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Was wir von König Krösus über wahres Vermögen lernen können

Warum Reichtum nicht vor Schicksal schützt

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Heutige Ausgabe: König Krösus und der größte Irrtum der Finanzwelt

Ein Gedankenspiel: Stell Dir vor, Du hast alles. Dein Depot platzt aus allen Nähten, Du hast ein sehr hohes Einkommen, alle bewundern Dich für Deinen Wohlstand, Deinen Erfolg, Deinen Status. Und dann fragt Dich jemand: Bist Du glücklich? Was würdest du antworten?

Heute wird es philosophisch und dafür reisen wir 2.500 Jahre in die Vergangenheit zum Inbegriff des Reichtums: König Krösus.

Hier geht’s zur Podcastfolge:

Es war im 6. Jahrhundert vor Christus, da reiste der Athener Staatsmann und Lyriker Solon durch die Welt.

Seine Reise führte ihn auch nach Sardes, die prächtige Hauptstadt des lydisches Reiches in der heutigen Türkei. Dort wurde er vom ansässigen Herrscher König Krösus mit allen Ehren empfangen.

Krösus, dieser Name steht noch heute sprichwörtlich für unermesslichen Reichtum. "Reich wie Krösus". Und tatsächlich: Krösus war der wohl mächtigste Mann seiner Zeit. Er gilt als der Erfinder des Münzgelds. 

Krösus ließ Solon tagelang durch seine Schatzkammern führen, um ihn mit Bergen von Gold, Edelsteinen und allerlei kostbaren Dingen zu beeindrucken.

Anschließend stellte er Solon die Frage: 

„Mein athenischer Gast, Du hast viel von der Welt gesehen. Sag mir: Wer ist der glücklichste Mensch, dem Du je begegnet bist?“

Krösus war sich absolut sicher, dass Solon seinen Namen nennen würde. Und so erwischte ihn die Antwort völlig auf dem falschen Fuß, als Solon nicht ihn, Krösus, als glücklichsten Menschen nannte, sondern einfache Bürger, die obendrein bereits verstorben waren.

Daraufhin brach es aus Krösus heraus:

„Und mein Glück? Schätzt du das so gering, dass du mich nicht einmal mit diesen gewöhnlichen Bürgern auf eine Stufe stellst?“

Solon sah den König an und sprach:

„Krösus, das Leben eines Menschen dauert vielleicht 70 Jahre. Das sind Tausende von Tagen, und kein einziger Tag ist wie der andere. Du bist unendlich reich und Herrscher über viele Völker. Aber ob du glücklich bist, kann ich erst sagen, wenn ich weiß, wie dein Leben endet. Erst wenn man sich ein gesundes und schönes Leben bis zum Schluss bewahrt, verdient man den Namen eines glücklichen Mannes. Nenne niemanden glücklich vor seinem Tod!”

Krösus hielt Solon für einen Narren, der den ganzen Glanz, die Pracht und den Reichtum ignorierte und ließ ihn ohne Geschenke ziehen.

Dann schlug das Schicksal zu.

Zuerst verlor Krösus seinen Sohn bei einem Jagdunfall. Dann erhob sich im Osten die neue Großmacht der Perser unter König Kyros.

Krösus befragte das berühmte Orakel von Delphi, ob er Krieg führen solle. Und das Orakel antwortete:

„Wenn du den Halys (den Grenzfluss) überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören.“ 

Hochmütig glaubte Krösus, das persische Reich sei gemeint. Er zog in den Krieg – und zerstörte sein eigenes Reich. Die Perser eroberten Sardes, nahmen Krösus gefangen und verurteilten ihn zum Feuertod.

Als Krösus auf dem Scheiterhaufen stand und sah, wie sein ganzes Lebenswerk in Flammen aufging, da begriff er Solons Worte in ihrer ganzen bitteren Wahrheit. In seiner Verzweiflung rief er dreimal laut den Namen des Mannes, den er einst weggeschickt hatte:

„Solon! Solon! Solon!“

König Kyros wunderte sich über diesen Ruf und er fragte, wen Krösus da anrufe. Und Krösus erzählte die Geschichte von dem athenischen Weisen, der den Reichtum so gering geschätzt und vor dem Hochmut gewarnt hatte.

Als Kyros die Geschichte hörte, besann er sich: Er erkannte, dass auch er heute mächtig sein und morgen alles verlieren konnte. Er befahl, die Flammen sofort zu löschen. Krösus wurde gerettet und lebte fortan als geschätzter Berater am Hofe des Perserkönigs.

