Gießen, wo anfangen.
Gießen ist eine von Deutschlands zahlreichen Mittelstädten, Orte, von denen meist möglichst weg will, wer dort aufwächst, eine Universität ihr eigen nennt und vermutlich keinerlei Anreize bietet, Menschen, die dort studieren, etwas zu bieten. Wie es sich für einen derartigen Ort gehört, findet er selten in die überregionalen Nachrichten. Und wenn, dann sind es oft genug schlechte Nachrichten. Eine Havarie, ein Zugunglück, lebensunwürdige Zustände bei Lebensmittelherstellern, Rechtsextremisten, Islamisten.
Nun ereignete sich sich am 29.11.2025 ein handfester Eklat in Gießen, nein, eigentlich mehrere, die mindestens eine der obenanstehenden Gewalten beinhaltet – die rechtsextreme AfD gründete ihre nicht minder rechtsextreme Jugendorganisation Generation Deutschland, nachdem die Vorherige zu rechtsextrem war. Oder so ähnlich. Dagegen gab es Protest, Demokrat*innen reisten zu Zehntausenden an. Und latürnich brauchte es dazu auch eine entsprechende Parade polizeilicher Kraft, schließlich mussten Nazis geschützt werden; die Polizei offenbar ihre Einsatzfahrzeuge sogar kurzerhand zum Faschisten-Uber umfunktionierte.
Und dann kam der Tag und das Wetter war schlecht und die Gewalt über diverse Maßen und die Entrüstung allerseits riesig und der Tag war vorbei und es wurde noch etwas gezetert und im Grunde geht nun alles ganz normal weiter – aber etwas ist zerbrochen. Und damit sind nicht etwaige Knochen von Demonstrant*innen gemeint. Die auch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Die heilen zum Glück wieder.
Nein, es sind auch nicht die Auflagen, unter denen der Gegenprotest stattfinden dürfen sollte, die halbe Stadt umfassenden Verbotszonen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und der Versuch eines SPD-Bürgermeisters, antifaschistischen Protest vielleicht nicht so gut es ging zu unterbinden, aber doch auch den Sorgen der besorgten Bürger gerecht zu werden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Nein, nicht die Polizeigewalt in ihrer erwartbaren Härte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die jedes mal aufs neue schockiert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Auch nicht die alternativen Fakten des Polizeisprechers (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dessen Botschaft ("Die Polizei prügelt nicht, Polizeigewalt findet nicht statt”) an einen ehemaligen Hamburger Bürgermeister (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder den Meme gewordenen Informationsminister Saddam Husseins (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erinnert.

Nein, die Delegitimierungsversuche des Protests durch die Union sind es auch nicht; wann zuletzt haben sich prominente Konservative aufseiten antifaschistischen Protests gestellt? Merz beklagte “unschöne Bilder” und “eine Auseinandersetzung zwischen ganz links und ganz rechts.” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Dobrindt kritisierte die Gewalt bzw das “gewaltbereit auf die Polizei zugehen”. Jens Spahn sah im breiten Bündnis aus Gewerkschaften, Kirchenträgern, seinem Koalitionspartner, gar den freien Wählern und der FDP, einen “linken Mob”. Hessens Ministerpräsident hatte ggf das Lexikon nicht parat, als er von “Gewaltmärschen” sprach, wünschte sich später von “gemäßigten Linken” einen “demokratischen Umgang” mit Rechtsextremisten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Und sein Innenminister sah letztlich “bürgerkriegsähnliche Zustände” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die knapp von der Polizei verhindert werden konnten.
Der eigentliche Eklat ist eine Sache der Medien.
Auch hier wieder ein Nein – nicht die typische Normalisierung der AfD, in der Rechtsextreme entweder schräge Freaks oder ja doch eigentlich recht bürgerlich sind – allzu exemplarisch überbot eines Vampirdarstellers rollendes R (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) den unter Applaus vorgetragenen Leitspruch der Hitlerjugend (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) um ein Weites an Aufmerksamkeit.

