Prolog
Leylines = gerade Linien, die sich als unsichtbares Netz über die Erdoberfläche ziehen und mit energetischen Strömen im Boden in Verbindung gebracht werden. Besonders an den Kreuzungspunkten solcher Linien können Energiewerte steigen.
Ein wissenschaftlicher Nachweis für den Zusammenhang zwischen diesen Leylines und übernatürlichen oder gar magischen Ereignissen existiert bislang nicht. Von jeher bieten sie Raum für Diskussionen zwischen Wissenschaftlern und Esoterikern.
Lavendel (Lavandula) = violette Pflanze des Lichts. Er liebt trockene Hänge und das warme Mittelmeerklima, trotzt aber auch Hitze und kargem Boden, wenn er nur genug Sonne bekommt. Seine Wurzeln graben sich tief in die Erde, fest und beständig. In der Heilkunde gilt er als Pflanze der Reinheit und Ruhe – er beruhigt Nerven und Seele zugleich. Hinter seiner Sanftheit verbirgt sich eine stille, unerschütterliche Kraft.
Efeu (Hedera) = grünes Lianengewächs. Er gedeiht in feuchten, kühlen Winkeln, klettert mit seinen Haftwurzeln an Mauern und Bäumen empor und kann Jahrhunderte überdauern. In der Heilkunst wird er gegen Husten und Atembeschwerden genutzt, roh aber ist er giftig. Efeu ist beharrlich, geheimnisvoll, von tiefer Stärke – ein Gewächs, das festhält und niemals loslässt.
In der Natur wäre es unwahrscheinlich, dass diese beiden besonderen Pflanzen ineinanderwachsen. In südlichen Regionen könnte man den Lavendel im Vorgarten blühen und den Efeu an der Nordseite einer Steinmauer entlangklettern sehen. Wie zwei Welten, die nebeneinander existieren können, aber niemals miteinander verschmelzen.
Und doch, an jenem Beltane, dem jährlichen Frühlingsfest, geschah das Unwahrscheinliche. Für einen flüchtigen Augenblick kreuzten sich die Wege von Lavendel und Efeu – wie Licht und Schatten, Sonne und Kühle.
Denn er war wie Efeu. Und ich wie Lavendel.
Pinkrosa Funken
Eleora – Jetzt
Liebevoll strich ich mit den Fingern über die Weidenranken. Sie gaben dem Kranz seine Form, seine Stabilität, seinen Kern. Sie waren biegsam und dennoch zäh.
So wie du, Ela, erklang die Stimme meiner Mutter in meinen Gedanken. Unsere Traditionen formen dich und dennoch hältst du an deinen eigenen Träumen fest.
Ohne hinzusehen, griff ich seitlich neben mich. Der Korb mit den Blüten stand auf der ins Abendlicht getauchten Wiese unseres Gartens. Noch bevor ich die pelzigen Lavendelköpfchen berührte, stieg ihr erdiger, aber süßlicher Duft mir in die Nase. Tief atmete ich ein, und Ruhe legte sich über mein Herz. Ich musste nicht nachdenken – meine Hände wussten genau, was sie taten. Einige Rosenblütenblätter; sie waren wie Seide auf meiner Haut. Dann, mit mehr Kraft, die feste Weide biegen, einflechten.
»Velia.« Es war nur ein Flüstern, und doch stob eine kleine Wolke Goldschimmer auf. Meine Hand zuckte zurück, weil ich wie immer vergaß, wie spitz der Rosmarin sein konnte. Die Luft war nicht mehr nur honigsüß und mild, sondern enthielt eine würzige Prise. Wieder biegen und einflechten. Dann eine Pfingstrose, deren Schönheit seit Kindertagen ein angenehmes Kribbeln in meinem Inneren auslöste.
Es war, als hielte ich nicht bloß einen Kranz in den Händen, sondern ein Stück lebendig gewordenen Frühling. So frisch und blühend wie ein ganzer Garten. Eine Melodie aus Düften, die mir so vertraut war, wie mein eigener Herzschlag. Noch einmal zog ich tief die Luft ein, ließ sie durch meine Lungen strömen und mich ganz und gar von der Wärme ausfüllen, die sanft durch meinen Körper floss. Beinahe konnte ich so vergessen, was genau ich hier tat. Aber nur beinahe. Denn jeder Frühling brachte auch ein weiteres Beltane mit sich. Und damit eine Tradition, der ich mich nicht entziehen konnte.