Die Moral von der Geschichte: Da geht es um Hybris, also Hochmut. Wer sich durch Wohlstand unverwundbar fühlt, der zieht den Zorn des Schicksals bzw. der Götter auf sich.

Und alle Momente sind vergänglich. Materieller Reichtum ist kein echtes Glück, sondern nur eine flüchtige Leihgabe des Schicksals. Ein Leben kann erst in seiner Gesamtheit bewertet werden. Wahres Glück zeigt sich darin, wie ein Mensch mit den Wendungen des Lebens umgeht und wie er es beschließt.

Hier geht’s zur Podcastfolge:

Eine tolle Geschichte, aber was bedeutet das für uns und für unser liebes Geld?

Die Begegnung zwischen Krösus und Solon mag über 2.500 Jahre her sein, aber sie liefert auch noch heute wertvolle Lektionen für den persönlichen Umgang mit Geld, für den Vermögensaufbau aber auch für “mentalen Wohlstand”.

Meiner Meinung nach kann man aus dieser Geschichte vier zentrale Erkenntnisse oder auch Gedanken rund ums Geld mitnehmen.

  1. Verwechsle niemals Einkommen (oder Vermögen) mit finanziellem Schutz

Krösus sieht seinen Status, seine Reichtümer und er setzt dies mit Sicherheit gleich. Also er denkt, dass ihn sein gigantischer Goldschatz unverwundbar gegen die Stürme des Lebens macht.

Das ist ein Denkfehler und das erinnert an einen Aspekt, über den ich bereits in Folge 21 über die Kunst ein Vermögen zu erhalten (Si apre in una nuova finestra) gesprochen habe. Da griff ich einen Gedanken von Morgan Housel auf.

Der schrieb in seinem Buch Die Psychologie des Geldes (Si apre in una nuova finestra), dass langfristiger finanzieller Erfolg nach zwei Dingen verlangt: 

  1. es zu bekommen und 

  2. es zu behalten. 

Also, Güter anzuhäufen und sie nicht wieder zu verlieren. Eine Rendite erwirtschaften und sie nicht ins Risiko stellen. 

Reich werden erfordert Risikobereitschaft, Optimismus und Selbstvertrauen. Reich bleiben erfordert das genaue Gegenteil: Demut, eine gewisse Paranoia und die Akzeptanz, dass das, was man heute hat, morgen durch Zufall oder Pech wieder verschwinden kann.

Housel meint, dass viele erfolgreiche Menschen der fehlerhaften Annahme erliegen, dass die Fähigkeiten, die sie reich gemacht haben (Aggressivität, Risiko), auch die Fähigkeiten sind, die sie reich halten. 

Krösus dachte, sein Status sei ein Dauerzustand, weil er den Unterschied zwischen Erwerb und Erhalt nicht verstand. Und wenn wir die Parallele zur heutigen Zeit ziehen, dann erkennen wir, dass ein hohes Einkommen, ein großes Depot oder auch ein erfolgreiches Geschäft Momentaufnahmen sind. 

Wahre finanzielle Resilienz zeigt sich nicht darin, wie viel man in guten Zeiten anhäuft, sondern wie gut man gegen unvorhergesehene Risiken abgesichert ist. 

Und damit kommen wir zur zweiten Erkenntnis der Geschichte:

Die Unterscheidung zwischen „Reich sein“ und „Wohlstand“.

Man könnte sagen, dass Krösus und Solon gegensätzliche Philosophien haben. Krösus’ Ansatz ist es Reich zu sein, Solon fokussiert echten oder auch wahrhaften Wohlstand. Nach Krösus definiert sich Reichtum in der Sichtbarkeit - die prall gefüllten Schatzkammern, das Anhäufen von Statussymbolen. Für Solon definiert sich wahrer Wohlstand durch Autonomie und Freiheit.

Man könnte auch sagen: Krösus ist abhängig von externer Bewunderung und von Bestätigung. Nach Solons Philosophie ist man unabhängig von der Meinung anderer, man hat einen inneren Kompass (Si apre in una nuova finestra), darüber habe ich in der gleichnamigen Folge 42 gesprochen.

Und während Krösus sich mit Kontrollverlust und der Angst den eigenen Status zu verlieren plagen muss, schafft die Philosophie von Solon einen inneren Frieden, man ist sich gewiss, “genug” zu haben.

Die von Solon genannten glücklichen Menschen waren nicht arm. Sie waren wohlhabend genug, um ein gutes Leben zu führen. Aber er legte den Fokus auf immaterielle Vermögenswerte: eine funktionierende Gemeinschaft, eine stabile Familie und die Freiheit, für eine sinnvolle Sache einzustehen. 

