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Elegante Gelassenheit

We're moving forward
But holding ourselves back
And we're waiting on
Something that will never come
(Straylight Run)

178/∞

Good evening, Europe!

„Weltgeschichte kotzt mich gerade an wie eine unangeleinte Kampfqualle“, schrieb Max Goldt am Nachmittag des 11. September 2001 in sein Notizbuch und obwohl er selbst den Satz als „nicht sehr gut“ bezeichnet,1 würde ich als jemand, der seit 42 Jahren Weltgeschichte beobachtet und miterlebt, sagen: Wahrere Worte sind über das 21. Jahrhundert noch nicht geschrieben worden.

Ich habe auch mit Hilfe der Wikipedia nicht rekonstruieren können, zum wievielten Mal in meinem Leben gerade ein US-Präsident ein Land im Nahen Osten angegriffen hat, um von innenpolitischen Problemen abzulenken. Andererseits feiern die Menschen im Iran das Bombardement ihres Heimatlandes und die militärische Tötung ihrer alten Führung als Befreiung und wie unempathisch und borniert müsste man sein, ihnen diese Gefühle abzusprechen?

Die Widersprüchlichkeit von Allem tritt jeden Tag stärker hervor: Ist es legitim, das Völkerrecht zu ignorieren, um gegen ein Regime vorzugehen, dem das Völkerrecht schon immer egal war?2 Ist (potentielle) Freiheit weniger wert, wenn die Befreier Idioten sind, die keinen Plan haben?3 Darf man sich bei allem Elend wenigstens ein kleines bisschen darüber freuen, dass dieser ganze dumme Dubai-Hype gerade ein wenig mit der Realität kollidiert (Si apre in una nuova finestra)?4

Zwei Tage, bevor Stefan Niggemeier und ich im März 2020 „Oslog Live“ in Berlin auf die Bühne bringen wollten, wurde das Öffentliche Leben in Deutschland gestoppt (Si apre in una nuova finestra): Das „neuartige Corona-Virus“ hatte sich ausgebreitet und Schulen, Kindergärten und Geschäfte sollten „für fünf Wochen“ geschlossen bleiben.

Zwei Tage, bevor mein erstes Buch über den Eurovision Song Contest erschien, startete Wladimir Putin seinen Versuch einer Vollinvasion (Si apre in una nuova finestra) der Ukraine, der bis heute anhält.

Am 25. März erscheint mein zweites Buch über den ESC und ich hatte an Neujahr schon vermutet, dass Donald Trump zwei Tage davor wahrscheinlich Grönland angreifen würde. Jetzt hab ich etwas Angst, was wirklich passieren wird.

Das ist natürlich ein wahnsinnig egozentrischer Blick auf die jüngste Weltgeschichte. Andererseits kann ich alles nur durch meine eigenen Augen wahrnehmen und schon aus dieser Perspektive allein wäre ich sehr dafür, dass wir diese verfickte Kampfqualle endlich mal an die Leine legen.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber ich habe das Gefühl, dass inzwischen wirklich alle Menschen in meinem Umfeld ziemlich hart von der Daueranwesenheit der Gegenwart genervt sind: Mindestens die letzten sechs Jahre erfordern permanente Improvisation rund um die Steine, die uns der Weltengang in jenen Weg legt, der eigentlich im Alltag schon beschwerlich genug wäre.5

Ich habe mich neulich dabei ertappt, wie ich im Baumarkt kurz vor einem Wutanfall stand, weil die Wandfarben dort „Befreiter Feuervogel“, „Tochter der Antike“ und „Elegante Gelassenheit“ hießen.6 Und, klar: Das ist nun wirklich prätentiöseste Scheiße, gepaart mit eitelstem Pathos. Da möchte man doch gleich eine ganze Wellnessoase in mediterraner Wischtechnik mit Akzenten von Vantablack überziehen!

