Hi,
vielleicht ist es dir aufgefallen: Vergangene Woche musste unser Newsletter leider ausgefallen, weil wir beide krank waren.
Dafür haben wir heute eine XXL-Version dabei - zu Collien Fernandes. Wir haben uns angeschaut, wie die extreme Rechte versucht, den Diskurs zu verzerren.
Bleib achtsam, alles Liebe und falls du Ostern feierst, wünschen wir die schöne Ostertage oder einfach ein paar erholsame freie Tage!

Um was gehts?
“Wo waren die Tränen und die Empörung des Mainstreams bei den unzähligen, echten Vergewaltigungsopfern in Deutschland? Seit der illegalen Massenmigration gibt es Jahr für Jahr tausende Betroffene, die schwerste sexuelle Gewalt erleben müssen. Wo war hier die Anteilnahme? Es gab keine. Das zeigt, hier stimmt etwas nicht. Man hat den Eindruck, der Einzelfall Fernandes, der soll aufgeblasen werden, um einen weitreichenden Angriff auf unsere Freiheitsrechte durchzusetzen.” [1]
Das sagt Ruben Rupp, AfD-Bundestagsabgeordneter in einem Youtube-Clip auf dem Kanal seiner Fraktion.
In diesen Sätzen bündelt sich ziemlich genau, wie extrem rechte Akteur:innen die Aussagen von Collien Fernandes politisch verwerten: nicht, um digitale sexualisierte Gewalt einzuordnen, sondern um den Diskurs gezielt zu verzerren.
Wir schauen uns vier Strategien genauer an und ordnen sie ein.
Was ist passiert?
Collien Fernandes hat ihren Ex-Mann Christian Ulmen angezeigt. Der Spiegel hat dazu eine exklusive Recherche veröffentlicht. Die Vorwürfe, die Fernandes darin erhebt, wiegen schwer. Welche das genau sind, dazu später mehr - denn auch sie werden von rechts genutzt, um den Diskurs zu manipulieren. Dass Fernandes digitale sexualisierte Gewalt angetan wurde, steht außer Frage. Ob Christian Ulmen strafrechtlich verantwortlich ist, müssen Gerichte klären. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung.
Das Derailing: Aus Berichterstattung wird angeblich Verschwörung
Viele extrem rechte Akteur:innen und Medien konstruieren derzeit eine Verschwörung rund um den “Fall Fernandes”. Besonders Nius treibt diese Erzählung voran: Das Portal hat mittlerweile weit über 20 Artikel über sie veröffentlicht. In vielen davon geht es um einen angeblichen “medialen Staatsstreich” und eine “orchestrierte Kampagne von Justizministerin Hubig, Spiegel und Hateaid”.
Als “Beleg” dient beispielsweise eine Aussage der Spiegel-Journalistin Juliane Löffler im Podcast von Anne Will [2]. Sie sagt dort, beim Spiegel sei bekannt gewesen, dass Hubig ein Gewaltschutzgesetz plane und die Recherche dadurch “eine politische Dimension” bekommen habe. Deshalb sei Hubig vor Veröffentlichung zum Thema digitale Gewalt befragt worden.
Diesen Vorgang nennt Nius “brisant”, weil die Spiegel-Recherche die “Notwendigkeit einer neuen Gesetzgebung” unterstreichen würde und deshalb der Ministerin “sehr gelegen kommen” dürfte. Das verknüpft Nius nun mit Positionen von “Kritikern” (niemand wird namentlich genannt), die das geplante Gesetz für einen Angriff auf die Meinungsfreiheit halten.