Wenn ich meine Magie schon verschwenden musste, dann hätte ich es lieber auf meine eigene Art getan. Und nicht hier bei den Pflanzen, die es absolut nicht verdient hatten, für so etwas Banales wie einen Liebeszauber geopfert zu werden. Wenn sie doch so viel besser als Heilpflanzen geeignet waren. Ich seufzte und der Zauber des Augenblicks war verschwunden. Blinzelnd starrte ich auf den Kranz in meinen Händen.
»Ela? Was tust du denn da?« Die Stimme meiner Cousine drang schwach wie durch Nebel an mein Ohr. Ich sah auf und wusste genau, was sie meinte. Mirelle stand in der Tür zum Gewächshaus, eine Hand im Haar, die Augen neugierig auf meinen letzten Kranz gerichtet, der eindeutig golden schimmerte.
»Sag mal … ist das wirklich so gewollt? Ich meine – Rosa sieht anders aus.«
Meine Wangen wurden warm. Nicht nur, weil ich mich schämte, so unachtsam mit meiner Magie umgegangen zu sein, sondern auch, weil sich alles in mir dagegen sträubte, den Zauber zurückzunehmen. Denn der goldene Schimmer stand für den Heilzauber, während der kitschige Liebeszauber für die Touristen alles in sanftes Rosa hüllte.
Wenigstens ein Kranz sollte etwas Sinnvolles bewirken, dachte ich bei mir. Doch sofort sah ich den tadelnden Blick meiner Mutter vor mir und hörte ihre Stimme. Eleora, du weißt, wie wichtig die Beltane-Rituale für uns sind. Sie sind unsere Haupteinnahmequelle. Oder willst du etwa, dass wir den Laden schließen müssen? Nein. Natürlich wollte ich das auf keinen Fall. Er war mein Zuhause. Es war jedes Mal dieselbe Gedankenspirale, die ich durchlief. Ich entspannte mich erst, als ich Mirelles liebevollen Blick bemerkte.
»Na komm«, meinte sie, nahm mir den goldenen Kranz aus der Hand, schloss ihre Augen und murmelte »Cordo«. Von einem auf den anderen Moment verschwand der Goldschimmer, und die Blüten glitzerten rosa und pink. Dann legte sie ihn zu den vielen anderen Kränzen in den Korb.
Schnell wandte ich meinen Blick von dem Meer aus Rosatönen ab. Wie viel schöner wäre es, wenn unsere Magie nicht nur für oberflächliche Liebeszauber vergeudet würde? Für Touristen, die keine Ahnung hatten, wie flüchtig diese Art von Zauber war? Wenn ich damit wirklich etwas bewirken könnte … mich auf Heilpflanzen konzentrieren und vielleicht sogar eine kleine Ausbildungsstätte schaffen – einen Ort, an dem Wissen Wurzeln schlagen konnte, statt in pinken Funken zu verpuffen. Und das alles, bevor meine Magie aufgebraucht war. Denn dann würde es zu spät sein.
»Danke.« Mehr brachte ich nicht über die Lippen. Aber meine Cousine nahm es mir nicht übel – schließlich kannte sie mich bereits mein ganzes Leben lang, und das waren immerhin 21 Jahre. Sie setzte sich neben mich ins Gras, griff sich einige Weidenranken und begann zu flechten. Zwischen Lavendel, Gänseblümchen, Pfingstrosen und Rosmarin leuchtete rosa Glitzerstaub auf.
Ich schluckte. »Du musst das nicht tun. Ich mach es schon. Zwar nicht gern, aber ich mache es.«
Mirelle schenkte mir ein so herzliches Lächeln, dass beinahe mein ganzer Ärger verflog. Aber wieder nur beinahe.
