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#2: Sportstättenbau und Olympia-Bewerbung // Das mahnende Beispiel Sandro Tonali

Das Bild einer alten und maroden Sporthalle
Foto von Patrick Schneider auf Unsplash

Ausgabe Nummer 2 von B-Note blickt auf den Zwiespalt zwischen einer maroden Sport-Infrastuktur und einer geplanten deutschen Olympia-Bewerbung. Und es unterbreitet einen Vorschlag, welche Unternehmen aus der Fußball-Industrie die Kosten für neue und sanierte Sportstätten tragen sollen.

Es hat ein bisschen was von einem Planspiel in der Oberstufe des Franz-Beckenbauer-Gymnasiums in München, wenn die 16 Arbeitsgruppen von CDU/CSU und SPD gemeinsam an ihrem Teil der Koalitionsverhandlungen arbeiten. Anfang dieser Woche legten sie ihre Ergebnisse in Textform den Tutoren vor, in diesem Fall der sogenannten “Steuerungsgruppe” bestehend aus Spitzenpersonal der drei Parteien. Was die dann daraus machen werden, ist offen. Die Quote darauf, dass bis Ostern der Koalitionsvertrag steht und Friedrich Merz noch im April zum Bundeskanzler gewählt wird, ist momentan noch recht hoch – doch zum Thema Wetten kommen wir im zweiten Teil dieses Posts.

Offen sind im Rahmen der Koalitionsverhandlungen definitiv die Streitthemen der Arbeitsgruppen, bei denen bisher keine Einigung herbeigeführt werden konnte. Denn genau hier zeichnen sich die absehbaren koalitionsinternen Konfliktlinien ab, denn wenn schon ein 500-Milliarden-Paket für Infrastruktur und Verteidigung geschnürt wird, möchte jedes Ressort davon ein möglichst großes Stück abhaben.

DOSB will Geld für Sportstätten

Wenig überraschend dürfte das Thema Sport nicht zu denen gehören, bei denen sich Union und SPD am meisten verhaken. Migration, Steuern, Rente, innere Sicherheit: Hier dürfte es schwieriger sein, Einigungen herbeizuführen.

Der organisierte Sport, vertreten durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), verlangt dennoch seit Jahren mehr Geld für Sportstätten – und bekräftigte in der letzten Woche diese Forderung durch einen Appell an Union und SPD. Darin kam wieder die vom DOSB als “Bundesmilliarde” bezeichnete Summe ins Spiel, die im Rahmen eines langfristigen Förderprogramms in die Infrastuktur des deutschen Sports investiert werden soll.

Sanierte Sportplätze, neue Vereinsheime, ein modernes Schwimmbad – gegen diese Ideen kann niemand etwas haben. Dass die deutsche Sportlandschaft an einigen Orten baulich – vorsichtig formuliert – in die Jahre gekommen ist, ist wohl auch Konsens.

Wie passt die geplante Olympia-Bewerbung zur “Sportwüste”?

Doch auch wenn binnen kürzester Zeit viel Geld zur Verfügung steht, hat der organisierte Sport teilweise andere Probleme, die vielleicht auf eine komplexere Gemengelage hindeuten.

Irgendwo in Köln, abends an einem Wochentag. Feierabendfußballer treffen sich zum lockeren Kleinfeld-Kick. Die Stimmung ist gut, der Kunstrasen nicht. Mal schießen die einen, dann die anderen ein Tor, am Ende folgt die entscheidende Frage: Wer traut sich, mit kaltem Wasser zu duschen? Der Warmwasserboiler in der Umkleidekabine ist schon länger kaputt, abends ist kaum noch warmes Wasser übrig. Die Stadtverwaltung hat eine Renovierung zwar zugesichert, aber es hapert an der Umsetzung durch ein beauftragtes Unternehmen. Fazit eines Spielers, der sich dazu entscheidet, lieber zuhause zu duschen: “Naja, wenigstens bekommen die Spieler der ersten Mannschaft hier 100 Euro Siegprämie.”1

Mal was zum Drübernachdenken für alle. Vielleicht auch für die Kölner Stadtverwaltung, die in diesen Tagen mit einem Dringlichkeitsantrag die Kölner Politik mit einer Beschlussvorlage darum gebeten hat, eine Bewerbung als Austragungsort der Olympischen und Paralympischen Spiele 2036 oder 2040 zu unterstützen. Der DOSB behandelt dieses Thema in diesem Jahr sowieso intensiv, mehrere Städte und Regionen sind im Rennen, nun soll auch Köln seinen Hut in den Ring werfen – als Teil der Metropolregion Rhein-Ruhr.

