Es war mal wieder Valentinstag. Inklusive der alten Fragen: Blumen schenken - ja oder nein? Verliebt sein auf Knopfdruck - yay oder nay? Und nicht zu vergessen: romantische Liebe - nervig oder nötig?
Die Romantik, hauptsächlich in ihrer heteronormativen Version, steht in der feministischen Welt ja nicht erst seit gestern in der Kritik. Aber innerhalb der letzten Jahre sind - gefühlt! - die Stimmen immer lauter und vielfältiger geworden, die fordern, dass die Idee der romantischen Liebe mitsamt ihrer unfeministischen Auswüchse Ehe und Kernfamilie vom Thron gestoßen werden soll.
Wie gesagt, eigentlich ja keine neue Idee. Nur umgesetzt hat sie bisher noch keine.
Obwohl tatsächlich gerade alle Zeichen auf Abkehr von der hetero Romantik stehen, wenn man dem Internet Glauben schenken möchte. Der sogenannte Heterofatalismus war ja auch schon in einer Ausgabe dieses Newsletters Thema (Si apre in una nuova finestra) und wird uns sicherlich noch eine Weile medial begleiten.
Schließlich ist die grundlegende Disziplin hierbei eine der Lieblingsbeschäftigungen des Internets: nämlich Beschwerden. Und zwar über die gegenseitige Un-Datebarkeit von Männern und Frauen, die sich augenscheinlich nicht mehr miteinander verständigen können (außer vielleicht Chatty flirtet mit). Weil sie nicht mehr dieselbe Sprache benutzten, durchschnittlich nicht mehr miteinander vereinbare politische Einstellungen verträten oder einfach nicht mehr zurückschreiben würden.
Und sowieso soll das Konzept der Romantik und der daraus resultierenden Liebesheirat ja alles eh ein Scam sein. Dem will ich auch gar nicht unbedingt widersprechen, ich bin ja selbst skeptisch, was die ganze Suche nach the one and only Mr./Mrs. Right anbelangt.
Aber irgendwas Gutes muss uns das Ganze doch geben, wenn ein Großteil der Menschheit seit nun mehreren hundert Jahren und trotz bitterster Rückschläge und Scheidungsraten weiterhin wie liebestoll diesem einen Ideal hinterherrennt: unseren Seelenverwandten.
Es kann ja nicht sein, dass das Projekt “romantische Liebe des Lebens” ausschließlich Quatsch ist, oder?
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Das hat sich auch die Redaktion des Podcasts Wissen Weekly angesichts des drohenden Valentinstags gefragt und deswegen eine Folge zum Thema produziert: “Soulmates: Gibt es die eine große Liebe?” (Si apre in una nuova finestra)
Hier soll eindeutig geklärt werden, ob es sie nun gibt oder nicht, die einzig wahre romantische Liebe. Spoiler: nicht so wirklich. Shocking! Naja, auch nicht so wirklich. Aber eine Randbemerkung von der für die Folge interviewten Soziologin und Paartherapeutin, Dr. Barbara Kuchler, fand ich persönlich dann doch hochinteressant.
Und zwar erklärt sie, welches Bedürfnis für viele Menschen eigentlich hinter der Idealisierung von romantischen Beziehungen steht: “Sich zu verlieben beginnt mit Projektion. Das heißt, ich projiziere die Dinge, die ich in meinem tiefsten Inneren als Wünsche und Sehnsüchte habe - und vielleicht gar nicht [bewusst] kenne - in die äußere Welt und glaube sie in einem anderen Menschen zu sehen.”
Ein Crush ist für Dr. Kuchler also nicht (nur?) der berühmte Mangel an Informationen über die Person, sondern eine Personifikation unserer unerfüllten Bedürfnisse: “Entweder das, was mir in meiner Kindheit das tiefste Glücksgefühl gegeben hat oder was ich in meiner Kindheit vermisst habe, ohne das zu wissen. Also meine tiefsten unerfüllten Sehnsüchte. Das ist, was ich jetzt [vom Crush] zu kriegen hoffe - und dann verliebe ich mich.”
