I'm not your toy
You stupid boy
I'll take you down now, make you watch me
Dancing with my dolls on the motha-bucka beat
(Netta)
179/∞
Is this thing on?
Vorgestern, am 25. März 2026, war es endlich so weit: Making disco a threat again.
Ach nee: Mein neues Buch über den Eurovision Song Contest (Si apre in una nuova finestra) ist erschienen. Und weil es das auch als E-Book gibt, konnte ich wie Bands am release day um Mitternacht bei Apple Books (Si apre in una nuova finestra) nachgucken, dass man das Teil jetzt wirklich kaufen kann.1
Ich habe den Anlass genutzt, diesen kleinen supercut meiner ganz persönlichen ESC-Geschichte zu veröffentlichen:
https://www.instagram.com/p/DWTBa_Hkh4A/ (Si apre in una nuova finestra)Bereits am Sonntag hatten Thorsten Schorn und ich im Comedia Theater in Köln aus meinem Buch vorgelesen, spektakuläre ESC-Auftritte gezeigt und aus dem sogenannten Nähkästchen geplaudert. Es war ein sehr schöner Abend mit ganz wunderbaren Menschen und wenn wir jetzt Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet bekämen, würden wir glaub ich über eine Wiederholung nachdenken.

Am Mittwoch selbst habe ich abends mit Stefan Niggemeier den nachträglichen Beweis angetreten, wie viel Arbeit im Schnitt unserer Videoblogs (Si apre in una nuova finestra) steckte, denn wir haben bei Instagram eindreiviertel Stunden relativ wahllos drauflos geredet, was ebenfalls großen Spaß gemacht und trotzdem Zuschauer*innen gefunden hat.
Und dann wollten Stefan und ich Euch noch das hier zeigen:
https://www.youtube.com/watch?v=Pekq8udyVA0 (Si apre in una nuova finestra)Die letzten Tage, der Austausch am Sonntag, die vielen lieben Nachrichten und Instagram-Stories, die mediale Aufmerksamkeit und das Lob von Menschen, denen ich vertraue, fühlen sich an wie ein angemessener payoff für die zehn Wochen im vergangenen Herbst, wo ich in fast jeder wachen Minute an diesem verdammten Buch gearbeitet habe.
Zu den Erkenntnissen, die ich aus diesem Projekt mitgenommen habe, gehört unter anderem:
Durch die vielen Tage am Laptop sind meine Augen (zumindest vorübergehend) schlechter geworden. Als ich danach bei Regen Auto gefahren bin, haben meine Augen auf die Tropfen und den Scheibenwischer fokussiert, was nicht gut war.
Ich habe sehr viel Mountain Dew getrunken.
Es gibt keine Wahrheit. Das hatte ich vorher schon geahnt. Aber der große amerikanische Journalist Robert Caro hatte immer gesagt, es gäbe immerhin Fakten. Inzwischen glaube ich nicht mal mehr daran: Wenn man sich so intensiv mit einem Gegenstand beschäftigt, beginnt man irgendwann, die Wege der Quellen zu erkennen; Online-Artikel sind eindeutig von Wikipedia-Artikeln abgeschrieben, die sich wiederum auf einzelne, teils 20, 30 Jahre alte Bücher berufen, die ihre Quellen nicht nennen. Und selbst wenn deren Autor*innen ganz gewissenhaft vorgegangen sind und sich für ihre Bücher durch die Archive gewühlt haben: Ein einzelner Zeitungsartikel von, sagen wir: 1963 beweist halt auch noch nicht, dass sich der beschriebene Sachverhalt wirklich so ereignet hat.
Wie oft ich bei meinen Recherchen auf angebliche Kontroversen gestoßen bin, die dann mit ein paar Protestlern in irgendeiner Hauptstadt und ein paar Tausend Unterschriften für eine Online-Petition untermauert wurden — Herzchen, das findest Du spätestens ab 2015 (wahrscheinlich ab 1968) für buchstäblich jedes Thema, so unkontrovers es auch sein mag. Genauso wie sich zu jedem Thema irgendwo irgendeine politische aktive Person finden wird, deren globales Vermächtnis auf ewig darin bestehen wird, sich Ende der 1990er Jahre zu irgendeinem ESC-Act geäußert zu haben, was sich jetzt sowohl durch die weitere Berichterstattung des ESC-Acts als auch die zur politischen Person ziehen wird. Die Vergangenheit wird von denen erzählt, die gewonnen haben, aber manchmal eben auch von Medien, die nicht werten und nicht abwägen wollen.
