Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute geht es um Beziehungen: Zwei Drittel eurer Konflikte werden vielleicht nie verschwinden. Das ist okay.

Hi!
Ich bin ein großer Fan von Paartherapie. Ich finde, das ist wie zum Zahnarzt gehen – man sollte es nicht erst machen, wenn es richtig wehtut. Sondern wenn man merkt, dass man ein Problem nicht selbst lösen kann. Zum Beispiel indem man öfter Zahnseide benutzt. Oder sich öfter mit seiner Partnerin oder seinem Partner zum Reden hinsetzt.
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In der Liebe bin ich pragmatisch. Das scheint ganz gut zu funktionieren, denn ich bin seit bald 15 Jahren verheiratet. Obwohl ich noch kein einziges Mal am Valentinstag Blumen verschenkt oder bekommen habe. Ich will nicht einmal im Jahr am 14. Februar eine Romantik-Performance. Ich will einen Partner, der ehrlich ist und freundlich und der für mich da ist, wenn ich abends Angstkrämpfe kriege, weil mich ein Bild aus den Nachrichten verfolgt. Mit dem ich über Dinge wie Sinn, Ewigkeit und Moral sprechen kann und darüber, ob morgens Bitterschokolade oder Milchschokolade besser im Haferbrei schmeckt.
So einen Partner habe ich glücklicherweise. Trotzdem hatte ich ziemlich lange das unbehagliche Gefühl, dass mit dieser Beziehung etwas nicht stimmte. Wir haben uns von Anfang an ziemlich viel gestritten. Und einer guten Beziehung herrscht doch Frieden, oder?
Turns out: Stimmt so nicht. Die Streits sind vielleicht sogar einer der Gründe, warum wir noch zusammen sind.
Gut für Beziehungen: Wenn Frauen Wut zeigen
Das hätte ich gerne schon ein, zwei Jahrzehnte früher gewusst. Dann hätte ich mir weniger Sorgen gemacht. Gelernt habe ich das aber erst kürzlich und zwar dank der vielleicht bekanntesten Paartherapeuten der Welt, John Gottman und Julie Schwartz Gottman. Die beiden sind seit fast 40 Jahren verheiratet. Außerdem sind sie Psychologen und erfoschen Paarbeziehungen. John Gottman macht das schon seit den frühen 1970er-Jahren.
Gemeinsam haben Sie mit Tausenden von Paaren gearbeitet und ihre Verhaltensweisen beobachtet. Gelegentlich wurden die Paare dafür an Elektroden angeschlossen. Forschende werteten ihre Herzfrequenz aus. Auf Basis solcher Beobachtungen konnten die Forschenden irgendwann mit hoher Genauigkeit vorhersagen, ob Paare zusammenbleiben oder sich trennen. Und zwar weitgehend unabhängig von Alter, Geschlecht oder Bildung.
Eine überraschende Erkenntnis: Streits und Konflikte können eine Beziehung verbessern. Das zeigte schon 1989 eine Langzeitstudie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) von John Gottman und seinem Kollegen Lowell Krokoff. Die Studie untersuchte zwei unterschiedliche Gruppen aus Ehemännern und Ehefrauen. Eine Gruppe war bereits seit durchschnittlich 24 Jahren verheiratet, die andere erst seit knapp 4 Jahren.
Die Forschenden fanden heraus: Während harmoniebedürftiges Verhalten kurzfristig für Frieden sorgt, waren Paare, die Konflikte offen austragen, über Jahre hinweg oft zufriedener.
Besonders bei Ehefrauen zeigte sich ein interessantes Muster: Wenn sie in Konflikten Wut zeigten, verbesserte sich ihre Zufriedenheit langfristig; wenn sie hingegen Traurigkeit oder Angst zeigten, verschlechterte sich die Beziehung.
Ich kann das aus persönlicher Erfahrung bestätigen. Mein Mann sagt heute manchmal, dass ich früher viel friedlicher war. Das stimmt. Zwar bin ich immer noch keine Person, die begeistert in Konflikte reinrennt. Und ich habe Jahre gebraucht, um wütend statt traurig zu werden. Aber ich habe es gelernt. Heute merkt man es sehr deutlich, wenn ich wütend werde. Ich knalle keine Türen (okay, fast nie), aber ich sage, was mich stört. Offenbar war das genau das Richtige für meine Beziehung.
Für Ehemänner war das das größte Risiko in der Studie übrigens der Rückzug. Wenn ein Mann „mauerte“, war dies in der Studie ein starker Vorbote dafür, dass seine eigene Zufriedenheit in den kommenden Jahren stark sinken würde.
Seine Partnerin fand es vermutlich auch nicht toll.
Es ist okay, sich immer wieder über die gleichen Probleme zu streiten
Spätere Studien konnten bestätigen, dass Streits wichtig für Beziehungen sind. Natürlich nicht jede Art von Streit. Dazu komme ich gleich. Noch mehr überrascht hat mich, dass laut der Gottmans gut zwei Drittel aller Konflikte in Beziehungen immer wiederkommen. „Das bedeutet, dass sie nie ganz verschwinden und sich nie vollständig lösen lassen. Deshalb haben wir gelernt, dass Konflikte meist eher gemanagt als gelöst werden müssen“, sagt John Gottman in diesem TED-Talk (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Es klingt vielleicht komisch, aber ich finde das erleichternd. Wenn mein Mann und ich uns immer wieder über die gleichen Dinge in die Haare kriegen, bedeutet das nicht, dass wir irgendetwas falsch machen. Sondern dass es normal ist, wenn bestimmte Konflikte immer wieder auftauchen.
Die Sache ist: Viele Konflikte entstehen nicht, weil Menschen böswillig sind. Sondern weil zwei unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinandertreffen. Vielleicht bist du extrovertiert, dein Partner aber introvertiert. Vielleicht will deine Partnerin dreimal am Tag Sex, du aber eher dreimal im Jahr. Oder du findest, rein hypothetisch, dass man das Küchenbrett, auf der man seine Schokolade für den Haferbrei am Morgen gehackt hat, gleich wegräumen sollte. Während dein Partner es lieber bis zum Abend stehen lässt.
Der entscheidende Punkt ist nicht, ob Paare streiten, sondern wie.