Aber mit der Zeit lernten wir das Subjekt unserer Begierde besser kennen und die Projektion müsse in diesem Prozess immer weiter der Realität weichen: Dieser Mensch hat eine eigene Persönlichkeit und seine Funktion ist es nicht, unser Elternteil zu ersetzen.
Darauf folge eine beinahe unausweichliche Ernüchterung, die in vielen Fällen auch zum Ende der Verliebtheit führen würde. So tragisch, so bekannt.
Das muss allerdings nicht das Ende der Liebe bedeuten. Reife partnerschaftliche Beziehungen legen jetzt erst so richtig los. Nur bedeutet es eben oft das Ende der Romantik in der Art, in der sie uns seit Jahrhunderten vorgeführt wird: kopflos, liebestrunken, hormonhigh und in glückseliger Verschmelzung mit unserem Schatzi.
Doch der von Dr. Kuchler vorgetragene Forschungsstand ändert nichts daran, dass wir offenbar gesamtgesellschaftlich weiter von einem romantischen Liebesideal träumen, das uns endlich wieder so quietschfidel und glücklich macht wie zuletzt als Kleinkind.
Und weißt du was? Ich finde das total nachvollziehbar. Ich würde sogar sagen, dass wir die Romantik hier zu unserem Vorteil nutzen sollten.
26.02. Soli-Lesung für den Periodenladen im Friedrichshain!
Ab 19:30 Uhr sprechen Nike Wessel, Lea Holzfurtner, Stephanie Kossow, Beate Absalon und ich mit EUCH über “Orgas-MUSS? - Ein Abend zu Scham, Stress und Spielräumen”.
Tickets gibt’s hier! (Si apre in una nuova finestra) Wir freuen uns auf euch!
Denn wenn das Bild, das wir auf unseren neuen Love Interest projizieren, uns über unsere aktuell oder urzeitlich unerfüllten Bedürfnisse und Sehnsüchte informieren kann, dann steckt in einem Crush doch mindestens genauso viel Potential zur Selbsterkenntnis wie in sechs Monaten Journaling oder drei Sitzungen Gesprächstherapie. Das sollten wir nutzen, das spart Zeit und bares Geld 😉
Aber mal ohne Witz: Egal, wie reflektiert wir das mit der partnerschaftlichen Liebe auch angehen, wir bringen immer Erwartungen mit ein, die eine neue Verbindung erfüllen soll. Und so manche Sehnsucht braucht mit Sicherheit auch Teamwork, um befriedigt zu werden. Denken wir an einen möglichen Kinderwunsch, den Drang nach Verbundenheit und dem Wunsch, sich verstanden und gesehen zu fühlen. Das können wir nicht alles mit uns selbst ausmachen.
Gleichzeitig wird es aber auch einige Anteile in unseren Bedürfnissen geben, für die wir tatsächlich selbst Verantwortung übernehmen können. Zum Beispiel, dass wir gut versorgt sind mit Erholung und Ausgleich oder anderen Dingen, die uns körperlich und seelisch gut tun. Auch das Gefühl von Anerkennung und Sinn ist etwas, das wir nicht allein im Außen suchen müssen. Für all diese Aspekte reicht es, uns selbst ein gutes Elternteil zu sein.
Ich gebe zu, dass das keine einfache Aufgabe ist. Aber der schwierigste Schritt ist häufig, überhapt zu erkennen, dass wir noch nicht gut in Selbstfürsorge sind und worin eigentlich die Bedürfnisse bestehen, dir wir uns selbst erfüllen können. Bei Letzterem hilft uns jetzt eventuell die Romantik weiter.
Frag dich doch bei deinem nächsten Crush mal (der durchaus auch ein fiktiver Film- oder Buchcharakter sein kann 😈), wovon genau du eigentlich träumst, wenn du gerade deine Gedanken schweifen lässt. Hoffst du auf ihre Anerkennung und lobenden Worte? Fantasierst du darüber, dass er dich an die Hand nimmt und dich auf einen Wochenendtrip entführt? Dir also die Erlaubnis für eine Pause erteilt? Du merkst es schon, der Weg zu mehr Erkenntnis über die eigenen Wünsche ist gut sichtbar auf der eigenen emotionalen Landkarte eingezeichnet. Dein Crush ist die Gelegenheit einmal genauer hinzusehen.