Eine für einen früheren BILDblog-Chef eigentlich nicht wirklich erstaunliche Erkenntnis: Boulevardmedien sind schäbig, überall auf der Welt. Aber der Schweizer „Blick“ spielt da durchaus noch einmal in einer ganz eigenen Liga, wie Gunvor Guggisberg oder Michael von der Heide vermutlich jederzeit bestätigen würden.
Adobe Acrobat hat kein Autosave. Man sollte alle paar Minuten zwischenspeichern. Es ist ein grässliches Programm.
Beim nächsten Buch (drückt mir die Daumen!) muss ich in den Vertrag schreiben lassen, dass das Cover von Menschen (gerne FLINTA, PoC, usw.) gestaltet werden muss.
Manche Journalist*innen sehen in Interviewpartner*innen nur die Erfüllungsgehilfen ihrer eigenen (oft überschaubaren) Gedanken. Wenn fast jede Frage mit „Würden Sie sagen …“ oder - schlimmer noch! - „Sehen Sie das auch so …“ beginnt, weiß man, dass man sich eigentlich direkt wieder hinlegen kann.
Jetzt ist das Buch jedenfalls draußen und natürlich kann ich noch ein paar Instagram-Reels erstellen, aber ich glaube, meine Follower dort wissen jetzt - genauso wie Ihr hier - langsam, dass ich ein Buch über den ESC geschrieben habe, der immer schon ESC hieß, auch wenn viele Menschen und Medien in Deutschland gerne behaupten, die Veranstaltung habe „früher“ oder „eigentlich“, jedenfalls: lange „Grand Prix de la Chanson“ geheißen und sei dann etwa zur Jahrtausendwende mit dem neuen englischen (und damit natürlich minderwertigen) Namen „Eurovision Song Contest“ belegt worden, um ein jüngeres, internationales Publikum anzusprechen.

Hilfreicher wäre jetzt, wenn Ihr - so Ihr das Buch gelesen habt, es Euch gefallen hat und Ihr Bock darauf habt - das Buch weiterempfehlt: bei Menschen in Eurem Umfeld, die jedes Jahr den ESC gucken, aber auch bei denen, die sich allgemeiner für Popkultur und Europäische Nachkriegsgeschichte interessieren, denn ich denke, auch das bildet das Buch ganz gut ab. Und als Mitbringsel für den gemeinsamen ESC-Abend im Freundeskreis ist es eh ganz phantastisch geeignet, hab ich gehört.
Vielen Dank!
HARTER SCHNITT
Eigentlich wollte ich diese Ausgabe des Newsletters nur nutzen, um mit Euch dieses Buch zu feiern, aber drei Tage vor der Lesung wurde klar, dass das so nicht funktionieren würde:2
Am 19. März enthüllte der „Spiegel“ (Si apre in una nuova finestra), dass der Schauspieler, Moderator und Fernsehproduzent Christian Ulmen jahrelang mit Fake-Profilen unter dem Namen seiner damaligen Ehefrau, der Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes, Männer im Internet kontaktiert haben soll, um sehr private und intime Nachrichten auszutauschen. So soll er ihnen digital manipulierte Fotos und Deep-Fake-Pornos geschickt haben, die den Anschein erwecken sollten, seine Frau zu zeigen. Fernandes hat Ulmen in Spanien, wo die beiden leben und die Gesetze schärfer sind, angezeigt und hat eidesstattliche Versicherungen zu dem Fall abgegeben. Für Christian Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.3
Ich habe selten so körperlich auf eine Nachricht reagiert. Ich konnte minutenlang nicht richtig atmen, und als ich irgendwann begann, zu begreifen, worum es hier geht, fiel mir trotzdem auch nach Stunden nur ein Adjektiv ein: „unfassbar“.
Ich habe vor elf Jahren einmal bei einer Produktion mit Christian Ulmen zusammengearbeitet. Wir hatten nicht viel Kontakt, aber er war sehr sympathisch und professionell und ich habe mich sehr gefreut, mit diesem damals schon Star zusammenarbeiten zu dürfen. Ich schreibe das nicht auf, um irgendetwas zu relativieren oder irgendwelche Zweifel an Collien Fernandes’ Aussagen zu schüren; ich schreibe es auf, um die Fallhöhe zu beschreiben: Kein Musiker mit Texten voller Missbrauchsphantasien, kein Komiker, vor dem sich die Frauen in Köln gegenseitig gewarnt hatten, sondern ein Mann, der mal in einem Interview gesagt hatte: „Ich sehe mich komplett als der Typ Mann, den sich der Feminismus immer gewünscht hat.“ (Wobei man bei so viel Selbstgerechtigkeit wirklich immer mindestens die Augenbraue heben sollte.)