Es ist aber nicht schwer, Personen zu finden, die genau diese Position vertreten. Eine ist AfDler Ruben Rupp. Sein Eingangszitat legt nahe: Der Fall Fernandes soll aufgeblasen werden, um einen “Angriff auf unsere Freiheitsrechte durchzusetzen”. Konkret meint er damit die Klarnamenpflicht, über die derzeit debattiert wird und die laut Rupp “eine massive Einschränkung der freien Debatte im Netz” bedeuten würde. [3]
Unser Newsletter ist und bleibt kostenlos. Trotzdem steckt sehr viel Arbeit dahinter - das geht nur, weil uns tolle Menschen unterstützen. Wenn du das auch machen möchtest, werde Mitglied! Das geht schon ab 1,50 Euro / Ausgabe und sichert unsere Arbeit finanziell. Wir freuen uns über jede:n Unterstützer:in - werde jetzt Mitglied, dann kannst du den Newsletter auch als Podcast (beispielsweise via Spotify (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) hören:)
Genauso argumentiert auch Pauline Voss, stellvertretende Chefredakteurin von Nius. Sie nennt “die Spiegel-Geschichte” ein “geschickt konstruiertes Märchen”, das den “gesellschaftlichen Boden bereiten sollte für ein neues Zensur-Gesetz der Regierung” [4]. Man wollte damit die “Öffentlichkeit in die Irre” führen, um “ein SPD-Herzensprojekt journalistisch zu flankieren”. [5]
AfD-Anwalt Ulrich Vosgerau erinnert die Spiegel-Recherche “von der Machart her” an das “Correctiv-Wannsee-Märchen” - also an die Correctiv-Recherche zum “Geheimplan gegen Deutschland” [6]. Er finde beim Spiegel “kaum belastbare Tatsachen”, vielmehr gehe es um “Stimmungsmache für kommende politische Reform-Agenden”.
Alles Verschwörung.
Oder in Vosgeraus Worten: “gelenkte Demokratie”.
Das passt zu dem, was der rechtsoffene selbsternannte “Plagiatsjäger” Stefan Weber auf X schreibt. Ihm sei ein “interessantes Detail” auf mehreren Soli-Demos für Fernandes und gegen sexualisierte digitale Gewalt aufgefallen:
“Ich denke, dass man graphologisch recht gut zeigen kann, dass alle Schilder der heutigen Demo vor dem Brandenburger Tor, die auf Bildern gezeigt wurden, von ein und derselben Person, wahrscheinlich einem professionellen Schildermaler, stammen. […]” [7]
Damit dockt er an das an, was über die Millionen Menschen geraunt wurde, die im ganzen Land nach der “Geheimplan gegen Deutschland”-Recherche gegen den erstarkenden Rechtsextremismus demonstriert haben: alles vom Staat / den “Kartellparteien” bezahlte Darsteller:innen (wir haben damals einen Newsletter dazu gemacht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)).
Zusammengefasst: Rechte Akteur:innen versuchen, die Spiegel-Recherche, Gesetzespläne und zivilgesellschaftliche Unterstützung nicht als demokratische Prozesse, sondern als eine koordinierte Kampagne von Medien, Politik und NGOs darzustellen. So werden Aussagen von Collien Fernandes entwertet, Vertrauen in Berichterstattung und Institutionen untergraben und jede Reaktion auf digitale Gewalt zum Vorwand für angebliche Zensur und Freiheitsbeschränkung umgedeutet.
Rechtsextremes Hijacking: migrantische Gewalt als eigentliches Thema
Eine weitere Strategie besteht darin, das, was Collien Fernandes angetan wurde, gegen angeblich “echte” Vergewaltigungen auszuspielen. Es geht dabei vor allem darum: die Aufmerksamkeit auf migrantische Gewalt umleiten. Wie anschlussfähig das ist, beweist Bundeskanzler Friedrich Merz, der sagte:
“Ein beachtlicher Teil dieser Gewalt kommt aus der Gruppe der Zuwanderer in die Bundesrepublik Deutschland.” [8]
In der Wortwahl unterscheidet sich Merz von der extremen Rechten, in der Logik ist die Anschlussfähigkeit jedoch klar, wie Ruben Rupp im Eingangszitat zeigt - oder seine AfD-Kollegin Birgit Bessin:
“In dem Zusammenhang möchte ich auf eine weitere Doppelmoral hinweisen. Der Feministinnen-Aufschrei in der Causa Collien Fernandes und das Feministinnen-Schweigen beim Mord an der 19-jährigen Medizinstudentin Maria Ladenburger 2016 durch einen illegal eingereisten Afghanen […].” [9]
Sie alle sprechen Fernandes das Leid ab, verharmlosen die Gewalt, die ihr angetan wurde und instrumentalisieren dafür andere Taten. Dabei sind ihnen die Opfer egal. Es geht ihnen nur um Manipulation des Diskurses.
