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LöwenPost 52: Die Sino Kolumne

Wahlen ~ Religion ~ Bildung und KI
KI-Bild erstellt mit Bing Image Creator und Grok

Am vergangenen Mittwoch fanden in Korea Kommunalwahlen statt. Die Demokratische Partei hat dabei einen deutlichen Sieg errungen. Auch in den Hochburgen der Konservativen, wo diese den Sieg davon getragen haben, konnte die Partei des amtierenden Präsidenten beachtliche Stimmenzuwächse vorweisen. Nur Seoul ging an die konservative People Power Party, wobei man diesen Sieg nicht unterschätzen darf, denn in der Metropolregion Seoul wohnt die Hälfte der gesamten Bevölkerung des Landes.

Ist der Ausgang der Wahl wichtig für das Land? Ich glaube nicht, denn schon nach der nächsten Korruptionsaffäre schlägt das Pendel wie üblich in einer Parteiendemokratie in die andere Richtung aus.

Deswegen möchte ich auf eine Besonderheit der Wahlen hinweisen: In 307 Wahlkreisen wurden insgesamt 513 Kandidaten ohne Gegenkandidat „gewählt“, sprich einfach ernannt. 3 Bürgermeister und 510 Ratsmitglieder wurden somit ohne Wahl einfach bestätigt. Damit wurden rund 12% der zu vergebenen Ämter und Sitze (insgesamt 4.210) ohne einen Stimmzettel besetzt.

Demokratiemüdigkeit? Ich weiß es nicht, aber es kann auch einfach die Erkenntnis der Wähler sein, dass Wahlen nicht wirklich zu positiven Ergebnissen für die Bürger führen, da eher charismatische statt fähige Politiker in einer demokratischen Abstimmung der gesamten Bevölkerung gewählt werden. Politiker sollten aber nach meritokratischen Prinzipien für Führungspositionen ausgewählt werden, sonst gewinnen nur die Eloquenten mit unlauteren Versprechungen, die dann schlechte Leistungen bringen und schlimmstenfalls korrupt in die eigene Tasche wirtschaften, wobei die Menschen entweder davon profitieren und im korrupten System ihren Platz finden und zukünftige Wählerstimmen sichern oder andererseits enttäuscht sind und bei den nächsten Wahlen dann halt die andere Partei wählen.

Und so pendeln in Parteiendemokratien über Jahrzehnte die Machtverhältnisse immer hin und her und die Ressourcen des Landes werden in diesen Machtkämpfen verzehrt. Dabei merkt das Volk nicht, dass es genau um diese Ressourcen betrogen wird.

Ein chinesisches Gericht hat Liu Yingcheng, den ehemaligen Abt des weltberühmten Shaolin-Tempels am Berg Songshan in der Provinz Henan, zu 24 Jahren Haft wegen Finanzdelikten einschließlich Unterschlagung und Bestechung verurteilt. Zudem verhängte das Gericht eine Geldstrafe von 440.000 Euro gegen den ehemaligen Mönch. Das Kloster wurde wegen einer Kung Fu Fernsehserie weltberühmt und zog damit viele Touristen an. Das korrupte Verhalten des Mönchs offenbart, dass der sanfte Buddhismus als Religion eben nur eine große Fassade von Werten aufbaut, währenddessen dahinter auch hier charakterlose Menschen agieren können.

Schon der große König Sejong hatte im 15. Jahrhundert die korrupten Machenschaften der buddhistischen Klöster in Korea erkannt und war sich bewusst, wie diese Machenschaften das Land lähmten. Deshalb ließ er viele Klöster schließen und die Macht der Klöster einschränken. Als Herrscher der Joseon-Dynastie schränkte Sejong den Buddhismus institutionell stark ein und festigte die konfuzianische Staatsordnung.

Man sollte sich also nicht von den wohlklingenden Werten der Religionen blenden lassen, die Funktion der Religion als emotionale Stütze für viele Menschen zulassen, aber immer starke Kontrollinstanzen und Transparenz installieren, damit die Religionen keinen gesellschaftlichen Schaden anrichten können.

