Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es Trauma.
Ich erinnere mich noch gut an meine erste Klassenfahrt. Es ging auf den Forellenhof nach Glücksburg, das Areal hatte sogar ein eigenes Wellenbad. Auf dem Bolzplatz stand ich im Tor und hielt mehr Bälle als die meisten (inklusive mir) erwartet hätten. Am letzten Abend haben wir eine Mini-Disco im Gemeinschaftsraum gemacht, es gab sogar eine Art Bowle, natürlich alkoholfrei.
Wenn ich mich zurückerinnere, hat meine Erinnerung einen Anfang, eine Mitte, ein Ende. Ich kann sie erzählen, sie hat zwar Lücken und die werden im Laufe der Jahre bestimmt auch größer werden, aber noch kann ich sie greifen.
Wenn sich andere an ihre erste Klassenfahrt erinnern, kann das ganz anders aussehen. Zum Beispiel, wenn sie dort etwas erlebt haben, dass sie nie wieder loslassen konnten, etwas Traumatisches. Erinnerungen an solche Dinge können anders kommen. Als Herzrasen, Druck in der Brust, Schweiß auf der Stirn, plötzliche Wachsamkeit.
Genau an dieser Stelle beginnt die Idee, mit der wir uns heute beschäftigen: The Body Keeps the Score. Der Körper führt Buch.
So heißt das 2014 erschienene Buch des Psychiaters Bessel van der Kolk, auf Deutsch unter dem Titel „Das Trauma in dir – Wie der Körper den Schrecken festhält und wie wir heilen“ bekannt. Es ist eines der einflussreichsten populärwissenschaftlichen Bücher über Trauma der vergangenen Jahre und hat enorm dazu beigetragen, wie heute außerhalb von Fachkreisen über traumatische Erfahrungen gesprochen wird.
In der Wissenschaft kann man gerade eine enorm spannende Debatte verfolgen, denn vor weniger als einem Monat erschien ein jetzt schon einflussreiches Paper mit dem Titel „The body does not keep the score“. Hört, hört: Hier geht es um zwei scheinbar gegensätzliche Ansätze, was Trauma ist und was nicht.
In dieser ersten Ausgabe zum Thema geht es noch nicht um die Kritik an van der Kolks Sicht. Die kommt (sie muss kommen). Schauen wir uns heute erstmal an, was überhaupt seine Idee von Trauma ist.
Als sei die Gefahr noch da
Van der Kolks Grundidee würde ich vorsichtig so formulieren: Trauma ist nicht nur etwas, woran Menschen sich erinnern. Trauma kann ein Zustand sein, in den der Organismus zurückfällt.
Wer eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt, leidet nicht nur an belastenden Gedanken. PTSD kann sich zeigen in Wiedererleben, Vermeidung, Schlafproblemen, Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhter Wachsamkeit, emotionaler Taubheit, Dissoziation, Wut, Scham, Schuldgefühlen oder Schwierigkeiten in Beziehungen.
Van der Kolk sagt: Wenn Menschen nach traumatischen Erfahrungen auf scheinbar harmlose Reize mit Panik, Erstarren oder innerem Rückzug reagieren, dann liegt das nicht einfach an mangelnder Einsicht. Der Körper reagiert, als sei die Gefahr noch da. Die Vergangenheit ist nicht vergangen, jedenfalls nicht für das Alarmsystem.
Auf seiner eigenen Website beschreibt van der Kolk die zentrale Idee seines Buches ähnlich: Der Körper könne in Kampf, Flucht oder Erstarren festhängen; traumatischer Stress störe Hirnkreise, die mit Aufmerksamkeit, Flexibilität und emotionaler Kontrolle verbunden sind.
Das war eine durchaus große Verschiebung: Trauma wird nicht nur als Erinnerung verstanden, sondern als Regulationsproblem und als Schwierigkeit, dem eigenen Körper wieder zu vermitteln: Es ist vorbei.
Drei Hirnregionen? Eher mehrere Netzwerke
In der Hirnforschung hat diese Sicht einen plausiblen Hintergrund. Viele Modelle der PTSD beschäftigen sich mit Hirnregionen und Netzwerken, die Bedrohung erkennen, Erinnerungen einordnen und Reaktionen regulieren. In älteren Darstellungen tauchen dabei immer wieder drei Begriffe auf: Amygdala, Hippocampus und präfrontaler Kortex.