Wie es um meine Selbstfürsorge-Skills steht habe ich persönlich übrigens über die Frage nach meinem Kinderwunsch festgestellt - vorhanden oder nicht? Meine Gedanken dazu habe ich ursprünglich für das Schweizer Magazin annabelle aufgeschrieben. Heute teile ich sie auch nochmal im “Blog”-Teil dieses Newsletters.
Auf der einen Seite ist das Thema hochindividuell, hängt es doch stark von den persönlichen Lebensumständen ab. Auf der anderen Seite sind wir alle aber auch nicht so verschieden voneinander in dem, was uns antreibt und uns nachts wach liegen oder träumen lässt.
Am Ende des Tages suchen wir alle unser Glück. In der romantischen Liebe, in der Eltern-Kind-Beziehung, in diesem einen Leben, das wir haben. Was genau wir also am Ende nutzen, um herauszufinden, was dieses Leben ein Stückchen schöner für uns macht, ist ganz gleich. Solange wir es nicht nur bei dem theoretischen Wissen belassen.
Will ich Mutter werden?
Wie ich nach meinem Kinderwunsch suchte und meinen Mutterwunsch fand
Jahrelang war ich auf der Suche. Seit ich Ende 20 war, intensiver denn je. Ich stellte Fragen, recherchierte Informationen und hörte mir die persönlichen Erlebnisse von jungen und älteren Eltern in meinem Umfeld an. Ich wollte endlich vollumfänglich darüber aufgeklärt werden, was es mit Schwangerschaft, Geburt und Mutterschaft eigentlich auf sich hat. Warum? Damit ich hoffentlich bald eine informierte Entscheidung darüber treffen kann, ob ich einmal selbst Mutter werden will. Ich hatte die Hoffnung, dass die Erfahrungen und Geschichten anderer Menschen entweder eine profunde Abneigung gegen oder doch einen bislang verborgenen Wunsch nach eigenen Kindern in mir wecken würden. Aber es kam anders.
Meine eigene Mutter starb bereits vor meinem dritten Geburtstag an Brustkrebs. Mein Vater erzog mich allein, weshalb ich nie bewusst erlebt habe, wie es ist, wenn jemand die Mutterrolle für mich übernimmt. Meine Kindheit war dennoch glücklich und für die längste Zeit meines Lebens dachte ich, mir würde nichts fehlen. Wie sollte man auch etwas vermissen können, das man gar nicht kennt?
Heute bin ich über 30 und habe die Antwort darauf, ob ich einmal Mutter werden will, gefunden. Und obwohl sie in einem tiefen Wunsch nach Mutterschaft wurzelt, ist sie alles andere als ein Kinderwunsch.
Die Rollen, die Mütter spielen - Welche sind echt?
Ich gehöre nicht zu diesen Menschen, die quasi mit der Gewissheit auf die Welt gekommen sind, dass sie einmal Kinder in selbige setzen wollen. Stattdessen ist da bisher nur ein gewisses Interesse. Allerdings nicht an Kindern direkt und auch nicht an der Fantasie, meine Gene weiterzugeben. Stattdessen verspüre ich Faszination für die krasse physiologische Erfahrung, mit meinem Körper ein Baby zu produzieren. Aber qualifiziert sich das schon als Kinderwunsch?
Würde ich das Leben mit Kind genug wollen, um die Mutterrolle ausfüllen zu können, die dann von mir erwartet wird?
Da ich ohne Mutter aufgewachsen bin, wurde mein Bild von dieser Rolle hauptsächlich durch die Popkultur der letzten 30 Jahre geprägt. Die Repräsentationen von Müttern, die mir in Kinderbüchern, Film & Fernsehen oder zuhause bei meinen Schulfreund*innen begegneten, waren allerdings sehr gegensätzlich. Wie verhält sich eine Mutter wirklich? Die teils medial überspitzten Bilder und die wenigen privaten Beispiele halfen mir kaum, eine echte Vorstellung von Mutterschaft zu entwickeln.