Wie perfide das ist, zeigt der Fall der Spanierin Noelia Castillo Ramos. Björn Höcke schreibt dazu auf Telegram:
“Sie [Castillo] wurde 2022 Opfer einer Gruppenvergewaltigung. Die Täter wurden nie verurteilt. […] Im Gegensatz zum Fall Collien Fernandes bleiben die Opfer von echter sexueller Gewalt oft im Dunkeln.”
Der Fall Castillo ist tragisch und schwerwiegend: Sie hatte sich, das ist unter bestimmten Umständen in Spanien legal, für die aktive Sterbehilfe entschieden. Sie wollte nicht mehr leben. Die Gründe dafür sind vielfältig. Der Tagesspiegel schreibt von einer Trennung der Eltern in Castillos Jugend, die sie sehr traumatisiert habe, einer Vormundschaft durch die Regierung, einem Heranwachsen im Jugendheim, mehreren Fällen von sexuellen Misshandlungen und - und nur darauf stürzt sich die extreme Rechte - sexuellen Gewalttaten gegen sie [10].
Es gibt, vor allem auf X, die Verschwörungserzählung, dass Castillo von minderjährigen Migranten vergewaltigt wurde - das sei der Grund dafür, dass sie sterben wollte. Unter anderem teilte die rechtsextreme Partei Vox diese Erzählung.
Laut der Zeitung El País [11] gibt es aber keinen Hinweis darauf, dass es diese Vergewaltigung gegeben hat. Castillo selbst berichtet von drei Fällen sexueller Gewalt gegen sie, einmal war es ihr Ex-Partner. Dann wurde sie einmal von zwei und einmal von drei “Jungen” in einem Club “angegriffen”. Mehr Informationen gibt es nicht.
Woher stammt die Verschwörungserzählung mit den minderjährigen Migranten? Das hat sich Stoppt die Rechten angeschaut [12]. Das Ergebnis: Es war Polonia Castellanos, die Präsidentin der ultrakatholischen Organisation “Abogados Cristianos” - sogenannte “Lebensschützer”. Die Anti-Abtreibungs-Organisation macht vor allem aggressive politisch-juristische Kampagnenarbeit. Das heißt, sie klagt.
Das hat sie auch im Fall Castillo gemacht. Gemeinsam mit Castillos Vater, der die aktive Sterbehilfe für seine Tochter verhindern wollte, ging die Organisation gerichtlich dagegen vor. Dabei wurde Castillo die aktive Sterbehilfe schon 2024 von der zuständigen Expert:innen-Kommission einstimmig bewilligt. Danach musste sie aber durch insgesamt fünf Gerichtsprozesse gehen, am Ende bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, weil ihr Vater immer wieder erneut Klage einreichte und Castillo die Selbstbestimmung absprechen wollte.
Vor jeder Instanz aber bekam Castillo Recht. Bis sie schließlich dieses Jahr, am 26. März, sterben durfte.
Zusammengefasst: Beim rechtsextremen Hijacking kommen Whataboutism und Entwertung zusammen. Das, was Collien Fernandes passiert ist, wird gegen andere Fälle sexualisierter Gewalt ausgespielt - und so entwertet. Es geht um eine Hierarchisierung von Leid. Deshalb schreibt Höcke von einer einer Vergewaltigung als angeblich “echter sexueller Gewalt” - im Gegensatz zu dem, was Fernandes angetan wurde.
Es geht Höcke nicht um Solidarität mit (anderen) Betroffenen, sondern nur um die politische Verwertungslogik für seine Ideologie. Das ist nicht nur manipulativ, weil der Fall von Noelia Castillo Ramos von extrem rechten Akteur:innen selbst mit Desinformation ins extrem rechte Weltbild gepresst wurde. Es ist auch zynisch: Weil es bei Castillo, einem mehrfachen Missbrauchsopfer von Männern, am Ende wieder ein Mann ist - ihr eigener Vater - der über sie und ihren Körper bestimmen wollte.