Die Amygdala wird oft mit Bedrohungsverarbeitung verbunden, der Hippocampus mit Kontext und Gedächtnis, präfrontale Regionen mit Kontrolle und Regulation. In einfachen Versionen klingt das dann so: Die Amygdala schlägt Alarm, der präfrontale Kortex bekommt sie nicht mehr richtig herunterreguliert, der Hippocampus ordnet die Erfahrung nicht sauber als Vergangenheit ein. Zack: Traumaerinnerung. Solche Modelle haben die Traumaforschung stark geprägt.
Aber die aktuelle Hirnforschung ist vorsichtiger geworden. Eine große Übersichtsarbeit (Si apre in una nuova finestra) von 2024 in Molecular Psychiatry beschreibt zwar weiterhin Befunde zu diesen klassischen Regionen, betont aber, dass PTSD nicht auf ein simples Drei-Areale-Modell reduziert werden sollte. Neuere Arbeiten betrachten stärker ganze Netzwerke: etwa Systeme für Salienz, Selbstbezug, Aufmerksamkeit und kognitive Kontrolle. Außerdem sind viele Befunde in der Bildgebung korrelativ, heterogen und noch nicht so robust, dass man sie im klinischen Alltag einfach zur Diagnose oder Therapieentscheidung verwenden könnte.
Der Körper speichert Erinnerungen? Naja …
Van der Kolks Buch steht aber an einer Schnittstelle. Es hat neurobiologische Forschung für ein breites Publikum erzählbar gemacht. Gleichzeitig erzählt es an manchen Stellen in kräftigen Bildern, wo die Forschung selbst oft kleinteiliger, widersprüchlicher und vorsichtiger ist.
Man könnte sagen: The Body Keeps the Score ist nicht das heutige Standardmodell der Hirnforschung. Aber es ist eine der wirkmächtigsten populären Übersetzungen der Idee, dass Trauma nicht nur Denken und Erinnerung betrifft, sondern den ganzen Organismus.
Das zweite Hauptargument des Buches betrifft das Gedächtnis. Van der Kolk beschreibt traumatische Erinnerung nicht als normale Erinnerung, die man einfach aus dem Regal nimmt. Traumatische Erfahrungen können als Fragmente wiederkehren: Bilder, Gerüche, Geräusche, Körperempfindungen oder Affekte.
Auch hier ist die starke Version der These riskant. Es wäre zu grob zu sagen: Der Körper speichert Erinnerungen einfach anstelle des Gehirns. Dafür gibt es keine belastbare Grundlage. Erinnern bleibt ein Vorgang des Nervensystems, nicht der Muskeln oder Organe als eigenständige Archive. So fassen manche Creator:innen auf Tiktok zwar das Buch gerne mal zusammen, aber das macht es nicht richtiger.
Aber als Beschreibung einer Erfahrung ist die Metapher durchaus treffend: Manche Erinnerungen fühlen sich nicht an wie damals, sondern wie jetzt. Der Körper reagiert nicht auf die objektive Gegenwart, sondern auf eine Gegenwart, die vom Nervensystem als gefährlich gelesen wird.
Das erklärt auch, warum Betroffene manchmal selbst nicht sofort verstehen, was passiert. Der Auslöser kann klein sein: ein Geruch, ein Tonfall, eine Haltung, ein Raum, eine Berührung, eine bestimmte Enge. Der Kopf weiß vielleicht: Ich bin sicher. Der Körper ist aber noch nicht überzeugt.
Der Körper ist nicht nur auf eine Weise wichtig
Ein drittes zentrales Argument lautet: Trauma verändert nicht nur Angst, sondern auch das Verhältnis zum eigenen Körper.
Van der Kolk beschreibt immer wieder, dass Betroffene ihren Körper nicht mehr als sicheren Ort erleben. Manche spüren zu viel Anspannung, Schmerz, Herzklopfen und innere Unruhe. Andere spüren zu wenig, es kommt zu Taubheit, Entfremdung, Dissoziation. In der Forschung wird diese Dimension heute unter anderem mit Begriffen wie Interozeption und Körperwahrnehmung untersucht. Interozeption meint die Wahrnehmung unserer inneren Körpersignale und wie gut wir sie interpretieren können: Herzschlag, Atmung, Spannung, Hunger, Übelkeit, Wärme, Enge.
Eine vorsichtigere Lesart des Buches wäre: Der Körper ist bei Trauma relevant. Aber er ist nicht auf eine einzige Weise relevant. Trauma kann zu Übererregung führen, aber auch zu Abschalten. Zu Überwahrnehmung, aber auch zu Entfremdung. Zu Panik, aber auch zu Leere.
Der Körper muss mit heilen
Das vierte Argument betrifft Therapien. Wenn Trauma nicht nur in Gedanken und Erinnerungen weiterlebt, sondern in Körperzuständen, dann reicht es vielleicht nicht, nur darüber zu sprechen.