Die aufmerksam überbesorgte Hausfrau-Mutti stand gegenüber der ständig abgehetzten berufstätigen Mama. Es gab die übergriffige Neugier der Mutter, die immer ungefragt ins Zimmer platzt, neben dem Bollwerk von unerschütterlicher Akzeptanz für alle Fehler ihrer Kinder. Und nicht zuletzt wurde in den Neunzigern zum ersten Mal das Bild des warmherzigen Hausmütterchens dem nicht weniger eindimensionalen Sexsymbol der MILF (Si apre in una nuova finestra) gegenübergestellt. Kurz gesagt, mich erreichten mixed messages.
Welche der aufgezählten Aspekte tatsächlich die Mutterrolle ausmachen und welche nicht, konnte ich alleine nicht klären. Und ohne eigene Mutter wurde mir kein Beispiel vorgelebt, nach dem ich einmal selbst jemanden bemuttern könnte. Was mich ratlos vor der Frage zurückließ, welche mütterlichen Eigenschaften ich eventuell entwickeln würde. Neurotisch besorgt, dafür immer ansprechbar? Ständig im Wettbewerb mit anderen Eltern um das hochbegabteste Kleinkind, dafür extrem engagiert? Oder doch entspannt-selbstverwirklicht, aber meistens abwesend? Und welches Verhalten als Mutter wäre - mal abseits von meinem angestrebten Selbstbild - wirklich vorteilhaft für meinen Nachwuchs?
Um eine bessere Vorstellung von einer klischeebefreiten Mutterrolle zu bekommen, habe ich zum ersten Mal das getan, was für die meisten anderen Menschen total normal ist: Ich habe Mama um Rat gefragt. Zwar nicht meine eigene, dafür aber gleich zehn Mütter unterschiedlichen Alters (von Mitte 20 bis Anfang 60), deren Gespräche mit mir ich auf meinem Blog veröffentlichen durfte (Si apre in una nuova finestra).
Manche der Mamas, mit denen ich sprach, kamen aus meinem Bekanntenkreis, andere waren mir fremd. Alle hatten unterschiedlich viele Kinder und manchmal sogar schon Enkel bekommen. Einige hatten Kinder verloren, andere hatten sowohl Geburten als auch Abtreibungen erlebt. Gerade wegen ihrer grundverschiedenen Lebensgeschichten habe ich ihnen allen diese eine identische Frage gestellt: Was macht eine Person zur Mutter?
Zehn Mütter über Mutterschaft - Drei Wahrheiten
Wenn diese zehn Interviews eines hervorgehoben haben, dann dass die Erfahrungen rund ums Muttersein sehr individuell sind. Dennoch gibt es drei grundlegende Aspekte, von denen mir jede meiner Gesprächspartnerinnen berichtet hat. Und ich habe den Eindruck, dass ihre Fundamentalität auch Menschen, die (noch) ohne Kinder leben, ein grundlegendes Bild von Elternschaft vermitteln kann.
Die erste basale Mutterschafts-Erfahrung klingt so selbstverständlich wie simpel: Veränderung. Wenig ist wahrscheinlich aus der Perspektive von vielleicht-Mal-Müttern so schwierig vorstellbar wie die Tatsache, dass das eigene Leben so plötzlich so anders ist.
Ich persönlich stehe ja sehr auf Veränderungen. Zum Beispiel darauf, im Urlaub an immer andere Orte zu reisen. Oder aufs Möbelrücken, um in der Wohnung für frischen Wind zu sorgen. Also Veränderungen, die nach meinen eigenen Vorstellungen passieren und am besten dann, wenn es mir gerade in den Kram passt. Laut meiner Gesprächspartnerinnen gibt es aber kaum Kontrolle über die Veränderungen im eigenen Leben, wenn man Mutter wird. Stattdessen beschreiben sie einen Wandel, der meistens von äußeren Umständen bestimmt ist und dem man sich nicht entziehen kann. Und auch die, die sich vorgenommen hatten, einfach ihr altes Leben dann eben mit Kind weiterzuleben, verstanden mit der Zeit, dass die Veränderung, die stattfindet, keine Entscheidung ist.
