
Wenn das Nervensystem kurz erschrickt
Willkommen im Spektrum. Dieser Artikel ist nicht ganz einfach, aber ich finde ihn sehr sehr wichtig. Er wird vielleicht für Irritationen sorgen. Aber genau darum geht es ja letztlich auch in diesem Artikel.
Du liest ungemein viel über ADHS. Folgst mir auf verschiedenen Kanälen. Und denkst : Hier verirrt man sich aber ständig. Was ist wo und warum? Wie finde ich da die Orientierung?
Manchmal beginnt ADHS nicht mit Ablenkung.
Manchmal beginnt es mit einem winzigen Erschrecken.

Ein Geräusch im Nebenraum.
Eine Bewegung im Augenwinkel.
Ein plötzlich anderer Tonfall.
Eine Frage, die eine Sekunde zu früh kommt.
Eine Nachricht, die aufploppt, während man gerade versucht, einen Gedanken festzuhalten.
Von außen sieht das oft harmlos aus.
Die Person war eben noch bei der Sache. Dann ist sie kurz weg. Der Faden reißt. Sie schaut irritiert. Sie braucht einen Moment, um zurückzufinden.
Und dann kommt schnell die übliche Erklärung:
„Unaufmerksam.“
„Ablenkbar.“
„Nicht fokussiert.“
„Typisch ADHS.“
“Psychostimulanzien zu niedrig dosiert”
Aber vielleicht ist genau das zu grob.


Vielleicht ist ein Teil dessen, was wir bei ADHS als Unaufmerksamkeit beschreiben, in Wirklichkeit eine sehr schnelle, sehr kleine, sehr häufige Orientierungsreaktion.
Das Nervensystem fragt nicht bewusst:
Was war das?
Ist das wichtig?
Bin ich sicher?
Muss ich mich neu ausrichten?
Wo war ich gerade?
Es fragt das automatisch.
Und manchmal ist nicht das Hinwenden zum neuen Reiz das eigentliche Problem.
Sondern das Zurückfinden.
Und / oder die Unterbrechung. Wenn eigentlich Pausen richtig wären, aber wir dann wieder so eine Orientierungs-Phase brauchen und so verdammt schlecht zurück finden.

Der kleine Moment, bevor die Aufmerksamkeit weg ist
Ich versuche für mich 4 Begriffe zu unterscheiden, die im Alltag oft durcheinandergeraten:
Mikroarousal.
Orientierungsreaktion.
Reizüberflutung oder Overload.
Hyperarousal.
Alle vier haben mit Aktivierung zu tun.
Aber sie beschreiben nicht dasselbe.
Der Unterschied liegt vor allem in der Zeitachse und in der Intensität.

Mikroarousal dauert oft nur Sekunden.
Die Orientierungsreaktion kann Sekunden bis Minuten dauern.
Overload entsteht über Minuten bis Stunden durch Reizkumulation.
Hyperarousal kann Stunden, Tage oder chronisch anhalten.
Das ist klinisch wichtig.
Denn wenn wir alles „Reizüberflutung“ nennen, verlieren wir die feinen Unterschiede.
Und genau diese feinen Unterschiede entscheiden darüber, ob jemand eine kurze Re-Orientierung braucht, eine Pause, eine Reizreduktion, eine traumainformierte Behandlung oder eine bessere ADHS-Basistherapie.
Mikroarousal: der kleinste Sprung im System
Mikroarousal ist kein offizieller Diagnosebegriff.
Ich verwende ihn als Arbeitsbegriff für einen Zustand, den viele Betroffene sofort wiedererkennen:
Da ist ein winziger Reiz.
Das System springt kurz an.
Der Gedankenfaden reißt.
Die Aufmerksamkeit ist nicht einfach „weg“, sondern kurz alarmiert.
Das kann so klein sein, dass es von außen niemand bemerkt.
Kein sichtbares Zusammenzucken.
Keine Panik.
Kein dramatischer Zusammenbruch.
Nur ein kurzer innerer Ruck.
Ein Mini-Erschrecken.