Olympia-Bewerbung: Vieles ist unklar

Diese Woche wird im Sportausschuss über den Antrag gesprochen, Anfang April soll der Stadrat das Thema bearbeiten. Bis Ende Mai müssen alle deutschen Austragungsorte, die Bock auf den Olympia-Zirkus haben, ihre Bewerbung beim DOSB einreichen. Wie teuer das Ganze werden soll, was die Kölner Bevölkerung davon hält – das weiß niemand.

Aber: Wenn es nach dem Sportausschuss-Vorsitzenden Kölns geht (der gute Mann heißt Oliver Seeck, SPD), soll die Domstadt gleich das Olympische Dorf sein. Drunter mache mer et nit, dat es doch klor!

Ein Stadtbild von Köln
Foto von Ramin Karbassi auf Unsplash

Noch zu Anfang des Jahres hatten sich Stadtsportbund in Vereine im “Millionedorf ahm Rhing” (BAP) gegen die geplanten Kürzungen der Stadt gewehrt, weil durch den Verfall von Fördergeldern in zweistelliger Millionenhöhe die kölschen Sportstätten noch weiter verkommen würden. Köln würde zur “Sportwüste” werden, klagten die Vereine in einem offenen Brief. Das Ratsbündnis (CDU, Grüne und Volt) nahm die die Kürzungen dann zurück. Jetzt soll also eine Olympia-Bewerbung vorangetrieben werden. Dat jeiht hinger un vüür nit op!

Vielleicht eine andere Schwerpunktsetzung für den organisierten Sport

Der hohe finanzielle und infrastrukturelle Bedarf im deutschen Sport, auch abseits von Köln ist begründet, aber sowohl die Verteilung des Geldes als auch die Umsetzung der Bauprojekte dürften innerhalb des Sports nicht überall auf Begeisterung stoßen. Und auch der hohe gesellschaftliche Wert des Sports ist unbestritten. Bund, Länder und Kommunen brauchen das Geld aber auch dringend anderswo: Öffentlicher Personennahverkehr (Deutschlandticket + pünktliche Bahn!), Bildungsystem (Anpassen ans 21. Jahrhundert + weniger Bildungsbenachteiligung), Investitionen in Klimaschutz (Gebäudesanierung + Netzausbau), die Liste geht endlos weiter.

Vielleicht wäre es daher für den organisierten Sport hilfreich, sich von den Träumen einer erfolgreichen Olympia-Bewerbung in Stadt/Region X zu verabschieden und ein konkretes und umsetzbares Konzept zu entwickeln, das für Bund, Länder und Kommunen langfristig tragfähig ist und die Sportlandschaft baulich erneuert.

Denn wirklich die wenigsten, wenn nicht gar niemanden, interessiert es, dass in vielleicht 15 Jahren Olympische Spiele in Deutschland stattfinden, wenn man heute für das eigene Kind wochenlang nach einem Platz in einem Schwimmkurs sucht, weil die Bäder belegt und die wenigen Schwimmtrainer*innen überarbeitet sind.

Doch kommen wir zu anderen Themen. Hinter dem deutschen und europäischen Fußball liegt eine Länderspielwoche. Schade, sagen die einen. Erfreulicherweise, sagen Fans des 1. FC Köln.

Spiele in der Nations League liefen im Fernsehen, Deutschland mal wieder gegen Italien, Einzug ins Halbfinale gegen Portugal, wir nehmen zur Kenntnis. Denn eines der wesentlichen persönlichen Erkenntnisse der letzten Jahre ist, dass sich Fußball-Begeisterung nicht kausal mit der Anzahl von Spielen nach oben entwickelt. Irgendwann ist auch mal gut. Weder vom europäischen Kontinentalverband entwickelte Wettbewerbe wie Nations oder Conference League noch die im Sommer anstehende Klub-Weltmeisterschaft der FIFA sorgen für endlose Vorfreude auf weitere Minuten Fernsehfußball.