Delegitimierung durch Strohmann: Eine erfundene Behauptung wird attackiert
Eine weitere Strategie besteht darin, Fernandes mithilfe einer Strohmann-Argumentation unglaubwürdig zu machen. Rechte Akteur:innen tun so, als habe sie behauptet, Christian Ulmen sei wegen Deepfakes angeklagt. Das stimmt nicht. Diese Behauptung aber wird lautstark widerlegt, um Fernandes, die Spiegel-Recherche und politische Vorhaben gegen digitale Gewalt insgesamt zu delegitimieren.
Dafür ist Nius so vorgegangen: Das Portal hat Fernandes einen Fragenkatalog geschickt, den sie schriftlich und knapp beantwortete. Nius rahmte die Antworten später als “Collien Fernandes spricht exklusiv bei Nius” - was schon für sich genommen irreführend war.
Eine der Fragen jedenfalls bezog sich auf eine zweiteilige ZDF-Doku, in der Fernandes 2024 die “Deepfake-Täter” suchte, die ihr Gesicht mit KI in pornografische Inhalte hineinmanipuliert und so digitale Gewalt gegen sie ausgeübt hatten:
“In der Dokumentation suchen Sie nach pornografischen Videos, die Fremde mit Hilfe von KI erstellt haben sollen. Bis zum Ende finden Sie jedoch keine solchen Videos. Welche Belege liegen Ihnen dafür vor, dass tatsächlich pornografische KI-Deepfakes von Ihnen im Netz erstellt wurden? Welche Belege liegen Ihnen dafür vor, dass derartige pornografische Deepfakes durch Fake-Accounts verschickt wurden? […]”
Darauf antwortete Fernandes:
“Das sind verschiedene Punkte. Zum einen gibt es Menschen, die Deepnudes von mir online gestellt haben, zum anderen gibt es die pornografischen Videos, die der Täter unter meiner Identität verschickt hat. Hierüber haben uns Männer informiert, die die Echtheit dieses Profils anzweifelten.”
Aus dieser Antwort strickt Nius seither eine “spektakuläre Wendung in der Affäre Ulmen-Fernandes”. Die Exklusiv-Meldung: Fernandes Ex-Mann Christian Ulmen habe “gar keine Deepfakes von ihr verbreitet”.
Nur: Das hat Fernandes nie behauptet. Und das steht auch nicht in der Anklage, aus der der Spiegel in seiner Recherche auszugsweise berichtet. Da steht, Fernandes sei “Opfer eines ‘Identitätsdiebstahls über soziale Netzwerke’ geworden”. Und dass Ulmen “mit Hunderten von Männern in ihrem Namen Kontakt aufgenommen” und “ihnen erotische Bilder und Videos geschickt” habe. Mit ungefähr 30 Männern habe er zudem “unter der Identität seiner damaligen Frau Onlineaffären und Telefonsex gehabt”. Weiterhin klagte Fernandes wegen “Anmaßung des Personenstands, öffentlicher Beleidigung, Offenlegung von Geheimnissen, wiederholter Körperverletzung im familiären Näheverhältnis und schwerer Bedrohung”.
Nicht wegen Deepfakes.
Dazu heißt es an anderer Stelle im Spiegel-Artikel, dass “im Internet seit Jahren Hunderte gefälschte Pornoaufnahmen kursieren, die angeblich Fernandes zeigen”. Darunter auch “sogenannte Deepfakes, also mithilfe von KI erzeugte Fotos und Videos, die sich von jedermann mit nur wenigen Klicks erstellen lassen”.
Dazu wird betont:
“Wer dieses Material erstellt und hochgeladen hat, ist unklar.”
Nius aber macht daraus eine angeblich “linke Kampagne”, die sich nur um Deepfakes drehe. Ein Strohmann.