Und genau diese Mikroereignisse können sich über den Tag. und über das Leben summieren. Nicht als ein großes Trauma. Nicht als ein einzelner massiver Stressor. Sondern als viele kleine Orientierungsabbrüche, die jedes Mal Energie kosten.
Das erklärt, warum manche Menschen mit ADHS abends erschöpft sind, obwohl „gar nichts passiert“ ist.
Es ist eben sehr wohl etwas passiert.
ARAS: das Aufwach- und Orientierungssystem
Ein wichtiger Baustein dabei ist das aufsteigende retikuläre Aktivierungssystem, kurz ARAS.

Vereinfacht gesagt ist das ARAS ein Aktivierungs- und Orientierungssystem des Gehirns. Es hilft dem Gehirn zu entscheiden:
Wie wach muss ich gerade sein?
Welche Reize sind wichtig?
Worauf soll Aufmerksamkeit gelenkt werden?
Was ist neu, überraschend oder potenziell bedeutsam?
Das ARAS ist also nicht einfach ein „Aufmerksamkeitsknopf“.
Es ist eher eine Art Alarm- und Bereitschaftssystem.
Es weckt auf.
Es richtet aus.
Es bereitet Reaktion vor.
Es sortiert mit, was überhaupt ins Bewusstsein durchdringt.
Bei ADHS scheint diese Aktivierungssteuerung oft anders kalibriert zu sein. Viele Betroffene kennen beide Pole:
Unteraktivierung, Leerlauf, Nebel, Suche nach Stimulation.
Und gleichzeitig Überaktivierung, Reizoffenheit, schnelle Irritierbarkeit, innere Spannung.
Das ADHS-System ist also nicht einfach „zu wenig aufmerksam“.
Es ist oft instabil reguliert. Und hakt, weil alte Erschreckungen noch wie Alarmroutinen im Hintergrund mitlaufen.
Mal zu wenig.
Mal zu viel.
Mal suchend.
Mal alarmiert.
Mal unterfordert.
Mal überflutet.
Und genau in diesem Wechsel liegt ein großer Teil der Alltagserschöpfung.
Die Orientierungsreaktion: nicht Ablenkung, sondern Rückkehrproblem
Die Orientierungsreaktion ist eigentlich sinnvoll.
Ein neuer Reiz taucht auf.
Das System richtet sich kurz darauf aus.
Es prüft: wichtig oder unwichtig?
Dann kehrt man zurück zur ursprünglichen Aufgabe.
So sollte es laufen.
Bei ADHS ist aber häufig nicht nur das Anspringen schneller, sondern die Rückkehr schwieriger.
Das ist der eigentliche Aha-Punkt.
Nicht:
„Ich bin halt ablenkbar.“
Sondern:
„Mein System wurde aus der Orientierung gerissen und braucht länger, um zurückzufinden.“
Das ist ein anderer Blick. Manchmal würde einfach ein wenig Zeit bis zur Antwort in der Schule geholfen haben.
Er ist weniger beschämend.
Und er ist diagnostisch genauer.
Denn viele ADHS-Probleme entstehen nicht nur dadurch, dass Aufmerksamkeit woanders hingeht. Sie entstehen dadurch, dass die innere Landkarte kurz verloren geht.
Wo war ich?
Was wollte ich?
Was war der nächste Schritt?
Warum hatte ich diese App geöffnet?
Warum stehe ich gerade in diesem Raum?
Was wollte ich sagen?
Das sind keine moralischen Fehler.
Das sind Orientierungsabbrüche.
PODS: Persistent Orientation Dysregulation State
An dieser Stelle möchte ich einen Begriff einführen, den ich in meinem Arbeitsmodell nutze: PODS.
PODS steht für:
Persistent Orientation Dysregulation State
auf Deutsch etwa:
persistierender Orientierungs-Dysregulations-Zustand
Das klingt zunächst technisch. Gemeint ist aber ein sehr konkretes Alltagserleben: Ein Mensch wird durch einen inneren oder äußeren Reiz kurz aus der eigenen Orientierung gerissen — und findet danach nicht sofort wieder zurück.
