
Bild: Anne Richard
Hier auf Steady teile ich anonymisiert einige eurer langen E-Mails und meine ausführlichen, empathischen und recherchierten Antworten. Ich bin kein Coach und keine Psychotherapeutin und würde euch bei entsprechenden Fragen bitten, Fachpersonal zu konsultieren. Wenn es bei euch im Alltag an kleinen Dingen hakt und ihr gern meine Einschätzung hättet, schreibt mir gern an anna [punkt] brachetti [at] posteo [punkt| de.
Hallo Anna,
Meine beiden Söhne sind jetzt 14 Monate und 3,5 Jahre und diese 14 Monate waren die härtesten meines Lebens. Aktuell bin ich noch in Elternzeit, werde aber ab Januar wieder arbeiten. Mein Mann hatte die ersten 6 Monate Elternzeit und ist aufgrund seiner halben Stelle auch jede zweite Woche komplett zu Hause. Ab Januar arbeiten wir „versetzt“ abwechselnd 2 und 3 Tage die Woche, beide mit einer halben Stelle, sodass immer jemand zu Hause ist. Wir haben hier keine Familie, aber waren ja wenigstens wie beschrieben im letzten Jahr viel zu zweit. Trotzdem sind wir heillos überfordert. Der Große ist ein sehr anstrengendes Kind und ist gefühlt seit der Geburt stehengeblieben in seiner Entwicklung bzw. hat sich zurückentwickelt und seit über einem Jahr hat sich daran nichts geändert (außer guter Sprachentwicklung). Er verweigert Töpfchen, er will jeden Meter getragen werden und keinen Schritt selbst laufen, er möchte kein Besteck benutzen und verweigert oft Händewaschen, er hat in den ersten Monaten viele Nächte lang geschrien und musste rumgetragen werden, trotz Familienbett (mehr als das Baby, aber das ist jetzt zum Glück wieder vorbei), er verweigert das Wickeln, er verweigert das Anziehen oder Ausziehen, er verweigert das rausgehen oder reingehen. Und er lehnt den Kleinen stark ab, reißt ihm alles Spielzeug aus der Hand, wobei immer wieder Phasen kommen, wo er ihm auch viel absichtlich wehtut. (Und ja, es gibt auch langsam liebevolle Gesten, wenn der Kleine weint „Keine Sorge, Mama kommt gleich wieder“, hin und wieder streicheln oder der Wunsch zusammen zu spielen, aber es ist so selten und gerade wieder fast bei 0). Wir waren und sind extrem geduldig mit ihm, geben ihm alles, was wir können (Inklusive Windeln, mit der Hand essen, dann eben nur Hände abwischen, Tragen, tragen, tragen. Soviel Aufmerksamkeit wie möglich, ich versuche alle seine Wünsche zu erfüllen, wenn es irgendwie meine Kräfte zulassen (z.B. heute gemeinsam Bananenpancakes zum Frühstück machen (sonst nur am Wochenende) oder nicht Anschnallen im Fahrradanhänger, was bedeutet ich muss natürlich den Weg zur Kita laufen und kann nicht fahren). Ich gebe alles, den ganzen Tag. Gebe Verständnis für Trauer und halte das extreme Geschrei aus, was damit einhergeht. Manchmal müssen wir uns mit unserer Kraft gegen ihn durchsetzen und ihn z.B. schreiend und um sich schlagend zum Wickeltisch tragen, weil die Kacka schon hinten aus der Windel quoll, meistens beruhigt er sich dann auch recht schnell. Trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen,weil ich sein „Nein“ so gern akzeptieren möchte. Ich trage ihn jede Treppe. Gebe Verständnis für Müdigkeit und Erschöpfung. Überbrücke Trennung, da er nie in die Kita möchte, seitdem er in die Kitagruppe gewechselt ist. Ich denke mir ständig neue Sachen aus, um ihm das Leben leichter zu machen und wenn ich die Eier eben schon aufgeschlagen habe, dann halte ich seine Verzweiflung aus.
Gleichzeitig habe ich solch ein schlechtes Gewissen wegen des Kindergartens, ich lasse ihn so oft es geht zu Hause, oder hole ihn schon sehr früh ab, aber die Belastung mit beiden Kindern ist enorm. Zum Glück wird der Kleine gerade eingewöhnt und er scheint es gut zu machen. Aber den großen belastet dieses wegen Corona „an der Eingangstür abgeben“ enorm. Ich spreche immer wieder mit der Kita und bin schon froh, dass sie jetzt gesagt haben, sie versuchen es möglich zu machen, dass immer eine Erzieherin aus seiner Gruppe ihn an der Tür abholt und nicht irgendwer, aber trotzdem ist es so schwer für ihn. Ich bin dann auch echt sauer, wenn der Kita der Datenschutz sooo wichtig ist, dass sie mir nicht mal sagen können, wann seine Bezugserzieherin am nächsten Tag beginnt, damit ich dann einfach später kommen kann, damit es für ihn leichter ist. Ständig entwerfe ich alternative Betreuungsideen in meinem Kopf, aber es ist finanziell nicht möglich eine Nanny einzustellen und jedesmal, wenn ich es versuche, merke ich dass ich die Betreuung alleine einfach nicht schaffe. Und dann mache ich mir Vorwürfe, dass ich als Mutter es doch schaffen müsste, mich allein um meine Kinder zu kümmern, ich weiß, dass das bs ist, aber ich kann nicht anders, als mich schlecht und schuldig zu fühlen. Und ich weiß nicht, ob eine andere Kita für ihn besser wäre, zumal sein bester Freund aus Babytagen, seine einzige wirkliche Bezugsperson in dieser jetzigen Kita ist und der natürlich nicht mitwechseln würde. Es ist alles so frustrierend.
Wenn der Papa da ist, ist der Große sehr auf ihn fixiert. Er will sich nur von ihm trösten lassen, schreit nach seinem Papa. Ruft „Geh weg.“ Und „Ich will dich nicht sehen“. Ich wünschte beide Jungs hätten wieder gleichwertige Bezugspersonen in uns.
Ich habe ständig ein schlechtes Gewissen nicht zu genügen. Ich liebe meinen zweiten Sohn sehr und bereue es kein Stück, dass er da ist, ich möchte keinen anderen, aber hätte ich gewusst, wie hart es für den Großen und uns werden wird, dann hätten wir viel länger mit dem zweiten Kind gewartet.
Liebe Grüße, Paula*
[Text gekürzt]