Das heißt, der Gegenseite wird ein Argument vorgehalten, das diese nie gebracht hat. Das Argument wird dennoch lautstark attackiert, um die gesamte Debatte umzulenken. Von Nius aus verbreitete sich die Erzählung weiter auf X und wurde schließlich von der AfD in den Bundestag getragen. MdB Stefan Möller sagte dort am 26. März:
“Leider trifft das auch auf Ihren Gesetzentwurf zu, der offensichtlich als Teil dieser Kampagne begriffen werden muss. Und das, obwohl der Fall Ulmen/Fernandes ja anscheinend nicht mal ganz stimmt; der Vorwurf des Erstellens von Deepfake-Pornos scheint sich ja nicht so richtig zu bestätigen.”
Zusammengefasst: Der Mechanismus ist klassisch. Erst wird Fernandes eine Behauptung untergeschoben, die sie nie aufgestellt hat. Dann wird genau diese erfundene Behauptung mit viel Getöse widerlegt, um sie als unglaubwürdig darzustellen und den gesamten Fall politisch zu entwerten.
Täter-Opfer-Umkehr: Aus der Betroffenen wird die Schuldige
Dann gibt es noch die Opferumkehr. Ali Utlu beispielsweise tut Christian Ulmen “leid”, wegen der “medialen Hinrichtung” und er “nehme ihn in Schutz, egal was linke Sittenwächter von mir wollen”. [14] Es gibt auch Frauen, die diese Position vertreten. Monika Gruber ist eine von ihnen:
“Kollektive Massenpsychose: Liebe Männer lasst Euch bloß nicht einreden, daß Ihr allesamt übergriffige, frauenverachtende, respektlose und daher verachtenswerte Schweine seid. DAS ist ebenfalls Sexismus, […]” [15]
Gleichzeitig gibt es viele Akteur:innen, die Fernandes die Schuld dafür geben, dass ihr digitale Gewalt angetan wurde. Der Subtext vieler dieser Angriffe lautet: Sie wollte es so. Das wird mit teilweise Jahrzehnten alten Videos “belegt”, in denen Fernandes beispielsweise darüber spricht, dass sie gerne Sex habe oder dass ihr intime Fragen an bekannte Persönlichkeiten, da war sie noch MTV-Moderatorin, “nicht so peinlich” seien. Das mache sie zu einem “Luder” und die ganze “Aufregung” über digitale sexuelle Gewalt wird mit dem Hinweis auf eine angebliche Doppelmoral delegitimiert. [16] Ähnlich argumentiert Stefan Homburg, der Fernandes ein “Flittchen” nennt, weil sie einst auf Covern von Magazinen posierte.
Dann gibt es noch die Argumentation, Fernandes nehme “Frauen den Schutzraum im Internet”, weil sie sich für “eine digitale ID” einsetze. Auch hier wieder: Fernandes ist Täterin, kein Opfer.
Genauso verschiebt die “Lukreta” Schuld. In einem Reel der extrem rechte Frauenbewegung geht es darum, dass der Fall von Fernandes zeige, wie das “Establishment Pseudofeminismus fördert und echten Frauenschutz vernachlässigt”. [17]
Fernandes wird stellvertretend für das Establishment dafür verantwortlich gemacht, dass es keinen “echten” Frauenschutz gebe - sprich: dass “ethnisch-deutsche” weiße Frauen nicht vor migrantischen Männern geschützt werden und der Diskurs sozusagen stattdessen mit diesem Fall verstopft wird.
Zusammengefasst: Die Strategie ist hier die Umkehr von Täter und Opfer. Rechte Akteur:innen sprechen Fernandes die Opferrolle ab oder geben ihr selbst die Schuld an der Gewalt, die sie erlebt hat. Dahinter steckt ein Muster: Frauen, die offen sprechen, sich öffentlich zeigen oder politische Forderungen stellen, werden entwertet, sexualisiert und moralisch abgewertet. So wird nicht nur Fernandes delegitimiert, sondern auch ein antifeministisches Weltbild gefestigt, in dem Gewalt gegen Frauen relativiert und Verantwortung systematisch verschoben wird.
