Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es darum, wie Musik unser Gehirn langfristig verändert.

Bevor es losgeht, noch etwas unbezahlte Werbung: Mein Newsletter-Steady-Kollege Gabriel Yoran hat ein Buch darüber geschrieben, warum Alltagsgegenstände immer schlechter statt besser werden. Er nennt das (und das Buch): Die Verkrempelung der Welt (Si apre in una nuova finestra). Und er zeigt, dass wir als Verbraucher:innen ebenfalls in den Verkrempelungszusammenhang verstrickt sind. Das Buch ist bei Suhrkamp erschienen, ich empfehle es sehr!
Stell dir vor, du kannst nicht mehr sprechen – aber du kannst noch singen. Genau das passiert bei manchen Parkinson-Patient:innen. Oder bei Menschen mit Demenz, die ihr Leben vergessen, aber noch jeden Ton ihres Lieblingslieds kennen. Klingt fast magisch, ist aber wissenschaftlich belegbar.
Denn Musik ist nicht nur Klang. Wie die Forschung mittlerweile weiß, ist sie eine treibende Kraft für Veränderung im Gehirn. Wenn du Das Leben des Brain schon ein bisschen länger liest, kennst du das Fachwort dafür natürlich: Neuroplastizität.
Heute – in der letzten Folge meiner kleinen Musik-Reihe – schauen wir uns an, wie genau Musik das Gehirn verändert. Und vor allem, wie diese Veränderungen eingesetzt werden können, wenn Menschen an Parkinson, Demenz oder Depressionen erkranken.
Dein Gehirn verändert sich, wenn du dich ans Klavier setzt
Eine Erkenntnis ist dafür wichtig: Musik machen verändert das Gehirn stärker als Musikhören. Studien (Si apre in una nuova finestra) mit professionellen Musiker:innen zeigen: Ihr Gehirn sieht anders aus, es ist anders vernetzt. In einer Meta-Analyse (Si apre in una nuova finestra) von 84 Studien mit fast 2.800 Versuchspersonen konnten Forschende zeigen, dass Musiker:innen größere Hörrinden, dichtere Verbindungen zwischen den Hemisphären und mehr graue Substanz in Bereichen haben, die für Motorik, Hören und Gedächtnis zuständig sind.
Schon nach 15 Monaten Musikunterricht im Kindesalter zeigten sich in einer Längsschnittstudie (Si apre in una nuova finestra) sichtbare Veränderungen in der Struktur des Gehirns – unter anderem im prämotorischen Kortex und im Corpus Callosum, also in der Brücke zwischen linker und rechter Hirnhälfte. Das zeigt: Musik ist Training für das Gehirn und es wirkt in vielen verschiedenen Regionen.
All das hat Folgen. Allerdings ist der sogenannte Mozart-Effekt – also die Idee, dass Mozart hören klüger macht – wissenschaftlich gesehen: ein Mythos. Ja, Musik kann kurzfristig wach machen, motivieren, das Arbeitsgedächtnis anschubsen. Aber es gibt keinen belastbaren Beleg dafür, dass bloßes Musikhören dauerhaft den IQ hebt.
Die Folgen sind trotzdem bemerkenswert:
Musiker:innen zeigen (Si apre in una nuova finestra) bessere Leistungen in Arbeitsgedächtnisaufgaben, insbesondere bei der Verarbeitung auditiver Reize. Dies wird mit erhöhter Aktivität in Hirnregionen für Aufmerksamkeit und kognitive Kontrolle (z. B. präfrontaler Kortex) in Verbindung gebracht.
Ältere Musiker:innen zeigen (Si apre in una nuova finestra) eine bessere Aufmerksamkeit und Verarbeitung akustischer Reize trotz altersbedingtem Abbau – vermutlich durch Kompensationsstrategien im Gehirn. Musiker:innen benötigen (Si apre in una nuova finestra) auch bei Aufgaben im Arbeitsgedächtnisbereich weniger neuronale Aktivierung – ein Hinweis auf effizientere Nutzung von Hirnressourcen.
