Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um Migräne und darum, dass sie nicht nur Schmerz verursacht, sondern auch das Denken verändert.

Schau gleich mal auf die folgende Abbildung. Fokussiere dabei die Mitte der Glühbirne, und zwar für 30 Sekunden. Nach 30 Sekunden schaust du weg vom Bildschirm auf eine helle Fläche (eine Wand, ein Papier, was auch immer). Dort entsteht dann ein sogenanntes Nachbild. Obwohl du die Glühbirne nicht mehr anschaust, siehst du die Umrisse auf dem weißen Hintergrund. Deine Aufgabe ist es, die Sekunden zu zählen, bis das Nachbild verschwunden ist.
Bereit? Gut. Dann los:

Normalerweise wird das Nachbild bei dir nach drei, vier oder fünf Sekunden verschwunden sein. In Studien mit Migräne-Patient:innen zeigt sich aber: Besonders Menschen mit Migräne mit Aura nehmen solche Nachbilder im Mittel länger wahr als gesunde Kontrollpersonen. Dieses eine Bild ist kein Selbsttest und keine Diagnose, aber man könnte jetzt die wissenschaftlich präzise Frage stellen: Hä?
Und das zu recht. Denn was genau soll Migräne denn mit dieser simplen schwarz-weißen Glühbirne zu tun haben? Nun: recht viel.
Migräne wird oft als banaler Kopfschmerz verkannt. Dabei ist sie eines der komplexesten neurologischen Phänomene unserer Zeit. Weltweit ist ungefähr jeder siebte Mensch betroffen, je nach Studie, Alter, Geschlecht und Definition schwanken die Zahlen. Das sind mehr als eine Milliarde Menschen. Wer Migräne kennt, weiß: Das ist kein normaler Kopfschmerz.: Es ist kein normaler Schmerz, sondern ein körperlich und kognitiv alles durchziehender Ausnahmezustand.
Die Neurowissenschaft hat in den letzten Jahren viel Neues über die Krankheit herausgefunden. Sie zeigt: Migräne ist nicht nur Schmerz, sie ist ein Zustand veränderter Hirnaktivität. Und zwar nicht nur während des Anfalls. Das Gehirn von Migräne-Patient:innen scheint in mancher Hinsicht tatsächlich anders zu funktionieren. Und das wirkt sich in völlig normalen Situationen auf ihren Alltat aus – auch, wenn sie gerade keine Attacke haben.
Wie ein Migräneanfall beginnt: Wenn das Gehirn sich selbst überfordert
Bei Migräne mit Aura spielt vermutlich eine sogenannte Cortical Spreading Depression beziehungsweise Depolarization eine zentrale Rolle: eine langsam wandernde Welle veränderter elektrischer Aktivität in der Großhirnrinde. Sie gilt als wahrscheinlichster Mechanismus der Aura. Für Migräne ohne Aura und für die Entstehung der Kopfschmerzphase ist das Bild komplexer.
Was heißt das konkret? In einer Region der Großhirnrinde verändert sich plötzlich die elektrische Spannung an den Nervenzellen; sie werden vorübergehend inaktiv, weil sich geladene Teilchen (Ionen) anders verteilen als im Ruhezustand. Diese Veränderung breitet sich dann wellenförmig über die Hirnoberfläche aus, und während sie darüberzieht, können vorübergehend bestimmte Hirnfunktionen (wie Sehen) gestört sein. Sie gilt als wahrscheinlicher Grund dafür, dass ein Teil der Betroffenen eine Aura erlebt, meist visuelle Phänomene wie Flimmern, Lichtblitze, Zickzacklinien oder Gesichtsfeldausfälle.
Diese Welle ist aber mehr als ein Vorbote: CSD kann – zumindest in Tiermodellen – trigeminovaskuläre Schmerzbahnen aktivieren (Si apre in una nuova finestra). Dieses System aus Trigeminusnervenfasern, Hirnhäuten und Blutgefäßen ist zentral für die Kopfschmerzphase. Dabei spielen neuroaktive Substanzen wie CGRP eine wichtige Rolle, deshalb setzen moderne Migränetherapien unter anderem an CGRP oder seinem Rezeptor an.
Migräne ist auch eine Störung der Vorhersage
Ein bekanntes Paradigma aus der neueren Hirnforschung hilft, Migräne besser zu verstehen: das Predictive Processing. Demnach arbeitet unser Gehirn wie eine Vorhersagemaschine. Es berechnet laufend, was als Nächstes passiert, und vergleicht das mit dem, was tatsächlich eintritt.
Das hat weitreichende Folgen, zum Beispiel für unsere visuelle Wahrnehmung (unser Gehirn antizipiert, welche Farbe ein Gegenstand haben müsste, weil er im Schatten steht) oder für total banale Phänomene (unser Gehirn antizipiert, dass unser Handy in der Hosentasche vibriert, weil das die logischste Erklärung ist, wenn wir eine Berührung am Oberschenkel spüren, selbst, wenn unser Handy auf dem Tisch liegt).
Bei Migräne-Betroffenen könnte dieses Gleichgewicht aus Vorhersage, also Antizipation, und dem Realitätsabgleich gestört sein. Demnach könnte das Gehirn von Betroffenen empfindlicher darauf reagieren, wenn innere oder äußere Signale nicht zu den erwarteten Mustern passen. Das Gehirn bricht also nicht zusammen, weil es schwach ist, sondern weil es zu wachsam (Si apre in una nuova finestra) ist. Das ist noch kein abschließend bewiesener Mechanismus, passt aber zu vielen Befunden: Migräne ist eng mit veränderter sensorischer Verarbeitung, Licht-, Geräusch- und Geruchsempfindlichkeit sowie schwankender Hirnaktivität verbunden.
Migräne-Gehirne funktionieren anders, auch zwischen den Anfällen
Migräne ist aber nicht nur ein akuter Ausnahmezustand. Auch im Alltag zeigen sich bei Betroffenen messbare Unterschiede in der Reizverarbeitung und der Architektur des Gehirns.