Können wir endlich aufhören, das Testosteron heran zu zerren, wann immer wir Jungen und Männer bevorzugen bzw entschuldigen wollen?

Foto: Anastasiia Krutota via unsplash (Si apre in una nuova finestra)
“Sie können nicht anders, nehmt Ihnen die Verantwortung ab, den armen Jungs! Schaut doch, das teStoStERoooN!!”
Mal wieder so ein Instapost, der Gräben zieht, biologistisch argumentiert und so Unterschiede zementiert, der also am Ende das Gegenteil dessen erreicht, was er intendiert. Denn eigentlich ist er gut gemeint: erlaubt Jungs, mehr zu fühlen als Wut! Lasst sie weich, sanft, verletzlich sein und fangt sie dann auf, anstatt sie zu beschämen. Das unterschreiben wir zu 100%, aber die Herleitung in dem Post ist gruselig:
Bereits ab der 8. Schwangerschaftswoche wirkt Testosteron auf die Gehirnentwicklung des männlichen Fötus ein. Diese hormonelle Prägung verlangsamt in einigen Arealen die Reifung, insbesondere in den Regionen, die für Impulskontrolle, Emotionsregulation und Stressverarbeitung zuständig sind. … Jungs brauchen länger, um sich emotional zu regulieren, und sind auf noch mehr Co-Regulation und körperliche Nähe angewiesen. Jungen reagieren empfindlicher auf Trennung, Reizüberflutung und Stress. Ihr System gerät schneller in Dysregulation - und sie brauchen länger, um sich wieder zu beruhigen.” @gretagrundmann_psychotherapie (Si apre in una nuova finestra)
1. Was an der Aussage richtig ist
Schon früh in der Schwangerschaft beeinflussen Hormone die Entwicklung des kindlichen Körpers – auch die des Gehirns. Beim männlichen Fötus bilden sich ab etwa der achten bis zwölften Schwangerschaftswoche Hoden, die Androgene wie Testosteron freisetzen. Diese gelangen über das Blut auch ins sich entwickelnde Gehirn und steuern dort, wie Nervenzellen wachsen, sich vernetzen und spezialisieren. Das geschieht nicht als „Hormonflut“, sondern in schwankenden, individuell unterschiedlichen Konzentrationen. Entscheidend ist nicht nur die Menge des Hormons, sondern auch, wie empfindlich bestimmte Zellen auf es reagieren – über sogenannte Androgenrezeptoren. Diese Kombination beeinflusst die Entwicklung von Strukturen wie Hypothalamus oder Amygdala, die später mit Motivation und emotionalem Verhalten zu tun haben.
Das sind reale biologische Einflüsse – aber sie schaffen Spielräume, keine starren Unterschiede.
2. Wo die Aussage zu kurz greift
Die verbreitete Vorstellung, Testosteron „verlangsame“ beim männlichen Fötus die Reifung des Gehirns, ist eine Verkürzung.
Forschung zeigt: Es gibt zeitlich unterschiedliche Entwicklungsverläufe, keine generelle Verlangsamung. Manche Areale reifen bei männlichen Föten früher, andere später – es handelt sich um Verschiebungen, nicht um Defizite.
Auch der Zusammenhang zwischen pränatalem Testosteron und späteren Eigenschaften wie Impulsivität oder Empathie ist nicht belegt. Studien finden nur kleine, inkonsistente Effekte, die stark vom Umfeld abhängen. Das kindliche Gehirn bleibt außerdem hochgradig plastisch: Erfahrungen, Bindung, Sprache, Spiel und soziale Interaktion formen die Netzwerke ständig neu. Biologie setzt Startbedingungen – Erziehung und Umwelt gestalten, was daraus wird.
3. Warum solche Vereinfachungen problematisch sind
Wenn Erwachsene hören, „Jungen reifen im Gehirn langsamer“, klingt das zunächst plausibel. Doch solche Sätze können Erwartungen erzeugen, die sich selbst erfüllen. Wer glaubt, Jungen seien „von Natur aus“ unruhiger, toleriert impulsives Verhalten eher – und wer Mädchen für besonders empathisch hält, achtet stärker auf deren Gefühlsäußerungen. So entstehen Rollenbilder, die nicht angeboren, sondern anerzogen und bestätigt werden. Willkommen in der @rosahellblaufalle!
Neurowissenschaftlich betrachtet überlappen die Unterschiede zwischen den Geschlechtern stark: Die Vielfalt innerhalb der Gruppen ist größer als die Differenz zwischen ihnen. Jedes Gehirn ist ein individuelles Mosaik, kein Musterexemplar für „männlich“ oder „weiblich“.
4. Was moderne Wissenschaft wirklich sagt
Heute gilt: Biologische Faktoren wie Hormone, Gene oder Immunsystem wirken mit sozialen Erfahrungen und Umweltbedingungen zusammen. Auch Mikrogliazellen – die Immunzellen des Gehirns – reagieren geschlechtsspezifisch auf Reize, etwa Stress oder Ernährung der Mutter. Gleichzeitig verändern Erfahrungen über epigenetische Mechanismen, wie Gene abgelesen werden. So entsteht ein fein abgestimmtes Netzwerk, in dem Biologie, Beziehung und Kultur untrennbar miteinander verwoben sind.
Die moderne Entwicklungsforschung spricht deshalb vom biopsychosozialen Modell:
Biologie formt Möglichkeiten – Erziehung, Zuwendung und Erfahrung entscheiden, wie sie sich entfalten.
Falsche kausale Zusammenhänge, Verkürzungen auf Social Media:
“Jungen sind nicht das stärkere Geschlecht. Sie sind das empfindlichere - und brauchen deshalb potenziell noch mehr Bindung, mehr Berührung, mehr emotionale Präsenz. Weil sie neurologisch fragiler, emotional abhängiger und physiologisch bedürftiger sind. Nur wer sich geborgen fühlen durfte, kann wirklich stark werden.” @gretagrundmann_psychotherapie (Si apre in una nuova finestra)
Schluss mit der Geschlechterhierarchie!
Vereinfachte biologische Erklärungen verfestigen Stereotype: Sie lassen aus Beobachtungen über Gruppen Vorurteile über Individuen werden. Dabei ist das Entscheidende nicht, welche Hormone in der Schwangerschaft wirken – sondern, welche Chancen Kinder danach bekommen, ihre individuellen Fähigkeiten zu entfalten. Ja, Hormone prägen frühe Entwicklungsprozesse. Nein, sie legen nicht fest, wie Kinder später fühlen, lernen oder handeln.
Die Aussage, dass Jungen „das empfindlichere Geschlecht“ sind oder grundsätzlich mehr Bindung und Berührung brauchen, ist eine starke Vereinfachung und pauschal nicht haltbar.
Richtig ist:
Sich geborgen und sicher zu fühlen, ist eine der wichtigsten Ressourcen für die emotionale Entwicklung und damit für Stärke und Persönlichkeitsentwicklung – das gilt für alle Kinder, unabhängig vom Geschlecht.
Bunte Grüße
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Almut & Sascha
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