Gleichzeitig bin ich mir unsicher, ob meine Energie bei den Namen irgendwelcher Farbtöne - so selbstverliebt sie auch sein mögen - richtig investiert ist, wenn ich sie auch gegen Donald Trump, Elon Musk, Wolfram Weimer, Friedrich Merz, Wladimir Putin, Rupert Murdoch, Gianni Infantino, Markus Söder, Mark Zuckerberg, Siri, Rupert Murdoch, Benjamin Netanjahu, Jens Spahn, den Klimawandel, Richard David Precht, Alice Weidel, Carsten Linnemann, Arschlochsprüche in der Kneipe und im Stadion, Kid Rock, Markus Lanz, den VAR, Jeff Bezos, Peter Thiel, Björn Höcke, diese billigen Plastikverpackungen, die man nicht aufkriegt, Joe Rogan, auf dem Gehweg abgestellte E-Scooter, Mathias Döpfner, Steve Bannon, gefüllte Nudeln, Georgia Meloni, weich gewordene Cornflakes, Gloria von Thurn und Taxis, Nigel Farage, Geert Wilders, unnavigierbare Streamingdienste, Julian Reichelt, Sahra Wagenknecht, die aktuelle Single der Sportfreunde Stiller, das Wort „ikonisch“, Alexander Dobrindt, Viktor Orbán, Joanne Rowling, Lars Klingbeil, nasse Hosenbeine oder Lukas Kwasniok richten könnte.

Ich bin ja gerade - wie ich schon so oft erwähnt habe, dass Selbsthass langsam Teil meiner emotionalen Farbpalette wird - dabei, mein Buch zu promoten, das in zwei Wochen erscheint.

Vergangene Woche wollte ich eigentlich ein paar YouTube-Videos drehen, in denen ich einige möglichst unterhaltsame Fakten über den Eurovision Song Contest in die Kamera erzähle. Die (von mir selbst so geplante) Tonalität der Videos ging mir aber schon vor dem Dreh so hart auf den Sack, dass ich mich spontan dagegen entschieden und stattdessen ein Meta-Video produziert habe, in dem ich erkläre, warum ich keine Videos machen wollte:

https://www.instagram.com/p/DVdv5j0ktF2/ (Si apre in una nuova finestra)

Ich bin wirklich genervt davon, dass von Musiker*innen, Autor*innen und anderen Künstler*innen erwartet wird - oder dass wir glauben, dass es von uns erwartet wird -, dass wir zusätzlich zu unserer eigentlichen Arbeit auch noch Selfpromotion auf Social Media machen. Und dass Schauspieler*innen, Moderator*innen und selbst Volontär*innen inzwischen danach ausgesucht haben (Si apre in una nuova finestra), wie viele Follower sie auf Social Media haben.

Und es nervt mich, dass es selbst in den richtigen Medien so viel um das geht, was auf Social Media stattfindet, und so die immer gleichen Facebook-Boomer mit ihren herablassenden Kommentaren die Wahrnehmung der Welt prägen, obwohl sie in Wahrheit eine schlecht gelaunte Minderheit mit zu viel Tagesfreizeit sind.

Dabei hab ich das alles schon so oft aufgeschrieben, dass ich mir selber vorkomme wie ein Reel, das so geschnitten ist, dass die Zuschauer*innen erst beim dritten Durchlauf merken, dass sie sich in einer Dauerschleife befinden: darüber, wie Instagram alle anderen Räume und Plattformen verdrängt (Si apre in una nuova finestra) hat; darüber, dass ich finde, dass wir viel mehr positive und gute Dinge teilen sollten (Si apre in una nuova finestra), weil diese ganze Negativität ja auch etwas mit einem macht; darüber, wie wir uns außerhalb der bestehenden Tech-Plattformen organisieren sollten (Si apre in una nuova finestra).

Auf jeden dieser Newsletter habe ich - für meine Verhältnisse - viele positive Rückmeldungen bekommen. Ganz viel „Ja, genau!“ und „Man müsste mal.“ Und das ist dann auch wieder ein Jahr her (und ich bin natürlich selber keinen Schritt weiter).

Ich weiß, es ist für uns alle 96. Stunde, aber: Sie setzen ja darauf, dass wir komplett lethargisch werden und uns unserem Schicksal als Klickvieh fügen.

