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3 Erkenntnisse über Leistungsdruck

Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Wie du rechtzeitig loslässt, ohne schlechtes Gewissen.
Eine Frau drückt eine Stange gegen eine zerbrechende Glasscheibe
KI-generiertes Bild mit Midjourney
Hi!

Vor ein paar Jahren nahm ich Gesangsunterricht. Ich glaube, als ich damit aufhörte, waren die Lehrerin und ich beide froh. Nicht, weil ich so schief singe. Sondern weil ich mit viel zu viel Druck an die Sache heranging. Mein Gesang klang gepresst. Je mehr ich mich bemühte, desto schlechter klang ich. Die Lehrerin tat ihr Bestes: Entspannungsübungen, Atemübungen, Lockerungsübungen. Trotzdem verkrampfte ich beim Versuch, schön zu singen, immer mehr. Irgendwann gab ich auf.

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Das war frustrierend. Ich war sicher gewesen, wenn ich nur hart genug arbeitete, würde der Durchbruch kommen. Wer etwas wirklich will, strengt sich eben an, oder? Aber beim Singen klappte das nicht.  

Heute weiß ich auch, warum. Mehr anstrengen funktioniert in vielen Bereichen – aber eben nicht in allen. Die Forschung zeigt, dass Leistungsdruck kein universelles Werkzeug ist. Und dass er manchmal gerade da schadet, wo wir ihn für unverzichtbar halten. 


Drei Forschungserkenntnisse haben mir geholfen, das zu verstehen. Und Loslassen neu zu lernen. 


Wenn Profis auf einmal alles vergessen


In der Forschung kennt man ein Phänomen namens choking under pressure: Menschen brechen unter Leistungsdruck ein, obwohl sie eine Fähigkeit eigentlich perfekt beherrschen. Eine einflussreiche Studie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) dazu stammt von der Kognitionswissenschaftlerin Sian Beilock und ihrem Kollegen Thomas Carr. Sie wollten wissen: Warum versagen ausgerechnet Expertinnen und Experten in entscheidenden Momenten?

Beilock und Carr testeten diese Erklärungen in mehreren Experimenten. In den ersten beiden verglichen sie Golfprofis mit Neulingen. Die Teilnehmenden mussten putten und danach beschreiben, wie sie den Schlag ausgeführt haben. Außerdem reichte man ihnen zusätzlich zu den normalen Golfschlägern einen verbogenen. Das sollte die Profis dazu zwingen, wieder genau auf ihre Technik zu achten. 

 In zwei weiteren Experimenten lernten Neulinge dann entweder Golf oder Alphabet-Rechnen (dabei geht es darum, einfache Additionsaufgaben mit Buchstaben zu lösen, z. B. B + 3 = E).Sie trainierten unter verschiedenen Bedingungen: normal, unter Ablenkung oder während sie gefilmt wurden. Danach wurden sie einer Hochdruck-Situation ausgesetzt, in der es um Geld und Teamleistung ging.

Was die Forschenden herausfanden: Die Golf-Profis erlebten etwas, dem die Forschenden den schmissigen Namen „expertiseinduzierte Amnesie“ gaben. Sie verfügten über enormes Fachwissen, konnten aber kaum beschreiben, wie sie eine gut beherrschte Bewegung konkret ausführen. Anfänger:innen  hingegen wussten sehr genau, was sie taten, weil sie noch bewusst darüber nachdenken mussten. 

Das wirklich Überraschende: Druck führt zu „Über-Konzentration“: Die Profis fingen an, ihre Bewegungen wieder bewusst zu kontrollieren. Das zerlegte den flüssigen Gesamtablauf in kleine Einzelschritte, was zu Fehlern führte. Sie stolperten quasi über ihre eigenen Gedanken.

Was das bedeutet: Wenn wir eine Fähigkeit perfekt beherrschen, ist sie wie ein Computerprogramm, das im Hintergrund läuft. Zuviel Druck kann dafür sorgen, dass wir versuchen, dieses Programm manuell zu steuern, was das System zum Absturz bringt. Entscheidend ist dabei die Art der Aufgabe. Beim Golfen führt der Versuch, alles richtig zu machen, die Profis zum Absturz, weil sie einen automatischen Ablauf manuell steuern wollten. Beim einfachen Kopfrechnen passierte das in der Studie nicht – denn wer nur ein Ergebnis aus dem Gedächtnis abruft, kann dabei nicht viel „kaputtkonzentrieren“.

Diese Erkenntnis ist auch für Menschen, die nie Golf spielen, wertvoll. Denn sie zeigt: Wer Druck einsetzt, wo Loslassen gefragt ist, arbeitet nicht besser. Sondern exakt am Ziel vorbei. 

Hätte ich das damals im Gesangsunterricht gewusst, wäre mir das Singen vielleicht leichter gefallen. 

Warum wir Durchhalten überschätzen 

Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Die spannendere Frage ist, was passiert, wenn wir nicht nur kurzzeitig zu viel wollen, sondern über lange Zeit an Zielen festhalten, die sich einfach nicht erfüllen lassen.

Viele würden sagen: Dann muss man eben noch konsequenter dranbleiben! Wenn das funktionieren würde, könnte ich heute singen.

Eine Studie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)aus der Motivationsforschung zeigt, dass eine andere Fähigkeit mindestens ebenso wichtig ist wie Durchhalten: rechtzeitig aufgeben können. 

Der Versuchsaufbau war hier ziemlich breit angelegt. In einer ersten Studie befragten die Forschenden junge Erwachsene danach, wie leicht es ihnen fällt, ein Ziel innerlich loszulassen, wenn es nicht mehr realistisch ist, und wie gut sie darin sind, sich neuen Zielen zuzuwenden. In einer zweiten Studie verglichen sie jüngere mit älteren Erwachsenen, um zu sehen, ob sich diese Fähigkeiten im Laufe des Lebens verändern. Um die Theorie unter extremen Bedingungen zu testen, ging es in einer dritten, Untersuchung um Eltern, deren langfristige Lebenspläne massiv erschüttert worden waren, weil ihre Kinder an Krebs erkrankt waren. 

Die Forschenden unterschieden zwei entscheidende Fähigkeiten: Erstens, Loslassen – also die Bereitschaft, keine weitere Energie in ein aussichtsloses Ziel zu investieren. Zweitens: Neuorientierung – die Fähigkeit, die frei werdende Aufmerksamkeit und Energie auf erreichbare neue Ziele zu lenken.

Menschen, die diese beiden Fähigkeiten haben, geht es laut der Studie psychisch deutlich besser. Sie berichten von weniger Stress, weniger Grübeln und weniger depressiven Symptomen.

Besonders interessant ist ein Befund, der dem gängigen Durchhalte-Ideal widerspricht:  Man muss ein altes Ziel gar nicht vollständig losgelassen haben, damit etwas Neues tragen kann. In den Studien zeigte sich: Menschen dürfen innerlich noch am Alten hängen, dürfen traurig oder enttäuscht sein – und trotzdem hilft es ihnen, sich parallel auf neue Vorhaben einzulassen.

Ich wäre so gerne eine perfekte Patientin gewesen

 Wenn Aufgeben in der Forschung klar als sinnvolle Fähigkeit beschrieben wird, stellt sich die Frage: Warum fällt es uns dann so schwer, es überhaupt in Betracht zu ziehen? Eine Antwort darauf liefert die Perfektionismusforschung. Und sie ist unangenehm.

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