»Ich weiß doch, wie sehr du das hasst. Und ich finde es schön, dass du mit deiner Magie etwas Sinnvolles tun willst. Außerdem bin ich nur ein Jahr älter als du. Ich habe noch mehr als genug Kraft, um dieses Jahr gemeinsam mit dir die Kränze zu flechten.«
Und ich habe auch keine anderen Pläne, war der Gedanke, den wir teilten, aber nicht laut aussprachen. Keiner in unserer Familie hatte andere Wünsche. Außer mir.
Eleora – Rückblick als Kind
»Komm ruhig her, Ela.« Die Stimme meiner Mutter klang weich und erinnerte an das Rascheln von Blättern im Wind.
Ich zuckte zusammen – entdeckt. Halb versteckt hinter dem efeuberankten Türrahmen des Gewächshauses hatte ich sie beobachtet. Kurz überlegte ich, wegzurennen. Aber ich blieb stehen, denn ich wollte sehen, was sie tat.
Nur hier umfing mich dieser einmalige Duft aus Rosenblättern, Lavendelblüten und feuchter Erde, umschloss mich wie eine warme Decke. Ich atmete tief ein, versuchte, so viel davon in mich hineinzusaugen, bis es in meinem Bauch kribbelte, weil ich mir wünschte, das alles auch einmal so gut zu können wie sie.
Dann rannte ich los, sprang barfuß über die kühlen Steinplatten und kletterte auf den Schoß meiner Mutter. Neben ihr stapelten sich Körbe, gefüllt mit Kränzen, die in allen Rosatönen schimmerten. Es juckte mich in den Fingern, sie zu berühren, oder noch besser, mir einen davon aufzusetzen. Doch ich hielt mich zurück. Sonst würde Mama sicher mit mir schimpfen. ›Die Kränze sind nur für die Besucher!‹, sagte mir ihr strenger Blick.
»Was machst du da, Mama?«
Ihr Lächeln ließ mein Herz auf und ab hüpfen. Wenn sie so strahlte, musste es etwas ganz Besonderes sein. »Ich flechte die Kränze für Beltane – für die Liebeszauber. Sieh her.«
Meine Mutter band die Weiden zu einem Ring und steckte Blumen, Kräuter und Blätter dazwischen. Ihre Hände glitten über die biegsamen Ranken. Jeder Handgriff wirkte so selbstverständlich, als hätten die Pflanzen nur darauf gewartet, von ihr geführt zu werden. Bevor sie den Kreis schloss, senkte sie den Kopf und flüsterte ein Wort, das sich wie ein Geheimnis anfühlte: »Cordo.«
Ich zuckte zusammen. Vor meinen Augen verpuffte eine rosa Wolke und der pinke Staub legte sich wie ein sanfter Schimmer über das Geflecht. Mir stockte der Atem, als wäre ich soeben Zeugin eines Wunders geworden. Für einen Moment glaubte ich, die magische Glitzerwolke würde auch mich einnebeln.
»Warum machen wir das?«, fragte ich.
Meine Mutter strich mir eine Haarsträhne aus der Stirn. »Weil die Menschen das toll finden. Sie kommen von überall her, kaufen unsere Kränze und glauben daran, dass ein Funken Magie ihnen hilft, die Liebe zu finden oder zu bewahren. Und davon können wir leben, mein Herz. Ohne Beltane gäbe es unseren Laden nicht.«
Ich nickte ernst, auch wenn ich nicht alles verstand. Aber dass der Laden wichtig für uns war, wusste ich genau. So verdiente Mama Geld und nach Beltane sagte sie viel öfter ja zu Süßem oder neuen Spielsachen. Außerdem fand ich rosa wunderschön.
Vorsichtig streckte ich meine Hand aus – je näher meine Finger den Blüten kamen, desto mehr kribbelten sie. Zu gern wollte ich einen der Kränze anfassen. Aus dem Augenwinkel schielte ich zu meiner Mutter, und als sie keine Anstalten machte, mich zurückzurufen, schnappte ich mir einen der Kränze. Ein Glücksgefühl, wie ich es noch nie erlebt hatte, durchströmte mich, als die zarten Blütenblätter meine Haut berührten. Erstaunlicherweise fiel der rosa Glitzer nicht ab. Egal, wie ich den Kranz drehte oder wendete, er haftete fest auf den Pflanzen.
