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Was andere wirklich über dich denken

Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Warum uns Gespräche oft schlimmer vorkommen, als sie sind.

Ein Schreibtisch mit einer Schreibmaschine, aus der eine Wolke aufsteigt
KI-generiertes Bild mit Midjourney
Hi!

Neulich habe ich meine Mutter gefragt, wann ich angefangen habe zu sprechen. „Mit 18 Monaten hast du schon ziemlich flüssig geredet“, sagte sie. „Natürlich noch mit Fehlern“, ergänzte sie kritisch.

Wie gut, dass ich mir mit anderthalb Jahren nicht nach jedem Gespräch Gedanken darüber gemacht habe, ob ich irgendwie blöd rübergekommen bin. Wobei ich nicht ausschließen möchte, dass ich schon damals im Sandkasten lag und dachte: „Warum habe ich das jetzt gesagt?“ Oder: „Den Schnuller das nächste Mal rausnehmen, wenn du mit der Kindergärtnerin über die Keksdose verhandelst. Wie soll dich irgendjemand ernst nehmen!“

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Als Erwachsene habe ich definitiv viel zu viel Zeit damit verbracht, Gespräche im Kopf zu rekapitulieren. Ich habe nach Sätzen gesucht, die unpassend waren oder mir gewünscht, schlauere Fragen zu stellen. Und bin oft bei dem Verdacht gelandet, dass ich einen komischen Eindruck hinterlassen habe. 

Seit kurzem weiß ich: Diese Energie hätte ich mir größtenteils sparen können. Nicht, weil ich inzwischen glaube, dass mich sowieso alle toll finden. Sondern weil ich die Studien zum sogenannten „Liking Gap“ kenne.

Es läuft besser als befürchtet

Liking Gap könnte man mit „Sympathie-Lücke“ übersetzen. Gemeint ist ein Denkfehler: Viele Menschen unterschätzen ständig, wie sympathisch andere uns nach einem Gespräch finden. Und wie angenehm sie das Gespräch fanden. 

Die erste und bekannteste Studie (PDF) (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) dazu stammt von einer Gruppe von Forschenden, die eine ganze Reihe von Situationen untersucht haben, in denen Menschen sich kennenlernen. Sie ließen Fremde in einer Laborsituation zum ersten Mal miteinander sprechen. Sie befragten Studienanfänger, die ihre neuen Mitbewohner im Wohnheim trafen. Und sie beobachteten Menschen, die einander in einem Workshop zur Persönlichkeitsentwicklung erstmals gegenübersaßen.

Über fünf Studien hinweg zeigte sich ein erstaunlich stabiles Muster: Fremde mochten sich gegenseitig mehr, als sie glaubten, vom anderen gemocht zu werden. In Workshops mit rund 100 Teilnehmenden erwarteten die Leute, dass sie ihren Gesprächspartner interessanter finden würden als umgekehrt – und zwar vor und nach dem Gespräch. Im Wohnheim wurden die neuen Studierenden mehrfach befragt: am Anfang des Herbstsemesters im September und dann noch viermal bis Mai. Fast das ganze Jahr über unterschätzten sie systematisch, wie sehr ihre Mitbewohner sie mochten. 

Neuere Forschung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zeigt, dass die Liking Gap auch online auftritt. Egal ob per Text, Audio oder Video, Menschen unterschätzen überall, wie sehr andere sie sie mögen.

Gespräche scheinen ein Gebiet zu sein, in dem Menschen ungewöhnlich pessimistisch über ihre eigene „Leistung“ sind.

Die Verschwörung der Höflichen

Was steckt dahinter? Die Studien legen nahe, dass das Problem weniger bei den Signalen der anderen liegt, sondern im eigenen Kopf entsteht.

Zum einen ist es objektiv schwer zu wissen, was andere wirklich von uns halten. Gespräche sind – so nennen es die Forschenden – „Verschwörungen der Höflichkeit“: Kaum jemand sagt offen, dass er sich langweilt oder jemanden unfreundlich findet. Woher soll man es also wissen? Wir können nur raten. Gespräche sind außerdem kognitiv anstrengend. Wir müssen zuhören, Informationen verarbeiten, reagieren. Das kostet Aufmerksamkeit. Selbst wenn unser Gegenüber signalisiert, dass es uns mag, nehmen wir diese Signale oft gar nicht richtig wahr, weil wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind.

Und dann wäre da noch die eigene innere Kommentator-Stimme.  Nach Begegnungen mit anderen kann diese Stimme „bemerkenswert selbstkritisch und negativ“ sein, wie die Autorinnen und Autoren der Studie  schreiben. Habe ich zu viel geredet? War das banal? Musste ich wirklich diese Anekdote über meinen Staubsauger erzählen? Diese innere Kritik färbt dann die eigene Einschätzung, wie andere uns sehen.

Es ist wie mit einer Schauspielerin, die ihre Leistung vor allem an den Stellen misst, an denen sie ihren Text versemmelt hat. Das Publikum aber erlebt nur den äußeren Auftritt: die Figur, die Geschichte, die Stimmung. Übertragen heißt das: Wir erinnern uns an peinliche Momente und Rumstottern, während die andere Person einfach ein halbwegs flüssiges, lebendiges Gespräch erlebt.

