TV-KRITIK (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Vergangene Woche gab es einen totalen und ganz tollen Neuanfang im Tatort aus Frankfurt am Main (unser Text folgt noch). An diesem Sonntag gibt es ein Weitermachen unter veränderten Umständen in Dresden nachdem Karin Gorniak (Karin Hanczewski) dort gekündigt hat und derzeit als Schauspielagentin Sascha Massko in Call My Agent Berlin (v)ermittelt. Im Tatort: Siebenschläfer ermitteln Oberkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) vorerst als Duo, bevor wir die Gorniak-Nachfolge kennenlernen werden.
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Der Siebenschläfer ist ein vor allem durch den das Wetter vorhersagenden Siebenschläfertag in aller Munde befindliches nachtaktives Nagetier, zugehörig der Familie der Bilche (süßes Näschen hat's auch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)). Der gebräuchliche Name (wissenschaftlich: Glis glis) leitet sich nicht zuletzt von der neidisch stimmenden Haupttätigkeit des possierlichen Tierchens ab: Es hält um die sieben Monate Winterschlaf. Nicht nur in diesen Zeiten eine wünschenswerte Eigenschaft. Ein wenig Ruhe, Erholung und vor allem – (unbewusst) verpassen, was so um eine*n herum geschieht.
In diesem Sinne ist der Titel des Dresdner Tatorts bezeichnend. Nicht etwa, weil wir verschlafen wollten oder würden, was in dem Fall um den Tod der 16-jährigen Lilly-Marie (Dilara Aylin Ziem) geschieht, sondern weil die Ereignisse gleichermaßen spannend wie tragisch sind. Bevor die Leiche Lillys an einem See gefunden wird, ist sie gemeinsam mit ihrem Freund Pascal (Florian Geißelmann) nachts aus dem Jugendheim „Siebenschläfer“ (aha!) abgehauen. Dieser ist nun flüchtig und gilt nach Aussage von Heimleiterin Saskia Rühe (Silvina Buchbauer) und Erzieherin Jasmin Hoffmann (Aysha Joy Samuel) als schwierig und aggressiv.
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Er wie auch die anderen Kinder und Jugendlichen im erstaunlich stillen „Siebenschläfer“ hatten es bisher nicht leicht im Leben, weshalb sie von Psychiater Lukas Brückner (Hanno Koffler – immer wenn wir ihn in einem Tatort sehen denken wir: Verdächtiger oder Opfer!) therapiert werden. Dass der aalglatte Onkel Doc mit seinem zumindest eigenwilligen Therapieansatz bei Winkler und Schnabel, der in diesem Fall auch mit seiner eigenen Jugend konfrontiert wird, auf Skepsis stößt, wundert kaum. Während die Fahndung nach Pascal läuft Hochtouren läuft, wird der zuständige Abteilungsleiter im Jugendamt, Torsten Hess (Peter Moltzen), verfolgt und Pascals ehemalige Erzieherin Birte Friesack (Anna-Katharina Muck) attackiert...
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/826f4d63-9d37-48fc-87e4-772449c2de0e (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Nach Herz der Dunkelheit wendet sich der Tatort aus Dresden erneut der Jugend zu. Dieses Mal einer weniger hedonistisch veranlagten Gruppe als jener, die letztlich zu Gorniaks Abschied führte. (Und wieder ist ein Psychiater mit von der Partie, was zuletzt nichts Gutes verhieß.) Darüber hinaus liegt der Fokus, neben der Suche nach dem Hauptverdächtigen Pascal, den Florian Geißelmann recht eindrücklich mit einer Mischung aus getrieben und suchend spielt und den es sich in der kommenden Serienadaption Schattenseite anzusehen lohnt (Review folgt), auf den Erwachsenen in und um Heim sowie dem System von Amt, Pflege und Therapie.
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Zwar gelingt es Silke Zertz und Frauke Hunfeld mit ihrem durchaus ansprechenden Drehbuch nur selten, wirklich einmal einen oder zwei der angerissenen Punkte zu vertiefen, doch wird der Riss eben deutlich. Das beginnt damit, wenn Schnabel sich beklagt, dass die Kollegin, die für Gorniak kommen sollte, die Stelle nicht antreten kann, da sie in Dresden keinen Kita-Platz findet, geht über Pascals gesetzlichen Vormund, der bald an die einhundert Fälle betreut und halb im Spaß auf seine Kaffeemaschine wartet und endet mit dem zwar vorhersehbaren und doch erschreckenden (Be-)Handlungs-Schlusspunkt des Films.
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Die Regie von Thomas Sieben (der mit Koffler schon in seinem Nature-Hunting-Thriller Prey arbeitete) ist zielstrebig doch nie gehetzt was Kamera (Willy Dettmeyer) und Musik (Michael Kamm) unterstreichen. Der Tatort: Siebenschläfer lässt sich an mancher Stelle ausreichend Zeit, um Charaktere (weiter) zu entwickeln und ihre Befindlichkeiten hervorzuheben, was die Tragik eines überforderten und überfordernden System noch untermauert. Das Schnabel am Ende den Dichter Thomas Brasch zitiert, mag etwas dick aufgetragen sein, schmälert diesen realitätsnahen und beunruhigend berührenden Fall allerdings nicht.
AS
PS: Mal das „Sie“ und mal das „Du“, das kennen wir von Winkler und Schnabel. Doch gibt es hier diverse sehr persönliche Momente, in denen die beiden sich sonst – vor allem unter vier Augen – geduzt hätten. Zumal, wenn sie hier quasi als Duo auf Augenhöhe agieren. Schon komisch.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/63d95b20-7e84-4955-88ca-b953f36ad983 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)PPS: Kommende Woche sehen wir uns in Rostock. Es wird respektive bleibt düster melancholisch. Passt doch zum grauen Herbst.
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Das Erste zeigt den Tatort: Siebenschläfer am Sonntag, 12. Oktober 2025, um 20:15 Uhr, one um 21:45; anschließend ist der Film für zwölf Monate in der ARD-Mediathek verfügbar (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).