»Kann ich das auch irgendwann?«
Bevor sie antwortete nahm sie mir den Kranz aus den Händen und legte ihn zurück zu den anderen.
»Aber sicher, mein Schatz. Das musst du sogar. Denn unsere Magie ist endlich. Mit jedem Zauber wird sie weniger.«
»Aber –« Ich dachte nach. »Warum zauberst du nicht einfach etwas anderes?«
Eleora – Jetzt
»Warum zauberst du nicht einfach etwas anderes?« Meine eigenen Worte hallten für einen Moment in mir nach. Meine Mutter war mir die Antwort schuldig geblieben. Doch ich hatte selbst eine gefunden: Weil in meiner Welt nichts »einfach« war. Weil sie keine Wahl gehabt hatte, so wie nun ich. Ich war eine Lavandier. Eine Wicca. Und wir lebten nach Regeln, die so alt waren wie die Zauber, die wir flochten. Die jüngste Wicca gab ihre Kraft, bis nichts mehr übrig war – und dann rückte die nächste nach. Punkt. Da war kein Platz für Freigeister. Es gab keine Ausnahme, denn das gesamte Familiensystem hing davon ab.
Diesmal war mein Seufzen so tief, dass Mirelle den Kranz in ihren Schoß sinken ließ und mich besorgt musterte.
»Schon wieder in Gedanken versunken?«, fragte sie. Und erneut war ich dankbar, dass sie es war, die mir Gesellschaft leistete, und nicht meine Mutter.
»Wenn du so weitermachst, wirst du Beltane dieses Jahr komplett verschlafen oder eher verträumen.« Sie knuffte mich sanft in die Seite.
Ich schluckte. Mein Mund war furchtbar trocken.
»Wär vielleicht besser so.«
Mirelle verdrehte die Augen. »Unsinn. Morgen trudeln die ersten Touristen ein und es wird hier so voll, dass du gar nicht mehr zum Grübeln kommst. Und du weißt doch, dass wir auf diese Woche angewiesen sind …«
Ich nickte, auch wenn ich bei dem Gedanken an die Menschenmassen im Laden und die unzähligen Kränze und dummen Liebesrituale Magenkrämpfe bekam.
Über den Heckenrand hinaus konnte ich beobachten, wie sich der Abend über die Felder senkte und die Sonne ihre rotgoldenen Strahlen zu uns sandte. Mein Lavendelfeld glühte wie ein Ozean aus violettem Dunst. Ich straffte die Schultern. Durchhalten. Ich musste durchhalten, denn dieses Jahr hatte auch ich etwas zu verlieren. Die Bedingung für mein gepachtetes Feld war, dass wir ausreichend Einnahmen mit den Liebesritualen hatten. Meine Fingerspitzen fühlten sich bereits taub an, doch ich flocht noch schneller. Die letzten zehn Kränze warteten. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie erneut Funken aus Mirelles Händen stoben. Ihr Gesicht war entspannt und ihr Lächeln frei und gelöst – dieses Lächeln trug sie seit einigen Wochen öfter. Seit sie Julien hatte.
Ich musste nicht fragen. Ich wusste, dass sie verliebt war. Und dass jeder rosa Schimmer in ihren Kränzen mehr von diesem Gefühl erzählte als von den Kräutern, die sie hineinflocht. Auf mir aber lag das Gewicht von tausend Steinen.
»Mirelle?«, fragte ich leise.
»Hm?«
»Glaubst du, dass unsere Magie für mehr bestimmt ist als hierfür?«
Ich deutete auf die Körbe vor uns. Sie legte die Stirn in Falten, ohne dabei bekümmert zu wirken.
»Ehrlich gesagt habe ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Es ist eben so, wie es ist. Der Laden mit seiner Tradition ist unser Familienerbe. Und – ich finde die Liebeszauber schön. Ich weiß, dass sie nicht lange wirken und es mehr eine Show ist, aber sie schenken Hoffnung. Hoffnung auf echte Liebe. Und das ist doch viel wert, oder?«
Ihre Augen leuchteten, und ich wusste, sie sprach nicht nur von den Touristen. Sie sprach von Julien. Von der Zukunft, die vielleicht vor ihr lag – und die genauso wichtig war wie jeder Korb Kränze. Denn ohne Nachwuchs würde unsere Familie irgendwann keine Wicca mehr haben. Keine Magie. Keine Beltane-Rituale und somit das Ende eines Jahrhunderte alten Familienstammes.
