[Dieser Beitrag erschien zuerst am 14. März 2023 auf Substack.]
Wissenschaft ist mehr als Forschen und Lehren – so viel ist allen klar, die sie gemeinsam gestalten. Dabei sind viele Tätigkeiten, die zu den zwei genannten hinzutreten, nicht minder relevant für den Fortbestand und die Weiterentwicklung wissenschaftlicher Disziplinen, Institutionen und Individuen: Peer Review etwa mag in seiner konkreten Ausgestaltung aus guten Gründen immer wieder kritisiert werden, aber es ist aktuell nun mal ein zentrales wissenschaftsinternes Instrument der Qualitätssicherung. In einem verstärkt auf Drittmittel ausgerichteten Wissenschaftssystem hängt es immer mehr an der Einwerbung zusätzlicher Gelder, ob ein Forschungsprojekt überhaupt verfolgt werden kann. Wenn die Mittelvergabe durch thematisch ausgerichtete Förderlinien schon zunehmend von außen gesteuert wird, dann bleiben dank des Engagements von Gutachter_innen zumindest Teile der wissenschaftlich richtungsweisenden Förderentscheidungen mit in den Händen der Wissenschaft selbst. Für die Autonomie der Wissenschaft spielt auch Gremienarbeit eine zentrale Rolle: Solange Wissenschaftler_innen in Gremien gemeinsam die institutionellen Rahmenbedingungen ihres Tuns verhandeln und Entscheidungsträger_innen aus ihrer Mitte wählen, werden die Geschicke nicht von Externen gelenkt – so bleibt die Hoffnung, dass wissenschaftliche nicht systematisch hinter wissenschaftsfremde Entscheidungsgründe zurücktreten. Es sprechen also viele Argumente dafür, dass sich Wissenschaftler_innen in den genannten Bereichen engagieren. Aber das ist nicht die ganze Geschichte.
Der Wissenschaftler_innen ständige Begleiter: Überstunden und ein schlechtes Gewissen
Der Einsatz, den Wissenschaftler_innen als Reviewer_innen, Gutachter_innen, Gremienmitglieder usw. an den Tag legen, ist beachtlich und äußerst verdienstvoll. Aber er hat allzu oft einen hohen individuellen Preis: Angesichts der Vielfalt der Anforderungen, denen Wissenschaftler_innen dieser Tage genügen sollen, und des Drucks, immer etwas mehr zu arbeiten als die Konkurrenz, sammeln Mitglieder aller Karrierestufen eine beachtliche Zahl an unbezahlten Überstunden an. Promovierende kommen im Schnitt auf 13 Stunden Mehrarbeit pro Woche, Postdocs auf zehn (vgl. BuWiN 2021 (Si apre in una nuova finestra), S. 123). Aber auch ein Ruf schützt nicht gegen Überarbeitung: Die Arbeitszeit von Professor_innen beträgt während der Vorlesungszeit im Schnitt 56,3 Stunden pro Woche (vgl. dieser Artikel (Si apre in una nuova finestra) in Forschung & Lehre).
Würden alle Mitglieder im System nur so viel arbeiten, wie ihr Arbeitsvertrag vorsieht, bräuchte es sehr viel mehr Personal, um die ganze Mehrarbeit aufzufangen. Das Paradoxe: Trotz dieses atemberaubenden Umfangs an Mehrarbeit plagt viele von uns ein schlechtes Gewissen. Wir haben das Gefühl, noch immer nicht genug zu arbeiten, und sind deshalb trotz unseres Daueraufenthalts an der Belastungsgrenze oft allzu empfänglich dafür, wenn von anderen Erwartungen an uns herangetragen werden, noch mehr zu tun. Der Appell, sich als Reviewer_in, Gutachter_in und/oder Gremienmitglied für Autor_innen, Herausgeber_innen, Antragsteller_innen, Förderinstitutionen und/oder Kolleg_innen einzusetzen, fällt bei vielen von uns auf den fruchtbaren Boden, den eine Sozialisation in uns kultiviert hat, deren Mantra lautet: „Wissenschaft ist kein Beruf wie jeder andere – Wissenschaft ist eine Berufung, und wer sich darauf einlässt, muss dafür alles geben!“
“… but someone’s gotta do it!” — Die Individualisierung struktureller Probleme
Aber Vorsicht: Wer sich für Wissenschaft entscheidet, schließt dadurch mitnichten einen Pakt, ihr von nun an Freizeit, Ruhepausen und Wohlbefinden zu opfern. Und ein Appell ans Gewissen ist immer dann fragwürdig, wenn er dem Ausgleich defizitärer Strukturen dienen soll. Das wird z.B. Kolleg_innen mit immensem Korrekturaufwand bekannt vorkommen, denen eingetrichtert wird, Arbeiten im Urlaub oder Nachtschichten müssten jetzt schon drin sein, ‚damit die Studierenden nicht ewig auf ihre Note warten müssen‘. Dass einige von uns mit einem kaum zu bewältigenden Stapel an Hausarbeiten kämpfen, während sie mit ihrer Arbeit zugleich ihren Lebensunterhalt nicht verlässlich bestreiten können, hat strukturelle Ursachen, die von den Verantwortlichen im Wissenschaftssystem bewusst in Kauf genommen werden oder sogar so beabsichtigt sind: Es liegt u.a. an miserablen Betreuungsquoten, wie sie durch das Kapazitätsrecht (Si apre in una nuova finestra) zementiert werden, an absurd hohen Lehrdeputaten und nicht zuletzt der bodenlosen Frechheit schlecht oder gar nicht vergüteter Lehraufträge (von unbezahlter Titellehre mal ganz zu schweigen). Die betreffenden Lehrenden in die Pflicht zu nehmen, auf eigene Kosten das Missmanagement des Systems auszugleichen, ist schlicht unangebracht.