Die Geschichte von König Sejong und der Joseon-Herrschaft schildere ich auch in meinem Xiefuzi Reise Blog in diesen Beiträgen:

Zu Besuch bei König Seongjong (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Der Landesvater der koreanischen Nation und Kultur (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Ikonen der koreanischen Geschichte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Der von mir schon öfters erwähnte Yao Yang äußert sich gerade besonders häufig zum chinesischen Bildungswesen. Er ist Professor und Dekan des Di-shui-hu Advanced Finance Institute (DAFI) der Shanghai University of Finance and Economics. In seinen Kommentaren betont er, dass das chinesische Bildungssystem sich stärker auf die Förderung von Talenten konzentrieren sollte, als nur ein reines hartes Auswahlverfahren zu sein. Dabei argumentiert er auch, dass der Fokus auf Spitzenförderung mit Spezialklassen und früher Selektion viele Talente zerstört. Genies entstehen nicht durch Druck, sondern durch Freiraum, so Yao. Die extreme Hierarchie im Bildungssystem zwingt die Schüler, die Eltern und die Schulen in einen harten Wettbewerb, um in die obersten Ränge zu gelangen.

Er erkennt zwar an, dass China eine lange Tradition der Leistungsorientierung habe und plädiert für das Prinzip „Wer mehr leistet, soll mehr bekommen“, allerdings hat dies, so Yaos Meinung, derzeit zu dem Extrem einer „Prüfungsgesellschaft“ und somit zu einer Übertreibungen im Bildungssystem geführt. Es lässt Schüler und Studenten wegen der Prüfungsbelastung und Eltern wegen der finanziellen Belastung erschöpft zurück.

Die Regierung hat schon mit Nachhilfeverbote versucht, diese Tendenz zu stoppen. Allerdings mit mäßigen Erfolg, so die Einschätzung von Yao Yang. Ob eine Reform der Hochschulpolitik mit weniger extremer Ressourcenbündelung und einem Abbau des Fokus auf Prüfungen einen Erfolg bringen würde, wage ich persönlich nicht zu beurteilen. Schließlich ist das Prüfungssystem ein über Jahrhunderte verankertes System in China. Aber Yao hat im Prinzip recht, denn ob diese Prüfungen auch dem meritokratischen Anspruch wirklich gerecht werden, darf zumindest diskutiert werden.

Ein anderes Thema von Yao Yang hat bei mir Interesse geweckt, was ich als viertes Thema ausnahmsweise in diesem LöwenPost-Beitrag mit anführen will. In einem Interview äußert er sich über die Auswirkung von KI auf die Gesellschaft. Dabei geht er davon aus, dass KI zu mehr Gleichberechtigung führt, da mittels KI viele Menschen ohne großes Kapital auf Ressourcen zugreifen können, die in der Zeit ohne KI verschlossen waren und Yao Yang betont:

„...es geht darum, die Markteintrittsbarrieren deutlich zu senken.“

Und dann zieht er den Bogen zum Bildungssystem, denn die Nutzung von KI verlangt auch ein entsprechendes Wissen bei den Menschen. Deshalb führt er aus:

„Man wird eine bessere Ausbildung benötigen, was den Wettbewerb im Bildungsbereich intensivieren wird. Gleichzeitig wird die Bildung aber auch vielfältiger.“

Diese positive Sichtweise des anerkannten Wissenschaftlers drückt insgesamt die Stimmung in China aus, die mir persönlich viel besser gefällt als die alarmierenden und bedrohlichen Töne der gesellschaftlichen Diskussion zu KI in Europa. Yao Yang betont aber auch, dass wir erst am Anfang der Entwicklung stehen.

„KI wird uns jahrzehntelang, ja sogar jahrhundertelang begleiten.“

So seine prophetische Aussage, die er am Schluss des Interviews formuliert. Während man in Europa verängstigt in die Zukunft schaut, gehen die Menschen in China diesen Weg positiv an.

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