Die Schlinge um meine Brust zog sich enger. Meine Atemzüge wurden schneller, flacher. Vielleicht war ich das Problem, war zu rebellisch, forderte zu viel vom Leben? Vielleicht verstand ich einfach nichts von Liebe, weil ich selbst noch nie geliebt hatte. Vielleicht würde ich niemals begreifen, warum alle sich so selbstverständlich in dieses Schicksal fügten, während ich mich dagegen auflehnte. Aber war ich nicht mehr als eine Tradition?
Noch einmal strich ich über die Pfingstrosenblätter. »Cordo.« Ein letztes Mal für heute flimmerte die Luft rosa. Morgen würde alles beginnen. Die Beltane-Woche. Das Fest, das uns ernährte – und meine Magie Stück für Stück verschlang.
Eleora – eine Woche zuvor
Die Luft im Gewächshaus der Universität war schwer und satt von Feuchtigkeit. Wie ein Umhang, den man nicht abschütteln konnte, und das auch gar nicht wollte. Zwischen den langen Tischen, auf denen sich Töpfe, Schalen und Gläser stapelten, fühlte ich mich zu Hause. Meine Hände rochen nach frischem Thymian und Wurzeln, meine Fingerkuppen waren dunkel gefärbt von der Erde. Leben strömte durch meinen Körper.
Direkt vor mir stand ein einfacher Tontopf, in dem eine unscheinbare Pflanze wuchs. Die meisten sahen wahrscheinlich nur einen kümmerlichen Strauch. Doch für mich war sie so viel mehr: Achillea millefolium – Schafgarbe. Ihre filigranen Blätter erinnerten mich an kleine Federn, und in ihnen steckte die Kraft, Blutungen zu stillen, Wunden zu schließen, Fieber zu senken. Ich strich behutsam darüber, als würde sie meine Berührung spüren können, und sie schien mit einem kaum merklichen Zittern zu antworten. Ich kritzelte meine Beobachtungen ins Notizbuch.
»Öle, Bitterstoffe, Tannine«, murmelte ich, und meine Stimme verlor sich zwischen den Reihen. Neben mir beugte sich jemand über eine Wurzelprobe, weiter hinten wurde leise diskutiert – doch all das trat für mich in den Hintergrund. Jeder Eintrag, jede kleine Skizze ließ mein Herz leichter werden. Hier, zwischen den Tontopfreihen und den anderen Studenten gab es keine alte Pflicht, keine unsinnige Tradition. Hier galt nur Wissen. Und das wuchs – genau wie meine Pflanzen – Schicht um Schicht, Blatt um Blatt.
»Sie haben wirklich ein gutes Auge, Eleora.«
Die Stimme riss mich kurz aus meinen Gedanken. Professor Mertens stand am Nachbartisch, ihre Hand lag locker auf der Stuhllehne.
»Keiner Ihrer Kommilitonen hat die Wurzelstruktur so detailliert beschrieben. Sie sind in Ihrem Element, das merkt man sofort.«
Wärme schoss mir in die Wangen. Ich nickte nur und vergrub die Nase tiefer in meinem Notizbuch. Ein Lob von ihr bedeutete mir beinahe so viel wie jeder magische Funken, den ich je aus meinen Händen gestäubt hatte.
Doch dann fiel mein Blick auf den Kalender, der an der Wand hinter meinem Arbeitstisch hing. Ein roter Kreis, fett und drohend. 30. April. Beltane.
Wie jedes Mal zog sich bei dem Gedanken mein Magen zusammen, und mir wurde schlecht. Noch sieben Tage. Nur sieben Tage, bis ich wieder Kränze flechten musste. Eine Woche, bis die Touristen über unsere Schwelle stolperten und sich rosa Hoffnung kauften, durch die meine Magie weiter schwinden würde. Jahr um Jahr. Ich versuchte, ruhig zu atmen. Ein Duft von Thymian, Salbei und Ringelblume strömte in meine Lunge und erdete mich. Pflanzen, deren Sprache ich verstand, deren Kraft ich notfalls auch ohne Magie nutzen konnte. Warum konnte ich nicht meine ganze Energie in sie stecken?
