Lieber nur im Sale kaufen.

Wie immer gelten zwei Dinge:
Wenn dir das Buch gefÀllt, soll dich nichts davon abbringen es zu mögen, auch nicht dieser Text.
Es gibt Spoiler.
Diese Ausgabe hören:
Nach achtjĂ€hriger Pause erschien 2025 mit The Secret of Secrets ein neuer Robert-Langdon-Roman von Dan Brown. Dieses Mal verschlĂ€gt es den Symbolwissenschaftler nach Prag, wo seine Kollegin Katherine Solomon einen Vortrag zu ihrer Forschung in der Noetik hĂ€lt. Nachdem sie darin ihre bahnbrechenden Erkenntnisse ĂŒber das menschliche Bewusstsein andeutet, verschwindet sie.
Bis hierhin klingt alles nach dem Dan Brown, den wir in nostalgischer Erinnerung haben und erwarten. Leider lesen sich die 800 Seiten wie eine endlose, besserwisserische Aneinanderreihung von Fun Facts, die Brown in den letzten acht Jahren gesammelt hat.
Schon Ende dieses Monats erscheint die neue Ausgabe Debuff! Das ist das Online-Spielemagazin, das ich mich Daniel Ziegener und Florian Zandt gegrĂŒndet habe.
Im aktuellen Newsletter fĂŒr Mitglieder schrieb ich ĂŒber das, was Leser:innen erwartet und die Struggle, die wir in den letzten Wochen damit hatten. Hier nochmal Ausgabe 1 nachlesen:
https://www.debuff.de/ (Si apre in una nuova finestra)FĂŒr Mitglieder dieses Mini-Newsletters
verschickte ich diesen Monat 18 Mini-Rezensionen zu BĂŒchern, die ich letztes Jahr gelesen habe. Horror, Sachbuch, Krimi, Fantasy, Novelle, Comic â alles dabei.
https://steady.page/de/chrissikills/posts/1818de15-e595-40a1-aa21-bd0d8184ff70 (Si apre in una nuova finestra)Die Thriller-Formel
Dabei fĂ€ngt alles vielversprechend an. Dan Brown weiĂ, wie ein Roman aufgebaut ist, wie man Spannung erzeugt und Expositionen schreibt. Die Formel dafĂŒr lautet wie folgt: Unvorstellbare Grausamkeiten und Geheimnisse mĂŒssen angeteasert werden. Eine Spur von Gewalt liegt in der Luft, aber nur ein zarter Hauch. Dann passiert ein Verbrechen, in diesem Fall das Verschwinden von Katherine Solomon. Von Anfang an wird angedeutet, dass zwischen ihr und Robert Langdon eine romantische Beziehung entstanden ist. Das sorgt fĂŒr Fallhöhe; etwas steht auf dem Spiel. Das ist fĂŒr den Protagonisten Motivation zu handeln und fĂŒr uns Motivation zu lesen.
Dann wird ein unmittelbarer Gegner inszeniert. In diesem Fall, wie schon in Sakrileg, ist er ein Bauernopfer in einer gröĂeren Intrige und unterliegt einer Illusion, die ihn unberechenbar wirken lĂ€sst. Er nennt sich Golem und sieht sich als Nachfolger der Prager Legende aus dem 16. Jahrhundert (Si apre in una nuova finestra).
Eine gute Exposition ist eine, bei der man gar nicht merkt, wo sie anfĂ€ngt und wo sie aufhört. Das ist auch hier der Fall. Ehe man sich versieht, startet die Action, die Ereignisse ĂŒberschlagen sich. Es bleibt keine Zeit Luft zu holen, wir folgen Langdon in seiner Hast und Not.
Dieser wird von einer Situation in die nĂ€chste katapultiert, ohne dass er in den meisten FĂ€llen dazu beitrĂ€gt. Dadurch fĂŒhlt sich ein GroĂteil des Plots weniger nach der Schnitzeljagd an, die man von einem Robert-Langdon-Roman erwarten wĂŒrde, als nach einer Verfolgungsjagd. Wobei weniger Langdon die EntfĂŒhrer jagt als die ihn.