Für uns kann das bedeuten, dass Geld zwar ein großartiges Werkzeug ist, um Zeit und Unabhängigkeit zu kaufen. Aber es ist ein sehr schlechtes Werkzeug, um das eigene Ego zu füttern. Folge 143 über den Neid (Si apre in una nuova finestra) und Folge 35 Zeit ist Geld (Si apre in una nuova finestra).

Erkenntnis Nummer 3. Die Gefahr der „finanziellen Hybris“ 

Krösus war so berauscht von seinem Erfolg, dass er dachte, die Regeln der Wahrscheinlichkeit und des Zufalls gälten für ihn nicht mehr. Also, es geht um ein übermäßig großes Selbstvertrauen. Die Verhaltensökonomie bezeichnet dieses psychologische Phänomen als Overconfidence Bias.

Krösus dachte, sein Reichtum sei das Produkt seiner Großartigkeit, nicht auch des Zufalls. Auch dies ein Klassiker der heutigen Zeit. Erfolgreiche Menschen unterschätzen den Zufall bzw. Das Glück als wirklich wichtigen Faktor für ihren Erfolg. 

Und bei der Geldanlage führt ein erfolgreiches Investment zu der womöglich falschen Einschätzung, dass man ein großartiger Anleger ist. Dabei hat man nur Glück gehabt und man hat die wirklichen Gründe für den Erfolg einer Aktie gar nicht verstanden oder konnte diese zumindest in der Vergangenheit nicht abschätzen.

Das ist ein gar nicht so seltenes Phänomen: Wer in einem Bullenmarkt, also in einer breiten Aufwärtsbewegung der Märkte, viel Geld verdient, der neigt dazu, das eigene Können zu überschätzen, daraufhin hohe Risiko einzugehen, Fehlentscheidungen zu treffen und im nächsten Abschwung bekommt man dann die Quittung. Weitere Details dazu kannst Du nochmal in Folge 118 über die Outcome Bias (Si apre in una nuova finestra) nachhören.

Und ein ebenfalls wichtiges Stichwort hierzu ist die Confirmation Bias (Si apre in una nuova finestra), Folge 28. Auf Deutsch ist das der Bestätigungsfehler und damit ist die menschliche Neigung gemeint, vorrangig nach Informationen zu suchen bzw. Sie so wahrzunehmen, dass sie die eigenen, bereits bestehenden Überzeugungen bestätigen, während widersprüchliche Beweise ignoriert oder abgewertet werden

Das Orakel warnte Krösus, dass wenn er den Fluss überschreitet, dann wird er ein großes Reich zerstören. Aber Krösus wollte Krieg. Er war sich seiner Sache sehr sicher, als seine Truppen den Halys überschritten. Also blendete er die Möglichkeit völlig aus, dass sein eigenes Reich gemeint sein könnte.

Und auch die Confirmation Bias kennen wir aus der Geldanlage. Das ist einer der teuersten Fehler an der Börse. Ein Anleger ist so überzeugt von einem Unternehmen bzw. Einer Aktie, dass er nur die positiven Informationen beachtet. Also, alles kritische wird ausgeblendet. Das kann richtig teuer werden.

Erkenntnis Nummer 4: „Nenne niemanden glücklich vor seinem Tod“

Das klingt überzogen, aber im Kern geht es darum, dass wir erst am Ende Bilanz ziehen.

Auf die Finanzen angewendet bedeutet das: Es bringt nichts, mit Mitte 40 Jahren der reichste Mensch im eigenen Bekanntenkreis zu sein, wenn man mit Mitte 50 durch mangelndes Risikomanagement, Probleme in der Partnerschaft, gesundheitliche Einschränkungen oder schlechte Entscheidungen alles verliert.

Ein erfolgreicher Umgang mit Geld bedeutet, einen langfristigen und auch einen ganzheitlichen Blick zu wahren. Das Ziel sollte es nicht sein, die Maximierung der Vermögenskurve auf dem Höhepunkt anzustreben, sondern eine stabile, glatte Glückskurve, die bis zum Schluss trägt.

Also um ganz bildlich zu sprechen: Wer Reichtum besitzt oder ihn anstrebt, sollte nicht von ihm besessen sein. Sonst läuft man Gefahr, auf dem metaphorischen Scheiterhaufen seiner eigenen Fehlkalkulationen zu enden.

Leseempfehlung zur Folge: Morgan Housel - Über die Psychologie des Geldes (Si apre in una nuova finestra)

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