Und das gilt ja nicht nur für die Rezipient*innen, sondern auch für die Produzent*innen. An vielen Stellen arbeiten etablierte Medien ja schon fast aktiv auf eine erbärmliche Selbstverzwergung hin: Anstatt die eigene Rolle als Medium so zu begreifen, dass man da an einem Hebel der Macht sitzt und Themen und Person „top-down breaken“ kann (man also die ganz große T-Shirt-Kanone bedient und Themen selbst setzen kann), liefern sich zahlreiche eigentlich große Player bedingungs-, hoffnungs- und sinnlos den Tech-Konzernen aus, die nur ein einziges Interesse haben: sich selbst.7

In Fernsehsendern, die mit ihrem traditionellen, linearen Programm immer noch ein Millionenpublikum erreichen, freut man sich über fünfstellige Aufrufzahlen von Instagram-Posts und eine dreistellige Anzahl von Likes — wobei in vielen Medienhäusern unproportional viel Arbeitskraft und Geld in diesen Quatsch investiert wird, statt in das eigentliche Produkt.

Spätestens seit Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und Elon Musk wie Firmlinge beim Puffbesuch auf Donald Trumps zweiter Amtseinführung herumstanden, muss doch eigentlich jeder denkende Mensch vor allem ein Ziel haben: Wie werden wir in spätestens drei Jahren wieder unabhängig von dieser Algorithmenhölle?

Viele Musiker*innen haben das schon verstanden: Sie trommeln auf Social Media vor allem dafür, dass ihre Follower sich für den eigenen Newsletter/E-Mail-Verteiler anmelden. Vor allem jene Bands, die schon beim großen Tauschbörsen-Einschlag zur Jahrtausendwende dabei waren; die erlebt haben, wie Labels die zahlenden Fans mit obskuren Kopierschutzmechanismen bestraften, die die Wiedergabe gekaufter CDs teilweise unmöglich machten; die jetzt gleichzeitig von Streamingdiensten, einem Veranstalter-Syndikat und immer weiter steigenden Lebenshaltungs- und Produktionskosten in die Mangel genommen werden.

Wenn Taylor Swift morgen beschließen würde, mit ihren Milliarden Fans nur noch über eine eigene App zu kommunizieren und Instagram & Co.8 zu verlassen, würde ihr das auf lange Sicht vermutlich eher nutzen als schaden. So wie Nick Hornby, George Saunders oder Michael Wolff (God bless them!) auf Substack jetzt noch zusätzliches Geld verdienen mit ihren Texten. Aber wir anderen müssen den ganzen Mist weiter mitmachen — oder wir glauben zumindest, den ganzen Mist weiter mitmachen zu müssen.

Das bedeutet ja nicht, dass in den Verlagen, Labels, Theatern und Redaktionen nicht jede Menge hochmotivierte und talentierte Menschen säßen, die nicht dafür brennen würden, die Sachen, an die sie glauben, zu pushen. Aber dafür springen sie halt oft genug über die Stöckchen, die ihnen hingehalten werden — von den Plattformen selbst und von irgendwelchen „Beratern“, „SEO-Optimierern“ und „Web Evangelists“.

Die verkaufen das, was man im Englischen „snake oil“ (Si apre in una nuova finestra) nennt: nicht-belegbare Heilsversprechen. Das klappt ja schon in der Wirklichkeit, in der es so etwas wie Wissenschaft, Forschung und Naturgesetze gibt, erstaunlich gut — Hashtag Homöopathie, Hashtag Essential Oils, Hashtag Energiesteine, die man über das Telefon wiederaufladen kann. In den Blackboxen der Tech-Plattformen, die im krassen Widerspruch zu der völlig freien Grundidee des World Wide Webs von Tim Berners-Lee stehen, können die Betreiber ihre Naturgesetze selbst schreiben und dafür sorgen, dass für die Außenstehenden alles dauerhaft Neuland bleibt: Die Regeln dieser Plattformen, die eh komplett undurchsichtig sind, werden einfach alle paar Jahre völlig über den Haufen geworfen, so dass man sich komplett neue Strategien ausdenken muss.

Und alle tun so, als sei das normal. Als säßen nicht jene Leute am längeren Hebel, die die Werke9 erstellen, oder wenigstens jene, die sie rezipieren, sondern jene, die nur — ja, was eigentlich machen? Es ist wie bei den Essensbringdiensten, die auch selbst nix können (noch nicht mal ihre Fahrer*innen anständig bezahlen), aber allen anderen vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Moderne Wegelagerer, deren beste Waffe die Faulheit der Anderen ist.