Dasselbe gilt für Appelle in Sachen Peer Review, Gremienarbeit und Co. Ja, Wissenschaft ist ein Gemeinschaftsprojekt, das auch der Qualitätssicherung, der gegenseitigen Begutachtung und der Selbstverwaltung bedarf. Ja, jemand muss diese Aufgaben übernehmen. Aber wir dürfen dabei eines nicht aus dem Blick verlieren: In einer eklatanten Schieflage der Erwartungshaltungen verlangt das Wissenschaftssystem uns alles ab, während viele von uns von ihm nicht einmal Minimalstandards angemessener Arbeitsbedingungen erwarten können. Zu den legitimen Erwartungen aufseiten von uns Wissenschaftler_innen zählt auch, dass die Verantwortlichen im System dessen strukturelle Probleme selbst in Angriff nehmen und in den Griff bekommen, statt sie schamlos seinen Individuen aufzubürden. Es braucht zuerst faire Arbeitsbedingungen, die die Funktionsfähigkeit der Wissenschaft inklusive der Übernahme aller dafür notwendigen Aufgaben sicherstellen. Dazu zählt, dass die anfallende Arbeit von den Beschäftigten im System ohne Mehrarbeit geleistet werden kann. Appelle, zugunsten der Wissenschaft weitere Aufgaben zu übernehmen, können nur unter dieser Voraussetzung überhaupt angemessen sein.
Obendrein sind manche Probleme, die wir unter Einsatz unserer Wochenenden und Abendstunden lösen, häufig nicht allein Probleme der Wissenschaft, sie werden nur dazu gemacht. Die Qualitätssicherung durch Peer Review etwa, die viele von uns sogar unentgeltlich übernehmen, kommt in beachtlichem Maße den Verlagen zugute – im Falle wissenschaftlicher Großverlage sind das riesige Wirtschaftsunternehmen, die oftmals weder für die von Wissenschaftler_innen produzierten Inhalte zahlen noch für die Sicherung ihrer Qualität, damit aber unsägliche Summen verdienen.
Probleme des Systems nicht mehr zu unseren machen – und gerade dadurch zu deren Lösung beitragen
Die Funktionsfähigkeit der Wissenschaft erhalten: Das ist sicher ein weit geteiltes Anliegen unter uns Wissenschaftler_innen. Aber das wird nicht gelingen, wenn wir dazu die Lasten uns selbst und anderen auf die Schultern laden, bis wir in die Knie gehen oder gar darunter zusammenbrechen. Was es stattdessen braucht, ist ein Systemwandel. Der wird sich wohl eher nicht einstellen, wenn wir durch unseren individuellen Einsatz das, was schiefläuft, beständig kompensieren. Deshalb: Hören wir damit auf, Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden, weil sie am Rande ihrer Kräfte nicht noch ein weiteres Review schreiben oder in einem weiteren Gremium mitwirken wollen. Die Funktionsfähigkeit des Wissenschaftssystems mag dadurch mittelfristig teilweise in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber nur so wird der eklatante Reformbedarf überhaupt erst sicht- und spürbar: Wenn wir Systemfehler nicht mehr geflissentlich auf eigene Kosten ausbessern.
Und zum Abschluss: Was gibt’s Neues, #IchBinHanna?
Prekäre Arbeits- und Betreuungsbedingungen in der Wissenschaft begünstigen Machtmissbrauch und dessen Vertuschung. Aus Angst vor Konsequenzen haben Betroffene lange geschwiegen. In letzter Zeit rückt das Thema aber zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit, etwa in Form dieses lesenswerten Artikels in der FAZ (Si apre in una nuova finestra) (CN: Sexualisierte Gewalt) aus der Feder von Isa Hoffinger.
Man könnte meinen, das BMBF habe aus der Diskussion zu #IchBinHanna etwas über ungeschickte Werbevideos voller zweifelhafter Narrative gelernt – dass dem nicht so ist, zeigt dieses Video (Si apre in una nuova finestra), das zwecks Anwerbung (potentieller) internationaler Wissenschaftler_innen Deutschland als ‚Forschungswunderland‘ darstellt. Das Video ist Anlass für den neuen Hashtag #ResearchWonderland (Si apre in una nuova finestra), unter dem sich bereits diverse Realitätschecks in Form von Memes, Tweets und Threads finden: Lese- und Mitmachempfehlung!