Wahrscheinlich auch deshalb fühlten sich die ersten Tage in meinem Umfeld ein wenig an wie 9/11: Irgendwie mussten wir uns austauschen, uns gegenseitig unserer Fassungslosigkeit versichern, diesen emotionalen Cocktail aus Entsetzen, Ekel und Wut teilen.
Und gleichzeitig kam auch bei mir der - von Aminata Belli (Si apre in una nuova finestra) in der eigenen Verwirrtheit wunderbar formulierte - Gedanke auf: Collien Fernandes erzählt seit Jahren, dass es diese deep fakes von ihr und die Kontaktaufnahmen über falsche Profile gab — warum sind wir eigentlich alle erst jetzt so empört, wo wir wissen, dass der mutmaßliche Täter ihr eigener, prominenter Ehemann war? Warum bin ich erst jetzt so wütend, wie ich es schon bei buchstäblich Tausenden anderer Gelegenheiten - z.B. beim Fall von Gisèle Pelicot - hätte sein können/sollen/müssen? Weil ich noch nie in diesem französischen Dorf war?4
Eine sehr gute Freundin meinte zu mir: „Es ist gut, dass Du jetzt so richtig wütend bist, aber wir Frauen waren da schon und sind jetzt eigentlich nur noch müde.” Und das kann ich total verstehen.
Ich weiß, ich bin spät auf der Party, es tut mir leid, aber jetzt bin ich hier, wütend, und würde Euch Eure ganzen Emotionen und Sorgen gerne für ein paar Jahre abnehmen und sie für Euch tragen!
Natürlich solltet Ihr, wenn Ihr Euch als männlich identifiziert, jetzt vor allem Texte von Frauen lesen.5 Oder das, was Benjamin von Stuckrad-Barre, der, wie er selbst schreibt, bis vergangenen Donnerstag mit Christian Ulmen befreundet war, beim „Spiegel“ (Si apre in una nuova finestra) geschrieben hat, und wo er - ohne ihn dafür zu viel zu loben, was ihm auch selbst sicherlich nicht recht wäre - meines Erachtens sehr gut zeigt, wie man als Mann mit solchen Fällen in seinem Umfeld umgehen sollte: Der Frau glauben, ihr Solidarität zusichern, sich in aller Deutlichkeit öffentlich vom mutmaßlichen Täter distanzieren.
Aber Ihr lest ja hier im Moment bewusst meinen Newsletter, und wenn Ihr den grad nicht weglegen wollt, kann ich Euch ja noch ein bisschen (wir stehen jetzt schon bei mehr als zehntausend Zeichen 🫠) in meine unsortierte Gedankenwelt mitnehmen:
Einerseits glaube ich nicht, dass ich als Cis-Mann irgendwas zur Erkenntnis beitragen kann, andererseits habe ich das Bedürfnis, irgendwas zu sagen, was darüber hinausgeht, dass ich seit über einer Woche nur schreien und andere Männer schütteln will.
Ich hab es hier schon sehr (Si apre in una nuova finestra) oft (Si apre in una nuova finestra) geschrieben, dass „wir“ (je nach Kontext: Männer, Weiße Personen, usw.) in unserem Umfeld, in der Kneipe und im Stadion das Maul aufmachen müssen, wenn es zu misogynen, rassistischen, homophoben und anderen menschenfeindlichen Kommentaren kommt. Und ohne meiner peer group (oder mir selbst) einen Blankoscheck ausstellen zu wollen, hätte ich immer gesagt: Ich würde ja gerne öfter auf den Tisch hauen, aber ich hab einfach ein sehr aufmerksames Umfeld, in dem es quasi nie irgendwelche Witze, Sprüche oder sowas gibt.
Aber nach ein paar Tagen, in denen ich immer wieder darüber nachgedacht habe, ob es in letzter Zeit Situationen gab, in denen ich etwas hätte sagen sollen, hab ich gemerkt: Ja, die gab's (natürlich). Es ist ein paar Monate her, bei einer Feier im Freundeskreis meiner Eltern. Es war „nur“ ein ekliger Spruch, aber der ging halt gar nicht, und jetzt bin ich fassungslos und wütend über mich selbst, dass ich da trotz massivem Unwohlsein nicht reagiert habe. Und alles, was ich daraus mitnehmen kann, ist der Vorsatz, beim nächsten Mal ABER WIRKLICH etwas zu sagen. Gnarf.