»Alles in Ordnung, Eleora?«, fragte die Professorin. Ihre Stimme klang besorgt.
Ich zwang mich zu einem Lächeln.
»Ja, natürlich.« Da erst wurde mir klar, dass sie mir wohl eine Frage gestellt hatte. Verlegen sah ich sie an. »Entschuldigen Sie, können Sie das bitte wiederholen?« Professor Mertens nickte freundlich und streckte mir eine kleine Dose entgegen.
»Ich dachte, Sie könnten sich vielleicht darum kümmern. Es ist … ein Experiment.«
Mit gerunzelter Stirn öffnete ich die Dose – und meine Augen weiteten sich, während mein Herz sofort schnellerschlug.
»Ein Lotus-Samen?« Aufgeregt strich ich über die harte Schale – wohl darauf bedacht, sie nicht zu beschädigen.
»Nicht irgendein Lotus«, erwiderte Mertens mit einem schmalen Lächeln. »Ein goldener. Sehr selten und extrem besonders. Aber wenn jemand in diesem Haus Geduld und die richtigen Hände dafür hat, dann Sie.«
Mit offenem Mund starrte ich sie an, wusste gar nicht, was ich sagen sollte.
»Ich weiß doch, dass er auf Ihrer Liste steht!« Sie zwinkerte mir zu, bevor sie sich abwandte und durch die Reihen schritt, um den anderen über die Schulter zu sehen.
Meine Liste. Ja, das war richtig. Auf meiner absoluten Wunschliste standen sieben Pflanzen, die schwer zu bekommen und noch schwieriger zu pflegen waren. Drei davon wuchsen bereits im Gewächshaus der Universität, in dem ich einen speziell für jede Pflanze angelegten Bereich hatte. Nur ich und gelegentlich Professorin Mertens kümmerten sich darum.
Und heute lag ein weiteres Sammlerstück in meinen Händen. Meine Finger zitterten. Ich konnte es noch immer nicht fassen. Ich sah auf, suchte kurz den Blick der Professorin zwischen den Reihen. Sie bemerkte es sofort und nickte kaum merklich.
Langsam schob ich meinen Stuhl zurück. Das leise Kratzen auf dem Steinboden ließ einige der anderen aufblicken. Für einen Moment spürte ich ihre Blicke – neugierig, abschätzend, vielleicht auch ein wenig neidisch. Nur Lena zwinkerte mir zu. Zuerst langsam und dann immer schneller schlug ich den Weg in Richtung des Spezialbereiches für Heilpflanzen ein. Hier erwarteten mich Töpfe und Kübel, die wie kleine Welten für sich eingerichtet waren: Eine sandige Ecke für die afrikanische Traumwurzel, ein feucht beschlagener Glaskasten für die Blaue Klitorie, ein Hochbeet mit schlammiger Erde, in dem eine junge Açai-Palme schüchtern ihre Blätter streckte. Kurz rief ich in meinem Gedächtnis die Informationen ab, die mir über den goldenen Lotus bekannt waren: Braucht stehendes, warmes Wasser, das reich an Nährstoffen ist. Die Samen können tausend Jahre überleben, bevor sie keimen. Laut atmete ich aus. Ich musste nicht lange nachdenken, bis ich mit wenigen Handgriffen alles vorbereitet hatte. Ich legte den Samen wie ein Juwel auf das Wasser, strich sorgsam über die Oberfläche – und spürte dabei, wie meine Finger kribbelten. Das Kribbeln wanderte durch meinen ganzen Körper. Was ich gemeinsam mit diesem Lotus und meiner Magie bewirken könnte! Er war die perfekte Heilpflanze für Körper und Geist.