Warum das alles?
Man kann das als Kampagne verstehen.
Vieles erinnert an das, was die extreme Rechte gegen Frauke Brosius-Gersdorf ins Rollen gebracht hat, um ihre Ernennung ans Bundesverfassungsgericht zu verhindern und sie als öffentliche Person sowie ihre Positionen zum Schweigen zu bringen.
Auf X zeigt sich auch jetzt wieder sehr viel Interaktion, es sind die gleichen “reichweitenstarken Multiplikatoren” [19] wie bei Brosius-Gersdorf, und es begann - das zeigt schon die Auswahl in diesem Newsletter - erneut mit vielen unterschiedlichen narrativen Angeboten gegen eine Frau. Nach und nach wurden dann jene Erzählungen verstärkt, die das größte Mobilisierungspotenzial zeigten (und noch zeigen).
Entscheidend für den Erfolg solcher Kampagnen ist, ob konservative Medien und Politiker:innen die Erzählungen aufgreifen und ihnen so Reichweite und Legitimität im gesamtgesellschaftlichen Diskurs verschaffen.
Inhaltlich geht es um mehr als diese beiden Fälle. Die extreme Rechte will ihr Weltbild weiter ausdehnen, in dem es eine “natürliche Geschlechterordnung” gibt und Männer über Frauen bestimmen.
Wenn solche Angriffe auf Frauen geschehen und die Akteur:innen damit durchkommen, sendet das ein Zeichen an andere Betroffene (digitaler) sexueller Gewalt: Wer sich wehrt, muss mit derselben Behandlung rechnen. Die Folge ist Abschreckung. Wenn Frauen nicht besser geschützt werden, trauen sich immer weniger, öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen.
Dazu kommt jetzt auch ein ganz konkretes Eigeninteresse: Extrem rechte Portale wollen verhindern, dass Deepfakes verboten oder schärfer reguliert werden. Weil sie diese laut Natascha Strobl selbst nutzen:
“Rechtsextreme Portale arbeiten gezielt mit diesen Bildern [Deepfakes], ohne sie zu kennzeichnen. Oft sind es subtile kleine Veränderungen: Die Zähne werden spitzer, der Blick wird böser gemacht, die Nase wird größer. Solche Veränderungen am Bild sind viel wirkungsvoller, weil man auf den ersten Blick die Manipulation nicht bemerkt. Die abgebildeten Personen sollen einfach als böse markiert werden.” [20]
Dass es nicht um Einzelfälle, sondern um gesellschaftliche Machtverhältnisse geht, zeigt auch die Forschung. Das Science Media Center hat gerade über eine Metaanalyse berichtet. Das zentrale Ergebnis:
“Frauenfeindliche Darstellungen, etwa in sozialen Medien, Videospielen oder im Fernsehen, führen zu einer erhöhten Feindseligkeit gegenüber Frauen.” Besonders bei Männern, aber auch bei jungen Erwachsenen und Frauen. [21]
Frauenfeindliche Medieninhalte tragen also dazu bei, den geringeren gesellschaftlichen Status von Frauen aufrechtzuerhalten. Auch deshalb überrascht es nicht, dass die extreme Rechte härtere Maßnahmen gegen digitale sexuelle Gewalt - und damit gegen die massenhafte Erniedrigung von Frauen - mit aller Macht verhindern will.
Aussage
“Natürlich ist digitale Gewalt ein Problem. Aber es wirkt schon auffällig, wenn ein einzelner Promi-Fall plötzlich genau dann so groß gemacht wird, wenn Politik und Medien neue Regeln fürs Netz vorbereiten. Da darf man schon fragen, wem diese Empörung gerade nützt.”
Gegenrede
“Ich kann den Impuls nachvollziehen, bei zeitlichen Zusammenhängen misstrauisch zu werden. Aber genau daraus vorschnell eine gesteuerte Kampagne zu machen, führt in die Irre. Dass Medien Missstände recherchieren und die Politik darauf reagiert, ist erst einmal ein normaler demokratischer Vorgang. Wenn wir das pauschal als Inszenierung lesen, gerät schnell aus dem Blick, worum es hier eigentlich geht: um eine Betroffene digitaler sexualisierter Gewalt und um die Frage, wie solche Angriffe besser begrenzt werden können.”