Was ist das eigentlich? Nötigung? Schutzgelderpressung? Das Höhlengleichnis?

Damit wir das schaffen können, damit wir in spätestens drei Jahren diesen ganzen Tech-Konzernen den Rücken kehren können, müssen wir natürlich eine Infrastruktur aufbauen. Oder: die bestehende Infrastruktur nutzen. Das Blog (Si apre in una nuova finestra) ist immer noch da, es wird im kommenden Februar 20 Jahre alt.10

Dieser Newsletter wird im September auch schon zehn und einige von Euch bezahlen sogar dafür, obwohl sie es nicht müssten. Das ist natürlich sensationell, auch wenn ich noch lange nicht davon leben kann. Ganz herzlichen Dank und Vergelt’s Gott!

Ich möchte nicht undankbar wirken oder mich ständig wiederholen oder Euch gar Hausaufgaben aufgeben, aber: Es wäre halt wirklich nice und wichtig, wenn Ihr mein Schaffen weiterempfehlt!

Mir ist schon klar, dass das, was ich so mache, nicht zwingend massenkompatibel ist, aber ich glaube auch, dass es im deutschsprachigen Raum ein paar Tausend Menschen geben sollte, die sich für das interessieren, was ich so aufschreibe. Und wenn wir gemeinsam gegen die Machtkonzentration der Tech-Konzerne ankämpfen wollen (so wir denn noch irgendwelche Kapazitäten dafür haben), dann wäre das hier eine gute Gelegenheit, damit anzufangen — nicht nur bei dem, was ich mache, sondern auch bei dem, was andere Menschen machen.

Für Euch sind es ein paar Klicks,11 für uns kleine Schritte Richtung Unabhängigkeit.

Es mag nach den vorherigen knapp vierzehntausend Zeichen überraschen, aber es gibt wenig, was ich mehr hasse, als schlechte Laune zu haben. Auch, wenn ich mir immer wieder selbst sage, dass es absolut legitim ist, in einem spätkapitalistischen Patriarchat, in dem die Milliardäre gegen die Menschen kämpfen, wütend zu sein, wäre ich es gerne nicht.12 Deswegen mag ich auch das neue Kreator-Album (vgl. letzter Newsletter (Si apre in una nuova finestra)) so sehr: Mille brüllt einfach für mich rum, dann muss ich das nicht mehr machen.

Da trifft es sich gut, dass der Frühling in Bochum diesmal besonders früh13 und spektakulär auftritt. Ich bin im März/April 2004 in diese Stadt gezogen, deswegen erinnert mich die tief stehende Frühlingssonne immer an diese Zeit des Aufbruchs.

Ich war letzte Woche mal wieder an der Uni (ich musste die letzten Bücher in die UB zurückbringen, die ich mir als Quellen für mein eigenes Buch ausgeliehen hatte und deren Leihfristverlängerungen ich bis zum Allerletzten ausgereizt habe, als sei es ein irrsinnig weiter und beschwerlicher Weg), die Sonne ging gerade unter, und ich hatte all the feels: Erinnerungen an Seminare, Parties, Freund*innen, die Welt, die mir offen gestanden hatte, wovon ich erschreckend wenig Gebrauch gemacht hatte; an Beziehungen, längst verblichene Internetforen, das Gefühl, an einem Sommernachmittag mit einer Flasche Radler vor dem Querforum West zu sitzen, Crushes, sehr lange Arbeitstage beim Campusradio, die Wackelplatten, Schneematsch, Klausurvorbereitungsphasen, die UB, das vielleicht tollste und mystischste Gebäude Bochums, und vor allem an die ganzen CDs in meinem Discman.

Einige Studierende dort waren wahrscheinlich jünger als mein Bachelor-Abschluss. Ich dachte an meinen Sohn, der bald die Hälfte seiner Schulzeit hinter sich haben wird, und an all the feels, die auf ihn zukommen werden, die Positiven und Negativen, und war gleichzeitig tieftraurig und beseelt, also mithin: am Leben.