Vor Glück wäre ich am liebsten in die Luft gesprungen. Ich musste nur sicherstellen, dass er auf jeden Fall aufgehen und wachsen würde. Rasch vergewisserte ich mich, dass ich allein war. Ich machte zwar kein großes Geheimnis um meine Wicca-Herkunft, aber es gab viele Zweifler, und außerdem wollte ich beweisen, dass ich eine echte Botanikerin war. Auch ohne meine Magie. Schließlich würde ich sowieso in naher Zukunft darauf verzichten müssen.
Aber diese Pflanze war zu wichtig, um alles zu riskieren. Ich musste sicherstellen, dass der Samen keimte und wachsen würde. Daher zog ich ein kleines Fläschchen aus den Tiefen meiner Tasche. Es war mein eigenes Gemisch – ein Wachstumszauber, den ich zu Hause vorbereitet hatte und gelegentlich an eben diese speziellen Pflanzen verschenkte. Ein einziger Tropfen fiel auf die Wasseroberfläche und zog sanfte Kreise nach sich. Winzig, fast lächerlich wirkte dieser Tropfen. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte ein kaum wahrnehmbarer Schimmer auf, der so schnell wieder verschwand, dass man ihn für einen Reflex des Abendlichts halten konnte.
Doch ich wusste, dass er seine Wirkung nicht verfehlen würde.
Ein Lächeln legte sich auf meine Lippen und mir wurde warm ums Herz. Unwillkürlich entstand das Bild vor meinem inneren Auge, das ich schon so oft vor mir gesehen hatte: das Gewächshaus meiner Eltern – umgebaut, erweitert, ganz nach meinen Vorstellungen. Jeder Bereich unterschied sich in seinem Klima, aufrechterhalten durch feine, präzise gesetzte Magie. Nur dort wäre es möglich, alle sieben Heilpflanzen auf meiner Liste an einem Ort zu vereinen.
Sogar den Schneelotus, der ausschließlich zwischen Felsen gedieh – auf etwa 3000 Metern Höhe.
Es war so klar, so nah, dass ich fast glaubte, ihn bereits berühren zu können.
Und doch wusste ich, wie unmöglich das war.
So schnell, wie er gekommen war, verpuffte der Traum. Denn es war und blieb ein Traum. Jeder Funken meiner Magie war endlich. Und es war unmöglich, ein Leben lang genug davon aufzubringen, um meinen Plan in die Tat umzusetzen. Besonders, wenn Beltane auf mich wartete.
»Ela, bist du soweit?« Erschrocken zuckte ich zusammen. Gleich darauf jedoch entspannten sich meine Muskeln wieder. Es war Lena, eine meiner Freundinnen, die neugierig um die Ecke lugte.
Ein Grinsen huschte über meine Lippen. »Komm ruhig her! Deine Anwesenheit stört die Pflanzen sicher nicht.«
Lena trat ohne Zögern neben mich. Ihr Blick fiel sofort auf den Topf, in dem außer Wasser noch nichts zu sehen war.
»Und? Was hast du diesmal eingepflanzt? Sieht ziemlich … geheimnisvoll aus.«
Meine Finger umschlossen sofort den Rand des Topfes. Noch immer nagte das schlechte Gewissen an mir, weil nur ich den Zugang zu diesem Bereich erhalten hatte. Obwohl Lena beinahe ebenso ehrgeizig und pflichtbewusst war wie ich.
»Einen Samen der Nelumbo nucifera var. Aurea«, hauchte ich und hörte selbst, wie ehrfürchtig das klang. »Der goldene …«
»… Lotus«, vollendete Lena meinen Satz. »Nicht dein Ernst!« Ihre Stimme überschlug sich fast vor Begeisterung. »Ein echter goldener Lotus? Unglaublich!« Sie klatschte in die Hände, und zu meiner Überraschung spürte ich keinerlei Neid in ihren Worten – nur reine, ansteckende Freude.
Mein Herz brannte, als ich in ihr strahlendes Gesicht sah. Plötzlich war die Idee da, heiß und drängend, bevor ich sie zurückhalten konnte.
»Lena … ich wollte dich bitten, nächste Woche nach meinen Pflanzen zu sehen.«
Ihre Augen weiteten sich, als hätte ich ihr gerade ein verbotenes Geheimnis verraten.