Ein Ort, wo man seit den Enthüllungen noch viel weniger sein will als eh schon, sind natürlich - wollen wir es gemeinsam sagen? - die Sozialen Medien. Da schreiben dann Menschen (die allermeisten, aber leider nicht alle: Männer), die offenbar nicht mal die Zeit gefunden haben, den verdammten Instagram-Post (Si apre in una nuova finestra) des „Spiegel“ zum Thema, geschweige denn den ganzen Artikel zu lesen, von einem „Rosenkrieg“, in dem man „erstmal beide Seiten hören“ müsse, oder unterstellen (oft mit mehr als nur rassistischem Unterton), es brauche erst den Fall einer Prominenten, damit es zu öffentlicher Empörung komme — so, als wären nicht zum Weltfrauentag am 8. März, buchstäblich less than a fortnight ago, die Straßen und Social-Media-Plattformen voll gewesen mit Forderungen nach schärferen Gesetzen, nach mehr Geschlechtergerechtigkeit und Kritik am Patriarchat.
Obwohl ich weiß, dass es aktionistisch und mutmaßlich wahnsinnig sinnlos ist, habe ich es mir in den letzten Tagen zur Aufgabe gemacht, diesen Menschen öffentlich zu widersprechen. Damit sie wenigstens nicht sagen können, all die Kritik an ihren unterkomplexen, weltfremden bis geradezu rassistischen Ausführungen komme nur von den Personen, die sie als „hysterische Weiber“ bezeichnen würden. Stellt sich raus: Manche Typen wollen gar nicht mit Männern diskutieren, andere sortieren mich dann eben zu den „Verrückten“ dazu.
Ich weiß aus den Rückmeldungen von Freundinnen und wildfremden Frauen, dass es (für sie) wichtig ist, dass sich auch Männer endlich öffentlich positionieren und solidarisieren. Und wenn das der winzigwinzigkleine Beitrag ist, den ich leisten kann, dann mache ich das gern.
Dass dumme, überhebliche Kommentare kein reines Social-Media-Phänomen sind, bewies mein ehemaliger Chef und Podcast-Partner Friedrich Küppersbusch, der meinte, über den Fall und die öffentliche Diskussion Folgendes in die „taz“ (Si apre in una nuova finestra) schreiben zu müssen: „Derzeit liegt die allerdings opulente Schilderung einer Konfliktpartei vor; und die Wucht der digitalen Bemeinung und Verurteilung schreit nicht danach, noch mehr draufzusoßen an Gratismut.“6 So komme auch ich mal dazu, mich öffentlich von einem ehemaligen Freund distanzieren zu wollen.
Und dann, nachdem das ganze Land tagelang über die unterschiedlichsten Arten an Fehlverhalten von Männern diskutiert hatte: Auftritt Friedrich Merz.
Seine erste überlieferte Wortmeldung zu diesem Thema mündete in diesem Satz: „Und dann müssen wir auch ansprechen, dass ein beachtlicher Teil dieser Gewalt aus den Gruppen der Zuwanderer in die Bundesrepublik Deutschland kommt.“ Das ist so ein Moment, wo es eigentlich zu einem mic drop der ganz besonderen Art kommen sollte, bei dem sich das Mikrofon vor lauter Schaum über das, was es gerade übertragen musste, selbst auf den Boden wirft.
Ich kenne niemanden, wirklich NIEMANDEN, keinen Mann und schon gar keine Frau, die sagen würden: „Wenn Frauen von einem Mann mit Migrationsgeschichte belästigt oder angegriffen werden, ist es nicht so schlimm.” Deswegen verwenden wir den Begriff „Männer”, der - ich hab noch mal nachgeschaut (Si apre in una nuova finestra) - UNABHÄNGIG VON DER NATIONALITÄT ist.