Alle mĂ€chtigen Menschen, die in dem Roman vorkommen, scheinen Teil der Verschwörung zu sein, was das Unterfangen des Protagonisten auf den ersten Blick aussichtslos erscheinen lĂ€sst. Dadurch wirkt das (in einem Dan-Brown-Roman unausweichliche) Ăberleben von Langdon und dessen Auflösung der Intrige noch groĂartiger. Denn es gilt die Faustregel: je gröĂer die HĂŒrde, desto gröĂer das Aufatmen am Ende.
Textbuch
Wir erleben nicht nur Langdons Perspektive, sondern auch die diverser Nebencharaktere. Allen ist hier und da ein eigenes Kapitel gewidmet. Es sind eindimensionale Charaktere mit einfacher Motivation. Da wĂ€re der Hauptmann, der Rache ĂŒben will, die eifersĂŒchtige Pressesprecherin, die Laborassistentin, eine Botschafterin, ein RechtsattachĂ©, ein Lektor... Das sorgt einerseits fĂŒr ein GefĂŒhl von KomplexitĂ€t und andererseits fĂŒr ein GefĂŒhl von Ăbersicht innerhalb dieser KomplexitĂ€t. Es sind viele Figuren beteiligt, das verleiht dem Komplott eine gewisse Grandeur, aber wir Leser:innen können dabei den Ăberblick behalten, eben weil ihre Motivationen vergleichsweise ĂŒberschaubar sind.
Dass wir ihre Geschichten aus unmittelbarer Perspektive erleben, erfĂŒllt noch einen weiteren Zweck: Wir sind unausweichlich an ihrem Ăberleben interessiert, zumal die dazugehörigen Schicksale kaum dramatischer sein könnten. Wenn solche Charaktere gar sterben sollten, vermittelt das den Eindruck, dass nicht einmal Hauptfiguren sicher sind.
Selbst Gegenspieler erhalten ihre eigenen Kapitel, was es noch schwieriger macht, herauszufinden, wer auf welcher Seite steht. Und: Diese fragmentierte ErzĂ€hlung sorgt dafĂŒr, dass jeder Abschnitt mit einem Cliffhanger enden kann. So endet ein Kapitel sinngemÀà mit: âSie sagte ihm sechs Worte. Diese Worte sollten alles verĂ€ndernâ.
Neben dem Cliffhanger zĂ€hlt der red herring zu den Klassikern der Spannungsmache. In diesem Fall ist es der Golem, der uns in seinem Kapitel erklĂ€rt, dass er eine Frau beschĂŒtzen will. Zu diesem Zeitpunkt kennen wir nur eine Frau, die relevant fĂŒr die ErzĂ€hlung ist, und gehen deshalb davon aus, dass sie gemeint ist â ist sie aber nicht.
Red herrings fĂŒhren bewusst in die Irre. Wie das LĂ€uten der Kirchenglocken, das Langdon als âtraurigâ bezeichnet, nachdem er ins Hotel zurĂŒckkehrt und Katherine Solomon verschwunden ist. Gerade erlebte er, wie ihr Traum Wirklichkeit zu werden schien und interpretiert das traurige LĂ€uten als Omen. Oder zumindest wird uns das suggeriert. Wir sollen nicht nur mitrĂ€tseln, sondern auch entscheiden, ob die Hinweise, die uns gegeben werden, wahrhaftig sind. Ob die offensichtliche Wahrheit tatsĂ€chlich wahr ist.
âMitrĂ€tselnâ ist bei solchen Romanen das Stichwort. Wir kennen dank der Perspektivwechsel zwischen den Kapiteln das âWerâ und das âWieâ. Nur das âWarumâ entzieht sich (theoretisch) unserer Kenntnis. Das hat der Protagonist uns voraus, spielt mehrmals darauf an, gibt vage Hinweise, erlöst uns aber erst ganz zum Schluss. Bis dahin sollen wir die Puzzleteile verbinden und vorausahnen, was selbst der Protagonist nicht weiĂ, nĂ€mlich wie die Geschichte am Ende ausgeht.