Definition:
PODS beschreibt einen vorübergehenden, aber wiederkehrenden Zustand, in dem Aufmerksamkeit, emotionale Bewertung, Körperalarm und Selbstorientierung gleichzeitig durcheinandergeraten. Die Person ist nicht einfach abgelenkt, sondern verliert kurzzeitig den inneren Bezug zu Aufgabe, Situation, Handlungsplan oder eigener Position.
Oder einfacher gesagt:
PODS ist der Moment, in dem das Nervensystem nach einem Mini-Erschrecken die innere Karte neu laden muss.
Diese innere Karte ist mehr als Konzentration. Sie umfasst Fragen wie: Wo war ich gerade? Was wollte ich tun? Was gilt in dieser Situation? Was ist der nächste Schritt? Bin ich sicher? Bin ich noch bei mir? Genau diese Selbst- und Situationsorientierung kann bei ADHS durch Mikroarousal und Orientierungsreaktionen erschüttert werden.
Bei ADHS sprechen wir klassisch von Aufmerksamkeitssteuerung: Der Fokus springt, Reize werden nicht ausreichend gefiltert, Handlungen werden unterbrochen. Bei DESR, also der defizitären emotionalen Selbstregulation, geht es stärker um das emotionale Mitkippen: Frust, Scham, Ärger, Angst oder Überforderung steigen schneller an und lassen sich schwerer bremsen.
PODS beschreibt die nächste Ebene: den Zustand, in dem Fokus und Gefühl nicht nur kippen, sondern die innere Orientierung selbst erschüttert wird.
Das ist der entscheidende Unterschied:
Bei klassischer Ablenkbarkeit ist die Aufmerksamkeit woanders.
Bei DESR ist das Gefühl außer Regulation.
Bei PODS verliert die Person kurz den Zugriff auf die eigene Orientierung.
Von außen sieht das vielleicht aus wie Unaufmerksamkeit, Verweigerung, Langsamkeit oder Chaos. Innen fühlt es sich eher an wie: „Ich war gerade noch da — und plötzlich weiß ich nicht mehr, wo ich innerlich ansetzen soll.“
PODS beschreibt also nicht einfach „Unaufmerksamkeit“. Es beschreibt den Moment nach dem Mini-Erschrecken: Das ARAS springt an, die Aufmerksamkeit wird aus der ursprünglichen Bahn gezogen, die emotionale Bewertung läuft mit, und das System muss sich erst wieder neu sortieren. Die Person ist nicht faul, widerständig oder unkonzentriert. Sie sucht im Inneren nach der Stelle, an der sie gerade eben noch war.
Eine mögliche Kurzformel wäre:
ADHS erklärt, warum der Fokus springt.
DESR erklärt, warum das Gefühl mitkippt.
PODS erklärt, warum man danach nicht einfach wieder da ist.

PODS ist dabei keine neue Diagnose. Es ist ein klinisches Orientierungsmodell. Es hilft, jene Zustände zu beschreiben, die zwischen ADHS, emotionaler Dysregulation, Overload und dissoziationsnahen Phänomenen liegen. Die Person ist meist ansprechbar und äußerlich noch funktionsfähig. Aber innerlich kann der Bezug zur Aufgabe, zum eigenen Handlungsimpuls oder zur Situation kurz wegbrechen.
Unter zusätzlichem Stress, Beschämung, Trauma oder Overload kann diese Orientierungserschütterung stärker werden. Dann nähert sich PODS dissoziationsähnlichen Zuständen an: Nicht nur der Gedankenfaden reißt, sondern auch der Zugang zu sich selbst, zur Situation oder zur eigenen Handlungsfähigkeit wird instabiler.
Klinisch ist PODS deshalb wichtig, weil es eine andere Intervention nahelegt.
Und erklärt, warum bestehende Interventionen der Verhaltenstherapie, aber auch der Stimulanzientherapie mit angeblich zu kurzer Wirkdauer der Medikamente (häufig völlig unzutreffend als Rapid metabolizer angenommen) auftreten.
Bei Ablenkbarkeit hilft Struktur bzw. “Auslagern” der Exekutivfunktionen
Bei DESR hilft Emotionsregulation.
