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Schluss mit dem Vibe-Shift-Gefasel

Ausgabe 30 - Weil Klimaschutz eben doch vielen wichtig ist

Moin!

Im Saarland haben Bürger:innen letzte Woche Vorschläge (Si apre in una nuova finestra) vorgelegt, wie die Politik Klimaschutz besser gestalten könnte. In einem Bürgerrat haben sie gemeinsam erarbeitet, was ihnen wichtig ist. Spoiler: ÖPNV soll kostenlos werden. Unter anderem. In Hamburg engagieren sich Bürger:innen im sogenannten „Zukunftsentscheid“ dafür, dass ihre Stadt früher als geplant klimaneutral werden soll. Papst Leo XIV hat zum Klimaschutz aufgerufen – Helden seien all jene, die sich gegen Klimawandel stark machten. (Si apre in una nuova finestra) Sagte er im Beisein von Terminator-Darsteller Arnold Schwarzenegger. Ja, ich musste auch zweimal hinschauen. Ach und Hubert Aiwanger ist seit neustem einer der größten Botschafter Erneuerbarer Energien. Dieses Jahr hält überraschende Verbündete bereit.

Screenshot von Aiwangers Instagram-Kanal

Wenn man also nur ein kleines bisschen die Klüsen auf macht, sprich mit offenen Augen durch die Welt geht, begegnen einem überall Menschen, die sich für den Schutz unserer Lebensgrundlagen engagieren. Seien es die Studierenden aus dem Südpazifik, die vor dem IGH ein wegweisendes Urteil zur Klimaschutzverantwortung von Staaten erstritten haben, (Si apre in una nuova finestra) die brasilianische Regierung, die mit einem neuen Fonds den Regenwald schützen will oder ein Bündnis von Leuten, die sich in Berlin für den Erhalt von Stadtbäumen stark machen.

Und trotzdem ist das beherrschende Narrativ gerade, es würde sich ja niemand mehr so richtig für Klimaschutz interessieren. Das ist offenkundig falsch und nützt nur denen, die Klimaschutzpolitik verhindern wollen. Denn Sprache schafft Realität. Wird eine Aussage nur oft genug wiederholt und von genügend Akteuren aufgegriffen wird sie mindestens zur gefühlten Wahrheit. Darum wiederholen etwa Politiker:innen ihre Forderungen teilweise gebetsmühlenartig. Irgendwas wird hängen bleiben.

Die Aussage, Klimaschutz sei vielen nicht mehr so wichtig, entwickelt sich zu einer regelrechten Abwärtsspirale. Mehrfach habe ich es in den letzten Wochen erlebt, mit genau diesem Take anmoderiert worden zu sein. Stellt sich natürlich für die Zuhörenden die Frage: Ja, ok, warum soll ich denn dann jetzt zuhören? Wenn es alle anderen nicht mehr so richtig juckt, warum soll ich mich damit jetzt beschäftigen? Gibt schließlich genug Krisen gerade…

Wir Menschen sind recht einfach gestrickt. Wenn eine immer größer werdende Gruppe von Menschen in der Innenstadt in eine bestimmte Richtung strebt, wollen wir auch wissen was da passiert. Wenn alle über einen Film sprechen, wollen wir ihn auch sehen.  
Die meisten von uns sind nicht nur neugierig, sondern auch Opportunist:innen – sie richten ihr Handeln nach dem Zeitgeist aus, weil das einfach ist und Vorteile bringt.

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich meine das überhaupt nicht wertend – dahinter steht ja auch eine grundsätzliche Anpassungsfähigkeit, die im Grunde Merkmal des Erfolgs der menschlichen Spezies ist. Wer gesellschaftliche Veränderungen will, muss folglich Diskurshoheit über den Zeitgeist bekommen – und das gelingt auch durch Wiederholung.

Kurz mal random blauer Himmel zum Durchatmen...

Vielleicht ist vor Ihrem geistigen Auge bereits der aktuelle US-Präsident aufgeploppt, ansonsten tut er das spätestens bei der Formulierung „Make America great again“. Stimmt inhaltlich vorne und hinten nicht, hat aber so sehr eine Erzählung gesetzt, dass ihm eine Wiederwahl gelungen ist und der Spruch mittlerweile in Abwandlungen weltweit irgendwas great again machen soll.

Aus dem Dunstkreis der ins faschistoide gleitenden Tech-Milliardäre kommt auch das Gerede vom „Vibe-Shift.“ „Woke“, also reflektiert, moralisch, machtkritisch sei jetzt vorbei, reaktionär in. Jetzt werden Sie sagen, ja aber ist doch so, schließlich ist Mister Orange wiedergewählt worden. Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass reaktionäre Kräfte erfolgreich sind, wir sehen diese Entwicklung ja auch in europäischen Staaten. Aber eine Zutat ihres Erfolgs ist sich selbst durch gekonnte Diskursdominanz größer zu machen.