Das ist alles Textbuch. Selbst Subversion und Wendungen sind in diesem Roman Textbuch. Der ITler zum Beispiel, der nachts unvermittelt im BĂŒro des Lektors steht und sagt, sie seien gehackt worden und er mĂŒsse da nochmal was auf dem PC des Lektors prĂŒfen, soll nach mĂŒhsam aufgebauter, unheilvoller AtmosphĂ€re als Bedrohung wahrgenommen werden. Der Effekt ist schnell durchschaubar.
Dieses Textbuch-Format hat also einen Vorteil und einen gravierenden Nachteil. Der Vorteil ist, dass es grundsĂ€tzlich funktioniert. Der Nachteil ist, dass die ErzĂ€hlung vorhersehbar wird, sobald man einen Blick hinter den Vorhang wagt und realisiert, wie sehr Brown an dem Skelett hĂ€ngt. Wer zum Beispiel diese mĂ€chtige Organisation ist, die hinter allem steckt, ist klar, noch bevor sie in Buchstaben auf dem Blatt erscheint. Auflösungen werden zu FormalitĂ€ten. Es ist eben ein sehr schmaler Grat zwischen bewusst verzögerter Auflösung, um den Leser:innen die Genugtuung der vermeintlich frĂŒhzeitigen Erkenntnis zu lassen und vorhersagbaren Ereignissen, die dann, wenn sie endlich pompös enthĂŒllt werden und einen Schockeffekt erzielen wollen, schlicht langweilig sind.
Zwischen X-Faktor und Wikipedia
Zum MitrĂ€tsel-Teil eines Robert-Langdon-Romans zĂ€hlt in der Regel auch die Dechiffrierung irgendwelcher Rollen, Inschriften oder letzten Worte. Das Wissen des Professors ĂŒber Symbole und religiöse Ikonologie hilft ihm dabei selbst jahrhundertealte RĂ€tsel zu lösen. Die Lösung des ersten und letzten RĂ€tsels dieser Art lesen wir in The Secret of Secrets auf Seite 149.  Die Lösung wird gleich drei Mal erklĂ€rt â The Secret of Secrets scheint wenig Vertrauen in seine Leserschaft zu haben.
Oder in sich selbst. Denn der Roman besteht nicht etwa nur aus Verfolgungs- oder Schnitzeljagden, einem RĂ€tsel und Charakterisierungen. Nein, mitunter wird er zur X-Factor-Folge. In der Mystery-Sendung ging es um rĂ€tselhafte Begebenheiten, die am Ende von Jonathan Frakes âaufgelöstâ wurden. Genau von solchen Geschichten erfahren wir hier, denn die Forschungsergebnisse von Solomon bewegen sich an dieser Grenze zwischen RealitĂ€t und gefĂŒhlter RealitĂ€t.
Sie fragt: Wo ist unser Bewusstsein und was, wenn es nicht in unserem Gehirn stattfindet? Was, wenn es gar ein kollektives Bewusstsein gebe? Als Indiz dafĂŒr nennt sie paranormale Geschehnisse, die von der Wissenschaft bislang nicht erklĂ€rt werden können. Wie könne es sein, dass Morgan Robertson schon 1898 einen Roman ĂŒber ein Schiff namens Titan verfasste, das im Nordatlantik nach einem ZusammenstoĂ mit einem Eisberg sinkt, 14 Jahre vor dem Untergang der Titanic?
Solomon (oder Brown?) begeht hier einen klassischen Fehler der wissenschaftlichen Arbeit: cherry picking. Sie nimmt nur die Ergebnisse an, die ihre eigene These unterstĂŒtzen und ignoriert dabei alles, was sie widerlegen könnte. Dass zum Beispiel die Unterschiede zwischen der Titan und der Titanic die Gemeinsamkeiten ĂŒberwiegen. Oder dass bereits 1880 ein Dampfschiff namens Titania nach einer Kollision mit einem Eisberg im Nordatlantik sank, wie so viele Schiffe zu dieser Zeit. Von solchen haltlosen Beispielen gibt es in diesem Roman zahlreiche.