Ich weiß nicht, ob Ihr es mitbekommen habt, aber am 25. März erscheint mein neues Buch über den Eurovision Song Contest. Meine eigenen Exemplare sind letzte Woche geliefert worden:

https://www.instagram.com/einheinser/reel/DVi3BwrkhsE/ (Si apre in una nuova finestra)

In den Vorbestellungsrankings von Amazon liegt es sehr weit hinten, was ich als gutes Zeichen werte, dass Ihr das Buch alle bei der Kleinen Buchhandlung in Eurer Nachbarschaft vorbestellt habe. Vielen Dank!

Am 22. März stellen Thorsten Schorn und ich das Buch im COMEDIA Theater (Si apre in una nuova finestra) in Köln vor (Vondelstraße 4-8, 50677 Köln). Es nervt mich auch hier wieder selbst, die ganze Zeit dafür zu trommeln, aber das Live-Entertainment-Geschäft ist in diesen Zeiten auch ein hartes Brot. Es gibt jedenfalls noch Karten (Si apre in una nuova finestra) und wenn Ihr selbst nicht in der Nähe wohnt oder keine Zeit, kein Interesse oder keine Kapazitäten habt: Wäre das nicht eine phantastische Gelegenheit, Euch mal wieder bei Euren Freund*innen in NRW zu melden und Ihnen einen Besuch nahezulegen?

Außerdem würde ich gerne noch ein Video machen (ich hab gehört, sowas muss man heutzutage als Autor*in), in dem ich Eure Fragen zum Buch, zum ESC generell und zu meinem Lieblingsessen (nicht gefüllte Nudeln) beantworte.

Dafür müsstet Ihr allerdings erstmal welche stellen. Gerne hier (Si apre in una nuova finestra).

Was macht der Garten?

Die neue Saison hat begonnen! Wir haben die Pflanzschalen von den Resten des Vorjahres befreit und gedüngt und angefangen, die Sämlinge für dieses Jahr zu ziehen. Die Magnolien (Si apre in una nuova finestra) in der Nachbarschaft dürften in fünf Tagen in voller Blüte stehen.

Was hast Du veröffentlicht?

Das Coffee And TV-Mixtape für Februar. Im Blog (Si apre in una nuova finestra), bei Apple Music (Si apre in una nuova finestra) und Spotify (Si apre in una nuova finestra).

Was hast Du gehört?

Mir steht der Sinn aktuell nach energetischer, etwas wütender, aber auch melodiöser Gitarrenmusik — gerade beim Sport. Da trifft es sich gut, dass ich mit ein paar Monaten Verspätung auf „God Save The Gun“ (Loma Vista; Apple Music (Si apre in una nuova finestra), Spotify (Si apre in una nuova finestra), Amazon Music (Si apre in una nuova finestra), Tidal (Si apre in una nuova finestra), YouTube Music (Si apre in una nuova finestra), Deezer (Si apre in una nuova finestra), Bandcamp (Si apre in una nuova finestra)), das zweite Album der Band Militaire Gun aus L.A., aufmerksam geworden bin. Die Musik erinnert mich an Rival Schools, A und Solarscape (falls die noch jemand kennt) und in manchen Momenten an Hüsker Dü oder Thursday. Also: Ich lieb’s!

Die „New York Review“ hat eine neuen Podcast-Reihe namens „Private Life“, in der Jarrett Earnest mit Autor*innen über ihre Arbeit, ihr Leben und ihre Einflüsse spricht. Ich habe bisher nur die Folge (Si apre in una nuova finestra) gehört, in der Joyce Carol Oates zu Gast ist und ausführlich über Joan Didion redet, aber schon das ist - natürlich - ein Genuss!

Was hast Du gesehen?

Auf Disney+ (Si apre in una nuova finestra) gibt es die zweite Portion der fünften Staffel von „Phineas & Ferb“. Wir haben die ersten drei Doppelfolgen (also die Episoden 11-13) geschaut und wenn die Serie bis hierhin schon außergewöhnlich und idiosynkratisch war, ist sie nun in ihrer „Twilight Zone“ era angekommen.

Was hast Du gelesen?