Das Gerede vom „Vibe Shift“ gehört dazu. Indem immer wieder betont wird, der Wind habe sich gedreht, man müsse nicht mehr so sehr Rücksicht auf andere nehmen, das Recht des Stärkeren gelte jetzt, wird der Wind Stück für Stück gedreht. Die Wiederholung schafft Realität. Übrigens auch durch journalistische Produkte, die diese Erzählung ungefiltert übernehmen und damit reproduzieren. Oder durch das ironische Aufgreifen, wenn man gerade etwas politisches inkorrektes gesagt hat, höhö, Vibe Shift, wir müssen ja nicht mehr korrekt sein, zwinkizwonki.

Steter Tropfen höhlt den Stein - und so formt die stetige Wiederholung der angeblichen Veränderung die Veränderung selbst. Durch ein Klima der Angst soll Widerspruch bereits im Keim erstickt werden, denn wenn irgendwer sagen würde, dass der Kaiser eigentlich nackt ist, puh, da würde die Diskurshoheit ins Wanken geraten.

Um diese zu behalten, ist es hilfreich, zur regulieren, was überhaupt gesagt werden darf. Man kann dies in Deutschland an der Tilgung gendersensibler Sprache durch reaktionäre Kräfte beobachten oder auch an der Herstellung absoluter Sprachlosigkeit in punkto Nahost-Politik.

Nach eben diesem Muster wird in offiziellen staatlichen US-Stellen das Wort „Klimawandel“ lieber gleich verboten (Si apre in una nuova finestra). Wenn man nicht mehr drüber redet, existiert es nicht mehr.
Ja, das ist natürlich Unsinn, der Klimawandel verschwindet dadurch nicht. Aber wenn Worte zum Tabu werden, wird es eben schwieriger über den Sachverhalt überhaupt zu sprechen. Sich auszutauschen, einen Umgang zu finden.

Der aktuelle US-Präsident leugnet den Klimawandel aktiv, seine Politik ist darauf ausgerichtet, ihn noch zu beschleunigen. Erneuerbaren Energien hat Trump den Kampf angesagt – er will weiter Öl und Gas fördern und verbrennen. Damit wiederum hat er im Grunde der Welt den Kampf angesagt, denn die Politik des US-Präsidenten wird aktiv Lebensgrundlagen zerstören, nicht nur in den USA. Wir teilen diesen Planeten, teilen die Verantwortung für ihn – und was Trump derzeit anstößt, wie die Atmosphäre und damit uns alle schädigen.

Es ist aktive Klimazerstörungspolitik. Die davon profitiert, wenn ihr niemand widerspricht. Die davon profitiert, wenn alle denken, puh, interessiert sich ja niemand mehr für, warum soll ich jetzt was sagen.

Diese Tendenz lässt sich auch in Deutschland beobachten, auch hier gerät etwas ins Rutschen. Etwa wenn die Union aktiv das EU-Klimaziel 2040 in Frage stellt – obwohl im Koalitionsvertrag vereinbart, obwohl es Wettbewerbsgleichheit für die deutsche Industrie herstellen würde. Aber in der Union gerät gerade eben auch etwas ins Rutschen. Kürzlich stellte Tilman Kuban öffentlich in Frage, ob Deutschland sein Klimaziel überhaupt erreichen muss, lasst uns doch erstmal 80% schaffen und dann gucken wir mal. Während sich die Erderwärmung möglicherweise beschleunigt, möchte Kuban langsamer machen.

Er erntete Widerspruch. (Si apre in una nuova finestra)Der CDU-Klimapolitiker Andreas Jung setzte sich für Klimaschutz ein – als stellvertretender Fraktionsvorsitzender hat sein Wort durchaus Gewicht. Doch man muss sich Jung derzeit wohl als gut beschäftigten Mann vorstellen, als einen Klima-Sisyphos, der versucht die Union klimapolitisch auf Kurs zu halten. Noch so ein Kopf, dem Klimaschutz wichtig ist - und der sich dafür engagiert . Es gibt viele davon. Und es zeigt sich: Widerspruch ist wichtig. Widerspruch verhindert den Durchmarsch, Widerspruch ist das Banner, unter dem sich Gleichgesinnte sammeln können. Und von denen gibt es viele, sie sind nur eben in letzter Zeit nicht mehr so laut.

Ausschnitt aus der Umweltbewusstseinsstudie

In der Umweltbewusstseinsstudie 2024 (Si apre in una nuova finestra) des Umweltbundesamtes, gaben 54 Prozent der Befragten an, dass ihnen Klimaschutz “sehr wichtig” sei, 34 Prozent sagten, er sei ihnen “eher wichtig”. Ja, das ist weniger als bei der Befragung davor, was aber angesichts der multiplen Krisen wahrlich keine Überraschung ist. Überraschend kann eher, dass trotz der multiplen Krisen, die Wahrnehmung des Themas noch immer hoch ist.

Wenn also in einer repräsentativen Umfrage die Hälfte der Menschen angibt, Klimaschutz sei ihnen sehr wichtig, unterstreicht das, was für ein unglaublicher Quark es ist, davon zu sprechen, niemand interessiere sich mehr für Klimaschutz.