Um dem mehr Gehalt zu verschaffen, ist das Buch zusĂ€tzlich gespickt mit âFaktenâ. Als hĂ€tte Brown lieber ein Sachbuch geschrieben. Anders kann ich mir nicht erklĂ€ren, wieso ich einen Wikipedia-Artikel nach dem anderen lesen muss und ein GroĂteil der Seiten darauf verwendet wird, die neue Theorie zu erklĂ€ren. Diese vermeintlich neurowissenschaftlichen Erkenntnisse, die die kunstgeschichtlichen AusfĂŒhrungen und Anagramm-EntschlĂŒsselungen aus Sakrileg oder Illuminati ersetzen, machen den Roman einerseits unertrĂ€glich nerdig und versuchen ihm andererseits einen relevanten Anstrich zu verleihen.
Es kommt der Verdacht auf, Brown hĂ€tte sich von Longevity inspirieren lassen. Ist es tatsĂ€chlich Forschung, ist es ein Trend? Es ist zumindest eine Bewegung, in die Peter Thiel (Palantir) oder Sam Altman (OpenAI, ChatGPT) massiv investieren (Si apre in una nuova finestra) und die Bryan Johnson so unerbittlich an sich selbst testet (Si apre in una nuova finestra), dass er tĂ€glich mehr als 50 Tabletten schlucken und sich Bluttransfusionen unterziehen soll. Sein Ziel: nicht zu sterben. Da fragt man sich, was fĂŒr Menschen schlimmer ist: Alt zu werden oder nicht alles zu beherrschen. Katherine Solomons Theorie hat denselben Anstrich von GröĂenwahn und AktualitĂ€t.
Problematisch
Ihre Theorie, die das ganze Abenteuer ĂŒberhaupt ins Rollen bringt, soll, Ă€hnlich wie Charles Darwins On the Origin of Species ein Paradigmenwechsel sein. Sie bietet alternative Fakten fĂŒr eine ganze Reihe an PhĂ€nomenen: Angefangen bei Visionen, wie oben beschrieben. Oder wenn Menschen plötzlich etwas sehr gut können, das sie vorher gar nicht konnten, eidetisches GedĂ€chtnis oder Autismus. Ihr lest richtig.
Teil der Theorie ist die Annahme, dass das GedĂ€chtnis wie ein Cloud-Speicher funktioniert. Auf dem Weg zu diesem Vergleich wird ungelenk mit Fachbegriffen um sich geworfen und es wirkt ein wenig so, als hĂ€tte Brown sich zu viel mit moderner Technologie befasst, sie nicht richtig verstanden und dann versucht eine neue Theorie ĂŒber das Bewusstsein zu formen.
Ich kenne mich mit ânanoelektrischen Biofilamentenâ und âSupraleitenden magnetischen Energiespeichernâ nicht aus. Zumindest die Behauptungen ĂŒber Gamma-AminobuttersĂ€ure aus dem Buch widerlegt dieser Artikel aus Psychology Today (Si apre in una nuova finestra).
Das eigentliche Problem ist gar nicht die Theorie an sich, sondern dass sich das Buch dabei so ernst nimmt. So lautet das Vorwort: âFakt: [âŠ] Alle Experimente, Technologien und wissenschaftlichen Erkenntnisse sind der Wirklichkeit entnommen. [âŠ]â. Zwischen ErklĂ€rungen, was VR ist und welche Experimente mit Gehirnimplantaten es bereits gibt, werden namentlich Firmen wie BlackRock und Neuralink genannt und deren Arbeit als Zukunft angepriesen. Am Ende wird auch noch der Imperialismus heraufbeschworen und Charaktere argumentieren, dass der militĂ€rische Einsatz von wissenschaftlichen Erkenntnissen notwendig fĂŒr die eigene Sicherheit sei. Ein durch und durch amerikanischer Ansatz, der davon ausgeht, dass ausschlieĂlich amerikanisches Leben und amerikanische Werte schĂŒtzenswert seien.