Am Schauspielhaus Bochum gab es - endlich mal wieder! - einen sogenannten Theaterskandal: Bei der Premiere von Tiago Rodrigues’ Drama „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ (Si apre in una nuova finestra) war es zu - je nach Überlieferung mehr oder weniger intensiven - tumultartigen Szenen gekommen, weil ein Schauspieler in seiner Rolle einen Text vorgetragen hatte, der an die typischen Ausführungen rechtspopulistischer Politiker*innen der Gegenwart erinnern sollte. Das Publikum verlor die Nerven, äußerte lautstark seinen Unmut und ein paar Personen versuchten, auf die Bühne zu gelangen (ich war nicht dabei und habe das Stück bisher noch nicht gesehen).

Als Anhänger der Aristotelischen Dramenlehre denkt man erstmal: „Geil! Endlich mal wieder Schwung in der Bude! Eleos, Phobos und Katharsis!“ Als Kultur- und Medienjournalist im Jahr 2026 denkt man: „Wenn nicht mal mehr Bildungsbürger*innen das Konzept ‚Theater‘ verstehen und ihre Wut gegen Schauspieler richten statt gegen echte Rechtspopulisten (oder wenigstens gegen die Namen ihrer heimischen Wandfarbe), dann haben wir aber langsam ein echtes Problem!“

Darüber denken auch Alexander Menden von der „Süddeutschen Zeitung“ (Si apre in una nuova finestra) und Jakob Hayner von der „Welt“ (Si apre in una nuova finestra) (beide Texte hinter der Paywall) in ihren Texten zum Eklat nach, die ich beide auf ihre Art sehr lesenswert fand.

Der Historiker Moritz Hoffmann hat sich in der neuesten Ausgabe seines immer recht lesenswerten Newsletters „Schicht im Schacht“ (Si apre in una nuova finestra) (der wie dieser hier bei Steady erscheint) mit der Geschichte der Sozialen Medien befasst, von Newsgroups und IRC-Chats über MySpace und LiveJournal bis zum aktuellen Meltdown. Vieles kam mir wohlig vertraut vor, auch wenn Moritz Soziale Medien ganz anders interpretiert als ich: Seiner Ansicht nach geht es um den Austausch untereinander, nicht darum, zu den anderen Nutzer*innen zu senden. Ein interessanter Gedanke.

Brad Reese ist ein Enkelsohn und Erbe des Schokoladenfabrikanten H.B. Reese. Das Unternehmen ist seit über 60 Jahren nicht mehr in Familienbesitz, aber Brad Reese beklagt sich jetzt öffentlich über den jüngsten Qualitäts- und Geschmacksverlust der Reese-Produkte. NPR (Si apre in una nuova finestra) hat die Geschichte aufgeschrieben, die bei aller Individualität überraschend allgemeingültig erscheint.

Der Kollege Linus Volkmann schreibt in seiner Kolumne für den „Musikexpress“ (Si apre in una nuova finestra) über KI-Grafiken, die sich inzwischen auch auf Plakaten, Album- oder Buchcovern (mitunter zum Missfallen der Musiker*innen oder Autor*innen, hab ich gehört) befinden. Weil Linus das mit dem Verstärken der positiven Dinge aber verinnerlicht hat, empfiehlt er Illustrator*innen, deren Werke natürlich unendlich bedeutender sind als dieser ganze KI-Schrott.

In Essen hat das Hotel Schanghai seine Pforten für immer geschlossen; ein legendärer Club, in dem ich nie drin war. Jonah Lemm aber sehr wohl, weswegen er für den „Spiegel“ (Si apre in una nuova finestra) (auch Paywall) über die letzten Nächte dort geschrieben hat. Es ist ein Text, exakt so angemessen rauschhaft, wie man es erwarten würde; natürlich mit namentlichem Verweis auf den Paten des Rausch-Textes, Rainald Goetz.

Was hast Du zum ersten Mal gemacht?

Weil die „Probe BahnCard Gold“ (vgl. letzter Newsletter (Si apre in una nuova finestra)) auch für die Paralympics gilt, waren das Kind und ich am Sonntag für knapp zwei Stunden in Frankfurt am Main: Chipotle (es gibt nur zwei Filialen dieser amerikanischen Fast-Food-Kette in Deutschland: beide in Frankfurt, 2,6 Kilometer voneinander entfernt), Römerberg mit Rathaus, Paulskirche, Alte Oper, Taunusanlage, Straßen-, S- und U-Bahn — und dann wieder nach Hause. Beeindruckt hat uns vor allem der ICE 3neo (Si apre in una nuova finestra) auf dem Hinweg: ein wunderschöner, sehr funktionaler Zug. So gut können Autos gar nicht sein!