Der Comedian Maxi Gstettenbauer (der sich übrigens als einer der ersten Kollegen von Christian Ulmen distanziert hatte (Si apre in una nuova finestra)), brachte es auf den Punkt (Si apre in una nuova finestra): „Ich glaube, Christian Ulmen ist gerade richtig froh, dass Friedrich Merz was Rassistisches gesagt hat.“
Und tatsächlich hat Merz - auch wenn er anschließend noch zu Protokoll gab, „das Problem keinesfalls relativieren“ zu wollen - den ganzen anonymen Internetvollschreibern damit natürlich von dritthöchster Stelle eine Legitimation ihrer derailment (Si apre in una nuova finestra)-Strategie gegeben: Jetzt können sie noch selbstgefälliger auf irgendwelche angeblichen Statistiken verweisen (die sie auf Nachfrage dann nie benennen können oder wollen), auf „Ausländer“ zeigen (während sie gerade noch vehement dagegen waren, Täter als „Männer“ zu benennen) und - der absolute Gipfel der kognitiven Dissonanz und beste Weg, am Spiegeltest für Dreijährige zu scheitern - Menschen wie mir vorwerfen, wir wollten „spalten“.
Und dann, irgendwo tief in diesem ganzen Elend, dämmerte mir: Es gehört zu unserer Kultur, in angeblich unvereinbaren Polen zu denken.
Wenn wir sagen, dass es natürlich auch Männer mit Migrationsgeschichte sind, die übergriffig werden, können sie7 in Migranten gleichzeitig nicht auch Männer sehen; können nicht akzeptieren, dass wir ihnen sogar einen Schritt entgegenkommen, indem wir sagen: „Klar, es sind auch Migranten darunter“, weil sie offenbar unterbewusst glauben, dass wenn ein Täter zu einer Gruppe (die sie für gefährlich und bekämpfenswert halten) gehört, er nicht gleichzeitig zu einer anderen Gruppe gehören kann.
Und das ist ist wirklich kulturell so angelegt: „Beatles oder Stones?“, „Star Wars oder Star Trek?“, „Weiß- oder Rotwein?“, „New Kids On The Block oder Take That?“, „Oasis oder Blur?“, „Dortmund oder Schalke?“, „Weder Fisch noch Fleisch.“
„Sowohl als auch“, gilt als Wegducken, als Schwäche. (Wobei Politiker*innen und öffentliche Stellen (Si apre in una nuova finestra) natürlich genügend Beispiele liefern, wie man gleichzeitig um Pelzwäsche bittet, aber nicht nass gemacht werden möchte — auch hier gilt es, zu differenzieren und jeden Einzelfall zu betrachten.)
Wir sind nicht (oder nur sehr schlecht) darauf vorbereitet, dass zwei Wahrheiten gleichzeitig zutreffen können: Ulmen ist sympathisch und ein mutmaßlicher Täter; Frauen können sich knapp kleiden und trotzdem nicht belästigt werden wollen; wir können gegen Täter mit Migrationsgeschichte (und solche ohne) sein und trotzdem gegen Rassismus (und für viel mehr Integrationsmaßnahmen, Soziale Arbeit und sowas).
Man muss diese (oft ja nur vermeintliche) Komplexität und Widersprüchlichkeit nicht anerkennen (obwohl es einen in der Welt ein ganzes Stück weiterbringen würde), aber es würde doch schon helfen, diejenigen, die auf eine Lösung des Problems (nochmal: das Problem heißt „Männer“ bzw. „Patriarchat“) hinarbeiten, nicht auch noch von der Seite mit dummen Kommentaren zu behelligen.
Es ist mir ein Bedürfnis, noch einmal darauf einzugehen, dass auch wir Männer Opfer des Patriarchats sind. Natürlich sehr viel weniger als Frauen - wir können nachts durch die Stadt gehen, uns wird nicht hinterher gepfiffen und gerufen, wir müssen uns keine Gedanken über unsere Kleidung und unsere Getränke machen, wir bekommen keine ungewollten Nachrichten und Fotos zugeschickt, wir sind nicht die Benachteiligten der gender pay gap, usw. usf. - aber eben auch.