Bei PODS braucht es zusätzlich Re-Orientierung: kurze Anker, klare Übergänge, Wiederaufnahmehilfen, sprachliche Markierungen und manchmal Co-Regulation.
Und vor allem : De-Alarmierungs- und Orientierungswerkzeuge, mit denen sich Johannes Drischel im Emoflex-Konzept (Si apre in una nuova finestra)beschäftigt!
Hier verknüpfen sich einfach 2 Ebenen meiner Interessen und jahrelangen Beschäftigungen. Einerseits ADHS und Selbstregulation, andererseits aber auch Orientierungserschütterungen und daraus abgeleitete Folgen.
Die zentrale Frage lautet dann nicht: „Warum bleibst du nicht bei der Sache?“, sondern: „Was hilft deinem System, wieder zurückzufinden?“
Und wie geht das Nervensystem mit diesen kurzzeitigen “Erschreckungen” = Orientierungserschüttterungen um. Kurz-, mittel- und langfristig.
Für Betroffene kann diese Unterscheidung entlastend sein. Aus „Ich bekomme es wieder nicht hin“ wird: „Mein Nervensystem hat kurz die Orientierung verloren.“ Aus Scham wird Beobachtung. Aus Selbstvorwurf wird ein Ansatzpunkt. Und aus dem diffusen Gefühl, ständig falsch zu sein, kann eine neue Frage entstehen:
Was hilft mir, meine innere Karte schneller wiederzufinden?
Für mich ganz persönlich war das ein ganz entscheidend neuer Gedanke:
Ich schreibe jede Nach wie ein Kartograph meine inneren Landkarten neu. Ich bzw. mein Nervensystem wird aber aufgrund von Schlafstörungen bzw. Rem-Schlaf-Fragmentierungen, die meinen inneren Kartographen ständig aus der Arbeit reissen, nie fertig.
Jeden Tag versuche ich mich neu zu orientieren. Sehe neue Sichtweisen. Das ist toll. Aber es fehlt auch eine Beständigkeit, eine Orientierung über einen längeren Zeitraum. Oder gar über einen längerfristigen Plan.
Reizüberflutung: wenn viele kleine Sprünge sich summieren
Reizüberflutung oder Overload ist etwas anderes als Mikroarousal.
Overload ist selten nur der eine Reiz.
Es ist die Summe.
Licht.
Geräusche.
Gespräche.
Gerüche.
Erwartungen.
Entscheidungen.
Körpergefühl.
Soziale Anpassung.
Zeitdruck.
Masking.
Unklare Regeln.
Zu viele offene Schleifen.
Irgendwann ist das System voll.
Und interessant ist: Overload tritt oft verzögert auf.
Nicht unbedingt mitten im Termin.
Nicht unbedingt im Gespräch.
Nicht unbedingt dort, wo die Belastung entsteht.
Sondern später.
Im Auto.
Zu Hause.
Im Bett.
Unter der Dusche.
Wenn endlich niemand mehr etwas will.
Dann bricht das System nicht zusammen, weil es „plötzlich empfindlich“ ist. Sondern weil es vorher zu lange funktioniert hat.
Gerade bei ADHS und Autismus ist dieser Punkt entscheidend: Viele Menschen wirken in der Belastung noch erstaunlich kompetent. Sie halten durch. Sie antworten. Sie lächeln. Sie kompensieren. Sie funktionieren.
Der Preis wird später gezahlt.
Und manchmal fühlt sich das dann wie ein kleines Deja- vu an. Etwas, was wir schonmal emotional erleben mussten. Aber nie so richtig losgeworden sind. Oder eben wie ein Flashback, aber als Gefühlsfilm ohne Gedanken oder Bilder.
Willkommen in der traumasensiblen Neiurodivergenz-Therapie. Oder der neurodivergenz-sensiblen Traumatologie.
Hyperarousal: wenn das Nervensystem oben bleibt
Hyperarousal ist noch einmal etwas anderes.
Hier geht es nicht um den kurzen Sprung und auch nicht nur um die Summation vieler Reize.
Hyperarousal bedeutet: Das Nervensystem bleibt oben.
Anspannung.
Unruhe.