Es geht neben der Theorie um das Bewusstsein um Fragen, fĂŒr deren Diskussion dieser Roman 20 Jahre zu spĂ€t ist. Um doch noch die relevante Kurve zu kratzen, geht es schlieĂlich um Terror-Management im Gehirn und MortalitĂ€tssalienz, was tatsĂ€chlich so erwĂ€hnt wird. Denn letztendlich ist das gesamte Buch ein Namedropping von Fachbegriffen, an denen sich eine schwache Geschichte entlanghangelt.
Janick Nolting fasst die Misere gut zusammen (Si apre in una nuova finestra): Es soll ein kurzweiliger Thriller sein, der irgendwie einen Wissensvorsprung suggeriert. Man soll sich danach schlauer fĂŒhlen. Wo Fiktion beginnt und Fakten enden, ist dabei nie eindeutig, was das Buch, zumindest in meinen Augen, problematisch macht. Denn niemand ĂŒberprĂŒft beim Lesen alle Fakten, mit denen die Leser:innen dieses Romans bombardiert werden. VerschwörungserzĂ€hlungen und an Nationalismus grenzende Lobreden auf die Arbeit von Geheimdiensten werden hier mit medizinischen Begriffen und literarischem Werkzeug verwoben.
Robert âEs gibt da ein Lateinisches Sprichwort, mit dem ich dir das nochmal mansplainen kannâ Langdon
Dem Roman tun diese pseudowissenschaftlichen Ausschweifungen in zweierlei Hinsicht nicht gut. Erstens macht es keinen Spaà sie zu lesen. Zweitens wird der Protagonist zum Besserwisser und verharrt in einer PassivitÀt, in der er zwar Fakten nennt, aber nicht handelt.
Als es darum geht, wie mit der Frau zu verfahren ist, die gleichzeitig Opfer und TĂ€terin ist, die Beweise hat und gleichzeitig hilflos ist, treten andere Figuren schon in Aktion, wĂ€hrend Langdon darĂŒber sinniert, das Dilemma mit Apollo und Dionysus vergleicht. Er intellektualisiert die Situation, anstatt zur Lösung beizutragen oder anders ausgedrĂŒckt: er schwafelt und macht nichts. Das macht den Professor entbehrlich.
Um es noch schlimmer zu machen, ist The Secret of Secrets auch ein Boomer-Roman. Langdon kann nicht anders, als mit einem Seitenhieb auf âunsere neue RealitĂ€tâ Menschen zu kritisieren, die fĂŒr Instagram posieren. Die die RealitĂ€t ignorierten, wie er sagt. Nichts schreit mehr Boomer als jemand, der nicht versteht, dass auch das Internet Teil der RealitĂ€t ist. Langdon sagt, er verabscheue das implizierte DrĂ€ngeln, das Textnachrichten mit sich brĂ€chten und bevorzuge deshalb E-Mail. Er macht sich darĂŒber lustig, dass ein Influencer-Paar auf einem Turm Fotos fĂŒr Social Media macht und kommentiert, dass der Wunsch nach BerĂŒhmtheit eigentlich nur beweise, dass wir alle Angst vor dem Tod, dem Sterben und Vergessenwerden hĂ€tten. Und lasst mich gar nicht erst davon erzĂ€hlen, was er ĂŒber Halo denkt.
Dan Brown liebt seine Hauptfigur â und das ist ein Problem. Denn Robert Langdon ist nahezu unfehlbar. Er stolpert hin und wieder, wenn es dramaturgisch sinnvoll ist, aber mehr als einmal wird erwĂ€hnt, wie athletisch (an einer Stelle wird explizit auf seine definierten Bauchmuskeln hingewiesen), intelligent, beliebt und erfolgreich er ist. Und er hat immer Recht. Niemand mag Leute, die immer Recht haben.