Die Mutterrolle anzunehmen, bedeutet also, zu akzeptieren, auf welche Weise auch immer sich das eigene Leben verändern mag - und zwar nachhaltig.
Diese Nachhaltigkeit steht für den zweiten fundamentalen Aspekt der Mutterrolle, nämlich Verbindlichkeit. In den Interviews beschreiben einige der Mamas ein Maß an Verantwortungsgefühl für ihre Kinder, das absolut und unbegrenzt zu sein scheint. Sie sind sich bewusst geworden, dass diese Fürsorge-Beziehung auf “ein Leben lang” ausgelegt ist. Ein Level an Verbindlichkeit, das sich die meisten von uns heute von romantischen Beziehungen erhoffen. Für mich klingt das nach einer langlebigen und enorm tiefen Zuneigung. Tiefer noch als wir sie in romantischen Beziehungen erfahren?
Die Mamas bestätigten diesen Eindruck, was uns zum dritten grundlegenden Aspekt der Mutterrolle bringt. Und zwar betrachten meine Gesprächspartnerinnen die absichtslose Liebe zum Kind als eine einzigartige Lebenserfahrung, die sich besonders durch ihre Bedingungslosigkeit zu partnerschaftlicher Liebe unterscheidet. Sie zeichnen das Bild der Zuneigung zum Kind als eine Liebe, die größer nicht sein könnte und die keine Gegenleistung erwartet.
Wie ich in all dem meine Antwort fand
Auch wenn ich das, was meine zehn Interviewpartnerinnen mir dankenswerterweise so offen erzählten, als Nicht-Mutter nicht nachempfinden kann, schärft es meine Vorstellung von Mutterschaft deutlich. Trotzdem alle Frauen in den Gesprächen die Mutterrolle durch eine mehr oder weniger freiwillige Selbstlosigkeit beschrieben, warnen nicht wenige von ihnen vor der Falle der völligen Selbstaufgabe: “Man verliert leicht das eigene Ich aus den Augen, weil man das Beste für sein Kind möchte [...] Das Kind braucht in erster Linie Liebe und Verständnis, was tragischerweise die beiden Aspekte sind, die sich am schnellsten aus den Augen verlieren lassen, wenn man sich die ganze Zeit mit Ansprüchen an Unwichtigkeiten [wie den perfekten Haushalt] auseinandersetzt“, gibt mir Ria (Name geändert), Mutter eines Jungen, zu verstehen.
Sie betonte die Wichtigkeit und oft gleichzeitige Unmöglichkeit der Selbstfürsorge als Mama und dann sagte sie einen Satz, der noch sehr lange in mir nachklingen wird: “Im Idealfall wird man nicht nur zur Mutter für das eigene Kind, sondern auch für sich selbst.“
Die Einsicht traf mich nicht sofort, sondern tatsächlich erst mehrere Jahre nach meinem Gespräch mit Ria. Mehrere Jahre, in denen ich in vielen weiteren Unterhaltungen, in Fachliteratur, aber auch in einer Therapie, die meine Familiengeschichte aufbereitet, langsam begriff, dass meine Suche nach Wissen zu Mutterschaft viel weniger mit einem Kinderwunsch als mit einem Mutterwunsch zusammenhängt. Dass mich dieses Thema so in seinen Bann gezogen hat, liegt nicht daran, dass es mich nervös machen würde, wie unklar mir mein Kinderwunsch ist. Sondern dass ich die Leerstelle füllen möchte, die meine eigene Mutter in meinem Leben hinterlassen hat.