Es hätte mir in der Pubertät z.B. wahnsinnig geholfen, wenn mir jemand (idealerweise ein Mann) gesagt hätte: „Du musst Frauen nicht auf ihr Äußeres reduzieren; musst ihnen nicht auf den Hintern gucken, denn Dein Wille ist stärker als Deine Hormone; musst Dich nicht entscheiden, ob Du Frauen oder Männer (oder Menschen, die in keine dieser Kategorien fallen) toll findest; musst Dich nicht betrinken; musst nicht um des lieben Friedens Willen die Klappe halten, wenn einer Deiner Kumpels (die, glaub mir, genauso unsicher sind wie Du) einen dummen Spruch macht; musst nicht selber Witze über Frauen und Schwule machen;8 musst später nicht in einer Paarbeziehung leben oder gar mit jemandem zusammenziehen. Du darfst weinen und über Deine Gefühle reden; darfst Dich kleiden, wie Du willst (wieder: männliches Privileg); darfst Nagellack tragen und als Vater ganz viel Zeit mit Deinem Kind verbringen.“
Stattdessen hatte ich ein Aufklärungsbuch, in dem relativ wörtlich stand: „Wir könnten hier ‚Penis‘ oder ‚Glied‘ schreiben, aber Du denkst eh ‚Schwanz‘, also schreiben wir ‚Schwanz‘.“ Und so dachte ich mit 13, 14 Jahren: „Also denken alle Jungs ‚Schwanz‘.“
Als gestern in Hamburg rund 20.000 Menschen (Si apre in una nuova finestra) gegen sexualisierte Gewalt demonstrierten, stand Collien Fernandes in einer schusssicheren Weste auf der Bühne, weil sie Morddrohungen erhalten hatte, nachdem sie das (mutmaßliche) Verhalten ihres Ex-Partners öffentlich gemacht hatte.
Diese Frau ist sooooo viel mutiger als alle „Alpha“-Bros dieser Welt zusammen.
Und jetzt: Musik!
https://www.youtube.com/watch?v=bOCWma5vOiQ (Si apre in una nuova finestra)Wenn Dir mein Schaffen (Buch (Si apre in una nuova finestra), Newsletter (Si apre in una nuova finestra), Blog (Si apre in una nuova finestra), Musik (Si apre in una nuova finestra)) Freude bereitet, teile es doch gerne mit Personen in Deinem Umfeld, denen es auch gefallen könnte!
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Die Einkünfte aus dem kommenden Monat spende ich an HateAid (Si apre in una nuova finestra).
Habt ein schönes Wochenende und schöne Osterferien!
Always love, Luki
An der E-Book-Version verdiene ich tatsächlich mehr als an dem gedruckten Buch, aber das hat eine wirklich schöne Größe und wenn Ihr es kaufen wollt, dann bitte nicht bei Amazon. ↩
Und „würde“ ist ein gutes Stichwort, denn es folgen nun aus juristischen Gründen viele Konjunktive und indirekte Reden. ↩
Was diese juristische Formulierung bedeutet, hat Jasmin Schreiber aufgeschrieben (Si apre in una nuova finestra), und Jörg Kachelmann, das prominenteste Opfer einer Falschbeschuldigung in Deutschland, hat sich verbeten (Si apre in una nuova finestra), als Kronzeuge für Zweifel an den Aussagen von Collien Fernandes und anderen Frauen herbeizitiert zu werden. ↩
Ich glaube, dass es wichtiger ist, jetzt empört zu sein, als sich lange mit dieser Frage aufzuhalten, aber stellen sollten wir sie uns dennoch alle. Wenn das jetzt das Äquivalent zum George-Floyd-Moment im Sommer 2020 ist, wo wir Weißen uns endlich mal alle intensiv mit institutionalisiertem Rassismus beschäftigt haben (Si apre in una nuova finestra), dann ist das gut, auch wenn es früher hätte sein sollen und wir für andere Ungerechtigkeiten daraus lernen sollten. ↩
Und - falls Ihr Euch das alles immer noch nicht so richtig vorstellen könnt - mal sehr, sehr vorsichtig (denn marginalisierte Personen schulden uns Mainstream-Dudes keine Gratisaufklärung (Si apre in una nuova finestra) und es kann auch retraumatisieren) Frauen in Eurem Umfeld fragen, wann sie das letzte Mal von einem Mann belästigt und bedroht wurden. Und in welchem Alter das erste Mal. ↩
Über das Wort „Gratismut“, ein Begriff aus dem Ulf Poschardt Extended Universe, hatte Stefan Niggemeier vor anderthalb Jahren schon mal sehr schön geschrieben (Si apre in una nuova finestra). ↩
Und ich bin mir der Ironie bewusst, ausgerechnet hier in „sie“ und „wir“ zu unterteilen, Baby! ↩
Und falls Ihr damals Opfer meiner Witze wart und heute zufällig hier mitlest: Es tut mir wahnsinnig leid. Dass wir es „nicht besser wussten“ ist eine Erklärung, darf aber keine Rechtfertigung sein. ↩