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The Body does not keep the Score?

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um Kritik an der wahrscheinlich einflussreichsten Metapher rund um Traumata.

Anfang 2025 schrieb (Si apre in una nuova finestra) die US-amerikanische Journalistin Emi Nietfeld einen Artikel für das Magazin Mother Jones. Sie beschrieb, dass sie als Teenagerin von einem Mitarbeiter einer Jugendherberge vergewaltigt wurde. Und dass sie auch Jahre später noch davon geträumt hat. Sie wollte ihrer neuen Psychologin erzählen, was passiert war. Aber sie hielt sie auf: „Darüber zu sprechen wird dich erneut traumatisieren“. Sie hatte eine andere Idee: Sie wollte auf Akupressurpunkte klopfen, während Nietfeld ein Mantra wiederholen sollte. 

Emi Nietfeld schreibt in ihrem Artikel: „Sowohl ihre Ermahnung, nicht über den Übergriff zu sprechen, als auch ihre schräge alternative Behandlungsmethode stammten direkt aus dem Buch, das ich ihrer Meinung nach lesen musste: The Body Keeps the Score.“

In der letzten Ausgabe (Si apre in una nuova finestra) habe ich beschrieben, was die Grundidee des Buches ist und bereits angekündigt, dass es auch Kritik gibt. Um diese Kritik geht es heute. 

„The Body Keeps the Score“ stigmatisiert Überlebende?


Nochmal kurz zur Einordnung, wie populär das Buch ist: Es hat sich mehr als 3 Millionen Mal verkauft und stand insgesamt über sechs Jahre lang auf der Bestsellerliste der New York Times, oft auf Platz 1. Das ist heftig. Die Idee des Buches: Unsere Muskeln, inneren Organe und unsere DNA tragen die Spuren unseres Leidens bzw. unserer traumatischen Ereignisse, auch wenn wir keine bewusste Erinnerung daran haben. Deshalb können unsere Traumata auch in Form von körperlichen Beschwerden wiederkehren, von Nackenschmerzen bis hin zu Emphysemen. Die Behandlung sollte sich aus diesem Grund vor allem auf den Körper konzentrieren. Techniken wie Yoga, Theaterspielen oder Akupunktur galten plötzlich als legitime Behandlungsmethode. 

Emi Nietfeld schreibt: „The Body Keeps the Score“ stigmatisiert Überlebende, gibt den Opfern die Schuld und entpolitisiert Gewalt. Unter dem Deckmantel der Fürsorge für Überlebende schafft das Buch eine Hierarchie, in der marginalisierte Opfer noch stärker an den Rand gedrängt werden.“

Wie kommt sie darauf? Und was genau ist die Kritik an den Ausführungen von Bessel van der Kolk? 

Trauma ist kein „unvermeidlicher Angriff auf die Entwicklung“ 


Für ihren Artikel hat Nietfeld auch mit Wissenschaftler:innen gesprochen, die Bessel van der Kolk in seinem Buch ausführlich zitiert.  Sie schreibt: „Mehrere Wissenschaftler, mit denen ich gesprochen habe und deren Arbeiten in dem Buch vorgestellt werden, sagen, van der Kolk stelle ihre Forschungsergebnisse falsch dar und halte Überlebende von Behandlungsmethoden ab, die ihnen helfen könnten.“ Eine davon ist Jennie Noll, Professorin für Psychologie an der University of Rochester, die ausführlich zu den Auswirkungen sexuellen Missbrauchs forscht. 

Noll kritisiert drei zentrale Punkte in van der Kolks Darstellung ihrer Langzeitstudien:

  1. Van der Kolk postuliert eine 50-fach höhere Asthma-Rate bei traumatisierten Kindern. Noll stellt klar, dass sie nie zu Asthma publiziert hat; die Begriffe fehlen in der zitierten Studie völlig.

  2. Die Behauptung von van der Kolk, Inzest-Opfer erlebten die Pubertät eineinhalb Jahre früher, widerspricht den Ergebnissen der publizierten Daten.

  3. Die pauschale Charakterisierung missbrauchter Mädchen als „zu seltsam“ für Freunde weist Noll als gefährliche Stigmatisierung zurück, die der Vielfalt der Überlebenden nicht gerecht wird.

Noll und andere Expert:innen warnen, dass van der Kolk Trauma als „unvermeidlichen Angriff auf die Entwicklung“ darstellt. Diese Rhetorik suggeriere eine Irreparabilität. Dabei sei es Konsens, dass Traumata grundsätzlich behandelbar sind. 

The Body does not keep the Score


Ende April ist eine erneute Kritik am Buch erschienen, eine Art Antithese. Überschrift: „The Body does not keep the Score“, erschienen in Frontiers in Systems Neuroscience. Die Arbeit selbst (Si apre in una nuova finestra) (sie ist frei zugänglich) ist bei Frontiers als „Opinion article“ geführt, nicht als neue empirische Studie mit eigenen Patientendaten. Darin argumentieren vier Autoren (ein Wissenschaftsjournalist und Autor und drei Neurowissenschaftler), dass die weitverbreitete Vorstellung, Trauma sei physisch im Körpergewebe gespeichert, zwar eine emotional starke Metapher sei, aber biologisch, naja, nicht korrekt. 

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