben können.
Doch da niemand neben und bei Furtwänglers Lindholm stehen darf, ist der Fokus immer auf ihr und darauf, wie aufmerksam sie doch ist. (Was sie nur dann ist, wenn sie erläutern darf, wie sich das Gegenüber falsch verhalten hat, immerhin ist sie moralische Instanz, die alles begreift und einzuordnen weiß.) Dass es da schon als „Ich-Bin-Doch-Auch-Nur-Mensch“-Witz verkauft wird, wenn die LKA-Ermittlerin nun ab und an eine Brille tragen muss, ist in der kolportierten Bescheidenheit so offensichtlich anbiedernd, dass mensch sich fragt, ob der Witz in der Frechheit liegt.

Was kaum der Fall sein dürfte, so wichtig wie sich der Film nimmt. Da wird ein durchaus wichtiges Thema genommen, um ein Star-Vehikel zu inszenieren, das in seiner Geschmacklosigkeit sonst eher Til Schweiger zuzutrauen wäre. Oder so:
„Haben Sie das Ende wie ein Theaterstück gedreht?”
„Der Showdown ist im Film 16, 17 Minuten lang. Wir haben den Schluss am Stück, ohne Unterbrechung, gedreht, nach tagelangen Proben, um das Finale zu verdichten. Wir konnten am Set spüren, wie sich auch bei den Schauspielern eine konzentrierte Spannung aufgebaut hat. Vor allem für Maria Furtwängler war das eine große Herausforderung, denn diese Sequenz war für sie im Grunde ein 20-seitiger Monolog. Sie hat die Aufgabe mit Bravour gemeistert. Ich bin begeistert, wie dann im Schnitt alles zusammengeflossen ist.“ - Pressedossier Interview mit Johannes Naber
Wie erwähnt geht es um diesen Showdown, es geht im Tatort: Letzte Ernte darum, zu diesem Ende zu kommen und eine Lindholm mit einem Poirot gleichsetzen zu wollen. Was gerade mit Blick auf das größtenteils plumpe Buch, das psychologisiert ohne jede Feinheit und ein Drama mit einem Twist erzählt, für den sich jede*r Reich und Schön-Autor*in schämen würde, dass es schon fast wie Satire auf den eigenen Anspruch wirkt.
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Was noch? Der Film hätte wie erwähnt mehr Apfelwitze vertragen. Das Klischee vom einfältigen Dorfpolizisten wäre so vermutlich nicht einmal Rita Falk für ihre Eberhofer-Krimis gekommen. Und wieso fährt am Ende auf einmal doch mehr Polizei durch die Gegend, als zuvor anwesend war und dann auch noch in die entgegengesetzte Richtung?
Punktum: Nach einem recht starken Göttingen-Abschieds-Tatort mit Lindholm wird es hier wieder schwach. Das erinnert an frühere Fälle, in denen Lindholm nicht das Anaïs Schmitz-Korrektiv hatte. Denn so geht es immer nur um eine Sache: Charlotte Lindholm also Maria Furtwängler, die Markus Söder des deutschen Films, und wie sie gern gesehen werden möchte. (Da ist es natürlich praktisch, dass sie als Produzentin beteiligt ist und das Drehbuch mitentwickeln konnte.)
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/aac4ff78-5b34-47b6-92ee-14557f0538b7 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Wer sich also gleichzeitig langweilen und ärgern möchte, darf einschalten.
AS
PS: Also - hier kommen jetzt Spoiler, die wir mit einer Frage verbinden.
Am Ende des Films stellt sich heraus, dass sich die gesamte Apfelhof-Familie Marlies Feldhusen (Lina Wendel), ihr Sohn Sven Feldhusen (Henning Flüsloh) und dessen Frau Frauke Feldhusen
(Ronja Herberich) schuldig gemacht haben. Irgendwie. Doch juristisch mag das tricky sein, wie wir denken.
Das Opfer war nicht tot, als ihm der Kopf abgetrennt wurde. Doch glaubte die Person, die Kopf und Körper getrennt hat, er sei schon tot. Klar könnte mensch nun sagen, hätte sie Puls und Co. genauer gecheckt, hätte klar sein können, dass Victor noch lebte. Allerdings war sie recht angefasst von der Situation und nicht in bester emotionaler Verfassung bzw. in solidem Geisteszustand. Es scheint, dass keines der Mordmerkmale erfüllt ist. Eher wäre es fahrlässige Tötung. Aber eigentlich nicht, da auch bei dieser ja eine vermeintlich lebende Person zu Tode gekommen sein müsste. Die Person wiederum, die Victor töten wollte, hat ihn ja nicht getötet und hielt ihn ja für bereits tot.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/826f4d63-9d37-48fc-87e4-772449c2de0e (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Ist das dann Körpververletzung mit Todesfolge? Am Ende starb er ja, wenn auch nicht durch die Hand der ersten Person. Definitiv hatte diese eine Tötungsabsicht. Diejenige Person hingegen, die Victor letztlich ums Leben brachte, wollte im Prinzip nur aufräumen. Das wäre doch eher Behinderung der Justiz und Beweismittelvernichtung. Oder?
Hier dürfte mal ein True Crime-Podcast mit Know-how einspringen und die Sache erläutern.
PPS: Aus dem Haupt Verlag gibt es ein Buch zur Geschichte des Apfels - lesenswert, vielseitig und schön anzusehen. Empfehlung als Kontrastprogramm. Und im Göttinger (!) Wallstein Verlag ist vor einiger Teresa Präauers Rede zum Bremer Literaturpreis unter dem Titel Wie man einen Apfel isst erschienen.
PPPS: Ich denke dieser Tatort: Letzte Ernte ist einer der unsensibelsten und frechesten Filme, die ich in diesem Jahr gesehen habe.
PPPPS: Hier noch ein Buchtipp: Vom Norden rollt ein Donner von Markus Thielemann. Da geht es ebenso um Haus und Hof, Schuld und Scham, Geld und Gier. Sehr viel feinsinniger und wahrlich wirkungsvoll.
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Das Erste zeigt den Tatort: Letzte Ernte am Sonntag, 26. Oktober 2025, um 20:15 Uhr, one um 21:45 Uhr; anschließend ist der Film für zwölf Monate in der ARD-Mediathek verfügbar (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).