Rhythmen wirken wie Taktgeber – und können so heilem
Wenn Musik machen das Gehirn strukturell verändert, und bestimmte Krankheiten das Gehirn ebenfalls strukturell verändern – kann Musik dann heilen? Sie kann. Oder zumindest lindern, begleiten, wieder in Bewegung bringen. Besonders bei Menschen, deren Körper oder Geist aus dem Takt geraten ist.
In der Parkinsonforschung gilt Musiktherapie inzwischen als eine der vielversprechendsten nicht-medikamentösen Interventionen. Musik verbessert nicht nur die motorischen Symptome – etwa das typische Zittern oder den unsicheren Gang –, sondern auch die nichtmotorischen Begleiterscheinungen wie Depression, Apathie oder soziale Isolation. Eine der ersten bahnbrechenden Studien (Si apre in una nuova finestra) auf diesem Gebiet stammt aus Italien. Sie zeigten bereits im Jahr 2000, dass aktive Musiktherapie, also Mitsingen, Rhythmisieren, freies Improvisieren, messbar motorische und emotionale Symptome von Parkinson lindern kann. In der Studie nahmen Patient:innen über mehrere Wochen an regelmäßigen Musiktherapie-Sitzungen teil. Das Ergebnis: Sie bewegten sich flüssiger, schneller und mit mehr Sicherheit. Die Rhythmen wirken wie externe Taktgeber: Sie helfen, den Bewegungsapparat wieder zu koordinieren. Gleichzeitig besserten sich depressive Verstimmungen, soziale Isolation und die subjektiv erlebte Lebensqualität deutlich. Besonders wirksam war der therapeutische Effekt, wenn die Musik nicht nur passiv gehört, sondern emotional und körperlich miterlebt wurde.
Noch deutlicher ist der Effekt bei Menschen mit Demenz. Wie haben uns ja in der Musik-Reihe schon angeschaut, wie Musik unser autobiographisches Gedächtnis anzapft und uns so mit ein paar Akkorden zurück in unser Kinderzimmer oder auf die Abi-Party beamt. Bei Demenz öffnet Musik deshalb oft Türen, die längst verschlossen schienen. Eine Meta-Analyse (Si apre in una nuova finestra) von 2020 zeigte: Musiktherapie verbessert Gedächtnis, Stimmung und Lebensqualität, vor allem in Kombination mit biografisch vertrauten Liedern. Und sie wirkt nachhaltig (Si apre in una nuova finestra) auch bei depressiven Symptomen, die oftmals mit Demenz einhergehen – in manchen Fällen halten die Effekte sogar bis zu acht Wochen nach Ende der Intervention. Die Musik ruft nicht nur Erinnerungen wach, sie aktiviert tief verwurzelte Netzwerke und damit auch ein Stück Identität.
Hilft Musik sogar bei Depressionen?
Und dann gibt es da noch die Melodische Intonationstherapie – kurz MIT – bei Schlaganfallpatient:innen. Bei dieser Therapieform werden Worte gesungen, wenn sie nicht mehr gesprochen werden können. Was klingt wie eine kreative Notlösung, hat in der Neurorehabilitation einen festen Platz. Eine Meta-Analyse (Si apre in una nuova finestra) aus dem Jahr 2021, die 22 Studien auswertete, zeigt: MIT hilft insbesondere dabei, wiederkehrende Sprachmuster und einfache Sätze zurückzugewinnen. Besonders wirksam ist sie bei nichtflüssiger Aphasie nach Schlaganfall. Also dann, wenn Sprache stockt, obwohl der Kopf klar ist. Die Betroffenen lernen, ihre Worte über Melodie und Rhythmus neu zu bahnen. Allerdings: Die Fortschritte zeigen sich vor allem in standardisierten Wiederholungsaufgaben, die Alltagssprache wird nicht immer vollständig zurückerobert. Trotzdem: Für viele beginnt mit einem gesungenen „Guten Morgen“ ein neues Kapitel.
Schauen wir uns noch eine Frage an, die ich besonders interessant finde: Was passiert, wenn depressive Menschen nicht nur reden, sondern musizieren?