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Wie man unperfekt fühlt

Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Über emotionalen Perfektionismus und den Versuch, ihn loszuwerden.
Eine Familie mit lächelnden Menschen sitzt vor einem Weihnachtsbaum
KI-generiertes Bild mit Midjourney

Hi!

Ich habe jahrelang gedacht, dass ich ein Mensch bin, der nicht wütend wird. Mit Mitte zwanzig hatte ich eine Therapeutin, der das überhaupt nicht gefallen hat. Sie wollte immer, dass ich wütend werde. Zum Beispiel auf das Mädchen, das mich in der fünften Klasse gemobbt hat. Oder wahlweise auf meine Mutter oder meinen Vater (die Therapie war eine Psychoanalyse). Ich habe das überhaupt nicht eingesehen. „Warum wütend auf die Vergangenheit werden, die ich nicht mehr ändern kann?“, dachte ich, und kam mir sehr weise vor. Und viel erwachsener als die Therapeutin. 

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In dieser Zeit war ich mit einem Mann zusammen, der nie weinte. Nie. Ich war nie wütend, er hat nie geweint. Klingt gesund, oder?

Tatsächlich, das weiß ich heute, habe ich durchaus Wut gespürt. Aber ich wollte dieses Gefühl nicht. Also habe ich sie schnellstmöglich in Traurigkeit umgewandelt. Traurig war ich oft. 

Erst viel später habe ich gelernt, dass dieses emotionale Umsortieren nicht nur meine persönliche Strategie war. Es gehört zu einem Phänomen, für das die Psychologin Annie Hickox einen ziemlich treffenden Begriff geprägt hat: emotionaler Perfektionismus. 

Unter Perfektionismus versteht man ja normalerweise den Anspruch, unmögliche Standards erfüllen zu müssen – sei es bei der Arbeit, bei der Sauberkeit der Wohnung oder der eigenen Frisur. Bei emotionalem Perfektionismus, schreibt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Hickox, geht es darum, unerreichbare Maßstäbe auf die eigenen Gefühle anzuwendenetwa die Erwartung, Emotionen jederzeit kontrollieren zu können.“ 

 Also zum Beispiel unangenehme Emotionen sofort wegzudrücken oder umzubauen, damit sie besser ins eigene Selbstbild passen. Oder in die Stimmung, die man glaubt, in seinem Umfeld erzeugen zu müssen. Es geht also nicht um das Gefühl selbst, sondern das Gefühl über das Gefühl: Man ist nicht nur wütend oder traurig, sondern gleichzeitig beschäftigt mit der Frage, ob man in diesem Moment überhaupt Wut oder Trauer fühlen darf. 

Wir singen keine Lieder über undankbare Hirten

Wenn es einen eigenen Feiertag für emotionalen Perfektionismus geben würde, wäre das: Weihnachten. Alle wissen Bescheid, welche Gefühle in diesen Tagen angesagt sind: Freundlichkeit, Harmonie, Dankbarkeit, Frieden. Kein Weihnachtslied handelt von einem gereizten Jesuskind oder undankbaren Hirten. Auch deswegen erscheinen im Dezember immer unzählige Artikel darüber, wie man an Heiligabend für gute Stimmung in der Familie sorgt, auch wenn der reaktionäre Onkel mit dem nicht-binären Teenager an einem Tisch sitzt. Und wenn sie dann doch schlechte Laune haben? Dann ist das viel schlimmer als an einem gewöhnlichen Tag, denn ist ja Weihnachten. Leider gibt es kaum ein besseres Rezept für eine unangenehme gemeinsame Zeit als den Anspruch, dass alle bestimmte Gefühle haben müssen. 

„Lächel doch mal!“

Woher kommt dieser Anspruch? Manche Menschen haben einfach eine Veranlagung dazu, perfektionistisch zu denken. Andere werden dazu erzogen. Oft ist es eine Mischung aus beidem. 

Emotionaler Perfektionismus entsteht oft in Familien, die negative Emotionen nicht aushalten. Dort fallen oft Sätze wie: „Reiß dich zusammen“. „Lächel doch mal“ oder „Sei nicht traurig“.  Wer so etwas oft hört, entwickelt innere Regeln für Gefühle. Sie können dann nicht einfach so auftauchen, sie müssen einen rational nachvollziehbaren Grund haben. Man ist nicht einfach so traurig, es muss etwas passiert sein, das einen traurig macht. Sonst hat ein Gefühl keine Berechtigung. 

 So lernt man, seine Gefühle zu verwalten. Für die mentale Gesundheit ist das nicht besonders gut: Weil man zum Beispiel Leiden ständig herunterspielt oder sich selbst nicht genug Zeit gibt, um mit einer schwierigen Gefühlslage fertig zu werden („Jetzt sollte ich wirklich drüber wegsein“). Und natürlich ist es viel schwieriger, sich Hilfe zu holen, wenn man seine Gefühle herunterspielt. 

Hickox hält emotionalen Perfektionismus sogar für einen unterschätzten Treiber von Angst. Weil man es als persönliches Versagen erlebt, wenn vermeintlich unpassende Gefühle auftreten. Das stresst. 

Es gibt Hinweise aus Studien, dass dieses Muster Frauen besonders häufig betrifft. „Emotionaler Perfektionismus tritt eher bei Frauen auf, weil sie sozialisiert wurden, ihr wahres Ich nicht zu zeigen“, sagt die Forscherin Catherine McKinley in einem Artikel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) der Washington Post. 

Sie hat erforscht, wie unterschiedlich Frauen und Männer Gefühle zeigen. Frauen meint sie, dürfen zwar ein breiteres Spektrum an Emotionen zeigen als Männer, verspüren aber auch einen größeren Druck, diese selbst zu regulieren. 

Gut möglich, dass ich deswegen so gut darin geworden bin, Wut in Traurigkeit umzuwandeln. Und mein Ex-Freund, der nie geweint hat, entsprach auch perfekt dem Geschlechterklischee. 

Was gegen emotionalen Perfektionismus hilft

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