Schlafstörungen.
Reizbarkeit.
Hypervigilanz.
Schreckhaftigkeit.
Innere Alarmbereitschaft.
Das kann bei ADHS vorkommen, aber es ist nicht spezifisch für ADHS.
Wir sehen Hyperarousal auch bei Angststörungen, Traumafolgestörungen, chronischem Stress, Schlafmangel, Autismus, affektiven Störungen und vielen Mischbildern.
Deshalb ist die Unterscheidung so wichtig.
Wenn jemand dauernd angespannt ist, reicht es nicht zu sagen:
„Das ist halt ADHS.“
Vielleicht ist es ADHS plus Schlafmangel.
ADHS plus Trauma.
ADHS plus Angst.
ADHS plus Autismus.
ADHS plus chronische Überforderung.
Oder eine ungünstige Mischung aus allem.
Die Begriffe helfen also nicht nur beim Selbstverständnis. Sie helfen auch in der Differentialdiagnostik.
Warum das emotional so schnell kippt
Mikroarousal bleibt selten rein kognitiv.
Wenn der Orientierungsalarm anspringt, wird nicht nur Aufmerksamkeit verschoben. Auch emotionale Bewertungssysteme springen mit an.
Ist das gefährlich?
Werde ich kritisiert?
Habe ich etwas falsch gemacht?
Kommt gleich Ärger?
Bin ich zu langsam?
Bin ich wieder nicht richtig?
Bei ADHS ist diese Kopplung zwischen Aufmerksamkeit, Aktivierung und Emotion oft besonders eng.
Das erklärt, warum scheinbar kleine Reize emotional groß werden können.
Nicht, weil Betroffene „übertreiben“.
Sondern weil das Nervensystem schneller Bedeutung vergibt.
Ein Geräusch ist dann nicht nur ein Geräusch.
Ein Blick ist nicht nur ein Blick.
Eine Nachfrage ist nicht nur eine Nachfrage.
Sie kann sich anfühlen wie ein Signal:
Achtung.
Orientieren.
Reagieren.
Absichern.
Und wenn das oft genug passiert, entsteht Erschöpfung.
Nicht nur Aufmerksamkeitserschöpfung.
Sondern Beziehungserschöpfung.
Körpererschöpfung.
Selbstwert-Erschöpfung.
Der beschämende Irrtum: „Du musst dich nur besser konzentrieren“
Viele Menschen mit ADHS haben nicht nur ein Aufmerksamkeitsproblem.
Sie haben ein Problem damit, dass ihre Reiz- und Orientierungssysteme ständig neu anlaufen.
Und trotzdem hören sie seit Jahren:
Konzentrier dich.
Streng dich an.
Bleib doch mal bei der Sache.
Jetzt reiß dich zusammen.
Das kann doch nicht so schwer sein.
Diese Sätze treffen oft genau in ein System, das ohnehin schon alarmiert ist.
Dann wird aus Mikroarousal zusätzlich Beschämung.
Der ursprüngliche Reiz war vielleicht klein.
Aber die soziale Bewertung macht ihn groß.
Das ist einer der Gründe, warum ADHS so häufig mit Selbstwertproblemen, emotionaler Dysregulation und chronischer Erschöpfung verbunden ist.
Nicht nur wegen der Symptome selbst.
Sondern wegen der jahrelangen Fehlübersetzung dieser Symptome.
Was hilft praktisch?
Der erste Schritt ist nicht sofort eine Technik.
Der erste Schritt ist eine andere Frage.
Nicht nur:
Warum bin ich so abgelenkt?
Sondern:
Bin ich gerade erschrocken?
Hat mein System kurz Alarm geschlagen?
Muss ich mich erst wieder orientieren?
Haben sich gerade zu viele kleine Reize summiert?
Bin ich schon im Overload oder Hyperarousal?
Diese Fragen verändern etwas.
Sie machen aus Schuld Beobachtung.
Aus Versagen Orientierung.
Aus „Ich bin falsch“ ein „Mein System zeigt gerade einen Zustand“.
Und erst dann werden Interventionen sinnvoll.