Ich verstand, dass ich nicht nur eine Antwort auf die Frage hatte finden wollen, wie es ist, Mutter zu sein, sondern auch, wie es sich anfühlt, eine Mutter zu haben. Als mir die unterschwellige Motivation meiner Suche bewusst wurde, verließ mich zunächst mein Mut. Aus dem simplen Grund, dass es mir schlicht nicht möglich sein wird, die Erfahrung von Mutterliebe durch reine Wissensanhäufung nachzuholen. Aber ich fand Trost in Rias Worten, die mir eine Möglichkeit eröffneten, auf die ich nie alleine gekommen wäre: Ich kann versuchen, mir selbst eine Mutter zu sein. Und zwar indem ich mir die drei Aspekte der Mutterrolle, die die zehn Mamas mir erklärt haben, zu Herzen nehme und auf mich selbst anwende.
Akzeptanz dafür zu schaffen, dass ich mich verändere, ob körperlich, psychisch oder in meinen Bedürfnissen und Zielen. Und eine verbindliche Fürsorge für mich zu etablieren, die durch eine absichtslose Zuneigung zu mir selbst aufrechterhalten wird. Aus dem einfachen Grund, dass wenn das jemandes Verantwortung ist, dann meine. Klingt kitschig, aber wie sähe die Alternative aus? Einem Partner oder einem eigenen Kind will ich diese Verantwortung für mich auf keinen Fall überstülpen.
Wer weiß, vielleicht kriege ich das nach ein paar Jahren Übung ja auch ganz gut hin mit dieser Selbstfürsorge und -akzeptanz. Und wenn ich dann etwas mehr Routine darin habe, eine Mutter für mich selbst zu sein, kann ich immer noch schauen, ob mich das schon an meine Grenzen gebracht hat. Oder ob es mich vorbereiten konnte, um diese Rolle einmal für einen anderen Menschen zu übernehmen.
📖 Heute gibt es eine Buch-Empfehlung pro Thema. Die erste bezieht sich auf eine von den anfangs genannten Stimmen, die schon seit Jahren dafür plädieren, das Monopol der Romantik auf unser Lebensglück zu hinterfragen: Dr. Andrea Newerlas Sachbuch-Debut “Das Ende des Romantikdiktats”.
Das Buch kann nicht nur fluffig und in angenehmer Sprache hochspannende Erkenntnisse aus der Sozialwissenschaft verständlich machen. Es erreichte bei mir auch eines der selbstgesetzten Ziele der Autorin: Es hat mich dazu angeregt, grundlegend über meine Art und Weise Beziehungen zu leben nachzudenken und zu diskutieren. Mit anderen und mit mir selbst.

📖 Die zweite Empfehlung ist eine deutlich tiefere Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Mutterwunsch: Sheila Hetis “Mutterschaft”

🎧 Außerdem habe ich diese spannende Folge von Esther Perels Podcast Where Should We Begin? entdeckt: “Mothering My Mother Into Mothering Me” (Si apre in una nuova finestra)- für alle, die die Chance noch haben.
💦 In meiner Tagesspiegel Kolumne wurde es zuletzt ziemlich feucht… bzw. nicht. Weshalb ich mich endlich einmal systematisch über Gleitgel informiert habe. Und oh boy, damit kann man auch so einiges falsch machen! Was es zu beachten gibt, liest du mit Plus-Abo in “Hoffentlich werde ich gleich feucht - Unsere Autorin braucht Gleitgel und will sich nicht mehr dafür schämen” (Si apre in una nuova finestra).
👃Dafür schämt man sich doch heutzutage schon gar nicht mehr, sagst du? Du willst lieber über etwas lesen, das vielen Menschen noch peinlicher ist, als vermeintliche sexuelle Funktionsstörungen? Dann ist dieser Artikel für WELT Lifestyle vielleicht etwas für dich: „Körpergerüche gibt es bei allen“ – zum Problem werden sie nur bei Frauen. (Si apre in una nuova finestra)
Vielen Frauen ist ihr Intimgeruch unangenehm. Die Scham hat weniger mit Hygiene zu tun als mit einem jahrzehntelang gepflegten Marketingnarrativ. Was bei vaginalen Gerüchen normal ist – und wie richtige Intimhygiene wirklich aussieht, liest mit WELT+ Abo.
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Danke für’s Lesen und liebe Grüße von
Cleo
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