Aussage
“Man sollte bei aller Anteilnahme schon sehen, dass viele Frauen seit Jahren unter importierter Gewalt leiden. Während über Massenvergewaltigungen durch Zuwanderer oft schnell geschwiegen wird, wird hier ein Fall digitaler Entwürdigung zum Symbol gemacht. Diese Prioritätensetzung irritiert viele Menschen.”
Gegenrede
“Ich verstehe, dass der Verweis auf andere Fälle von Gewalt zunächst wie ein Ruf nach Gerechtigkeit klingen kann. Aber hier werden sehr unterschiedliche Dinge miteinander verrechnet, und genau das verschiebt den Blick. Der Frame ‘importierte’ Gewalt oder ‘Massenvergewaltigung’ lenkt die Debatte weg von der konkreten Betroffenen und hin zu einem migrationspolitischen Feindbild. Nicht nur spricht das ‘deutsche’ Täter pauschal frei, es entsteht auch eine Hierarchie von Leid: Das eine Opfer soll zählen, das andere weniger. Demokratisch sinnvoller wäre, jede Form sexualisierter Gewalt ernst zu nehmen - ohne sie gegeneinander auszuspielen und ohne Betroffene für politische Botschaften zu instrumentalisieren.”
[1] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://www.youtube.com/watch?v=7uURUnWsWlQ&list=PLqubM6Pk6_ac3BCOCUAv563S-z4f9JJuM (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[2] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://nius.de/medien/journalistin-juliane-loeffler-gibt-zu-spiegel-geschichte-ueber-collien-fernandes-war-auf-hubigs-zensur-gesetz-abgestimmt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[3] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://www.youtube.com/watch?v=7uURUnWsWlQ&list=PLqubM6Pk6_ac3BCOCUAv563S-z4f9JJuM (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[4] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://x.com/Pauline__Voss/status/2036659093805371846 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[5] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://nius.de/medien/journalistin-juliane-loeffler-gibt-zu-spiegel-geschichte-ueber-collien-fernandes-war-auf-hubigs-zensur-gesetz-abgestimmt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[6] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/01/10/geheimplan-remigration-vertreibung-afd-rechtsextreme-november-treffen/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[7] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) x.com/SprachPhilo/status/2035756286935982403
[8] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://www.youtube.com/shorts/gBdeTmvOFFY (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[9] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://www.youtube.com/watch?v=sT1ES8GCYJA (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[10] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://www.tagesspiegel.de/internationales/ich-will-endlich-dass-mein-leid-aufhort-die-geschichte-der-25-jahrigen-die-entschied-zu-sterben-15408126.html (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[11] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://elpais.com/sociedad/2026-03-26/los-bulos-sobre-noelia-castillo-de-la-violacion-de-menas-a-la-eutanasia-por-depresion.html (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[12] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://www.stopptdierechten.at/2026/03/30/blaue-leichenfledderei-rassistische-hetze-mit-einer-toten-und-fake-news/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[13] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://globalextremism.org/spain/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[14] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://x.com/AliCologne/status/2036526128433643880 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[15] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://x.com/MonikaGruber24/status/2036382037897093377 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[16] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://x.com/queru_lant/status/2036339937168027826 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[17] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://archive.ph/oVwMk (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[18] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://www.netzwerk-courage.de/wp-content/uploads/2023/05/Handreichung_AchtungszeichenNeueRechte_SAX.pdf (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[19] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://polisphere.eu/aktuelles/die-causa-brosius-gersdorf?utm_source=substack&utm_medium=email (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[20] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://edelweissnetzwerk.de/artikel/wie-nius-versucht-den-diskurs-zum-gewaltschutz-zu-kippen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[21] (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) https://www.sciencemediacenter.de/angebote/misogynie-konfrontation-in-medien-und-frauenfeindliche-haltung-26048 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)