Was hast Du gelernt?

Als am 1. April 1998 im Estadio Santiago Bernabéu vor dem Anpfiff ein Tor umfiel (Si apre in una nuova finestra) und Günther Jauch und Marcel Reif eine 76-minütige Pause füllen mussten, ehe das Champions-League-Halbfinale zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund endlich angepfiffen werden konnte, schauten 12,76 Millionen Menschen bei RTL zu — das eigentliche Spiel hatte anschließend ein knapp halb so großes Publikum.

Was hat Dir Freude bereitet?

Im Restaurant des Berliner Fernsehturms wird bald Die Echte der Bochumer Traditionsmetzgerei Dönninghaus serviert (Si apre in una nuova finestra).

Und jetzt: Musik!

https://www.youtube.com/watch?v=ZCb6sHeC7ac (Si apre in una nuova finestra)

Wenn Dir mein Schaffen (Newsletter (Si apre in una nuova finestra), Blog (Si apre in una nuova finestra), Musik (Si apre in una nuova finestra)) Freude bereitet, teile es doch gerne mit Personen in Deinem Umfeld, denen es auch gefallen könnte! Bis das Buch rauskommt, muss ich mein Publikum vergrößern!

Und wenn Du meine Arbeit auch finanziell unterstützen magst und kannst: Das geht per PayPal (Si apre in una nuova finestra) oder als Bezahl-Abo.

Habt eine schöne Restwoche!

Always love, Luki

  1. Alles nachzulesen im unsagbar guten Buch „Wenn man einen weißen Anzug anhat“, das man mindestens einmal im Jahr aus dem Regal holen und wenigstens durchblättern sollte — man wird dann eh mehrere Stunden darin lesen, neben dem Regal stehend, und sich daran erfreuen.

  2. Der deutsche Bundeskanzler findet: ja.

  3. Als Smalltalk-Thema weitergedacht: Würde man eine Organspende annehmen, wenn man wüsste, dass der Spender ein Verbrecher war? Und falls ja: Welches Verbrechen wäre gerade noch okay?

  4. Zumindest bei jenen, die dem Konzept „Realität“ noch nahestehen.

  5. Es gibt übrigens eine gemeinsame Ursache für Kriege, Ölkrisen, immer weiter wachsende Unterschiede zwischen arm und reich, fehlende Kinderbetreuung, Streit im Haushalt, schlechte Stimmung am Arbeitsplatz und vieles andere, was im Leben nervt: das Patriarchat.

  6. I’m not making this up.

  7. Das ist jetzt nicht zwingend ein neues, digitales Problem: Es gibt genug Radiosender, die nach eigenem Selbstverständnis „Hits spielen und sie nicht machen“; genug TV-Redaktionen, die ihrem Publikum lieber Altbewährtes vorsetzen (Krimis, Kochsendungen, die immer gleichen Talkshow-Gäste), als ihren Hebel zu nutzen und Dinge und Personen zu präsentieren, die neu und anders sind. Natürlich kann so ein Publikum auch mindestens so konservativ sein wie ein Sauerländer auf einem veganen Street Food Market, aber so dumm, wie viele Macher glauben, ist so ein Publikum dann auch nicht. Hoffentlich. Wenn doch, haben wir ein viel größeres Problem.

  8. Das klingt ja schon wie eine Blödeltruppe (Si apre in una nuova finestra)!

  9. Allein schon diese Worte: „Inhalte“ oder „content“!!!!1

  10. Und ich denke, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass wir das ordentlich feiern werden, also stay tuned!

  11. Ich bin übrigens wirklich dafür, den kommentarlosen Versand von Werken, die man für passend hält, in Freundeskreisen zu normalisieren.

  12. Genauer gesagt würde ich gerne in einer Welt leben, in der ich bedeutend weniger legitime Gründe habe, schlechte Laune zu empfinden, und mich gerne an einem durchweg gut gelaunten Tag mal drei Minuten im Baumarkt über die beknackten Namen banaler Wandfarben echauffieren — einfach, um ein bisschen Würze in den Gefühlshaushalt zu bringen.

  13. Yeah! Globale Erwärmung!

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