Ja, es gibt gerade weltweit Akteure, die Klimaschutz aktiv bekämpfen,
da muss man gar nichts beschönigen und auch in Deutschland erhält diese Sichtweise immer mehr Oberwasser. Europäisch wie national sollen Umweltschutzregeln geschleift werden, damit die Industrie ungehemmt wachsen kann. Damit löst man zwar nicht den Modernisierungsstau und die chinesische Konkurrenz - aber hauptsache weg mit den Umweltregeln. Zu behaupten, niemand interessiere sich für das Klima, macht es diesen Akteuren leichter.

Titelblatt des Gutachtens

Schauen wir zum Abschluss genauer ins Saarland, denn von dort lässt sich lernen. Dort haben sich in den vergangenen Monaten 51 zufällig ausgeloste Bürger:innen mit der Frage auseinander gesetzt, wir ihr Bundesland den Herausforderungen der Erderwärmung begegnen soll. Also, wie kann das Saarland das Klima schützen, aber sich auch an die Veränderungen anpassen. Wissenschaftlich begleitet haben die Bürger:innen gemeinsam über Lösungsansätze diskutiert, Ende September haben sie ihr gemeinsames Gutachten vorgelegt.

Besonders spannend ist, dass die Bürger:innen auch die Folgen ihrer Vorschläge durchdenken mussten. Stichwort Entsiegelung - will man, weil ist extrem gut fürs Binnenklima, ermöglicht bessere Grundwasserbildung. Verursacht aber hohe Kosten durch Baumaßnahmen. Gleichzeitig hat die Maßnahme nicht nur ökologische Effekte, sondern :

Grüne Flächen (ggf. auch mit Begegnungscharakter) unterstützen die physische und psychische Gesundheit der Einwohnenden sowie das soziale Zusammenleben.

Gemeinsam mussten die Teilnehmenden also Maßnahmen bis in Details durchdenken und konnten sich dabei die Folgen bis vor ihre Haustür bewusst machen. In öffentlichen Debatten kommen wir so weit selten.

Weitere Empfehlungen des Bürgerrats (in Auswahl):

  • Kapazitätsaufbau für Katastrophenschutz, Bewusstseinsbildung für Notwendigkeit wegen Extremwetterereignissen

  • Beratungsangebote zwecks energetischer Sanierung

  • Förderungen für Sanierung vereinfachen

  • Förderung, damit Menschen mit wenig Einkommen sanieren können

  • Wärmeinfrastruktur ausbauen, z.B. Großwärmepumpen, Nahwärmeversorgung…

  • Landesweite Wechselprämie für Weißgeräte + Beleuchtung

  • Ausbau Erneuerbarer Energien

  • Bürger an Einnahmen aus erneuerbaren Energien beteiligen

  • Ausbau der Radwege

  • Verringerung des Autoverkehrs in Städten anstreben

  • Schnittstellen zwischen Verkehrsarten verbessern

Wie Sie sehen sind teilweise Themen dabei, die in der großen bundespolitischen Debatte durchaus hitzig diskutiert werden, für Kulturkampfpositionierungen genutzt werden. Die Erfahrung des Bürgerrates zeigt: In entsprechenden Formaten, im informierten Austausch, geeint in konstruktiver Herangehensweise sind Lösungen möglich.

Wir diskutieren bundespolitisch oft darüber, wie mehr Akzeptanz für Klimaschutz geschaffen werden kann. Diese Empfehlungen liefern dafür ein ausgezeichnetes Rezept, weil sie sehr praktisch ansetzen, aus den Erfahrungen der Bürger:innen gespeist werden.

Die offenkundig mehr Klimaschutz wollen.

Kurz notiert

Falls Sie sich dafür interessieren, was die Hintergründe von Donald Trumps Fossilkurs wohl sind - abseits monetärer Interessen seiner Wahlkampfspender: Diesen Artikel fand ich extrem erhellend: Trumps Klimakrieg (Si apre in una nuova finestra)
Die darin beschriebene Frontenstellung von China und den USA ließ sich etwa hervorragend rund um die UN-Generalversammlung beobachten, wo Trump entgegen der wissenschaftlichen Faktenlage den Klimawandel leugnete und die Welt aufrief mehr Öl & Gas zu verbrennen und Chinas Staatschef Xi Jinping beim Climate Summit hervorhob, dass grüne und emissionsfreie Technologien die Zukunft seien, auch wenn einzelne Länder das gerade anders sähen. Saubere Nonmention.

Von EU-Ebene droht Ungemacht. Die dänische Ratspräsidentschaft möchte die sogenannte Chatkontrolle umsetzen. Zahlreiche Organisationen mit digitaler Expertise warnen, dass das den Datenschutz erheblich gefährden würde. Stellt sich angesichts der aktuellen Rollback-Erfahrungen die Frage: Wollen wir wirklich, dass das passiert & reaktionären damit viel Einfluss geben? Alle Infos. (Si apre in una nuova finestra)

Danke für Ihr Interesse!
Frau Büüsker