»Mich? Aber … du hast noch nie jemanden hier hereingelassen. Warum jetzt auf einmal?«
Ich rang nach Worten, seufzte dann. »Weil ich schon lange nicht mehr eine ganze Woche weg war. Und … weil ich glaube, dass du eine würdige Vertretung wärst.«
Ich musste das zwar noch mit Professor Mertens abklären, konnte mir aber nicht vorstellen, dass sie etwas dagegen hatte.
Für einen Moment herrschte Stille zwischen uns. Dann legte Lena vorsichtig ihre Hand auf meinen Arm.
»Ela … das bedeutet mir viel. Ich verspreche dir, ich passe auf deine Pflanzen auf, als wären es meine eigenen.«
»Das will ich auch hoffen«, erwiderte ich ernst, aber ohne Schärfe in meiner Stimme. Der Wachstumszauber würde sicherlich unterstützend wirken. So musste ich mir keine Sorgen machen. Nur schade, dass ich wahrscheinlich das erste Sprießen des goldenen Lotus verpassen würde.
Lena hakte sich unterdessen bei mir ein.
»Feierabend für heute?«
Ich nickte zustimmend und sie hüpfte an meinem Arm auf und ab. Das hatte sie noch nie getan. Meine Bitte hatte sie wirklich sehr glücklich gestimmt.
Gemeinsam verließen wir den Spezialbereich. Die Tür fiel leise hinter uns ins Schloss, und sofort mischten sich andere Geräusche unter das vertraute Summen der UV-Lampen: gedämpfte Stimmen, das Kratzen von Stuhlbeinen, das Rascheln von Papier.
Im Hauptbereich des Gewächshauses arbeiteten noch einige wenige Studierende zwischen den langen Tischreihen. Doch die meisten waren bereits dabei ihre Taschen zu packen. Der Duft von Erde und Kräutern hing schwer in der Luft, durchzogen von einer frischen Brise, die durch die geöffnete Kuppel hereinwehte.
Lena winkte jemandem im Vorbeigehen zu, blieb aber dicht an meiner Seite.
»Ich kann es immer noch nicht glauben«, flüsterte sie »Ein goldener Lotus …«
Ich lächelte nur und schob die Hände in die Taschen meines dünnen Mantels. Noch sieben Tage.
Am Ausgang hielten wir kurz inne. Dann stieß Lena die Tür auf, und die kühle Abendluft schlug uns entgegen. Das Licht der untergehenden Sonne traf auf mein Gesicht, streifte mich warm, als wollte es mich aufmuntern. Für einen Moment schloss ich die Augen und ließ es zu.
Kein Zweifel, es wurde Frühling. Und doch…
Ich atmete aus, drängte die Gedanken fort und folgte Lena durch die schmalen Gassen des Campus. Um uns herum zerstreuten sich die letzten Studierenden, Stimmen verklangen, Schritte entfernten sich. Lena hingegen wurde mit jedem Schritt lebhafter.
»Stell dir vor, wenn der wirklich keimt …«, begann sie und gestikulierte mit beiden Händen. »Dann brauchst du bestimmt ein ganz eigenes Becken, oder? Und wie lange dauert das überhaupt? Wochen? Monate? Oh! Und was ist, wenn wir die nötigen Bedingungen nicht schaffen können … «
Ich hörte gar nicht richtig zu, doch das schien sie nicht zu stören. Ihre Worte sprudelten einfach weiter, ein Gedanke jagte den nächsten. Bald schon bogen wir in den Weg vor unserem Wohnheim ein. Das Pflaster war uneben und die Häuser warfen lange Schatten auf den Boden.
»– und wenn du Glück hast, blüht er vielleicht schon dieses Jahr! Oder zumindest … na ja, vielleicht auch nicht, aber trotzdem –«
Sie lachte leise über sich selbst und hakte sich bei mir unter. Ich lächelte schwach. Nicht einmal der goldene Lotus schaffte es, mich von den kommenden Feierlichkeiten abzulenken.
Noch sieben Tage.
…
Leylines to your Heart - Light Romantasy - erhältlich bei Amazon Kindle (Si apre in una nuova finestra) oder unter www.annauano-autorin.de (Si apre in una nuova finestra)