Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Ich dachte, ich wäre einfach nicht im 21. Jahrhundert angekommen, weil ich gerne mit der Hand schreibe. Aber die Forschung gibt mir recht.
Hi!
Ich habe leider eine schlimme Handschrift. Manchmal kann ich sogar meine eigenen Notizen nicht mehr lesen. Das Wort „heute“ sieht bei mir aus wie „hente“.
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Wer mich gut kennt, hat mich garantiert schon einmal mit zusammengekniffenen Augen über einer Seite brüten sehen. Sicher wäre es effizienter, ich würde alles tippen. Schneller ginge es auch. Aber darum geht es gar nicht. Sondern darum, was beim Schreiben per Hand mit meinem Denken passiert. Kaum etwas organisiert meine Gedanken so zuverlässig wie ein paar hingekritzelte Notizen.
Lange dachte ich, das läge an mir – dass ein störrischer Teil von mir einfach noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen ist. Ich kam mir albern vor, wenn ich an einem gestressten Arbeitstag zum Stift griff. „Was ist mit dir los, Theresa?“, dachte ich dann. „Die Menschen nutzen heute die Diktierfunktion, um ihren KI-Assistenten Befehle zuzuraunen – und du hantierst mit einem Kugelschreiber? Was kommt als Nächstes, Tontafeln?“
Als neulich wieder eine Kollegin belustigt auf meine Notizen schielte, reichte es mir. Ich habe nachgeforscht. Und jetzt macht mir niemand mehr meine handschriftlichen Notizen madig. Ich könnte sie vor jedem Effizienz-Guru verteidigen. Erst recht, seit ich herausgefunden habe, wie ich ein befriedigendes Schreibgefühl mit einem Tablet hinkriege.
Ein Philosoph mit Output
1882 ging es Friedrich Nietzsche nicht so gut. Er hatte heftige Sehstörungen, das Schreiben wurde zur Qual. Er bestellte sich eine Schreibmaschine, den „Writing Ball“ eines dänischen Erfinders. Das war eine Messingkugel mit 52 Tasten, gewissermaßen der Laptop des 19. Jahrhunderts. Die Maschine rettete sein Schreiben und machte ihn nebenbei extrem produktiv. In sieben Jahren lieferte er zehn Manuskripte ab.
Der „Writing Ball“ veränderte aber auch sein Denken. Keine Frage, Nietzsche lieferte ab, aber er schrieb nun häufig kürzer und pointierter. Der Philosoph selbst stellte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) fest: „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.“
Fast 150 Jahre später kann die Forschung erklären, warum.
Tippen vs. Hand – wer gewinnt?
Mit der Hand zu schreiben klingt einfach, schließlich lernen das schon Kinder in der ersten Klasse. Aber dahinter steckt etwas ziemlich Komplexes. Eine Review-Studie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von 2025, die 30 Neuroimaging-Studien ausgewertet hat, zeigt: Wenn wir mit dem Stift Buchstaben formen, koordiniert das Gehirn gleichzeitig Bewegung, Sehen, Sprache und Gedächtnis. Denn jeder Buchstabe wird dabei individuell von uns geformt. Das aktiviert unter anderem den sogenannten visuellen Wortformbereich, eine Region, die Buchstabengestalten speichert und wiedererkennt.
Beim Tippen passiert etwas anderes: Die Finger suchen eine Taste und drücken sie. Der Buchstabe entsteht nicht, er wird abgerufen. Deutlich weniger Hirnregionen sind daran beteiligt, besonders jene für Sprache, Gedächtnis und sensorische Verarbeitung.
Auch die Linguistin Naomi Baron erforscht, wie Schreiben und Denken zusammenhängen. In einem Artikel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) beschreibt sie zwei Studien, für die sie mehr als 500 Schülerinnen und Schüler in Amsterdam sowie 100 Studierende und junge Erwachsene in den USA und Europa befragt hat. Einmal ging es ums Lesen (Papier vs. Bildschirm), einmal ums Schreiben (mit der Hand vs. Tippen).
Die Teilnehmenden äußerten sich geradezu poetisch. „Ich mag das Gefühl von Papier und Stift unter meinen Händen, dass ich Wörter buchstäblich formen kann“, schrieb eine. Eine andere beschrieb das Schreiben mit der Hand so: „Man spürt, wie die Wörter über die Seite gleiten.“ Und: „Es fühlt sich echter an als Schreiben am Computer. Die Wörter scheinen mehr zu bedeuten.“
Tippen schätzen die Teilnehmenden auch, aber aus ganz anderen Gründen: dass es schnell geht, dass man nebenbei im Internet nachschlagen kann, dass die Rechtschreibung automatisch korrigiert wird. Wie es sich anfühlt, auf Tasten zu tippen, erwähnte von den 600 Befragten genau eine Person. Klar: Eine Tastatur ist praktisch, aber besonders sinnlich ist sie nicht.
Was deine Hände denken
Auf den ersten Blick klingt das vielleicht gefühlig. Aber genau die körperliche Dimension des Schreibens mit der Hand ist viel wichtiger, als es auf den ersten Blick aussieht. Genau hier liegt sogar ein entscheidender Punkt.