Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Warum sich dein Kopf oft so anfühlt, als wären nur noch Aufmerksamkeitsfetzen übrig – und eine sympathische Methode, die dagegen hilft.
Hi!
Weißt du noch, wann du das letzte Mal einfach nur gewartet hast? Ohne Podcast, ohne Scrollen, ohne irgendetwas? Ich kaum.
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Der Historiker Graham Burnett nennt das, was dahinter steckt, „Fracking des Verstandes“: der Versuch, auch noch die letzten Reste unserer Aufmerksamkeit aus uns herauszupressen, so wie Fracking das letzte Öl aus Gestein presst.
Zum ersten Mal gelesen habe ich davon bei meiner Steady-Kollegin Barbara Vorsamer. Ich dachte sofort: Genau so ist es. Endlich ein Wort für dieses diffuse Gefühl. Deshalb freue ich mich sehr, dass Barbara in der heutigen Ausgabe dieses Newsletters darüber schreibt. Sie zeigt, warum nicht nur Tech-Konzerne daran schuld sind, dass wir Stille im Kopf schwer aushalten. Und was ihr selbst dabei hilft, ihre Aufmerksamkeit zu reparieren.
Barbara war lange Jahre Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung, schreibt heute unter anderem für den Spiegel und Übermedien – und hat ihren eigenen Newsletter: „Innen und Außen". Dort schreibt sie über Persönliches, Politisches und Psychisches, mit nie mehr als fünf Minuten Lesezeit. Ich lese den Newsletter jede Woche und habe dabei regelmäßig Aha-Momente. Wenn du ähnlich denkst wie ich, dann wirst du „Innen und Außen" lieben. Hier geht's zur Anmeldung. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Und jetzt: Barbaras Text. Ich bin gespannt, was du denkst.
Viel Spaß beim Lesen!
Was machst du, sobald du in die U-Bahn oder in den Bus gestiegen bist? Wenn es dir geht wie mir, wie den meisten Menschen, dann ziehst du dein Handy aus der Tasche und … checkst Mails, spielst Candy Crush, scrollst durch Tiktok, liest den Spiegel, antwortest auf WhatsApps. Was man eben so macht.
Blickt man sich heutzutage in einem durchschnittlichen U-Bahn Waggon um, ich mache das öfter, liegt die Handy-vor-der-Nase-Quote bei mindestens 80 Prozent, Kleinkinder in Kinderwägen mitgezählt.
Leere gibt es nicht mehr
Manchmal gehe ich mir selbst auf die Nerven mit diesem Reflex, vor allem dann, wenn ich an dem Tag schon viel am Handy war und eigentlich wenig Neues in meinem persönlichen Cyberspace zu erwarten ist. Ab und an lasse ich dann tapfer das Gerät stecken, hebe den Blick und schaue mich um. Neben vielen Menschen, die ich über kleine Bildschirme beugen, sehe ich dann: große und mittelgroße Bildschirme, auf denen Nachrichten, Werbung, Veranstaltungstipps und der Fahrplan durchflackern.
Zum Beispiel läuft dieses Zitat des Philosophen Georg W. F. Hegel durch: „Die Weltgeschichte ist nicht der Boden des Glücks. Die Perioden des Glücks sind leere Blätter in ihr.“ Doch Leere gibt es nicht mehr, nicht in der Weltgeschichte, nicht auf dem Bildschirm, und Räume ohne Bildschirm gibt es auch kaum noch.
Vor einem Jahr schrieb ich einen Tag lang mit, was mir auf diese Weise alles reingepresst wurde: Nahostkonflikt, Kindesmissbrauch, Altersarmut. Der Arbeiter-Samariter-Bund will Spenden, „Malik fayert Bayern 3“ (was für ein Wortspiel), und das Münchner Filmfest kümmert sich um mehr „Awareness“. Bewusstsein. Mein eigenes war da schon komplett vernebelt.
Selbst auf dem Klo keine Ruhe mehr
Wenig später in der Apotheke. „Welcher Fisch enthält am meisten Omega-3-Fettsäuren? A: Aal. B: Makrele. C: Hering. D: Forelle.“ Nichts war mir egaler, trotzdem fing ich an, darüber nachzudenken. Auf dem Bildschirm neben der Kasse wechselten sich derlei Quizfragen mit dem Pollenradar und Werbung für Grippostad ab. Meine auf den Fettgehalt des Aals verschwendeten geistigen Kapazitäten sind nun für immer verloren, der neue Gedanke, der hätte entstehen können, auch.
Die Informationsindustrie macht aber auch offline vor gar nichts mehr halt. Selbst auf der Toilette meines ehemaligen Arbeitgebers hing Werbung für Mikro-Podcasts zum Thema Mental Health, der QR-Code hing am Spiegel. Nie werde ich auch den Chef vergessen, der Flyer mit den aktuellen Klickzahlen direkt über den Klorollenhalter hängte.
Die Betriebsrätin verhinderte das aus hygienischen Gründen, doch die mentalen Folgen dieser pausenlosen Druckbetankung sind mindestens so bedenklich. Kann man vielleicht irgendwo, wenigstens auf dem stillen Örtchen, seine Ruhe vor Inhalten jeglicher Art haben? Gerade in kreativen Jobs wie dem Journalismus? Angeblich gibt es Werbeagenturen, die extra leere Räume haben, ohne Regale, Telefon, Bilder oder sonst irgendetwas, weil Mitarbeitenden die besten Ideen so oft auf dem Klo gekommen sind. Der leere Raum soll das simulieren. Doch das gesamtgesellschaftliche Pendel schlägt in die Gegenrichtung, ich habe schon mit Werbung bedrucktes Toilettenpapier gesehen.
Mit zunehmender Penetranz wetteifern alle Content-Kreatoren dieser Welt um die letzten Fitzelchen der menschlichen Aufmerksamkeit. Geschichtswissenschaftler D. Graham Burnett nannte das in der New York Times das „Fracking des Verstands“. Die umstrittene Technologie für die Gewinnung von Öl ist meiner Meinung nach eine perfekte Metapher für das, was heutzutage mit den Gehirnen passiert. Früher haben Firmen Brunnen in existierende Rohölvorkommen gebohrt, zack, schoss das Material in einigermaßen reiner Form zur Oberfläche. Doch diese Quellen gehen zur Neige. Wer heute noch fossilen Brennstoff fördern will, muss die verbliebenen Reste oft unter hohem Druck aus dem Gestein pressen, und was herauskommt, ist eine Mischung aus Wasser, Lösungsmitteln, Schmutz und Öl.
Ähnlich verschmutzt kommt mir das vor, was von meiner Konzentration übrig ist. Früher konnten gute Ideen mein Gehirn anzapfen wie eine reiche Ölquelle, etwas floss, kreative Energie entstand, im besten Fall neue Geschichten, vielleicht sogar ein Gefühl. Heutzutage scheint die Ressource Aufmerksamkeit im eigenen Kopf knapper als Rohöl zu sein, man hat nur noch ausgefranste Fetzen aufzubieten, um die dann Nachrichten, soziale Netzwerke, Werbung, Filme, Freunde, Familie, Träume, Liebe, Sex und der Schlaf konkurrieren. Wer den gewieftesten Algorithmus hat, quetscht am meisten raus.
Die Evolution will Tempo
Es läge nun nahe, zu einer kulturpessimistischen Tirade über gewissenlose Social-Media-Konzerne anzusetzen. Die haben aber schon viele geschrieben, ich auch, und heute will ich aus etwas anderes hinaus. Nämlich darauf, dass es einen Sinn hat, dass unser Gehirn so funktioniert, wie es funktioniert.