Jetzt könnte man meinen, dass seine Besessenheit von RationalitĂ€t die Schwachstelle ist, die ihn nahbar machen soll. Das Buch scheint da anderer Meinung zu sein. Immer wieder wird betont, wie logisch seine Schlussfolgerungen seien. Auf jede Frage hat er eine Antwort. Jedem Satz seiner Mitmenschen hat er zwei hinzuzufĂŒgen. Und dieses Besserwissertum macht selbst vor seinen inneren Monologen keinen Halt: Als er in einem Spiegelkabinett vor seinem Verfolger flieht, erklĂ€rt er, dass RechtshĂ€nder statistisch gesehen den rechten Weg in einem Labyrinth nehmen wĂŒrden, was Labyrinth-Bauer wĂŒssten, weshalb der linke Weg hinausfĂŒhre, wenn man ihm lange genug folge.
Wieder ist es ein schmaler Grat, in diesem Fall zwischen unterhaltsamen Fun Facts, die Teil der Charakterisierung sind, und nerviger KlugscheiĂerei, den Brown auf der falschen Seite ĂŒberschreitet. Wenn der Professor bemerkt, dass fĂ€lschlicherweise der Hermesstab verwendet wird, obwohl doch der Ăskulapstab das korrekte Symbol fĂŒr Medizin ist, soll das seine weitreichende Kenntnis von Symbolen demonstrieren, lĂ€sst ihn aber â vor allem in der Masse solcher Anmerkungen â kleinlich und arrogant wirken.
Eine der unangenehmsten Eigenschaften, die ein Mensch haben kann, ist, dass er zuerst davon ausgeht, dass andere einen Fehler gemacht haben, bevor er alle anderen Möglichkeiten und vor allem die des eigenen Fehlers in Betracht zieht. Robert Langdon ist genau dieser Mensch, der sich erst ganz am Ende vorstellen kann, dass jemand etwas weiĂ, von dem er keine Ahnung hat.
Als er im inneren Monolog die sunk cost fallacy erklÀrt, denke ich mir, dass ich zwar gar keine Lust mehr habe, aber schon zu viele Seiten gelesen habe, um jetzt aufzuhören. Und ich dachte, das lateinische Sprichwort, das er zu einer Diskussion mit Solomon beitrÀgt, hÀtte mir den Rest gegeben, aber ich sollte eines besseren belehrt werden.
In einer der RĂŒckblenden sitzen Langdon und Solomon mit ihrem Lektor beim Essen, verhandeln Katherines neues Buch. Sie versucht vereinfacht zu erklĂ€ren, worum es geht, der Lektor ist dennoch verwirrt und Robert wirft ein, er solle froh sein: âSie könnte das Mittagessen ruinieren, indem sie versucht, das triadisch dimensionale vortikale [Google sagt, es heiĂt âvertikaleâ] Paradigma zu erklĂ€ren.â Sie kontert, dass ein Mann seines Intellekts in der Lage sein mĂŒsse, âeine neundimensionale quantisierte volumetrische RealitĂ€t zu verstehen, die in ein unendliches Kontinuum eingebettet istâ.
Ich bitte dich.
Ich mag nicht mehr
Auch Langdons Partnerin muss intelligent und erfolgreich sein. Aber sie ist trotzdem nur eine Frau, deshalb sind SĂ€tze wie âsie war zwar vier Jahre Ă€lter als Langdon, aber immer noch schönâ obligatorisch. Denn 1. hat eine Protagonistin schön zu sein und 2. macht es sie besonders, dass sich bei ihr, im Gegensatz zu allen anderen Frauen auf der Welt, Alter und Schönheit nicht ausschlieĂen.
Katherine soll Roberts Ausgleich sein. Sie widerspricht ihm, wenn er ĂŒber Instagram lĂ€stert. Gleichzeitig ist auch Teil ihrer Persönlichkeit, dass sie nie eine irrationale Behauptung aufgestellt hat â etwas, das Langdon so an ihr liebt. Sie ist anders als alle anderen Frauen, die er kennt (Si apre in una nuova finestra). Hier wird deutlich: Sie ist eine Erweiterung Langdons, eine Illusion.