Bei Mikroarousal helfen oft kurze Re-Orientierungsanker:
Einmal den Körper spüren.
Blick auf einen festen Punkt.
Den nächsten Handlungsschritt laut oder innerlich benennen.
Kurz notieren: „Ich war gerade bei …“
Eine Mikro-Pause von 30 bis 90 Sekunden.
Bei Overload braucht es eher Reizmanagement:
Weniger Termine hintereinander.
Pufferzeiten.
Rückzugsräume.
Kopfhörer.
Klare Übergänge.
Weniger Multitasking.
Frühzeitige Pausen, nicht erst nach dem Zusammenbruch.
Bei Hyperarousal braucht es meist mehr:
Schlaf stabilisieren.
Stressoren reduzieren.
ADHS-Medikation prüfen.
Trauma- und Angstanteile mitdenken.
Körperbasierte Regulation.
Therapeutische Begleitung.
Das Entscheidende ist: Nicht jeder Zustand braucht dieselbe Antwort.
Warum das für Therapie und Diagnostik wichtig ist
In der Diagnostik von ADHS fragen wir oft nach Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität.
Das ist wichtig.
Aber es reicht nicht immer.
Wir sollten auch fragen:
Wie schnell springt Ihr System auf neue Reize an?
Wie lange brauchen Sie, um nach einer Unterbrechung zurückzufinden?
Sind Sie abends erschöpft, obwohl objektiv nichts Großes passiert ist?
Treten Zusammenbrüche verzögert auf, wenn Sie endlich allein sind?
Fühlen Sie sich innerlich dauerhaft auf Empfang?
Gibt es eine erhöhte Schreckhaftigkeit?
Gibt es Hinweise auf Trauma, Angst, Autismus oder Schlafprobleme?
Diese Fragen öffnen einen anderen Raum.
Einen Raum, in dem ADHS nicht nur als Konzentrationsproblem verstanden wird, sondern als Regulations- und Orientierungsproblem.
Und für viele Betroffene ist genau das der Moment, in dem sie sagen:
Endlich beschreibt jemand, was innen passiert.
Fazit: Nicht jeder Reiz ist Reizüberflutung
Nicht jeder kurze Aufmerksamkeitsabbruch ist „Ablenkung“.
Nicht jeder Overload ist Hyperarousal.
Nicht jede Schreckhaftigkeit ist Trauma.
Und nicht jede Unruhe ist einfach Hyperaktivität.
Die Begriffe beschreiben verschiedene Zustände auf einer Zeit- und Intensitätsachse.
Mikroarousal: der kurze Sprung.
Orientierungsreaktion: das Hinwenden und erschwerte Zurückfinden.
Overload: die Summe vieler Reize.
Hyperarousal: der länger anhaltende Alarmzustand.
Der eigentliche Aha-Moment ist:
Was wie Unaufmerksamkeit aussieht, kann ein Orientierungsalarm sein.
Und wenn wir das verstehen, verändert sich vieles.
Diagnostik wird genauer.
Therapie wird weniger beschämend.
Medikamente wirken so, wie sie sollen
Psychotherapie klärt
Coaching wird umsetzbar
Alltag wird besser planbar.
Selbstverständnis wird freundlicher.
Nicht: „Ich bin falsch.“
Sondern:
„Mein Nervensystem versucht gerade, sich zu orientieren.“
Live-Call heute in der Community
Heute, am 29.06.2026, findet um 18:30 Uhr in der ADHSSpektrum-Community ein Live-Call mit mir zu genau diesem Thema statt.
Wir sprechen darüber:
Wie sich Mikroarousal im Alltag zeigt.
Wie man Orientierungsreaktionen von Overload und Hyperarousal unterscheidet.
Warum ARAS und Erschrecken für ADHS so wichtig sind.
Und welche praktischen Strategien helfen können, schneller wieder ins eigene Toleranzfenster zurückzufinden.
Bring gern deine Beispiele mit:
Wann reißt bei dir der Gedankenfaden?
Was sind deine typischen Mini-Erschreckungen?
Wann merkst du erst später, dass es längst zu viel war?
Ich freue mich auf den Austausch.
LG Martin
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