Schweißüberströmt, wirkt trotzdem cool

Hinzu kommt ein bekanntes Phänomen aus der Psychologie: die „Illusion der Transparenz“. Wir sind überzeugt, dass unser Gegenüber merkt, wie nervös und unoriginell wir uns fühlen. Die empirische Forschung zeigt aber, dass Menschen trotz innerer Unsicherheit nach außen erstaunlich gut funktionieren: Sie halten Blickkontakt, hören zu, halten sich an Gesprächsregeln. All das sind Signale, die andere sehen. Eine zitternde Stimme oder stolperndes Sprechen wirken nach außen gar nicht so schlimm. Einer, der das ziemlich gut formuliert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hat, ist der Neurowissenschaftler Sam Harris: 

Menschen wirken selten so nervös, wie sie sich fühlen. Ich habe einmal erlebt, wie ein Redner während einer wissenschaftlichen Präsentation scheinbar literweise Schweiß produzierte. Am Ende der Stunde sah er aus, als wäre er mit einem Schlauch abgespritzt worden. Aber ich erinnere mich, dass ich mich darüber gewundert habe, dass er nicht nervös wirkte. Ich nehme, dass er extrem angespannt war, aber sein Vortrag war vollkommen klar und sehr interessant.

Wenig überraschend, aber trotzdem interessant: Schüchterne Menschen erleben die Liking-Gap viel stärker.  In einer Auswertung wurden die Teilnehmenden nach ihrem Grad an Schüchternheit in drei Gruppen eingeteilt.

Bei den sehr schüchternen Menschen war die Sympathie-Kluft am größten: Sie mochten ihr Gegenüber deutlich mehr, als sie glaubten, selbst gemocht zu werden. Menschen mit durchschnittlicher Schüchternheit zeigten ebenfalls eine klare Liking Gap, wenn auch weniger ausgeprägt. Nur in der Gruppe mit sehr niedriger Schüchternheit war die Abweichung zwischen „Wie sehr mag ich die andere Person?“ und „Wie sehr mag sie mich?“ statistisch nicht bedeutsam.

Sympathie-Signale glatt übersehen

Man kann das Ganze auch in zwei Bereiche trennen:

Da ist die tatsächliche Sympathie, die sich in beobachtbarem Verhalten zeigt: Menschen lächeln, schauen einander an, stellen Fragen. Diese Signale sind vorhanden und für Außenstehende gut zu lesen.

Und dann ist da die gefühlte Ablehnung: die hartnäckige Überzeugung, dass man selbst weniger gemocht wird. Diese Überzeugung speist sich vor allem aus dem inneren Monolog. Wenn Menschen unsicher sind, wie sehr andere sie mögen, machen sie eine Art gedankliches Experiment und fragen sich: Was denke ich gerade über mich selbst? Diese eher kritische Sicht projizieren sie dann nach außen – als wäre sie die Sicht der anderen. Gleichzeitig übersehen sie reale Signale von Sympathie, weil ihre Aufmerksamkeit nach innen gezogen ist.

Je negativer Menschen über ihre eigene Gesprächsleistung denken, desto größer ist die Liking Gap.

Die nächsten drei Jahre einfach die Klappe halten?

Ich finde es irgendwie rührend und gleichzeitig traurig, wie gründlich Menschen unterschätzen, wie gern man sie hat. Das kann einem ja nicht nur die Freude an Gesprächen nehmen. Es hält viele, mich zum Beispiel, auch davon ab, überhaupt welche zu beginnen.

Mein Mann ist in dieser Hinsicht das Gegenteil von mir. Er redet dauernd mit Fremden. Wenn ich mit ihm unterwegs bin, sprechen ihn Menschen mit Namen an, mit denen ich noch nie ein Wort gewechselt habe: der Mann hinter der Theke in der Bio-Bäckerei, der Obdachlose an der Straßenecke. Lange habe ich ihn darum beneidet und dachte, er hätte ein besonderes Talent dafür. Heute denke ich: Vielleicht macht er sich einfach weniger Gedanken darüber, wie er bei anderen ankommt.

Natürlich kennen wir auch das gegenteilige Phänomen: Menschen, die ihr eigenes Charisma überschätzen und nicht merken, wenn man sie nicht besonders sympathisch findet. Oder, sehr anstrengend, die normale Alltagshöflichkeit mit Flirten verwechseln. Aber das sind selten diejenigen, die sich nach einem schlechten Witz auf einer Party auf dem Sofa zusammenrollen und ernsthaft überlegen, ob sie die nächsten drei Jahre einfach die Klappe halten sollten.

Und ja, es gibt Situationen, in denen die Sympathie-Kluft keine Rolle spielt. Wenn jemand aktiv Augenkontakt vermeidet, nur einsilbig antwortet oder körperlich Abstand nimmt, als ginge gerade ein ansteckendes Virus um, mag er dich wahrscheinlich wirklich nicht.  Aber viel häufiger, als man denkt, hat das Gefühl „Die Person mag mich bestimmt nicht“ mehr mit der eigenen inneren Kritik zu tun als mit der tatsächlichen Wahrnehmung des Gegenübers.

So kommst du aus der Liking Gap heraus

Hier beginnt der Teil, den ich am tröstlichsten finde: Wenn das Problem vor allem im eigenen Kopf entsteht, lässt es sich auch dort verändern. Nur: Wie genau?

Hier ein paar sehr konkrete Ansätze:

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