Die Fassade zerfĂ€llt spĂ€testens dann, wenn Langdon ihr erklĂ€rt, wie VerschwiegenheitserklĂ€rungen funktionieren. Einer Frau von Welt, die fĂŒhrend auf ihrem Gebiet ist. Denn scheinbar gilt auch 2025 noch: Frauen, egal, wie kompetent sie sind, wie intelligent und mĂ€chtig, werden im Laufe einer Geschichte zu einer Jungfrau in Nöten, die von einem mĂ€nnlichen Charakter beschĂŒtzt werden muss.
Und dann erwidert Langdon nicht mal, das âIch liebe dichâ. Nichtig, könnte man meinen. Aber im Zusammenhang mit all den anderen Dialogen wird hier noch mal deutlich, wie ĂŒberlegen er sein soll, dass er sich nicht seinen Emotionen oder spontanen GefĂŒhlen hingibt. Es kommt noch dicker. Am Ende dankt sie ihm und nicht umgekehrt, obwohl sie die Wissenschaftlerin ist, die alles erkannt hat und er nur dabei war. Dieses vollkommen unbegrĂŒndete Machtungleichgewicht wird verstĂ€rkt, ach, was sage ich, einbetoniert, durch die Tatsache, dass Langdon Solomons Arbeit den Titel gibt. Denselben Titel wie dieser Roman: The Secret of Secrets.
Das Ergebnis all dieser Kleinigkeiten, die sich zu einem groĂen Augenrollen summieren, ist ein Protagonist, der unsympathischer nicht sein könnte. Wobei man sich fragen muss, ob es nur der Protagonist oder nicht doch das ganze Buch ist.
Eine Frage des Erwartungsmanagements
Die gedachte Zielgruppe von The Secret of Secrets sind Menschen, die sich clever fĂŒhlen wollen. Die, wenn das geozentrische Weltbild erwĂ€hnt wird, wissen, was das ist. Die ein Bild vor Augen haben, wenn die Felsgrottenmadonna erwĂ€hnt wird.
Die tatsĂ€chliche Zielgruppe sind Menschen, die sich clever fĂŒhlen und ein Abenteuer voller RĂ€tsel und Intrigen erleben wollen. Leider unternimmt der Roman alles Mögliche, um seinen Leser:innen keinen der beiden WĂŒnsche zu erfĂŒllen. RĂ€tsel sind auf ein Minimum (1) begrenzt und die Intrigen gehen in langatmigen Schwafeleien unter, die man fast nicht gewillt ist zu ertragen, um wieder zum spannenden Teil des Buches zu gelangen.
Die besserwisserische Art der Hauptfigur ist geradezu beleidigend. Die pseudowissenschaftliche Theorie knĂŒpft an VerschwörungserzĂ€hlungen an, um ihre provokante und kontroverse Natur zu unterstreichen und reiht sich damit direkt in eben diese ein. Der Roman versucht sich mit BezĂŒgen auf tatsĂ€chlich existierende BĂŒcher, egal ob Sachbuch oder Fiktion, in unserer Welt zu verorten und damit einen Hauch von Legitimation zu erlangen. Dabei weiĂ er scheinbar nicht, ob er eine billige Black-Mirror-Dystopie oder Sachbuch sein will.
Das LiebĂ€ugeln mit der Idee von etwas Nicht-Fiktivem (Si apre in una nuova finestra), also der Idee, dass da eine tiefere Wahrheit ist, die darauf wartet erschlossen zu werden, macht die Robert-Langdon-Romane aus. Mit The Secret of Secrets schieĂt Brown aber den Vogel ab.
FĂŒr casual reading okay.
2/10.
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Christina
Jingle: Booth von Jesse Spillane via Free Music Archive, CC BY 4.0 DEED (Si apre in una nuova finestra)