Nein, nicht das stenographische Element der Liveticker, in denen Jungnazis auch mal kurze O-Töbe zur Inszenierung der Opferrolle bekommen, während die Nutzung eines von Nazis gelenkten Autos als Waffe (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ebenfalls kaum mehr als ein schnell verblasster Bullet Point blieb. (Julian Reichelts Internetaktivspielplatz verdient eigentlich keine Erwähnung, liefert hier mit einer bemerkenswerten Undercover-“Reportage” aber spannendes Anschauungsmaterial: aus Versehen konsequentes Gendern, bewundernde Anerkennung für die professionelle Organisation des Protests und der Aktivisti, “Beweismaterial, wie Rechtsextreme gekesselt, eingeschüchtert und gewaltsam angegangen werden – Menschen mit Clownsnasen und Perücken tanzen um sie herum – und letztlich eine Umkehr der Sache mit dem Auto. Hier ein Link, der dem Machwerk keine Klicks spendiert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre))

A pro pos Stenographie – an eine Berichterstattung, die Polizeiberichte abschreibt und nicht hinterfragt – wie es insbesondere die Hessenschau (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und auch die Tagesschau beispielhaft lieferten – haben wir uns längst gewöhnt. Zu kurz kommt dabei dann nur immer wieder die Seite der Demonstrant*innen – entweder stehen sie als einzelne Stimme neben Darstellungen von Polizei, Politiker*innen und anderen Institutionen, oder werden gar lediglich deskriptiv behandelt. Das steht dann so nebeneinander: “Innenminister Poseck spricht von der "Verhinderung bürgerkriegsähnlicher Zustände", Demonstrierende berichten von "massiver Polizeigewalt".” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Eine Wahrheitsfindung ist zweitrangig, man kann sich ja selbst einen Eindruck vom Geschehen machen. Im Zweifel müssen Artikel dann halt geändert werden, aber dem Narrativ einer systemisch Fehlverhalten deckenden Behörde voller autoritärer Tendenzen ist durchaus vorlieb zu nehmen, auch wenn diese Praxis immer mal wieder kritisiert wird, ohne dass sich was ändert.
Tatsächlich ist Gießens Gebrechen die Sache mit der Pressefreiheit. Die wurde allenthalben behindert und erschwert. Klar, auch durch die Polizei, die sich bspw von Reporter*innen der taz und lokaler Radiosender (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) nicht zu genau bei ihrer Dienstausübung dokumentieren lassen wollten. Und durch die Nazipartei, die Journalist*innen gerne in kleine, abgesteckte Bereiche am hinteren Rand ihrer Parteitage pfercht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Aber vor allem, so las es sich, durch diesen, wie nannte Jens Spahn es, “linken Mob”.
Zumindest, wenn man den Krokodilstränen rechter Alternativmedien und des scheinbar doch sehr erschütterlichen Kriegsreporters Paul Ronzheimer Glauben schenkt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Der durfte indes beim Haussender, bei Markus Lanz und in allen möglichen überregionalen Leitmedien farbenfroh schildern, wie ihn die Polizei aus Sicherheitsgründen aus eben diesem “Mob” führen musste, eine Oma gegen Rechts ihm ein “Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda” und zahlreiche andere mehr oder minder linke Menschen ihm “Hau ab” entgegenwarfen.
Nun ist Paul Ronzheimer wahrlich kein Nazi, so viel Differenzierung muss sein. Nur wurde er auch nicht körperlich angegriffen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und/oder mit Steinen beschmissen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), wie es Journalist*innen regelmäßig auf rechten Demos von Querdenkern, Weizen-Wüterichs oder Neonazis passiert. Und ist Paul Ronzheimer eben auch Vizechef der Bild, deren Verstöße gegen den Pressekodex jährlich am häufigsten gerügt wird, deren Kampagnen schon einige Menschen in Bedrängnis gebracht haben und deren Inhalte sich stets eignen, wenn das Prinzip stochastischen Terrors (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erklärt werden soll.
Die Solidaritätswelle, die Ronzheimer auch weit abseits des rechten publizistischen Spektrums entgegenschlägt, wirkt befremdlich. Sicher ist er beim Bundespresseball ein spannender Gesprächspartner und ist er stets zur Stelle, wenn es darum geht in Helm und Kevlarweste dort sein Gesicht in die Kamera zu halten, wo gerade etwas hochgeht. Allerdings tun das andere auch und liefern dabei bisweilen inhaltlich mehr bei weniger Inszenierung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Dass Journalist*innen paradoxerweise immer wieder auch jene verteidigen, die mit gleichen Mitteln gegen sie arbeiten, mag dabei auch nicht neu sein.

“Das ist richtig, richtig übel”, sagt Marietta Slomka (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Und fürwahr: Die Art und Weise, in der ein in der Masse allzu bürgerlicher Protest gegen eine der größten Gefahren diffamiert wird, ist, frei nach Slomka, “so irre dumm”. Sich aus prinzipientreue vor eine dünne Opfererzählung zu werfen, die den Kampf für Demokratie ins Zwielicht rückt, ist gefährlich. Die Übernahme von und Solidarisierung mit diesem Narrativ ist es.
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