Sandro Tonali: Als Profi auf Fußballspiele gewettet

Doch wie dem auch sei: Es geht weiter. Und die Industrie freut sich. Eine der wesentlichen Industriezweige des Fußball-Business sind Unternehmen, die Online-Sportwetten anbieten. Und da sind wir wieder beim Aufeinandertreffen zwischen Deutschland und Italien. Bei der Squaddra Azura, wie wir 11Freunde-Leser*innen die Mannschaft nennen, stand mit Sandro Tonali ein Mittelfeldspieler in beiden Spielen auf dem Platz, der im Oktober 2023 für 10 Monate gesperrt wurde. Der Grund war weder eine positive Dopingprobe noch ein überhartes Foul (roykeanealfingehaaland.jpg), sondern die Beteiligung an einem illegalen Sportwettenring für Fußballspiele. Alleine zwischen August und Oktober 2023 habe er laut Behörden mindestens 50 Wetten auf Fußballspiele platziert. Auch Profis sind vor Wettspielsucht also nicht gefeit.

Denn egal, wo gerade eine Fußballübertragung läuft: Werbung von Online-Sportwetten sind überall präsent. Die Spots laufen dann mit bekannten Gesichtern, die für die Besonderheit der Angebote werben. Zusätzlich haben fast alle Profivereine in Deutschland auf irgendeine Weise eine Partnerschaft oder einen Sponsoring-Deal mit einem Unternehmen aus der Glücksspielbranche, manche auch mit Online-Wettanbietern. 2023 hatte eine repräsentative Studie des Sucht- und Drogenbeauftragten der Bundesregierung herausgefunden, dass sich nahezu zwei Drittel der Befragten dafür aussprechen, das Sponsoring von Sportwetten im Fußball zu verbieten.

Online-Wetten übers Smartphone: Hohe Suchtgefahr für Fußballfans

Die Suchtgefahr gerade bei Online-Wetten auf Fußballspiele ist seit deren Zulassung in 2020 enorm hoch. Während eines Spiels auf der Couch schnell auf dem Handy tippen, wie das Spiel ausgeht, fertig. Und wenn mehr Spiele im Fernsehen laufen, gibt es auch mehr Momente, in denen das passiert. Und wenn dann auch noch zusätzlich im Rahmen von Fußballübertragungen Werbung für Online-Sportwetten gemacht wird, entsteht ein Perpetuum mobile, das suchtgefährdete Fußballinteressierte in Gefahr bringt, schlimmstenfalls in den finanziellen Ruin zu geraten.

Nur mal als Größenordnung: Der Umsatz der Glücksspielbranche in Deutschland liegt im hohen zweistelligen Milliardenbereich. Als spielsüchtig gelten je nach Datenlage etwa eine Million Menschen in diesem Land.

Die Profivereine sind auf die Einnahmen aus Sponsoring-Verträgen angewiesen, ihre Vertreter betonen den steuerlichen Mehrwert aus den Umsätzen, die Wettunternehmen generieren. Aber das kann bei aller Liebe ja nicht der Ansatzpunkt sein. Profivereine geben sich nachhaltig, wollen ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden, aber gehen ohne mit der Wimper zu zucken Deals mit Wettanbietern ein – denn die anderen machen es ja auch, wie Alexander Wehrle, Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart, vor zwei Jahren heraushob.

Der ernstgemeinte Vorschlag zur Güte: Die Bundesländer müssen an den Glücksspielstaatsvertrag ran und gewisse Elemente wie Online-Echtzeitwetten oder Werbung verbieten. Denn auch bei Zigaretten hat das geklappt.

Der noch mehr ernstgemeinte Vorschlag zur Güte: Die Umsätze der Wettanbieter aus den letzten zehn Jahren direkt in die bauliche Modernisierung der deutschen Sportlandschaft investieren.

  1. Diese Szene ist verdichtet und beruht auf wahren Begebenheiten.

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